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Doktor Jogi im Lazarett... bild: imago (montage: watson)

7 Absagen! Die Nations League beweist, dass der Fußball es zu weit getrieben hat

Verletzungen, Verletzungen, Verletzungen. Es ist erst das zweite Spiel für die deutsche Nationalmannschaft in der neu gegründeten Nations League, aber schon jetzt zeigt sie erste Abnutzungserscheinungen. Für die Spiele gegen die Niederlande und Frankreich gab es für Bundestrainer Joachim Löw mehr als ein halbes Dutzend Absagen.

Wenn Löw am Mittwoch zum Training in Berlin bittet, muss er abermals neues Personal bemühen: Für die angeschlagenen Leon Goretzka und Kevin Trapp nominierte er kurzfristig Serge Gnabry und Bernd Leno nach. Schon am Montag sagten die verletzten Kai Havertz (Knieprellung) und Antonio Rüdiger (Leistenprobleme) ab. Löw nominierte deshalb Emre Can für die Duelle am Samstag in Amsterdam und drei Tage später in St. Denis beim Weltmeister nach. Zuvor hatte schon der Dortmunder Marco Reus wegen Kniebeschwerden passen müssen. Weil es Ilkay Gündogan am Oberschenkel und Nils Petersen an der Schulter zwickt, hatte Löw die beiden erst gar nicht nominiert. 

Die Verletzungen sind aber nicht etwa eine Verstrickung unglücklicher Zufälle, sondern wohl schon die ersten Folgen der stetigen Überdrehung des Fußballs.

Noch mehr Wettbewerbe

Schon immer gab es viele Wettbewerbe. Die Nationalspieler, die in Deutschland ihr Geld verdienen, spielen neben der Meisterschaft auch den Pokal und meistens auch einen internationalen Clubwettbewerb aus. Zu den drei Wettbewerben kommen die Spiele der Nationalmannschaft. Mit der neugegründeten Nations League wurden die Testspiele so gut wie ganz abgeschafft. Der Ansatz: Immer Wettbewerb, keine müden Tests mehr.

Die Nationenliga ist ein Ligensystem aller europäischen Nationalmannschaften mit Auf- und Abstieg, am Ende wird sogar um einen Pokal gespielt – und es gibt einen Qualifikationsanreiz bis hinunter zu den kleinsten Nationen. Der Druck für Spieler und Trainer wird somit ununterbrochen aufrecht erhalten. 

Dass viele Fans schon länger genug haben, zeigen die stetig sinkenden Zuschauerzahlen in den deutschen Stadien in den vergangenen Jahren. Jetzt scheinen auch zunehmend die Körper der Spieler nicht mehr mitzumachen.

Rüdiger hat schon knapp über 1000 Spielminuten hinter sich – und ist jetzt angeschlagen

Es verwundert nicht, dass ausgerechnet Antonio Rüdiger wegen Leistenproblemen absagte. Der Profi des FC Chelsea bestritt von den deutschen Nationalspielern bisher am meisten Spiele. Er stand in den Wettbewerben Premier League, Community Shield, Europa League und eben der Nations League sowie in einem Freundschaftsspiel der Nationalmannschaft insgesamt schon 1014 Spielminuten auf dem Platz. Er spielte somit im Schnitt alle fünf Tage in den vergangenen zwei Monaten. Und die Saison ist noch lang. 

Noch mehr Verletze: Wir haben FIFA 19 "ohne Regeln" getestet

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Video: watson/Benedikt Niessen, Gavin Karlmeier

In der vergangenen Saison absolvierten einige der Nationalspieler weit über 40 Spiele. Spitzenreiter Timo Werner stand mehr als 3300 Minuten auf dem Feld. Das sind zwar ähnlich viele, wie schon vor 20 Jahren, doch der Fußball hat sich seitdem extrem verändert. Er ist schneller und athletischer geworden. Und jeder neue Wettbewerb heißt auch mehr Druck und mehr mentale Belastung.

Spieler und Trainer hadern mit dem Leistungsdruck

Durch den Wettbewerbscharakter der Nations League, mit der Möglichkeit eines Auf- und Abstiegs, wollen die Trainer die besten Spieler einsetzen. Dass einzelne Spieler geschont werden, wird unwahrscheinlicher. Das ärgert Club-Trainer wie Jürgen Klopp.

Vor einigen Tagen wurde der Liverpool-Coach auf die  Länderspielpause angesprochen. Eine wirkliche Pause sieht er nicht. "Jetzt gehen die Spieler zur Nations League, was der sinnloseste Wettbewerb in der Welt des Fußballs ist", erklärte der Klopp, dessen Kapitän Jordan Henderson nach einer Saison mit 53 Spielen (!) im Sommer nur zwei Wochen lang Pause machen konnte. "Wir müssen anfangen, über die Spieler nachzudenken. Jetzt musst du die Nationaltrainer von irgendwelchen Ländern anrufen und fragen: 'Kannst du die Spieler draußen lassen?' Und er sagt: 'Ich bin auch unter Druck.'"

So chillten die Fußballer, die nicht bei der WM waren:

Auch seine Kollegen beschweren sich seit Jahren. Ex-Bayern-Coach Jupp Heynckes erklärte im vergangenen Jahr: "Man verlangt den Spielern Dinge ab, die unmöglich sind." Jogi Löw ärgerte sich schon bei der Bekanntmachung der Nations League vor zwei Jahren: "Die Grenze der sportlichen Belastbarkeit ist erreicht – sportlich und mental."

Die Qualität des Produktes leidet

DFB, Uefa und Fifa wissen natürlich, dass sich ein neuer Wettbewerb besser verkaufen lässt, als ein müdes Testspiel. Löw warnte aber schon 2016 davor, dass diese Logik gefährlich ist: "Fifa und Uefa sind in der Verantwortung, sie brauchen Augenmaß und müssen das richtige Verhältnis finden zwischen kommerziellen Interessen und der sportlichen Sicht." (Mopo / Bild)

"Man muss aufpassen, dass man das Rad nicht überdreht mit zu vielen Spielen, weil die Qualität darf nicht leiden. Dann würde sich auch der Fan abwenden und das Interesse nachlassen. Wenn man ein gutes Produkt hat, wie den Fußball, sollte man auch mal über Verknappung nachdenken, um die Qualität hoch zu halten."

Joachim Löw

Dabei ist das Rad des Erträglichen schon längst überdreht – für die Spieler und viele Fans.

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