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 Fussball: 1. Bundesliga: Saison 19/20: 28. Spieltag, 26.05.2020, BVB,Borussia Dortmund - FC Bayern M

BVB-Trainer Lucien Favre am Dienstag im Interview mit dem Pay-TV-Sender Sky. Bild: firo Sportphoto / imago images / jürgen fromme

Analyse

Rücktrittsankündigung? Was BVB-Coach Favre eigentlich sagen wollte

Kaum sind die ersten Geisterspieltage nach der Corona-Pause gespielt, ist schon wieder fast alles wie immer: Tabellenführer Bayern München hat nach dem 1:0-Sieg gegen Borussia Dortmund sieben Punkte Vorsprung auf den BVB und kann die achte Meisterschaft in Serie planen – während der höchstwahrscheinlich erneut titellose Dortmund-Trainer Lucien Favre im Nachgang des Spiels am Dienstagabend öffentlich angezählt wurde.

Zunächst tat Favre dem dem Reporter des Pay-TV-Senders Sky im Interview nach Abpfiff nicht den Gefallen, auf eine erste Fangfrage, was diese Niederlage für den Meisterschaftskampf bedeute, die weiße Fahne zu schwenken.

Das hatte Favre nämlich im vergangenen Frühjahr nach der 2:4-Derby-Niederlage gegen Schalke 04 am 31. Spieltag der Saison 2018/19 getan: "Der Titel ist verspielt", sagte der Schweizer damals. Das kam nicht gut an, zumal auch die Bayern am Folgetag nur einen Punkt gegen den 1. FC Nürnberg holten und dadurch nicht uneinholbar waren.

Am Dienstagabend sagte Favre also mit einer Mischung aus Realismus und Hoffnung: "Sieben Punkte, sechs Spiele, es ist brutal schwer", – um nicht wieder in Teufels Küche zu kommen, um nicht wieder als bedingungsloser Kapitulierer dazustehen.

Sky-Experte Lothar Matthäus dreht BVB-Trainer Lucien Favre einen Strick aus dessen Aussage

Doch Sky-Experte Lothar Matthäus fand trotzdem noch etwas, woraus er dem armen Monsieur Favre einen Strick drehen konnte. Einen Satz, den der Dortmunder Trainer im weiteren Verlauf des Interviews mit dem Sky-Reporter aber gar nicht so gemeint hatte.

Auf eine weitere Frage, ob er Sorge vor der Diskussion habe, dass er es nicht schaffe, den BVB zum Titel zu führen, antwortete der Schweizer bei Sky betont gelassen und mit einem Lächeln: "Das sagt man hier seit Monaten. Ich lese nicht die Zeitung, aber ich weiß, wie es geht. Ich werde darüber sprechen in ein paar Wochen."

Damit hatte Favre die Büchse der Pandora geöffnet. Matthäus wertete den Satz "Ich werde darüber sprechen in ein paar Wochen" prompt als Indiz für einen vorzeitigen Abschied aus Dortmund zum Saisonende. Der Sky-Experte brachte auch gleich den einstigen Bayern-Trainer Kovac als neuen BVB-Coach ins Gespräch: "Favre weg, Niko Kovac kommt. Das war mein erster Gedanke nach diesen Aussagen." Die "Bild" berichtete noch in der Nacht auf Mittwoch von angeblichen Kontakten der Vereinsführung zu einem Nachfolger bereits vor Monaten.

Lucien Favre dementiert einen Tag später: "Denke nicht an Aufgeben"

Doch Favre, der in Dortmund einen Vertrag bis 2021 hat, dementierte bereits am Mittwoch die Spekulationen, wonach er über einen vorzeitigen Abschied von Borussia Dortmund nachdenkt. "An Aufgeben denke ich überhaupt nicht. Gestern waren wir alle enttäuscht, meine Worte im Interview direkt nach dem Spiel scheinen aber vielfach falsch verstanden worden zu sein", sagte der Fußball-Lehrer.

Favre stellte klar: "Was ich nur auf entsprechende Fragen hatte antworten wollen, war: Jetzt ist nicht die Zeit, um die Saison zu bilanzieren. Warum auch? Schon am Sonntag in Paderborn müssen wir wieder eine Top-Leistung schaffen. Darauf müssen wir uns konzentrieren, auf nichts anderes."

Auch Vereinsboss Hans-Joachim Watzke reagierte ähnlich: "Es gibt aktuell überhaupt keinen Anlass für eine Trainerdiskussion", sagte der BVB-Geschäftsführer den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Wir spielen eine sehr, sehr gute Rückrunde, hatten vor dem Spiel 27 von 30 Punkten geholt, sind überall gelobt worden. Lucien Favre lag nichts ferner, als jetzt eine Diskussion loszutreten."

Favre, dessen Muttersprache Französisch ist, hatte sich in dem Satz, in den Matthäus so viel Rücktritt und Kovac hineininterpretierte, einfach nur etwas missverständlich ausgedrückt.

Es scheint, als hätten Sky und Matthäus händeringend nach einem Aufreger-Thema für die verbleibenden Wochen der nun nicht mehr ganz so spannenden Bundesliga gesucht. Und es hat funktioniert. Darüber, dass Borussia Dortmund ein gutes Spiel gegen die Bayern machte, redete kaum noch jemand. Alles drehte sich um das "merkwürdige Interview" und den vermeintlichen Abschied, den Favre live im TV angekündigt hätte, wie danach viele Zeitungen und Onlineportale titelten.

Die Kritik am BVB-Trainer ist nicht neu

Favre ist immer wieder Zielscheibe, die Kritik an ihm nicht neu ("Das sagt man hier seit Monaten"). Er sei kein Titel-Trainer, lautet einer der Vorwürfe. Er stehe sich selbst im Wege, ein anderer. Es müsse ein neuer Trainer her, der Dortmund endlich wieder an die Spitze führt. Matthäus wärmte all das erfolgreich wieder auf.

Dabei ist es in dieser Bundesliga, die Bayern München seit bald acht Jahren dominiert, sicher keine Schande, auf Platz zwei zu stehen. Klar, Dortmund hätte die Chance gehabt, auf einen Punkt nochmal an den FCB heranzukommen; aber in einer Partie zweier sehr guter Teams hat nun mal das etwas bessere hauchdünn gewonnen. "Ein genialer Moment" entschied das Spiel, wie BVB-Kapitän Mats Hummels das Tor des Tages durch Bayerns Joshua Kimmich nach dem Abpfiff bezeichnete.

So einen genialen Moment kann kein Trainer der Welt verhindern. Favre trifft hier keine Schuld. Ob Dortmund mit einem anderen Trainer einen Titel geholt hätte? Oder in Zukunft holt? Wer weiß das schon. Was sicher ist: Den Trainer, der jedes Spiel in der Bundesliga gewinnt, gibt es nicht.

Außerdem ist Favre als BVB-Trainer immer noch unterschätzt, auch wenn es in diesem Jahr wieder zu keinem Titel reichen wird. Auch wenn er kein Jürgen Klopp ist, an dessen Emotionalität und Erfolgen sich jeder Dortmunder Coach seit dessen Abgang messen lassen muss.

Der einzige Vorwurf, den man ihm machen kann, ist eigentlich, dass er im DFB-Pokal gegen Werder Bremen ausgeschieden ist. Denn auch ein Achtefinal-Aus in der Champions League gegen ein bis an die Zähne mit Superstars bewaffnetes Paris Saint-Germain vor damals noch ungewohnter Geisterkulisse zu Beginn der Corona-Pandemie kann schon mal passieren.

Borussia Dortmund und Lucien Favre passen immer noch zusammen

Die Meisterschaft in der Bundesliga haben Favre und sein BVB auch nicht in den beiden Spielen gegen Bayern München (0:4 und 0:1) verloren, sondern in einer schwachen Hinrunde. Die Fehler aus den ersten 17 Spielen der Saison korrigierte Favre sogar. Der Trainer, der sonst so stoisch an seiner Taktik festhält, reagierte, stellte sein System von Viererkette auf Dreierkette um. Fortan spielte der BVB stabiler. Dann bekam Favre im Winter noch mit Erling Haaland und Emre Can zwei Top-Spieler dazu, die die Qualität der Mannschaft nochmal angehoben haben und auch in der kommenden Saison wichtige Spieler eines Teams sein werden, das immer noch in einem Entwicklungsprozess steckt.

Für diesen Prozess ist Favre immer noch genau der richtige Mann. Er ist immer noch der beste Trainer für Borussia Dortmund, weil er ein klares Spielkonzept hat, das er neuerdings sogar situativ korrigiert, und junge Spieler entwickeln kann, von denen der BVB eine Menge hat.

Favre will diesen Weg weiter gehen. Das stellte er am Mittwoch auch demonstrativ vor dem schwarz-gelben Mannschaftsbus mit dem riesigen BVB-Logo nochmal klar: "Ich werde weitermachen. Ich habe einen Vertrag. Ich werde diesen Vertrag erfüllen. Es gefällt mir hier", sagte er, übrigens auch bei Sky. Damit beendete er zumindest vorerst die Spekulationen über seine Zukunft.

(as/mit Material von dpa und sid)

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