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Bild: tnhistoire.net/watson.ch

Schlägereien, Schüsse und Nagel-Fallen: Die 2. Tour de France war wie im wilden Westen

reto fehr / watson.ch

In der Serie "Unvergessen" blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein großes Ereignis der Sportgeschichte zurück. Diesmal: 24. Juli 1904: Die zweite Tour de France endet im totalen Chaos. Und ein halbes Jahr später werden unter anderem die ersten vier Fahrer disqualifiziert.

Die Tour de France wird 1903 ins Leben gerufen und hat sofort einschlagenden Erfolg. Dieser wird dem Radrennen im Jahr darauf auf den identischen sechs Etappen jedoch fast zum Verhängnis. Tour-Gründer Henri Desgrange erklärt kurz nach dem Ende 1904: "Die Tour de France ist zu Ende. Es tut mir leid, aber die zweite Durchführung war auch die letzte. Wir sind beschämt, frustriert und entmutigt."

Vor der zweiten Austragung hat die Tour den besten 50 Fahrern fünf Francs Entschädigung pro Tag in Aussicht gestellt – und falls weniger als 50 Fahrer das Ziel erreichen würden, erhielten auch diejenigen Akteure die finanzielle Belohnung, welche aufgeben müssen. Desgrange glaubt, dass sein Rennen Zulauf braucht, um auf der Bildfläche zu bleiben.

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Die sechs Etappen der Tour de France 1904. Bild: grafik/watson.ch

88 Starter melden sich an, ins Ziel kommen 27. Zwölf werden ein halbes Jahr später disqualifiziert – unter ihnen die ersten Vier: Maurice Garin, César Garin, Lucien Pothier und Hippolyte Aucouturier (Gewinner von vier der sechs Etappen). Neuer und bis heute jüngster Tour-Sieger aller Zeiten wird der 19-jährige Henri Cornet. Ebenfalls außergewöhnlich: Mit dem 50-jährigen Henri Paret startet auch der älteste Tour-Teilnehmer aller Zeiten bei diesem Chaos-Rennen.

1. Etappe: Maskierte attackieren Fahrer mit Auto

Schon in der ersten Etappe zeichnet sich die Skandal-Tour ab. Die Führenden Maurice Garin und Lucien Pothier werden von vier Maskierten in einem Auto angegriffen. Sie kommen mit dem Schrecken davon. Garin soll zudem Essen von Tour-Offiziellen erhalten haben, obwohl dies verboten ist. Gerüchten zufolge haben die Verantwortlichen Angst, dass der Sieger von 1903 ansonsten aufgeben würde.

Doch auch andere Fahrer sind an illegalen Aktionen beteiligt: Hippolyte Aucouturier wird von einem Velofahrer begleitet, der nicht an der Tour mitmacht, Samson lässt sich im Windschatten eines Autos ziehen und Chevallier hat sich 45 Minuten in einem Auto chauffieren lassen.

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So geht es in den Anfangsjahren der Tour de France zu Bild: bikeraceinfo.com/watson.ch

2. Etappe: "Tötet sie!" – erst Pistolenschüsse sorgen für Ruhe

Der Start zur 2. Etappe erfolgt um Mitternacht. Bald greift Lokalmatador Andre Faure an. Um die Verfolger aufzuhalten, stürmen nahe seinem Heimatort rund 200 Fans die Strecke. Giovanni Gerbi wird in Rangeleien bewusstlos geschlagen und muss aufgeben, Garin wird an der Hand verletzt. "Tötet sie!", schreien die Zuschauer den Garin-Brüdern an den Kopf. Erst als die Offiziellen mit ihren Pistolen in die Luft schießen, machen sich die Querulanten aus dem Staub.

Garin wird später nochmals angegriffen und kann das Rennen nur mit einer Hand am Lenker beenden. Im Ziel herrscht Chaos, von einigen Fahrern gibt es keine offizielle Schlusszeit. Die Akteure wollen, dass die Resultate der Etappe gestrichen werden, was aber nicht geschieht.

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Maurice Garin nach dem Tour-Sieg 1903 mit seinem Sohn Bild: wikipedia.org/watson.ch

3. Etappe: Zuschauer verbarrikadieren die Straße und werfen Steine

Das Chaos geht weiter. Weil Lokalheld Ferdinand Payan vor der 3. Etappe disqualifiziert wird, gehen die Zuschauer auf die Straße. Sie werfen mit Steinen und verbarrikadieren die Strecke. Zudem werden auf einige Streckenabschnitte Nägel gestreut.

Viele Fahrer werden dabei verletzt, Cesar Garins Rad wird von Zuschauern kaputt getreten, er muss sich 15 Minuten lang ein Ersatz-Rad suchen, bevor er weiterfahren kann.

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Die drei Erstplatzierten der Tour 1904 (vor der Disqualifikation): Lucien Pothier (2. Rang, l.), Maurice Garin (Sieger, Mitte) und Cesar Garin (3. Rang, r.) Bild: bikerraceinfo.com/watson.ch

4. Etappe: Das Unglaubliche geschieht

Ja, angeblich ist es wirklich so: Die Etappe verläuft ohne Zwischenfälle.

5. Etappe: 40 Kilometer mit zwei platten Reifen

Auf der 5. Etappe werden wieder Nägel von Fans gestreut. Mannschaftswagen mit Ersatzräder gibt es noch nicht. Henri Cornet (der später zum Gesamtsieger erklärt wird) muss die letzten 40 Kilometer mit zwei platten Reifen bestreiten – und beendet die Etappe trotzdem auf Rang 5.

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Henri Cornet vor einer Etappe 1904 Bild: historianet.nl/watson.ch

6. Etappe: Letzter Kilometer wegen Regen gesperrt

Das Rennen wird einige Kilometer vor dem Ziel neutralisiert und soll für den letzten Kilometer in Paris nochmals freigegeben werden. Doch der Regen verhindert dies. Der letzte Kilometer wird gestrichen.

Garin: "Wenn ich nicht ermordet werde, gewinne ich"

Maurice Garin kann sich in Paris wie schon 1903 als Sieger feiern lassen. Noch unterwegs, nach den ersten Zwischenfällen, verkündet er: "Wenn ich nicht ermordet werde bis Paris, werde ich die Tour erneut gewinnen." Nur 27 der 88 Fahrer werden klassiert. 29 wurden disqualifiziert, neun davon wegen unerlaubtem Mitfahren in Autos und Zügen.

Maurice Garin

Der Franzose wird durch Zufall Rad-Profi. Er fährt Amateurrennen und will eines Tages ein Rennen in Avesnes-sur-Helpes, nur 25 Kilometer von seinem Zuhause, bestreiten. Als er beim Start ankommt, merkt er, dass nur Profis zugelassen sind. Garin wartet, bis alle Fahrer gestartet sind, fährt dann hinterher und überholt alle Gegner trotz zwei Stürzen. Die Zuschauer sind aus dem Häuschen, die Organisatoren wollen ihm die 125 Francs Siegesgeld aber nicht ausbezahlen. Die Zuschauer sammeln daraufhin 300 Francs und schenken sie Garin. Dieser wagt daraufhin den Schritt zum Profi.

Wegen den vielen Ungereimtheiten wird allerdings eine Untersuchungskommission eingesetzt, welche Fahrer und Zeugen in den kommenden Wochen vernimmt. Im Dezember 1904 ist das Urteil gefällt: Sieger Garin sowie die Fahrer der Ränge 2 bis 4 werden disqualifiziert. Garin wird zudem für zwei Jahre gesperrt, Pothier gar lebenslang.

Die Gründe für die Disqualifikation werden nie publik. Obwohl Garin bis zu seinem Lebensende behauptet, er sei der rechtmäßige Sieger von 1904, habe er einmal einem Vertrauten erzählt, dass er sich einige Kilometer von einem Auto mitnehmen ließ.

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Maurice Garin in Montur und mit Rad Bild: velonews.com/watson.ch

"Wir müssen den großen Kreuzzug für die Moral weitergehen"

Tour-Gründer Desgrange nimmt seine Aussage, dass dies die letzte Tour de France gewesen sei, später zurück: "Wir müssen den großen Kreuzzug für die Moral weitergehen und im Radsport aufräumen."

Garin beendet danach seine Karriere und führt eine kleine Garage. 1933 wird in Lens das "Stade Vélodrome Maurice Garin" eingeweiht. Das Interesse an Radrennen bleibt bestehen und Garin stellt nach dem Zweiten Weltkrieg ein eigenes Team auf die Beine. 1953 – zum 50. Jubiläum der Tour – wird der erste Sieger mit anderen Legenden ans Ziel in Paris eingeladen.

Maurice Garin stirbt 1957. Im Jahr 2003 wird zum 100-jährigen Jubiläum der Tour eine Straße in seinem Heimatort Maubeuge nach ihm benannt.

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