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Jay-Jay Okocha: "So good that they named him twice." bild: imago images/kicker/liedl

Unvergessen

Jay-Jay Okocha demütigt Oliver Kahn und drei Verteidiger mit einem Wahnsinnstanz

Reto Fehr / watson.ch

In der Serie Unvergessen blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein großes Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei. Heute: 31. August 1993. Der 20-jährige Jay-Jay Okocha macht sich bei Eintracht Frankfurt mit einer einzigen Aktion unsterblich. Und selbst der spätere dreifache Welttorhüter Oliver Kahn ist ob der Demütigung nicht sauer, sondern kann nur gratulieren.

"Stellen Sie den Ton des Fernsehers lauter, kommen Sie nahe an den Monitor heran und genießen Sie!", so kündigt Jörg Dahlmann bei seinem Spielbericht für Sat1 eines der schönsten Bundesliga-Tore aller Zeiten an. Dass der Kommentator selbst gerade Zeuge eines außergewöhnlichen Tores geworden ist, lässt ihn gar seinen Job aufs Spiel setzen: "Liebe Zuschauer! Die Zeit für meinen Bericht ist zwar abgelaufen, aber egal. Sollen sie mich rausschmeißen. Ich zeig' ihnen die Szene bis zum Umfallen!"

Dahlmann darf seinen Job behalten. Denn es sind elf Sekunden und fünf Haken, die so gar nicht in diese Zeit der Bundesliga passen wollen. In den 90er Jahren prägen hartes Einsteigen und Vokuhila-Frisuren die Liga und dann kommt diese 87. Spielminute am fünften Spieltag zwischen Eintracht Frankfurt und und dem Karlsruher SC.

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Okochas Solo gegen Oliver Kahn und die halbe Hintermannschaft von Karlsruhe. Video: YouTube/Eintracht Frankfurt

22 Minuten zuvor ersetzt der 20-jährige Jay-Jay Okocha den glanzlosen Jan Furtok. Bereits in der 77. Minute bereitet der Nigerianer das 2:1 durch Uwe Bein vor, zehn Minuten später hätte der Weltmeister von 1990 zum 3:1 einschieben können, doch Frankfurts Nummer zehn legt den Ball zurück auf Okocha und ermöglicht diesem ein Solo für die Ewigkeit.

"Hätte ich verschossen, hätte ich nie wieder unter ihm gespielt"

Der Nigerianer spielt mit dem jungen Karlsruher Torwart Oliver Kahn Katz und Maus, dribbelt vor das Tor, und schließt den "Wahnsinnstanz" (Kicker) gegen die Verteidiger Slaven Bilic, Burkhard Reich und Lars Schmidt mit dem 3:1 ab. "Jay-Jay tanzt Oko-cha-cha", titelt die "Bild" am Tag danach. "Beckenbauer, Baresi, Kohler... alle Liberos und Manndecker der Welt hätten hier stehen können und sie wären allesamt von ihm ausgetanzt worden", schreit Dahlmann. Und er dürfte damit recht haben.

Jay-Jay Okocha

Der beste Fußballer, den Nigeria je hatte, wechselt 1998 für die damalige Rekordsumme für einen afrikanischen Kicker für 12,5 Millionen Euro von Fenerbahçe Istanbul zu Paris St-Germain. Große Titel bleiben ihm im Klubfußball verwehrt. Er kann einzig den französischen Supercup gewinnen. Mit der Nationalmannschaft holt er 1994 den Afrika-Cup und 1996 Olympiagold. Okocha führt Nigeria 1994, 1998 und 2002 dreimal zu Weltmeisterschaften, zweimal ins Achtelfinale. Nach Frankfurt, Fenerbahçe, PSG, Bolton und dem Qatar SC beendet er seine Karriere 2008 mit dem Aufstieg bei Hull City.

Was Okocha nicht weiß: Seine unmittelbare fußballerische Zukunft hängt an diesem Treffer. "Nach dem Spiel kam Trainer Toppmöller auf mich zu und sagte, dass ich unter ihm nie wieder gespielt hätte, wenn der Ball nicht reingegangen wäre", erzählt der Traumtorschütze später. "Und ich hätte Toppmöller in dieser Entscheidung gestärkt", fügt Eintrachts Vize-Präsident Bernd Hölzenbein hinzu.

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Schon im Februar 1993 machte Okocha mit diesem Regenbogen-Trick gegen Dresdens Sven Kmetsch auf sich aufmerksam. Video: YouTube/ribbel

"Ich möchte auch mal normale Tore schießen, ein Schuss aus 30 Metern"

Denn Trainer Klaus Toppmöller steht während Okochas Tanz nach eigenen Angaben am Rande eines Herzinfarkts: "Schieß endlich, schieß, habe ich acht-, neunmal gebrüllt", gibt der Übungsleiter zu Protokoll und für Hölzenbein rannte Okocha "mindestens eine Minute lang" vor Kahn hin und her. Es waren elf Sekunden. Auch dies eine Ewigkeit im Fußball.

Der Fußballer selbst, der auf dem Platz irgendwie nie erwachsen wurde und immer verspielt blieb, hat eine einfache Erklärung für das Solo bereit: "Ich hatte gar nicht vor, den Ball so lange zu halten. Ich habe das Loch gesucht." Die ARD-Zuschauer wählen den Treffer im Frankfurter Waldstadion zum Tor des Jahres 1993. Okocha kommentiert: "Ich möchte auch mal normale Tore schießen, ein Schuss aus 30 Metern." Dabei gehören gerade Weitschüsse und Freistöße zu den weiteren Spezialitäten des Spielmachers.

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Neben seinen Dribblings-Künsten war Okocha auch für seine Freistöße und Gewaltsschüsse – wie hier für PSG gegen Lyon – bekannt. Video: YouTube/Diarra Arabic

Oliver Kahn nimmt das "schönste Gegentor der Karriere" gelassen

Und Oliver Kahn? Der Keeper, der für seinen Ehrgeiz berühmt war und jedes Tor als persönliche Beleidigung empfand? Der bleibt in einem Interview mit dem Magazin "11 Freunde" 20 Jahre später total entspannt: "Jay-Jays Tor war genial. Außerdem ist mir durch diese Szene erstmals aufgefallen, wie beweglich ich war. Hoch, runter, wieder hoch, wieder runter! Ich war verdammt schnell… Das habe ich jedenfalls aus diesem Tor rausgezogen."

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Okochas Freistoß für Bolton gegen Aston villa im Carling-Cup-Halbfinale. Video: YouTube/Didledee

Auch seine Vorderleute mag er für das "schönste Gegentor der Karriere" nicht kritisieren: "Nein, wem hätte ich da einen Vorwurf machen können? Ich war nach dieser Situation völlig ruhig – warum auch immer. Die haben das Schauspiel aus der Distanz ganz wunderbar beobachtet und mir viel Glück gewünscht. (lacht) Aber dieses Tor ist mir mit einem Schmunzeln in Erinnerung geblieben und auf gar keinen Fall negativ besetzt."

Die Legende von der Entdeckung durch Stepanovic: "Statt zu schlafen, kannst du auch bei uns trainieren"

Dass Okocha überhaupt bei Frankfurt gelandet ist, ist der Legende nach einem grossen Zufall geschuldet. Mit 17 Jahren schenken die Eltern Augustine Azuka, der damals schon von allen nur Jay-Jay gerufen wird, zum Abitur eine Reise nach Deutschland. Er darf dort seinen älteren Bruder Emmanuel besuchen, der Profifussballer ist. Ein Freund nimmt ihn dann zum Training von Borussia Neunkirchen in der damaligen dritthöchsten Liga mit. Okocha überzeugt und der Verein setzt alles daran, dass er bleibt.

Bildnummer: 14824975  Datum: 29.03.1993  Copyright: imago/Alfred Harder
Trainer Dragoslav Stepanovic (Eintracht Frankfurt, re.) - Pressekonferenz; ORD0105 Eintracht Frankfurt xPSx xdp yoh quer Fussball GER 1992/1993 Pressetermin

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Der Legende nach hat Dragoslav Stepanovic zu Okocha gesagt: "Statt zu schlafen, kannst du auch bei uns trainieren." bild: imago/alfred harder

Eines Tages soll Dragoslav Stepanovic den jungen Supertechniker, den er später einmal als "originellsten Spieler seit Pelé" beschreiben wird, gesehen haben und ihn gefragt haben, was er denn sonst so mache, wenn er nicht Fußball spiele. "Schlafen", ist Okochas Antwort und "Stepi", damals Frankfurts Trainer sagt: "Dann kannst du auch zu uns zum Training kommen." Die Ablösesumme beträgt 25.000 Mark.

Der Mentor von Ronaldinho

Die Karriere bei Frankfurt verläuft für Okocha später weniger erfolgreich. Zu viel brotlose Kunst, zu viel Zirkus wird ihm immer wieder vorgeworfen. Nach dem Abstieg 1996 wechselt er zu Fenerbahçe Istanbul. Trotzdem wird der Mittelfeldspieler später von den Frankfurt-Fans zu einem der besten elf Eintracht-Spielern aller Zeiten gewählt und ziert seit Januar 2013 eine der "zwölf Säulen der Eintracht" in der U-Bahn-Station Willy-Brandt-Platz. Fußball-Fans entscheiden halt nicht immer mit dem Kopf, sondern meist mit dem Herzen. Und in diese dribbelte sich der Nigerianer im Sturm.

3106242 05/21/2017 FIFA Legends' Jay-Jay Okocha, Ronaldinho and Russia's Alexander Mostovoi, right to left, during a friendly match between FIFA Legends and the Russian team, on Konyushennaya Square in St. Petersburg. Mikhail Kireev/Sputnik Foto: Mikhail Kireev/Sputnik/dpa |

Kumpels seit PSG: Okocha (r.) und Ronaldinho (2.v.r.) bei einem Legendenspiel der Fifa. Bild: picture alliance / Mikhail Kireev/Sputnik/dpa

In der Türkei erhält Okocha die türkische Staatsbürgerschaft und nennt sich Muhammet Yavuz, nach zwei Jahren wechselt er zum PSG. Dort nimmt er sich während seinen letzten beiden Jahre dem jungen Ronaldinho als Mentor an. In Paris wird noch immer gemunkelt, dass der Brasilianer seine besten Tricks von Okocha gelernt habe.

"Jay-Jay... so gut, dass sie ihm zwei Namen gaben"

Dieser zieht 2002 zu Bolton nach England weiter. Die Fans prägen den Ausdruck "Jay-Jay... so gut, dass sie ihm zwei Namen gaben".

Die Trainer hätten ihm auch immer wieder gesagt, er mache zu riskante Sachen, aber Okocha erklärt: "Mit der Zeit lernen sie mich kennen und sie realisieren, dass ich nur das mache, was ich kann. Die Tricks können zwar misslingen, aber meistens nehme ich kein allzu großes Risiko." Und angesprochen auf einen Rabona-Pass, den er in der eigenen Platzhälfte gegen Birmingham zum Spielaufbau benutzte, sagt der Zauberfußballer: "Ach, solche Aktionen sind nur um anzugeben." Gut, dass die wichtigsten elf Sekunden in Okochas Karriere ein Happy End hatten. Wir hätten sonst viele seiner Tricks wohl gar nie gesehen.

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