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Bild: sven simo/imago

Handball-Ikone Henning Fritz verrät den Trick, mit dem sie den WM-Titel 2007 holten

Axel Krüger, Martin Trotz, Benjamin Zurmühl

Henning Fritz hat einen Titel nach dem anderen gesammelt und ist der beste Spieler der Welt gewesen. Doch plötzlich war er sportlich nur noch ein Schatten seiner selbst.

Als Spieler war Henning Fritz emotional. Im Handball-Tor kam er aus sich heraus, zelebrierte seine Paraden und feierte jedes Tor. Grund zum Jubeln hatte er genug. Mit der deutschen Nationalmannschaft wurde er Welt- und Europameister und holte 2004 in Athen Olympia-Silber. Im gleichen Jahr wurde er sogar Welthandballer. Dazu feierte er zahlreiche Meistertitel und Pokalsiege mit dem SC Magdeburg und dem THW Kiel.

Man könnte meinen, Henning Fritz lebte den Traum eines jeden Handballers. Doch der Schein trog. Vor dem Titel bei der Heim-WM 2007 durchlebte er ein Burn-out, hatte Zweifel an seinem Talent und seiner Position bei der Nationalmannschaft. Mit t-online.de sprach er über seine schwerste Zeit, die Gründe für die Probleme und den Weg zurück. Außerdem erklärt er, was er gerne am Handball ändern würde und was er vom Videobeweis hält.

t-online.de: Herr Fritz, es wird in den letzten Monaten wieder vermehrt über die hohe Belastung im Handball gesprochen. Bei der Handball-WM werden manche Teams 10 Spiele in 16 Tagen haben. Was sagen Sie dazu?
Henning Fritz (44): Bei der Europameisterschaft 2004 hatten wir acht Spiele in zehn Tagen. Es ist eine Sache der Gewohnheit. Ich halte die aktuelle Konstellation, dass zwischen den Partien jeweils ein Tag Pause ist, für sinnvoll. Die Belastung ist sehr hoch, und da können sich die Spieler an den spielfreien Tagen behandeln lassen und etwas regenerieren. Man muss aber auch bedenken, dass das Thema Erholung positionsbedingt ist. Torhüter haben eher eine psychische, Feldspieler eine physische Belastung. Da muss jeder Spieler für sich selbst wissen, wie er am besten den Akku auflädt. Ich persönlich meine, dass nicht die körperliche, sondern die geistige Frische entscheidend sein wird. Ob die vollen Hallen die Spieler belasten oder motivieren, ist Kopfsache. Das wird die Herausforderung für die deutsche Mannschaft sein.

Würden Sie denn am Modus etwas verändern wollen, um die Belastung zu verringern? Braucht es zum Beispiel wirklich einen President’s Cup?
(lacht) Da spielen ja meist exotische Mannschaften mit. Für die ist dieser Cup nochmal ein interessanter Wettbewerb, der sie in ihrer Entwicklung weiterbringt. Für europäische Nationen, die sich auf Spitzenniveau bewegen, ist das eher eine Belastung. Für das ganze Turnier lässt sich die Zahl der Spiele kaum verändern. Ich würde EM und WM im Vierjahres-Rhythmus spielen wie im Fußball. Aber ich glaube nicht, dass da etwas passiert. So ein großes Turnier ist auch für die Spieler ideal, um sich selbst zu präsentieren und den Marktwert zu erhöhen.

Und auf Vereinsbasis? Die hohe Belastung sorgt für viele Verletzungen. Zahlreiche Profis klagen über pausenlose Schmerzen.
Zahlreiche Profis klagen über pausenlose Schmerzen.In der Champions League wird es auch wohl kaum weniger Spiele geben. Die Spieler wollen gutes Geld verdienen, aber das muss refinanziert werden. Das heißt, die Veränderung muss eher in der Liga passieren. Mir geht es dabei um den Modus. Wir müssen etwas ändern, um die geistige Frische der Spieler zu erhalten.

Wie könnte das aussehen?
Die Reisestrapazen sollten reduziert werden. Eine Lösung wäre es, die Spiele zu bündeln. Das heißt, bei Auswärtsfahrten könnte es ein Spiel am Freitag und eins am Sonntag in der gleichen Region geben. Ein Beispiel: Wenn es für die Rhein-Neckar Löwen in die Berliner Region geht, dann hast du ein Spiel gegen die Füchse und am nächsten Tag gegen Magdeburg oder Leipzig. So sparst du dir eine komplette Reise.Ich bin mir darüber bewusst, dass es natürlich schwer ist, an einem Wochenende gegen Flensburg und Kiel zu bestehen, aber mit gezielter Regeneration und genügend Zeit in der Vorbereitung ist das machbar. Außerdem hätte eine solche Reform auch wirtschaftliche Vorteile. Am Wochenende schaffen es mehr Zuschauer in die Halle, was auch für Sponsoren ideal ist. Wenn man diese Veränderung des Spielplans auch für andere Regionen durchzieht, kann das über das Jahr verteilt sehr viel ausmachen. Die Spieler könnten sich nicht nur viel besser regenerieren, sondern das Training wäre viel intensiver.

Wie haben Sie denn die Belastung als Spieler erlebt?
Vor der WM 2007 war meine Situation sehr undankbar. In den beiden Jahren zuvor fiel bei mir die Leistung ab, und so war ich in Kiel nur dritter Torwart. Meine große Stärke war es immer, dass ich den Ball im Fokus hatte und mich in ein Spiel reinsteigern konnte. Ich zeigte Emotionen, war ein leidenschaftlicher Torwart – und plötzlich war all das weg. Das hat mich auch abseits des Spielfeldes beeinflusst. Ich brauchte viel mehr Schlaf, der aber nicht erholsam war. Im Training habe ich mehr nachgedacht und gespürt, dass es einfach nicht mehr so ist wie früher.

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An das Jahr 2006 hat Henning Fritz nicht viele gute Erinnerungen. Baumann/imago

Ich habe daraufhin viele Dinge ausprobiert, um wieder gesund zu werden. Wirklich geholfen hat mir aber nur "frequenzmodulierte Musik". Nach der ersten Sitzung habe ich nicht viel geschlafen, aber der Schlaf war erholsam. Damals habe ich auch Bundestrainer Heiner Brand überzeugen können, dass er diese Methodik in der WM-Vorbereitung einsetzt. Das heißt, wir haben als Mannschaft in einem Großraum gemeinsam diese Musik gehört. Ich würde der Umsetzung auch einen großen Anteil an dem damaligen Titel geben.

Was ist denn frequenzmodulierte Musik?
Der Ansatz ist relativ leicht. Unser vegetatives Nervensystem steuert viele Funktionen in unserem Körper. Es gibt Regionen im Gehirn, die unsere Aktionsfähigkeit steigern und andere die unsere Erholung steuern. Wenn wir Menschen zu viel Stress haben, wird in unserem Gehirn ein Bereich aktiv, der für Kampf und Flucht zuständig ist. Mit frequenzmodulierter Musik kann man direkt Gehirnareale ansprechen, die für die Regeneration entscheidend sind und so zum Beispiel Kreativität oder Kraft geben.

Wenn man das auf die WM 2007 überträgt, hat die Mannschaft nach einem Spiel dann gemeinsam mit Heiner Brand in einem Raum gesessen und diese Musik gehört?
So ähnlich. Wir haben damals noch ein einfaches System benutzt. Vor dem Spiel gab es Musik, die uns aktiviert hat. Nach dem Spiel wurde das System gedämpft und beruhigt. Wie gesagt, das war alles noch sehr einfach. Mittlerweile habe ich mit meinen Partnern allerdings ein System entwickelt, das ganz gezielt Areale im Hirn aktiviert. Wenn du gerade 60 Minuten Handball hinter dir hast, bist du noch voll mit Adrenalin, und viele Spieler sind dann bis ein oder zwei Uhr nachts wach.

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Hatten ein enges Verhältnis: Heiner Brand (l.) und Henning Fritz nach dem WM-Sieg 2007. Bild: sven simo/imago

Wenn so etwas wie bei einem Turnier über mehrere Wochen anhält, sprechen wir von einem klaren Schlafdefizit. Neuronavi, so heißt unser Regenerationssystem, schafft hier Abhilfe, indem es das Gehirn gezielt "trainiert" zu regenerieren. Und das hat einen direkten Einfluss auf das Spiel. Mit geistiger Frische machst du weniger Fehler, und die Summe der Fehler entscheidet schließlich über den Erfolg.

Wird solche Musik über Lautsprecher in der Kabine eingespielt?
Nein, aber die Umsetzung ist sehr leicht. Du setzt entspannt die Kopfhörer auf, machst einfach das, was du sonst auch gemacht hättest und parallel hast Du zur Regeneration die frequenzmodulierte Musik auf den Ohren.

Wenn man Ihre persönlich Situation damals auf die heutige Zeit überträgt, hat man das Gefühl, das Risiko eines Burn-out-Syndroms steigt. Schließlich sind es noch mehr Stressfaktoren geworden.
Es gab zwar nicht diese Intensität mit neuen Medien und Smartphones wie heute, aber eben auch nicht die Sensibilisierung für das Thema Burn-out. Ich gehe mit dem Thema heute offen um und treibe daher auch die Weiterentwicklung unserer Neuronavi Regenerationssysteme voran. Als aktiver Spieler sprichst du nicht über Burn-out. Das kann deine Karriere maßgeblich beeinflussen. Wenn sich ein Verein zwischen zwei Profis entscheiden muss und einer der beiden hat Burn-out, lässt sich leicht sagen, wer von den beiden wohl den Vertrag bekommt. Daher ist es für Spieler schwer, offensiv damit umzugehen.

Was könnten Vereine denn ändern, um mit dem Thema besser umzugehen?
Ich würde mir wünschen, dass es in den Vereinen mindestens eine Vertrauensperson gäbe. Vor allem für die Prävention. Wir müssen verhindern, dass die Spieler überhaupt in diese Situation kommen und ihnen nicht erst dann helfen, wenn sie bereits darunter leiden. Nehmen wir das Beispiel Robert Enke. Er hat einfach keinen anderen Ausweg mehr gesehen. Von außen denkt man vielleicht: "Der hat doch alles. Wie kann der traurig sein?". Aber wenn du plötzlich nicht mehr das, was du dein Leben lang geliebt hast, mit voller Leidenschaft machen kannst, kommst Du aus der Balance. Da ist es egal, wie viel du besitzt. Diese Hilflosigkeit ist schlimm. Vor allem, wenn du mit niemandem darüber reden kannst. 

Das heißt, aus ihrer Mannschaft wusste keiner davon?
Ja, genau. Kein Trainer, kein Spieler. Nur meine Frau.

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Nur sie wusste von seinen Problemen: Henning Fritz' Ehefrau Babett (l.) Bild: imago

Ihre Situation damals war und ist auch heute garantiert kein Einzelfall.
Ich glaube, dass der Bedarf an Hilfe groß ist. Wenn man seine Leidenschaft zum Beruf machen kann, macht das glücklich. Aber wenn dieses Gefühl plötzlich weg ist, stimmt etwas nicht. Ich konnte damals nur noch 70 bis 80 Prozent meiner Leistung abrufen. Das lag an der Überlastung. Die vielen Spiele, aber vor allem die vielen Reisen, haben mich sehr bedrückt. Du machst ja nichts anderes, außer im Bus, im Zug oder im Flieger zu sitzen. Wirklich zur Ruhe kam ich aber nicht. Das hat meine geistige Frische beeinträchtigt.

Und deshalb ist Ihnen eine Veränderung im Spielmodus der Bundesliga so wichtig. Neben dem positiven Effekt in Bezug auf die geistige Frische, hätte das auch einen weiteren Vorteil. Spieler und Trainer hätten mehr Zeit in der Vorbereitung.
Genau. In der Regel bereiten sich die Teams sechs Wochen auf eine neue Saison vor. In dieser Zeit Athletik, Technik und Taktik ideal behandeln zu können, ist schwierig. Den Großteil der Vorbereitung sind die Teams unterwegs, sodass nicht wirklich viel im athletischen Bereich passiert. Da würde ich mir wünschen, wenn die Trainer mit ihren Teams acht Wochen bekämen. Dadurch könnten wir unsere Sportart effektiv weiterentwickeln und das Niveau verbessern.

Neben dem Niveau soll auch die Spannung im Handball-Sport erhöht werden. Unter anderem wird eine "Shot Clock" diskutiert, die Angriffe zeitlich begrenzt. Was halten Sie davon?
Wir sollten nicht zu viele neue Regeln reinbringen, das wäre verwirrend, vorallem für die Zuschauer. Die Shot Clock würde ich nicht per se ablehnen. Man sollte das Für und Wider abwägen.

Und was halten Sie vom Videobeweis im Handball?
Ich sehe da zwei Optionen: Entweder man begrenzt den Einsatz auf die letzten zwei Minuten des Spiels oder man übergibt die Macht an die Trainer. Zum Beispiel durch eine Karte, die die Trainer einmal pro Spiel einsetzen dürfen, um eine bestimmte Szene überprüfen zu lassen. Alles andere wäre meiner Meinung nach sinnlos. Es gibt so viele intensive und schnelle Zweikämpfe im Handball. Würde man da jetzt alles untersuchen, würden die Schiedsrichter nur noch vor dem Bildschirm stehen (lacht).

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