Sport
28.09.2019, Katar, Doha: Leichtathletik, IAAF Weltmeisterschaft im Khalifa International Stadium: 10000 Meter, Frauen, Finale. Alina Reh aus Deutschland wird mit einem Rollstuhl von der Laufbahn gefahren. Sie musste nach 13 von 25 Runden das Rennen aufgeben. Foto: Oliver Weiken/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Die deutsche Läuferin Alina Reh hat den 10.000-Meter-Lauf bei der Leichtathletik-WM in Doha nach 13 von 25 Runden abgebrochen. Die 22-Jährige hatte offensichtlich starke Magenschmerzen. Bild: Oliver Weiken / dpa

Intim-Cams, Rollstühle und miese Hotels: So lief Katars Katastrophen-WM bisher

Die Leichtathletik-WM in Doha ist in aller Munde. Aber nicht wegen herausragender Leistungen der Sportler, sondern wegen diverser Probleme rund um den Anlass.

Ralf Meile / watson.ch

Eigentlich ist es ja erfreulich: Leichtathletik ist wieder Thema. Seit Freitag laufen die Weltmeisterschaften in der katarischen Hauptstadt Doha, und die Öffentlichkeit diskutiert so heißblütig über die Wettkämpfe, als ob es um Fußball ginge. Das liegt aber nicht an einem gesteigerten Interesse am Sport, sondern an den katastrophalen Bedingungen im Gastgeberland Katar.

Sportler vor dem Kollaps sowie Minus-Rekorde auf den Rängen und den Zeittafeln. Von "KATARstrophe" und "KATARstimmung" ist die Rede. Die Liste an Verfehlungen ist lang. Das sind die fünf größten Ärgernisse:

Die Hitze (und die künstliche Kälte)

Bild

grafik: google

Schon bei der Vergabe der Weltmeisterschaften nach Doha wurden Bedenken wegen der klimatischen Bedingungen geäußert. Die Marathons starten deshalb um Mitternacht. Trotzdem wurden beim Frauen-Rennen noch 33 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 73 Prozent gemessen. Es wurde der langsamste Marathon der WM-Geschichte, knapp die Hälfte der Läuferinnen musste entkräftet aufgeben. Bilder von Athletinnen im Rollstuhl werden länger in den Köpfen bleiben als der Name der Weltmeisterin, Ruth Chepngetich aus Kenia.

28.09.2019, Katar, Doha: Leichtathletik, WM, Marathon, Frauen. Ruth Chepngetich aus Kenia jubelt nach ihrem Sieg. Foto: Michael Kappeler/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Die Kenianerin Ruth Chepngetich lief in 2:32:43 Stunden zu Gold… Bild: Michael Kappeler / dpa

Athletics - World Athletics Championships - Doha 2019 - Women's Marathon - Doha, Qatar - September 28, 2019  Italy's Giovanna Epis is pushed in a wheelchair after sustaining an injury during the race REUTERS/Hannah Mckay

… während die Italienerin Giovanna Epis zu denjenigen gehörte, die aufgeben mussten. Bild: HANNAH MCKAY / Reuters

Auch die Geher bestreiten ihre Wettkämpfe mitten in der Nacht und leiden. "Sie haben uns in einen Backofen geschoben. Sie haben aus uns Meerschweinchen gemacht, Versuchstiere", wetterte Yohan Diniz, der 50-Kilometer-Weltmeister von 2017. Seine Titelverteidigung brach der zähe Franzose noch vor der Hälfte der Distanz ab. Als sein Nachfolger Yusuke Suzuki seinen Körper über die Ziellinie schleppte, war es 3.34 Uhr. Dass der Japaner den WM-Titel praktisch ohne Zuschauer errang, versteht sich da von selbst.

"Das ist respektlos gegenüber den Athleten. Die Funktionäre vergeben die WM hierhin, jetzt sitzen sie in kühlen Räumen oder schlafen."

Wolha Masuronak (Ukraine), Fünfte des Marathons

"Es fühlt sich an, als würde man sich im Dunstkreis eines LKW-Auspuffes bewegen, nur will dieser feuchtschwüle Schwall dann einfach nicht mehr abreißen", beschrieb eine Reporterin eines Schweizer TV-Senders die Hitze in Doha. Im Stadion ist die Hitze erträglich – weil die Arena auf 24 bis 28 Grad heruntergekühlt wird. Der gesamte Strom dafür komme aus erneuerbaren Energien, verspricht Katar.

abspielen

Video: YouTube/SID

Die Temperaturen in den Katakomben des Stadions sind hingegen ein Problem. Dort läuft die Klimaanlage auf Höchststufe. Sportler wurden deshalb instruiert, immer eine Jacke dabei zu haben. Die Erkältungsgefahr ist groß, wenn man sich mal draußen aufhält, wo es tropisch schwül-heiß ist, und mal in stark heruntergekühlten Räumen.

Die fehlenden Zuschauer

40.000 Plätze bietet das Khalifa International Stadium. Gebraucht werden sie nicht, denn die Leichtathletik-WM findet praktisch ohne Zuschauer statt. Die oberen Ränge wurden vorsorglich mit großen Planen abgedeckt und verschiedenfarbige Sitzschalen sollen die Illusion erzeugen, dass Fans da sind.

Touristen sind kaum für die WM nach Katar geflogen, die Einheimischen scheint der Sport nicht so zu interessieren wie ihre Herrscher und weil Katar von den Nachbarländern politisch isoliert ist, kommen auch von dort keine Fans. Den Männer-Finale über 100 Meter, stets der Höhepunkt einer Leichtathletik-WM, fand am Samstagabend vor etwa 10.000 Zuschauern statt. Am Sonntagabend bei den Frauen sollen sich gar nur etwa 3000 Menschen im weiten Rund verloren haben.

Dabei versprachen die Organisatoren bei der Kandidatur noch vollmundig, dass sie das Stadion füllen würden. "Das Ziel von Doha 2017 ist es, keine leeren Plätze zu haben", schrieben sie. "Manche sagen, das sei ambitioniert, aber wir glauben, dass dies ein (einfach) erreichbares Ziel ist. Jede Session dieser WM wird ausverkauft sein", wurde behauptet. Den Zuschlag für die WM 2017 erhielt im Jahr 2011 London, Doha ist nun an der Reihe. In der britischen Metropole herrschte Tag für Tag eine vorzügliche Atmosphäre.

Zehnkampf-Weltrekordler Kevin Mayer mochte nicht lange um den heißen Brei reden. "Wir können alle sehen, dass diese WM ein Desaster ist", sagte der Franzose, dessen Wettkampf am Mittwoch beginnt.

Die Intim-Kameras

Die Organisatoren wollten innovativ sein, doch der Schuss ging nach hinten los. Eine in den Startblock integrierte Kamera liefert Bilder, die den Sportlern sauer aufstoßen.

Die Kritik kam unter anderem aus dem deutschen Lager. Die deutsche Sprinterin Gina Lückenkemper empfand die neue Kamera in den Startblöcken bei der Leichtathletik-WM in Doha als "unangenehm".

 IAAF World Athletics Championships Doha 2019 Qatar, 28.09.2019 Gina Lueckenkemper GER am 28.09.19 im Khalifa International Stadium in Doha, Qatar waehrend der IAAF World Athletics Championships.  IAAF World Athletics Championships Doha 2019 Qatar, 28 09 2019 Gina Lueckenkemper GER on 28 09 19 at Khalifa International Stadium in Doha, Qatar during IAAF World Athletics Championships Copyright: xBEAUTIFULxSPORTS/AxelxKohringx

Gina Lückenkemper protestierte erfolgreich. Bild: imago images/Beautiful Sports

Lückenkemper fragte nach ihrem Vorlauf über 100 Meter: "War an der Entwicklung dieser Kamera eine Frau beteiligt? Ich glaube nicht." Lückenkemper, die mit 11,29 Sekunden als Vorlaufdritte direkt ins Halbfinale eingezogen war, erklärte: "In den knappen Sachen über diese Kamera zu steigen, um in den Block zu gehen, finde ich sehr unangenehm. Also ich weiß nicht, ob ihr gerne von unten von einer Kamera gefilmt werden wollt. Ich finde diese Kameras nicht ganz so geil."

Nach Protesten ruderte der Weltverband IAAF ein wenig zurück und versprach Anpassungen im Umgang mit den Aufnahmen aus sehr ungewohnter Perspektive.

Die Unterkünfte

Doha bietet auf der Buchungsplattform Booking 77 Hotels mit vier oder fünf Sternen an. Die mit 8,0 bewertete Unterkunft des Schweizer Teams gehört auch dazu – offenbar zu Unrecht. "Ich hatte beinahe einen Nervenzusammenbruch, als ich erstmals das Zimmer sah", gestand Sprinterin Salomé Kora gegenüber dem Schweizer Fernsehen. "Es ist sehr dreckig, das Essen ist sehr schlecht. Ich war in meinem ganzen Leben noch nie in einem so schlechten Hotel", hielt die 25-jährige Schweizerin fest.

Ihre Teamkollegin Sarah Atcho sprach gegenüber Schweizer Medien von einem skandalösen Zustand, in dem sich das Hotel befinde. "Das Gebäude fällt auseinander", sagte sie, und zeigte Journalisten ein Handyvideo von Wänden mit Schimmel.

Bild

Die holländische 200-m-Weltmeisterin Dafne Schippers verglich auf einer Instagram-Story die Werbebilder im Internet mit der Realität. Bild: dafne schippers

Auch Athleten anderer Nationen beklagten sich über ihre Unterkunft. Die Norweger sollen gar kurz nach ihrer Ankunft in Doha in ein anderes Hotel umgezogen sein. "Es ist frustrierend, weil die Athleten aufgefordert werden, professionell zu sein, sich sorgfältig vorzubereiten und sie dann unter diesen Bedingungen empfangen werden", klagte der Schweizer Laurent Meuwly, der als Staffeltrainer Hollands in Doha weilt.

Die Funktionäre

Zu verantworten haben diese skandalösen Umstände jene Sport-Funktionäre, welche die Leichtathletik-WM an Katar vergeben haben. So wie ihre Amtskollegen, welche die Weltmeisterschaften im Fußball (2022), Handball (2015), Rad (2016) oder Kunstturnen (2018) im Emirat auf der Arabischen Halbinsel durchführen ließen.

Dass gegen den IAAF-Präsidenten Lamine Diack, der zur Zeit der WM-Vergabe im Amt war, Ermittlungen wegen Geldwäsche und Korruption aufgenommen wurden, erstaunt nicht. Untersucht wurden auch ominöse Millionen-Zahlungen an die Firma des Präsidentensohns. Noch sind die Fälle nicht vor Gericht behandelt worden.

Emir of Qatar Sheikh Tamim bin Hamad Al Thani speaks to IOC President Thomas Bach ahead of the opening ceremony for the World Athletics Championships on the Corniche in Doha, Qatar, Friday, Sept. 27, 2019. (AP Photo/Hassan Ammar)

IOC-Präsident Thomas Bach und der Emir von Katar, Scheich Tamim bin Hamad Al Thani schwitzen nicht. Bild: AP / Hassan Ammar

Die Medienreaktionen fallen dementsprechend scharf aus: Die "Neue Zürcher Zeitung" hält unmissverständlich fest: "Es können nicht sportliche Gründe gewesen sein, die den Weltverband IAAF dazu brachten, Doha als WM-Austragungsort zu wählen. Globalisierung des Sports? Von wegen! Es ging um den schnöden Mammon (Gewinn, d. Red.)" Für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat die internationale Leichtathletik "durch den Verkauf ihres wichtigsten Wettbewerbs in die Wüste ein neues Tief erreicht."

Für die "Süddeutsche Zeitung" ist bereits jetzt klar: "Nahezu alle Befürchtungen, die nach der Vergabe aufkamen, waren berechtigt. Das größte Problem des Sports noch immer die sind, die ihn lenken." Und der "Telegraph" wirft einen Blick nach vorne – er ist als Warnung zu sehen. "Diese Weltmeisterschaften zeigen, wie die Zukunft des Sports aussehen wird, wenn er seine Seele weiterhin an den Nahen Osten verkauft, wo es an Fans mangelt und das Klimas völlig unvereinbar ist mit Spitzenleistungen."

Deutschlands beste Skaterin ist elf Jahre alt

Play Icon
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Intime Einblicke: Protest gegen Startblock-Kamera hat Konsequenzen

Wie der Deutsche Leichtathletik-Verband am Sonntag mitteilte, habe man mit dem Weltverband IAAF einen Kompromiss gefunden. Demnach werden die Bilder der sogenannten "upper cameras" im TV-Kontrollraum des Khalifa-Stadions, im Fernsehen und auf der Stadion-Videowand erst groß gezeigt, wenn die Athleten im Block sitzen, teilte der DLV mit.

"Es wird nur die finale Blockstellung der Athleten gezeigt", hieß es weiter. Zudem würden die Videodaten nicht gespeichert und täglich gelöscht. Der …

Artikel lesen
Link zum Artikel