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So sexistisch war die erste Saison von Bibiana Steinhaus 

09.04.18, 17:26 10.04.18, 11:18
Benedikt Niessen
Benedikt Niessen

"Steinhaus, du Hure", grölten am Samstag einige Fans von Borussia Mönchengladbach. Adressat der Sprechchöre war Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus.

Die 39-Jährige stand in ihrem siebten Bundesliga-Spiel ihrer Premierensaison in zwei kniffligen Spielsituationen im Mittelpunkt: Erst wurde ein Tor der Borussia nach Einsicht des Videobeweises wegen einer Abseitsstellung  aberkannt und später hatte Steinhaus einen Elfmeter übersehen – den der Videoassistent dann aber gab.

Hier hört man die Sprechchöre einiger Gladbach-Fans: 

Video: YouTube/TIME 4 SPORT

Gladbachs Sportdirektor Max Eberl bedauerte noch am Abend im ZDF-Sportstudio das Verhalten der eigenen Fans: "Wir müssen uns als Verein bei Bibiana Steinhaus entschuldigen, die für mich eine ausgezeichnete Schiedsrichterin ist."

Wie war sie nun, die erste Saison für Steinhaus, in einer der letzten Männerdomänen?

1. Akt: Die Sensation, die keine sein darf

"Für jeden Schiedsrichter, egal, ob Mann oder Frau, ist es das große Ziel, in der Bundesliga pfeifen zu können", erklärte Bibiana Steinhaus im Mai vergangenen Jahres auf "dfb.de". Der DFB hatte gerade verkündet, dass sie als erste Schiedsrichterin überhaupt in die Bundesliga aufsteigt.  

Steinhaus debütierte 1999  in der Frauen-Bundesliga, seit 2007 kommt sie auf mehr als 80 Partien in der zweiten Bundesliga.  Die Beförderung war also die logische Konsequenz. Und doch ein riesiges Ding für Medien, Fans und Profis. Unter jedem Bericht sammelten sich in den Kommentarspalten lauter sexistische Sprüche von empörten Fans:

Fußball-Nationalspieler Ilkay Gündogan sprang ihr in einem Tweet zur Seite: 

Und Steinhaus? Die wollte einfach nur ihren Job machen und wünschte sich:

"Dass ich an meinen Leistungen gemessen werde und nicht als Frau im Blickpunkt stehe."

Bibiana Steinhaus

2. Akt: Der trügerische Alltag

Als SC Freiburg-Trainer Christian Streich vor Steinhaus erstem Spiel gefragt wurde, was er davon halte, dass nun die erste Frau in der Bundesliga pfeife, fasste er nur zusammen: "Das ist völlig egal, ob es eine Frau ist oder ein Mann. Mir ist das völlig egal."

Hier wünscht er sich mehr Frauen an die Macht:

Video: YouTube/badischezeitung

Sechs Bundesligaspiele pfiff Steinhaus bis zum vergangenen Samstag. In einer sportlichen Zwischenbilanz beschrieb "Die Welt" die Leistung von Steinhaus "unauffälig, solide, ohne besonders strittige Entscheidungen". Und wenn Schiedsrichter gute Leistungen bringen, dann wird es meistens ruhig um sie. So war das auch bei Steinhaus. (Die allerdings vom Boulevard gerne verniedlichend "Bibi" genannt wird)

Beinah entstand der Eindruck, dass in der Männerdomäne Fußball-Bundesliga einfach eine Frau mitwirken kann. Doch in einer Welt, wo Homosexualität noch ein Tabuthema und der "12. Mann" ein Slogan ist, scheint eine Frau als Spielleiterin für einige Fans doch noch zu früh zu kommen. 

3. Akt: Die sexistische Realität

"Steinhaus, du Hure", hallte es am Samstag gut hörbar für die Zuschauer im Stadion und vor den TV-Geräten aus den Hälsen einiger Gladbach-Fans in der Nordkurve.

Auf Twitter argumentieren Fans, dass ja auch Steinhaus' männliche Kollegen seit Jahren mit "Schiri, du Arschloch" beleidigt werden. Das ist aber eine Verharmlosung, denn sie haben eben nicht "Schiri, du Arschloch" gerufen.

Arschloch ist eine Beleidigung auf Augenhöhe, die auch verletzt, aber nicht diskriminiert. "Steinhaus, du Hure" ist sexistisch, weil Steinhaus nicht nur auf ihr Geschlecht reduziert wird, sondern die Intention klar abwertend ist. Es wird ein Machtgefälle zwischen Mann und Frau hergestellt. Zudem ist die Beleidigung "Hure" auch immer sexistisch gegenüber Sexarbeiterinnen.

Steinhaus selbst will die Beleidigungen nicht wahrgenommen haben, sagte sie der "Bild", und schrieb die Sprechchöre deshalb nicht in ihren Spielbericht. Für Borussia Mönchengladbach könnte es dennoch eine Strafe geben.

Der DFB-Kontrollausschuss eröffnete am Montag ein Ermittlungsverfahren gegen den Klub und es droht eine Strafe. Aber wird das die Fans in Zukunft von solchen Gesängen abhalten?

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