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Bild: Weckelmann/imago

Warum wird Deutschland doch noch Weltmeister, Bernd Schneider?

David Digili

Er war der "weiße Brasilianer": Bernd Schneider brillierte zehn Jahre lang im Mittelfeld von Bayer Leverkusen und der deutschen Nationalmannschaft: 296 Bundesligaspiele für Bayer und Eintracht Frankfurt (39 Tore/68 Vorlagen), 81 Länderspiele, vier Treffer. Champions-League-Finalist und Vizeweltmeister 2002, WM-Dritter 2006, zwei Mal Vizemeister – Schneider spielte stets ganz vorne mit.

Noch immer ist er mit Leidenschaft dabei. Im Interview spricht der gebürtige Jenaer über seine Karriere im DFB-Team, die Chancen der Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw in Russland – und die Werkself.

Herr Schneider, Sie selbst haben an zwei Weltmeisterschaften teilgenommen, wurden 2002 Vizeweltmeister, 2006 Dritter. Was wäre das erste Wort, das Ihnen zu Ihrer DFB-Karriere einfällt?
Bernd Schneider (44):
Ich würde anders antworten: Es ist einfach das Größte, das es für einen jungen Spieler gibt, davon träumen doch auch heute noch die 13-, 14-Jährigen. Das DFB-Trikot zu tragen, die Nationalhymne zusammen mit den Fans im Stadion zu singen, Deutschland zu repräsentieren, ist unbeschreiblich. Das möchte jeder erleben und auch genießen können – aber: Dafür muss man natürlich auch eine Menge tun.

Die 2002er Mannschaft wirkt fast ein wenig vergessen in der deutschen WM-Geschichte. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Das würde ich so eigentlich nicht sagen. Aber die Zeit bleibt eben nicht stehen. Der Fußball entwickelt sich weiter, es kommen neue Erfolge dazu, siehe 2014. Aber vergessen – das würde ich nicht sagen. Aber…

Ja?
…eins muss man doch sagen: Technisch und taktisch waren wir damals noch lange nicht so weit wie heute. Besonders im taktischen Bereich hat sich der Sport enorm entwickelt, auch wir haben uns da sehr verbessert. Es ist auch alles viel intensiver geworden.

Ihr starker Auftritt im Endspiel brachte Ihnen die Bewunderung der Brasilianer ein...
Natürlich vergesse ich das nicht, auch nicht den Spitznamen (lacht). Aber ich hätte es lieber anders gehabt: Mir wäre lieber gewesen, wir wären Weltmeister geworden – dafür hätte ich auf den Spitznamen gerne verzichtet (lacht). Aber trotzdem war das für mich natürlich eine Ehre.

Im Halbfinale 2006 gegen Italien hatten Sie eine „Hundertprozentige“. Sind das Momente, an die Sie am häufigsten zurückdenken?
Natürlich gehören da auch die Niederlagen dazu. 2006 zum Beispiel, das Sommermärchen wird jedem einzelnen Spieler und jedem Fan immer in Erinnerung bleiben, weil wir das so schnell vermutlich nicht wieder erleben werden.

Beim Eröffnungsspiel waren Sie Kapitän für den verletzten Michael Ballack...
Darauf werde ich oft angesprochen. In dem Moment ist man natürlich voll fokussiert und im Tunnel. Aber im Nachhinein: Die Mannschaft zum Eröffnungsspiel einer WM im eigenen Land aufs Feld zu führen, das werde ich nie vergessen.

Wenn Fußballer weinen – die traurigsten Abstiegsbilder

Das „Sommermärchen“ wirkt ja immer noch nach. Wie haben Sie die Zeit erlebt?
Ich weiß noch, wie wir – ich glaube, es war vor dem Argentinien-Spiel – in Berlin rausgefahren sind und Bundeswehrsoldaten und Fans an der Straße standen und die Laola-Welle gemacht haben. Ältere Damen, die jubelnd auf den Balkons standen.

Das kannte der deutsche Fußball in diesem Maße vorher nicht.
Das war eine echte Euphoriewelle, was auch die Fans der anderen Mannschaften so wohl nie vermutet hatten, dass Deutschland so schön sein kann. Aber das gigantische Wetter spielte natürlich auch eine Rolle (lacht). Aber es gab auch viele, viele andere schöne Situationen, auch außerhalb des Platzes hat es immer Spaß gemacht, Teil der Familie Nationalmannschaft zu sein.

81 Länderspiele haben Sie zwischen 1999 und 2008 absolviert…
Ich kann mich noch erinnern, dass wir ein Freundschaftsspiel im Iran hatten, was total beeindruckend war. Da waren 110.000 Zuschauer im Stadion und noch mal 50-70.000 auf dem Vorplatz – und es war nur ein Freundschaftsspiel! Das zeigt doch, was es bedeutet, wenn Deutschland kommt.

Der "weiße Brasilianer" wusste auch die Grätsche auszupacken. Bild: ulmer/imago

Sie selbst wirkten dagegen immer äußerst gelassen...
Äußerlich schon (lacht). Aber innerlich war ich schon richtig angespannt. Ein gewisser Druck gehört aber auch dazu, wenn man gewinnen will.

Sie haben mal in einem Interview gesagt, Sie spielten „intuitiv“ – welcher aktuelle deutsche Spieler kommt dem am nächsten?
Einer wie Marco Reus oder Joshua Kimmich. Spieler, die nicht jedes Spiel nur nach Schablone A angehen und das dann so umsetzen. Beide wissen schon bevor sie an den Ball kommen, was sie als nächstes machen: "Wenn A nicht funktioniert, versuche ich B". Sie haben ständig einen neuen Plan und sind dadurch so schwer ausrechenbar.

Beide stehen auch im Kader für die WM. Wer holt in Russland den Titel?
Da gibt es für mich nur eine Antwort: Deutschland. Trotzdem gehören aber natürlich mehrere Mannschaften zum Favoritenkreis. Es muss alles zusammenkommen aus aktueller Form und auch das Quäntchen Glück.

Wer sind die größten Konkurrenten für die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw?
Spanien sowieso, Frankreich zähle ich auf jeden Fall dazu, auch Brasilien oder Argentinien. Bei den Engländern muss man sehen, die leisten eigentlich gute Arbeit, haben aber das gewohnte „England-Drama“, so nenne ich es gern. Diese vielen Spiele. Bestimmt wird es auch noch einen Außenseiter geben, der für Furore sorgen könnte. Da denke ich an Belgien oder Portugal, vielleicht sogar Mexiko.​

Wer wird Spieler des Turniers?
Das hängt natürlich auch vom Erfolg der Mannschaft ab. Es wird ja niemand Spieler des Turniers, der schon in der Vorrunde ausgeschieden ist. Also: Ein Spieler aus den letzten vier Mannschaften. Wen ich mir aus deutscher Sicht da sehr gut vorstellen könnte, ist Joshua Kimmich. Vielleicht auch Toni Kroos.​

Mexiko, Schweden, Südkorea – wie schätzen Sie die deutschen Vorrundengegner ein?
Es ist eine nicht ganz angenehme Gruppe. Aber ich bin mir sicher, dass sich Joachim Löw und sein Team im Vorfeld ganz intensiv mit allen Gegnern beschäftigt haben. Es gab schon leichtere Gruppenauslosungen. Ich habe aber keinen Zweifel, dass sich die deutsche Mannschaft souverän durchsetzen wird.​

Ihr Ex-Klub Bayer Leverkusen hat ebenfalls wieder souveräne Auftritte gezeigt und am Saisonende nur ganz knapp die Champions League verpasst. Wie zufrieden sind Sie ingesamt mit der Saison von Bayer?
Man hätte noch das i-Tüpfelchen oben drauf setzen können, wenn das Spiel in Hoffenheim anders ausgegangen wäre (3:1, bei einem Unentschieden zwischen der TSG und Dortmund am letzten Spieltag wäre Leverkusen in die Champions League gekommen, Anm. d. Red.). Aber man hatte auch selbst gegen Hannover Möglichkeiten, das eine oder andere Tor mehr zu erzielen (Endstand 3:2, Anm. d. Red.). Trotzdem war es eine gute Saison, gerade wenn man an die letzte denkt, die sehr, sehr schwer war.​

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Vater des Bayer-Erfolgs: Trainer Heiko Herrlich. Bild: Bielefeld/imago

Damals belegte Bayer nur Platz zwölf...
Sich da wieder zu stabilisieren und wieder in die Regionen zu kommen, in denen man sich selbst sieht – das Minimalziel war, sich für das internationale Geschäft zu qualifizieren. Man hatte sogar bis zum Schluss die Möglichkeit, noch mehr herauszuholen. Auch, weil andere Vereine nicht so stark wie gewohnt waren – siehe Dortmund, siehe Gladbach, siehe RB Leipzig. Man kann zufrieden sein.​

Der neue Trainer spielt dabei sicher auch eine Rolle…
Heiko Herrlich hat wieder klare Strukturen reingebracht, auch variabler spielen lässt. Es ist nicht mehr nur Angriffs-Pressing, und dadurch wird die Mannschaft natürlich insgesamt viel stabiler. Klar war es ärgerlich, wenn man die Champions League so knapp verpasst hat.​

Wer hat Sie 2017/18 überrascht?
Die Bayern haben mich beeindruckt, auch wenn sie „nur“ die Meisterschaft geholt haben. Da war aber die Luft wohl einfach raus. Trotzdem haben sie in der Liga Woche für Woche ihre Leistung abgerufen und sind verdient mit diesem Vorsprung Meister geworden. Schalke war großartig, wie sie zurückgekehrt sind an die Spitze, und was Freiburg aus seinen Möglichkeiten herausgeholt hat, das war außergewöhnlich.

Und bei Bayer?
Leon Bailey sticht natürlich hervor, aber auch Kevin Volland, die Bender-Zwillinge, die wichtige Bausteine einer Mannschaft sind. Volland hat nach dem ersten Jahr richtig Fuß gefasst und viele Tore geschossen.

Leon Bailey war Leverkusens Shooting-Star der Saison. Bild: revierfoto/imago

Julian Brandt, Benjamin Henrichs, Kai Havertz - Leverkusen hat viele hochkarätige junge Spieler…
Brandt hatte ich vergessen, der gehört natürlich auch dazu (lacht), Havertz und Henrichs – da gibt es wirklich einige. Aber denen muss man natürlich auch mal zugestehen, dass sie durch ein Tal gehen. Das sind noch junge, unerfahrene Spieler, die noch hineinwachsen müssen. In Leverkusen sind sie aber bestens aufgehoben, um sich weiterzuentwickeln

Brandt hat erst kürzlich einen Vertrag verlängert.
Aus meiner persönlichen Sicht war das genau die richtige Entscheidung, um sich weiterzuentwickeln und dann in zwei, drei Jahren den nächsten Schritt zu machen.

Kann Leverkusen im nächsten Jahr an diese gute Saison anknüpfen?
Wenn man noch etwas an den Stellschrauben dreht und in den Spielen die Situationen und Chancen konsequent nutzt, dann sind nach oben alle Türen offen. Dann kann man wieder hoffen, die Champions-League-Plätze anzugreifen. Aber die anderen Mannschaften schlafen auch nicht. Schalke hat das dieses Jahr sehr gut gemacht, die werden mit Sicherheit nächste Saison noch besser spielen und noch mehr Punkte holen. Dortmund wird wieder vorne dabei sein, auch Leipzig. Da wird das internationale Geschäft auch ein Minimalziel sein.

Dieser Text erschien zuerst bei t-online.de.

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