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MOSCOW REGION, RUSSIA - JULY 9, 2018: Assistant manager Thierry Henry of the Belgian men s national football team during a training session at the Guchkovo sports complex ahead of the upcoming 2018 FIFA World Cup WM Weltmeisterschaft Fussball Semifinal match against France which is to take place at St Petersburg Stadium on July 10, 2018. Sergei Fadeichev/TASS PUBLICATIONxINxGERxAUTxONLY TS088B6D

imago sportfotodienst

Darum sitzt Thierry Henry bei Belgien und nicht bei Frankreich auf der Bank 

Ralf Meile

51 Tore erzielt Thierry Henry für Frankreich in 123 Länderspielen – mehr als jeder andere. Drei dieser Treffer gelingen ihm bei der WM 1998, als "Les Bleus" im eigenen Land zum bislang einzigen Mal Weltmeister werden. Zwei Jahre später wird "Titi" Henry auch noch Europameister, er gewinnt 2009 die Champions League und wird in Frankreich, England und Spanien Meister.

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Schnell, technisch brillant, ein fantastischer Distanzschütze, wendig, trickreich – das Highlight-Video von Thierry Henrys schönsten Toren. Video: YouTube/HeilRJ Football Channel

Henry begeistert nicht nur mit Titel und Toren, sondern auch durch seine Spielweise. Ein Jahrzehnt lang ist er absolute Weltklasse. Man kann nicht anders, als so einen Spieler auch nach dem Ende seiner Karriere zu vergöttern – würde man meinen. Doch vor dem Halbfinal gegen Belgien titelt die Sportzeitung "L'Équipe": "Wir waren so verliebt."

"Nous Nous Sommes Tant Aimés" ist der französische Titel eines italienischen Kinofilms von 1974.

Die Botschaft ist klar: Jetzt ist es nicht mehr so. Warum nur?

Das Fiasko von Knysna

Wann die Entfremdung zwischen Frankreich und seinem Rekordtorschützen begann, kann recht genau festgelegt werden. Am 18. November 2009 schaffte Frankreich in der Barrage gegen Irland die WM-Qualifikation, weil Henry den Ball vor dem entscheidenden Tor mit der Hand spielte. Dass man ihn auf der grünen Insel dafür verwünschte, ist verständlich. Dass auch die Franzosen diesen Betrug als solchen auslegten und nicht als Schlitzohrigkeit, erstaunt jedoch.

Vermutlich wäre ja alles anders gekommen, wäre die darauf folgende WM 2010 nicht dermaßen in die Hosen gegangen. Nicht das Vorrunden-Aus an und für sich gab viel zu reden, sondern die Art und Weise des Scheiterns. Im Mittelpunkt: Nicolas Anelka. Der Stürmer legte sich mit Trainer Raymond Domenech an, worauf ihn der Verbandspräsident nach Hause schickte. Die Mannschaft solidarisierte sich mit Anelka, blieb vor einem Training einfach im Bus sitzen und schrieb Domenech eine Erklärung zu ihrem Streik – welche dieser vor den Medien verlas.

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Raymond Domenech liest seine Erklärung vor. imago/panoramic

Die Chaostage in Südafrika gingen als "Fiasko von Knysna" in die französische Fußballgeschichte ein. Henry, damals knapp 33 Jahre alt, hatte seinen Stammplatz und die Kapitänsbinde verloren. Durch seine Routine war er dennoch ein Führungsspieler und als solcher in der Kritik, dass er nicht mehr gegen den Eklat unternahm. Der Stürmer trat aus der Nationalmannschaft zurück und wechselte nach New York zur letzten Etappe seiner erfolgreichen Karriere.

"Das hier ist keine Thierry-Henry-Show"

Die Laufbahn beendete Thierry Henry 2014, seither lebt er in London, wo sie den ehemaligen Arsenal-Kanonier nach wie vor lieben. Und seit Roberto Martínez vor zwei Jahren Belgiens Nationalteam übernahm, ist Henry dort einer seiner Assistenten. "Enorm wichtig" sei Henry für den Chefcoach, sagt Belgiens Torwart-Legende Jean-Marie Pfaff. Der Spanier höre seinem Co-Trainer zu, "bestimmt geht die eine oder andere taktische Umstellung auf eine Idee Henrys zurück."

Der Franzose selber will sich nicht äußern, begnügt sich mit der Rolle im Hintergrund. Ein einziges Interview hat er seit Beginn seiner Arbeit in Belgien gegeben. "Das hier ist keine Thierry-Henry-Show", sagte er in diesem, "ich bin nur hier, um dem Team zu helfen. Ich bin nur der T3, der zweite Assistent." Ein Trainer müsse nicht ständig erzählen, was er als Spieler alles erreicht habe. "Und als Trainer habe ich noch nichts erreicht."

Doch Henry muss den belgischen Spielern gar nicht erzählen, wie oft er getroffen und welche Pokale er errungen hat. Das wissen diese auch so, Henry war für viele ein Idol. "Sie hätten ihre Gesichter sehen sollen, als er ihnen vorgestellt wurde", erinnerte sich ein Verbandsfunktionär. "Er hat super viel Erfahrung. Viele blicken zu ihm auf", bestätigte Verteidiger Thomas Vermaelen.

"Ich weiß nicht, ob ich meinen Eltern jemals so gut zugehört habe."

Lukakus Schwärmerei und Frankreichs Respekt

"Er weiß, was die Spieler fühlen, er kennt den Druck, der auf ihnen lastet", sagt Trainer Martínez, der als Spieler lange in unteren englischen Ligen tätig war. Dass Belgien in der Offensive so stark ist, hat es auch Thierry Henry zu verdanken. Er kümmert sich um die Stürmer und ist für die Standards verantwortlich. "Ich lerne von ihm jeden Tag", sagte Romelu Lukaku. "Wie er sich bewegte, wie er freie Räume fand, seine Ballbehandlung – er konnte einfach alles", schwärmte der bisher vierfache WM-Torschütze über seinen Chef. Lukaku, der bei Manchester United stürmt, und Henry treffen sich in England auch abseits der belgischen Nationalmannschaft.

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Als Frankreich und Thierry Henry 1998 Weltmeister wurden, war Didier Deschamps der Kapitän des Teams. Heute Abend ist er Cheftrainer Frankreichs und dass sein ehemaliger Teamkollege beim Gegner auf der Bank sitzt, bezeichnete Deschamps im Vorfeld als "bizarr".

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Vor dem Halbfinale der EM 2000 gegen Portugal: Henry hockt neben Kapitän Deschamps imago

Stürmer Olivier Giroud meinte, er hätte es vorgezogen, "wenn er er bei uns wäre und mir und den anderen die Ratschläge geben würde." Wer den Franzosen zuhört, der erkennt den großen Respekt vor ihrem Landsmann. 

Trotzdem würde ihm Giroud nur zu gerne etwas beweisen können:

"Mein Wunsch ist es, ihm zu zeigen, dass er sich für das falsche Lager entschieden hat."

Olivier Giroud über Thierry Henry.

Dabei hatte der einstige Nationalheld Thierry Henry gar keine Wahl: Frankreich habe ihm nie etwas angeboten, sagte er.

So grandios sieht die WM übrigens in Pixel-Optik aus:

Und so sieht es aus, wenn Engländer jubeln und es dabei völlig übertreiben:

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Video: watson/Marius Notter, Leon Krenz

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