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Dennis Rodman und die Vorteile der Basketball-Diplomatie 

12.06.18, 21:02

William Stern 

Bild: X02538

Vielleicht wird man Dennis Rodman in einigen Jahren in einem Atemzug mit Cassius Clay, Tommie Smith und John Carlos nennen: Sportstars, die einen Fußabdruck auf der weltpolitischen Bühne hinterlassen haben, Athleten, die aus dem Stadionrund ins grelle Blitzlicht des Welttheaters getreten sind, und der Geschichte einen kleinen Stoß mitgegeben haben.

Oder, im Fall des Ex-Basketballers Dennis Rodman, einen Spin.

Rodman hatte schon immer den Ruf des enfant terrible. Er war zwar ein ausgezeichneter Basketballer, der fünf Mal die NBA gewann und als einer der besten Power-Forwards aller Zeiten gilt, in Erinnerung bleiben werden aber vor allem seine Eskapaden neben dem Court, die grellblond gefärbten Haare, die Piercings und seine Beziehung mit der Schauspielerin Carmen Electra. 

Und jetzt also Nordkorea. Man kann nur darüber spekulieren, wieviel Dennis Rodman in dem Treffen zwischen Donald Trump und Kim Jong Un auf Sentosa Island, einer Touristenattraktion vor den Toren Singapurs, steckt. Schaut man sich das bizarre Interview an, das Rodman am Dienstag noch auf dem Flughafen in Singapur gegeben hat, dann muss man eigentlich zum Schluss kommen: Ziemlich viel, jedenfalls, wenn man Dennis Rodman fragt. 

"Ich habe immer gesagt, die Türe wird sich öffnen. Ich wusste, die Dinge würden sich ändern. Ich wusste es, ich war der Einzige. Ich habe alles auf mich genommen ... und ich stehe noch immer."

Seine Tränen, die er ab der Hälfte des Interviews nicht mehr zurückhalten kann, sind nicht triviale Gefühlsäusserungen eines Normalsterblichen, sondern die emotionale Überwältigung von einem, der realisiert, dass er gerade Geschichte geschrieben hat. 

Dass nur einer vom selben Schlag, einer, der immer auf Messerschneide zwischen Genie und Irrsinn taumelt und dessen Mundwerk im umgekehrt proportionalen Verhältnis steht zum Vertrauen in die Political Correctness, die beiden erratischen Figuren Trump und Kim zusammenbringen könnte, war eigentlich immer klar. Die Mittel der Diplomatie stoßen dort an ihre Grenzen, wo die Diplomatie negiert wird, weil sie nicht töten, sondern nur verhandeln kann. Wahnsinn ist in diesen Kreisen keine negative Kategorie, sondern eine unschätzbare Verhandlungsmasse: Unberechenbarkeit als Machtfaktor.

2013 war es, als Rodman das erste Mal in Nordkorea auftauchte. Kim Jong Un, ein beinharter Chicago-Bulls-Fan, hatte Rodman, den ehemaligen Bulls-Spieler, in sein persönliches Freiluftgefängnis auf der koreanischen Halbinsel geladen. Es muss schnell gefunkt haben zwischen dem untersetzten Diktator und dem muskulösen Power-Forward, der sich auch schon als semiprofessioneller Wrestler verdingte. Sie teilten die Liebe zum Basketball, verkündete Rodman. Darauf ließ sich aufbauen.

Kim bat ihn, ein Basketball-Team in sein isoliertes Land zu bringen – Rodman gehorchte und lotste ein Zirkustrüppchen von Basketballspielern und "Vice"-Filmern ins Land – zum persönlichen Gaudi des Diktators und für ein bisschen Image-Politur. Eine Sensation. Berühmte Westler in der hermetisch abgeriegelten Kapitale Nordkoreas, und dann erst noch exzentrisch-coole Sportstars, und keine brillentragenden, stirnrunzelnden Politiker, die mit dem Finger auf die hungernde Landbevölkerung und die potemkinschen Dörfer zeigen, um dann zuhause Dinge wie "Menschenrechtsverstöße" und "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" in Schreibblöcke zu diktieren.

Fotografien zeigen Rodman auf der Tribüne neben Kim. Sie sehen aus, als ob sie gerade Schere-Stein-Papier spielten. «Ein Freund fürs Leben», habe dieser gefunden, sagte Rodman. Drei weitere Male hat Rodman Kim seither getroffen. 

Dass der Titel des Trash-Dokfilms "Denis Rodman's Big Bang in Pyjongyang", der Rodmans Versuch, ein Basketball-Spiel zwischen einer internationalen Allstars-Truppe und Nordkoreas Nationalmannschaft zu organisieren, an Ali's "Rumble in the Jungle" oder an den "Thrilla in Manila" erinnert, ist kein Zufall. 

Angespannter war das Verhältnis des Ex-Basketballers zu Donald Trump. Rodman, kein unterwürfiger Charakter, musste sich als Teilnehmer in Trumps Show «The Apprentice» vom Choleriker Trump die Leviten lesen lassen. Zwei mal nahm «The Worm» an der Show teil, gewonnen hat er nie.

Über Rodmans Weibeln um die Anerkennung Nordkoreas in der internationalen Gemeinschaft spottete Trump bloss. Auf Twitter kanzelte Trump Rodmann als "Crazy Dennis" ab, "der entweder betrunken oder unter Drogen war, als er sagte, ich würde mit ihm nach Nordkorea gehen".

Aber eben. Wahnsinn ist bei Trump keine Beleidigung und was heute verneint wird, das kann morgen getrost bejubelt werden.

Ein Jahr später nämlich unterstützte Rodman seinen «grossartigen Freund» Trump im Wahlkampf. Jetzt brauche es keine Politiker sondern einen "Geschäftsmann wie Mr. Trump". Trump bedankte sich artig.

Vor einem Jahr überreichte Rodman ein Exemplar des Trump-Buchs "Art of the Deal" einem nordkoreanischen Minister. Kim habe nicht wirklich realisiert, wer Donald Trump ist, bis er das Buch angefangen habe zu lesen, sagte Rodman in einem Interview mit TMZ im Mai. Über Kim sagt Rodman: "Er ist eher wie ein großes Kind, obwohl er klein ist. Er möchte gerne in die USA kommen. Er will sein Leben genießen." Es tönt nach der gleichen Art infantiler Egomanie wie bei Trump.

Ob Rodman tatsächlich aktiv mitgewirkt hatte, dass es zum Treffen zwischen Kim und Trump kam, bleibt vorerst im Dunkeln. Rodman sagte, Trump habe sich persönlich bei ihm bedankt und sei "stolz" auf ihn. Trump sagte, Rodman sei nicht zum Treffen eingeladen gewesen. "Aber er ist ein netter Typ, ich mag ihn". 

Vielleicht reicht es ja auch schon, dass er einer der wenigen Menschen ist, die sowohl Kim Jong Un als auch Donald Trump persönlich getroffen haben. Gemeinsame Freundschaften verbinden. Im Sport wie in der Geschäftswelt. Politik ist es ja nicht, was Trump, Kim und Dennis betreiben.

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