Witz-Strafe für Stiller-Mobber: Jetzt ist die Uefa gefragt
Rein sportlich war es ein toller Donnerstagabend für den VfB Stuttgart: ein 4:0-Auswärtssieg bei den Go Ahead Eagles, das vierte Spiel ohne Niederlage am Stück, dazu der Sprung auf den zwölften Rang der riesigen Europa-League-Tabelle. Im Nachgang überwogen dennoch die negativen, nicht sportlichen Eindrücke.
Denn in Deventer taten sich gleich zwei bedeutsame Themen auf. Da war zunächst der große Ärger um den Umgang mit den VfB-Fans. Beim Aussteigen aus den Bussen bekamen die Stuttgarter "Knüppel in den Rücken oder Nacken", berichtete Augenzeuge und VfB-Vorstand Alexander Wehrle. Täter: die Polizei. Videos zeigen, wie die Polizisten wahllos auf Fans einprügeln.
Erst der Fan-Eklat, dann asoziales Verhalten gegenüber Stiller
Sechs Fanbusse kehrten daher um, Stuttgart musste ohne große Teile seiner Anhänger:innen antreten. Allein dieses Thema verdient bereits eine lückenlose Aufarbeitung – aber gewiss nicht unter der Führung von Deventers Bürgermeister. Der schob die alleinige Schuld im Nachgang nämlich auf die VfB-Fans.
Auf dem Rasen folgte schließlich das zweite, gelinde gesagt: unanständige Verhalten der Hausherren. Victor Edvardsen, Offensivspieler der Go Ahead Eagles, spottete mit einer Geste mehrfach über die Nase von Stuttgarts Angelo Stiller.
"Was ist das für ein Typ? Was ist das für ein Sportsmann?", fragte RTL-Kommentator Cornelius Küpper entsetzt und hielt treffend fest: "hochgradig asozial, ekelhaft!"
Die VfB-Profis und zahlreiche Fans ordneten die Szene ebenso ein. Auf dem Platz gab es eine Rudelbildung, auf Instagram, Tiktok und X finden sich tausende wütende Kommentare. Und das ist keine rein deutsche Perspektive. "Ich finde das traurig. So etwas gilt es in keiner Weise zu akzeptieren", sagte Wesley Sneijder im niederländischen Fernsehen.
Edvardsen kommt mit Mini-Geldstrafe davon
Eine empfindliche Strafe muss her, das war schnell klar. Und tatsächlich folgte schon am Freitag eine Reaktion des Vereins – von empfindlich kann dabei aber nicht die Rede sein. Die Go Ahead Eagles kassierten 500 Euro von Edvardsen ein, das Geld soll für soziale Dienste genutzt werden.
Diese Strafe ist nichts anderes als ein Witz. Im Millionengeschäft Fußball sind 500 Euro Peanuts. Selbst in den Niederlanden, wo alles etwas kleiner ist.
Zumal beim Mobber auch keine echte Reue zu vernehmen ist. Nach dem Spiel forderte Edvardsen zunächst gar eine Entschuldigung von Stiller, lenkte offenbar erst nach eindringlichen Worten seines Kapitäns ein.
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Die öffentliche Entschuldigung folgte erst mit der Verkündung der Strafe. Der Schwede lässt sich dabei zitieren: "Es wurden Dinge zwischen uns gesagt und getan, die nicht auf einen Fußballplatz gehören." Wischiwaschi. Und eine Mitschuld von Stiller schwingt in den Worten auch mit.
Von Vereinsseite ist das Thema damit wohl erledigt, daran dürften auch empörte Kommentare am Samstagmorgen unter diversen Posts des Klubs nichts ändern. Eine höhere Instanz könnte, nein: müsste sich nun aber trotzdem noch melden: die Uefa.
Uefa wirbt für Respekt – folgen nun auch mal Taten?
Denn der Kontinentalverband wirbt seit Jahren in jedem Winkel des Stadions und in jeder möglichen Sekunde seiner Übertragungen mit dem riesigen Schriftzug "Respect". Sei es auf den Banden, an den Kapitänsbinden, auf Leibchen oder mit TV-Einspielern.
Respekt für alle, für Fans und Spieler:innen. Gegen rassistische, sexistische, antisemitische, homophobe oder ableistische Übergriffe. Ob letzteres in dem Fall ganz konkret zutrifft, ist dabei völlig egal. Fakt ist, dass Stiller für die Form seiner Nase nichts kann.
Sich über das nicht zu beeinflussende Erscheinungsbild seines Gegenübers derart lustig zu machen, ist folglich eine nicht zu tolerierende Grenzüberschreitung. Es ist Mobbing der übelsten Art. Und das nicht etwa von einem pubertierenden Teenager im Schulflur, sondern von einem 29-jährigen Nationalspieler vor tausenden Fans.
Die Uefa, sofern sie denn nun wirklich einmal für das einstehen möchte, wofür sie da seit Jahren so aufmerksamkeitswirksam wirbt, muss im Fall Edvardsen durchgreifen.
Ob der Schwede am Ende ein Monatsgehalt spenden oder drei Spiele zuschauen muss, ist im Detail zweitrangig. Es muss vor allem eine empfindliche Strafe her. Aufklärungsarbeit ist ebenfalls angebracht, damit Edvardsen wirklich versteht, was für eine Entgleisung er sich da geleistet hat.
Ob die Uefa ihren Pflichten auch wirklich nachkommen wird, steht indes auf einem ganz anderen Zettel. Die VfB-Fans können nach den Geschehnissen in Deventer oder Belgrad im Vorjahr ein Lied davon singen.
