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Mehmet Ali Han, Präsident vom Berliner AK, hat sich keine Fans im Chemnitzer Block gemacht. imago

Interview

"Dann brechen wir das Spiel ab" – warum der Berliner AK Chemnitz mit Boykott droht

Dominik Sliskovic, Toni Lukic

Die Ausschreitungen in Chemnitz sind unmittelbar verbunden mit der eigentlich schönsten Sache der Welt: Fußball.

Nach dem Mord an einem 35-Jährigen am Sonntag, rief die im Chemnitzer Stadion verbotene Ultra-Gruppe "Kaotic Chemnitz" unter anderem zur Versammlung in der Stadt auf. Bei den späteren Jagd-Szenen auf vermeintliche Ausländer in der Innenstadt waren dann immer wieder Angreifer in himmelblauen Trikots und Fan-Utensilien des Chemnitzer FC zu sehen. 

Auch bei den Kundgebungen am Sonntag reisten viele rechte Hooligans an. Chemnitz hat einen schlechten Ruf, was rechtsradikale Fans angeht. In den Neunzigern sorgte die Gruppe "Hoonara" für Einschüchterung bei gegnerischen Fußball-Fans und politischen Gegnern. Ihr Name war eine Abkürzung für "Hooligans, Nazis und Rassisten“.

Natürlich sind nicht alle Chemnitzer Fußball-Fans gewaltbereite Nazis. In den letzten Jahren gab es kaum rechtsextreme Vorfälle im Umfeld des Regionalliga-Vereins. Und so kam es im Chemnitzer Umfeld gar nicht gut an, als der Präsident des nächsten Heimspiel-Gegners Berliner Athletik Klub Mehmet Ali Han in einer Stellungnahme erklärte, dass er erwägt, mit seiner Mannschaft am 15.9. in Chemnitz nicht anzutreten.

Die Stellungnahme:

"Die fremdenfeindlichen Übergriffe und Ausschreitungen der letzten beiden Tage in Chemnitz haben wir als Verein mit Bestürzung, Sorge und Trauer zur Kenntnis genommen. (...) Im Internet und den sozialen Medien werden weitere rechte Aufmärsche angekündigt. Es ist daher mit weiteren Straftaten zu rechnen. Zu den rechten Aufmärschen sollen nach Presseberichten unter anderem auch Fangruppierungen des Chemnitzer FC aufgerufen haben.Die Polizei war überfordert und nicht in der Lage, dem rechten Mob Einhalt zu gebieten. Angesichts unseres bevorstehenden Auswärtsspiels am 15.09.2018 in Chemnitz sind wir alarmiert und in größter Sorge. Deswegen erwarten wir vom DFB und NOFV, dass zeitnah ein tragbares Sicherheitskonzept für unser Spiel am 15.09.2018 in Chemnitz erarbeitet und mit uns abgestimmt wird. Sollte die Sicherheit unserer Spieler, Betreuer, Fans etc. nicht gewährleistet werden, ziehen wir in Erwägung, nicht anzutreten."

Mehmet Ali Han, Präsident Berliner Athletik Klub 07

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Mehmet Ali Han Bild: imago sportfotodienst

Vor allem auf Facebook wurde die Stellungnahme Ali Hans teils heftig kritisiert. Viele warfen ihm vor, noch mehr Öl ins Feuer zu gießen.

watson rief Ali Han an. Wir fragten ihn, was ihn zu der Stellungnahme bewegte.

watson: Wie kam es zur Entscheidung, ein mögliches Nichtantreten gegen den CFC so öffentlichkeitswirksam per Pressemitteilung zu verkünden?
Mehmet Ali Han: Wir sind ein Multikultiverein und engagieren uns sehr in der Integrationsarbeit. Wir repräsentieren alle Farben und Kulturen und es hat es uns große Angst bereitet, was für Bilder wir aus Chemnitz gesehen haben. Deshalb fordern wir im Voraus des Regionalligaspiels in Chemnitz ein schlüssiges Sicherheitskonzept. Es soll nicht dazu kommen, dass Probleme erst im Nachhinein – wenn es zu spät ist – aufgedeckt und angesprochen werden. Mehr fordern wir von der Polizei und dem DFB nicht.

Haben Sie für Ihre Stellungnahme Rückendeckung der gesamten Vereinsführung?
Ja, es war eine einheitliche Entscheidung des Berliner AK mit der Stellungnahme die Öffentlichkeit zu suchen. Wir haben bereits kurze Zeit nach Veröffentlichung viel Unterstützung erhalten.

Sollte es in den kommenden Tagen zu weiteren Ausschreitungen in Chemnitz kommen, wäre das für uns eine Bestätigung für unsere Bedenken.

Sie haben bereits mit den Chemnitzern telefoniert?
Ja, die Chemnitzer haben bereits bei mir angerufen. Sie wollen mit uns zusammenarbeiten und beide Parteien wollen ja auch die Partie spielen. Was wir in den Medien sehen, ist bereits schlimm genug. Das sollten wir nicht noch ins Stadion tragen. Deshalb fordern wir vom Chemnitzer FC ganz klar: Haltet die Rechtsradikalen vom Stadion fern.

Wie stellen Sie sich das vor?
Chemnitz muss beweisen, dass bereits im Voraus alles dafür getan wird, Rechtsradikale aus dem Verein und der Fanszene auszusortieren. Erst dann wollen auch wir mit Chemnitz weiter zusammenarbeiten. Ich will einfach keine rechtsradikalen Parolen im Stadion hören. Sollten wir so etwas doch im Stadion erleben, haben wir uns dazu entschlossen: Dann brechen wir das Spiel ab.

Fühlen Sie sich als selbsternannter „Multikulticlub“ in der Regionalliga Nordost sicher?
In Deutschland muss Sicherheit für jeden Bürger gewährleistet sein – und es ist sehr schade, dass wir als Verein öffentlich den Kontakt zur Polizei und dem DFB suchen müssen. Es ist definitiv notwendig, dass wir über die Ängste, die wir gerade haben, sprechen. Die ganze Multikulti-Gesellschaft, ganz Deutschland nimmt gerade Schaden in Chemnitz.

Ihnen wird nach Ihrem Statement in den Facebook-Kommentarspalten vorgeworfen, eine Schnittstelle zwischen Politik und Sport herzustellen…
Der Berliner AK will mit Sport Schlagzeilen schreiben, wir wollen ein Vorbild für die Multikulti-Gesellschaft sein. Aber gerade wir, als Verein, der das so öffentlich lebt, weiß auch: Es gibt definitiv Rassismus in Deutschland. In Chemnitz werden Opfer, politische Sündenböcke gesucht.

Nun rede ich über Politik, obwohl sie nicht im Fußball stattfinden sollte, aber: 

"Der DFB hat große Fehler gemacht, die Situationen wie in Chemnitz weiter anheizen. Die Unruhe, die durch die Özil-Erdogan-Debatte entstanden ist, entlädt sich auch auf den Straßen in Chemnitz."

Der Tag in Chemnitz in Bildern:

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