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Die "Altras": Marius (r.) und sein Bruder Nicolas sind die Zwei-Mann-Ultras der A-Jugend-Kreisligamannschaft des TuS Altenrath. bild: altras/privat

"Der Kasten muss leer sein" – Die Kreisliga-Ultras aus Altenrath wissen, worauf es ankommt

Das Megaphon von Marius ist im Moment kaputt, das macht aber nichts: "Ich bin eh lauter", sagt er im Gespräch mit watson. Der 25-Jährige ist der Vorsänger der Ultras des TuS Altenrath, den "Altras". Wobei Marius den Begriff "Vorsänger" gar nicht so treffend findet: "Viel mit Vorsingen is' da ja nich". Denn der ganz harte Kern der "Altras" besteht nur aus zwei Leuten. Zurück singt meistens nur Marius' Bruder Nicolas.

Für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Die "Altras" sind seit einem TV-Beitrag in der satirischen Fernsehsendung "Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs" (ZwWdF), der sich auch wie wild im Internet verbreitete, ein bisschen berühmt:

"Es ist ein wenig unheimlich – vor wenigen Wochen hatten wir noch knapp 200 Follower bei Instagram, jetzt sind es knapp 1600." Die "Altras" gehen gerade durch die Decke.

"Wir haben jetzt schon mehr Fans als der TuS selbst."

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Trommel, Schal, Fahne und ein Fässchen Kölsch. Alles, was man braucht. bild: altras/privat

Mit Bollerwagen und Fahnen, Bannern und, ganz wichtig, Bier pilgern sie dem TuS Altenrath hinterher. Und zwar möglichst bei jedem Heim- und Auswärtspiel – die "Altras" sind Allesfahrer:

"Das ist immer so 'ne Mischung aus Vatertag, Karneval und Malleurlaub plus Fußball."

Marius trifft den Nagel auf den Kopf.

Die längste Fahrtzeit bei einem Auswärtsspiel bisher: "Eine knappe Stunde, da mussten wir sogar mit der S-Bahn fahren. Dat meiste machste halt mit'm Bus." Da können Bundesliga-Ultras, die Wochenende für Wochenende quer durch die Republik reisen, nur müde lächeln.

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Der harte Kern: Nicolas (l.) und Marius mit ihrem Bollerwagen und zwei Kannen Reissdorfer Kölsch. bild: altras/privat

Marius und sein kleiner Bruder, 22, unterstützen die U19 des TuS Altenrath, die in der A-Jugend Kreisklasse im Kreis Sieg spielt, seit knapp zwei Jahren. Eine Seniorenmannschaft gibt es aktuell nicht, außerdem spielt ihr jüngerer Bruder David, "der langsamste Linksverteidiger der Welt", in der A-Jugend.

Den Stein des Anstoßes habe damals ihre Mutter gegeben:

"Nicolas und ich haben zuhause rumgehangen, dann hat unsere Mutter gesagt, dass wir doch mal zum Platz fahren könnten, um das Fußballspiel unseres Bruders anzuschauen", erinnert sich Marius. Nicolas habe dann die Idee gehabt, Altenrath-Schals und Trainingsanzüge vom TuS anzuziehen – die beiden haben früher selbst mal in dem Verein gespielt.

"Wir kamen erst zur Halbzeit an. Die Mannschaft unseres Bruders lag 0:3 hinten. Und dann haben wir ein paar Bier getrunken, gesungen, und gerufen, was uns gerade so einfiel. Und irgendwann fiel das 1:3, das 2:3, dann das 3:3, in der Nachspielzeit sogar noch das 4:3", erklärt Marius die Geburtsstunde der "Altras". Der Altenrather Trainer, Steffen Heyland, sei dann auf die beiden zugekommen, ob sie das nicht jedes Spiel machen könnten: "Ich stelle euch auch 'nen Kasten hin", habe er gesagt.

Der Trainer hält sein Bierkasten-Versprechen bis heute, denn er findet die "Altras" super, wie Marius bestätigt: "Der ist, was Trinken und Feiern angeht, eh immer ganz vorne mit dabei". Und so werde der Kasten auch immer leer. Wenn die "Altras" ihn nicht schaffen, helfen Trainer und Mannschaft mit – nach Abpfiff, versteht sich.

Nach und nach haben sich Marius und Nicolas in den vergangenen zwei Jahren Fahnen und sonstige Devotionalien für fast 200 Euro zusammengekauft bzw. gebastelt. Außerdem haben sie sich Fangesänge ausgedacht, mittlerweile sind es über 40. Bis auf ein Lied stammen alle aus der Feder von Marius. Eins hat er sogar Trainer Heyland gewidmet:

Wir stehen wie immer am Mittelkreis nur ein Kasten, maximal zwei bis drei.
Auf einmal läuft die Mannschaft auf, und fordert uns zum Trinken auf.
Dieses Spiel wird niemals ein Ende finden, wenn die Altras wieder ihre Lieder singen, schmeiß' die Plastikstühle vorne auf das Haus, denn der Steffen gibt heut einen aus!

Melodie: Querbeat - Das Leben gibt heut einen aus.

Jetzt schon legendär: Das Duschbier-Lied, das jedem Kreisligakicker aus dem Herzen spricht.

In der A-Jugend-Mannschaft vom TuS Altenrath kämen die Anfeuerungsrufe und das kreative Liedgut sehr gut an. Es scheint auch zu wirken, das Team ist Tabellenführer, die Meisterschaft ist drin.

Manche gegnerische Teams seien aber auch manchmal genervt vom "Altra"-Gegröle: "Die meisten finden's lustig. Aber nur, wenn sie in Führung liegen – bei Rückstand finden's viele gar nicht mehr so komisch", da spricht Marius aus Erfahrung.

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"Dorf mit A" ist eine Reminiszenz an "Stadt mit K", an ein sehr bekanntes Kölner Lied. bild: altras/privat

Die "Altras" firmieren übrigens nicht nur als Zwei-Mann-Fankurve, sondern auch als Stadionsprecher. Ausgestattet mit einer Musikanlage plus Mikrofon ruft Marius bei Toren die Altenrather Torschützen aus. Aber hauptsächlich sei die Anlage dafür da, um "richtig schlechte Ballermannmusik" zu spielen.

Ob die "Altras" irgendwann mal mehr als zwei Mann werden wollen?

Marius findet: "Je mehr, desto besser. Ganz klar." Es gebe auch so sechs, sieben Leute, die öfter mal kämen. "Aber nicht regelmäßig, die singen auch nicht so häufig mit. Ich glaube, die sind von den Fangesängen überfordert – wer neu dazukommt, muss sich ja erstmal 40 Lieder und die Texte merken."

Im Sommer könnte Schluss mit den "Altras" sein.

Die A-Jugendlichen werden zur kommenden Saison in den Seniorenbereich übergehen, was eigentlich eine gute Nachricht ist: Der TuS Altenrath hätte dann wieder eine "Erste", also eine Herrenmannschaft. Problem an der Sache: Aktuell sind die Spiele stets Samstagabends. Die Herrenspiele der Kreisliga fänden aber Sonntagmittags statt, und da muss "Altra" Nicolas selber kicken – er spielt nämlich - ironischerweise - beim Erzrivalen des TuS Altenrath, will aber möglichst bald zu seinem Herzensverein zurückwechseln. Was aber auch nichts an der Tatsache ändern würde, dass er sonntags selbst auf dem (Kunst-)Rasen stehen müsste.

Marius sieht der Wahrheit ins Auge: "Ich kann sagen, ohne den Nicolas bzw. alleine macht es keinen Sinn. Alleine geht’s nicht. Alleine ist's nicht lustig, wirkt's blöd – noch blöder als ohnehin schon". Man müsse das Ende der "Altras" in Erwägung ziehen, versuche aber auch noch neue Fans heranzuzüchten.

Nicolas dazu zu überreden, nicht mehr selber gegen den Ball zu treten, das betrachtet Marius als hoffnungslos, sagt mit einem Augenzwinkern:

"Ich hoffe ja, dass ihm jemand das Knie kaputt tritt und er nie wieder Fußball spielen kann …"

Liebe Kreisliga-Kniebrecher, bitte nicht zu ernst nehmen!

Einen anderen Verein als den TuS Altenrath zu unterstützen, das kommt für Marius nicht in Frage: "Das ist unser Club, den verlässt du einfach nicht. Klar, das ist nur irgendein Dorfverein, es interessiert keine Sau, was da passiert. Aber nach zwei Jahren Höhen und Tiefen, totaler Gemeinschaft mit den Spielern... Bei uns dreht sich alles um den TuS!" – bis auf "Dorfverein" könnte das auch aus dem Mund eines jeden Bundesliga-Ultras kommen.

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Rechts im Bild: Die Anlage für "richtig schlechte Ballermannmusik". bild: altras/privat

Und auch sonst haben sie so manches mit den "Großen" gemeinsam: Sie geben alles für den Verein, Spiele unter der Woche finden sie doof, einmal haben sie sogar mit einem Banner gegen ein Montagsspiel protestiert. Einziger Unterschied:

"Wir nehmen das Ultra sein total ernst, aber wir nehmen uns beide nicht so ernst. Und damit nehmen wir die Ultraszene, die sich viel zu ernst nimmt, auch ein bisschen aufs Korn."

Einen Verhaltenskodex, so wie die "echten" Ultras, haben die "Altras" dennoch: "Der Kasten muss am Ende des Spiels leer sein. Ist ja Kreisliga. Da wird kein Fußball gespielt, da wird geholzt. Und dem passt man sich als Ultra, äh, Altra, dann auch an."

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