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Roberto Baggio (ITA), JULY 17, 1994 - Football : Roberto Baggio missing a penalty during the FIFA World Cup USA final match between Brazil - Italy at Rose Bowl, Pasadena, California, USA.   (855) PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxPOLxRUSxSWExFRAxNEDxESPxONLY (200403181749022)

Der fatale letzte Elfmeter von Roberto Baggio geht drüber. Bild: imago images / AFLOSPORT

Unvergessen

Roberto Baggios Elfmeter in die Erdumlaufbahn lässt ganz Italien weinen

Philipp Reich / watson.ch

In der Serie "Unvergessen" blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein großes Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei. Heute: 17. Juli 1994. Italien und Brasilien streben im WM-Final von Los Angeles ihren vierten Titel an. Nach 120 torlosen Minuten entscheidet erstmals ein Elfmeterschießen, wer den Weltpokal holt. Drei Italienern versagen die Nerven, Superstar Roberto Baggio scheitert als Letzter kläglich.

Weißt du noch, wer bei der WM 1994 in den USA Torschützenkönig wurde? Nein? Es war Oleg Salenko. Du erinnerst dich aber bestimmt noch an Roberto Baggio, den "göttlichen Zopf", wie er im Finale gegen Brasilien zum tragischen Helden wurde. Das Scheitern im wichtigsten Moment seiner Karriere.

0:0 steht es im WM-Finale im Rose Bowl Stadium in Pasadena nahe Los Angeles nach 120 Minuten zwischen der Squadra Azzurra und der Seleção. Erstmals in der WM-Geschichte muss ein Elfmeterschießen darüber entscheiden, wer Weltmeister wird und wem die Tränen von den Backen kullern werden.

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Der "göttliche Zopf": Roberto Baggio mit seiner unverkennbaren Frisur und der Nummer zehn auf dem Trikot. Bild: imago images/Laci Perenyi

Italien hat keine guten Erinnerungen an die Kurzentscheidung. 1990 bei der WM im eigenen Land verliert der damals dreifache Weltmeister sein erstes WM-Elfmeterschießen im Halbfinale gegen Argentinien. Roberto Donadoni und Aldo Serena scheitern an Elfer-Killer Sergio Goycochea.

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Das Penaltyschiessen in voller Länge. Video: YouTube/Football Orb

Auch gegen Brasilien beginnen die Azzurri katastrophal. Libero Franco Baresi hämmert den Ball mit viel Rücklage über den Kasten von Brasiliens Keeper Taffarel. Doch auch der erste Schütze der Seleção scheitert. Gianluca Pagliuca im Tor der Italiener macht Baresis Schnitzer mit einer Glanzparade gegen Marcio Santos wieder gut.

Dann treffen der Reihe nach Demetrio Albertini, Romario, Alberigo Evani und Branco. Es steht 2:2, als Taffarel den Schuss von Daniele Massaro unschädlich macht. Und weil Captain Carlos Dunga souverän versenkt, ist klar, dass der letzte italienische Schütze, Roberto Baggio, jetzt treffen muss.

"Es ist eine Wunde, die sich niemals schließt."

Roberto Baggio

Der Stürmer von Juventus Turin nimmt einen langen Anlauf, um den Ball danach weit übers Tor zu schießen. Während Baggio seinem Fehlschuss noch sekundenlang nachsieht und dann den Blick senkt, bricht bei den Brasilianern kollektiver Freudentaumel aus. Italiens Nummer zehn dagegen ist zu diesem Zeitpunkt der einsamste Mensch auf dem Planeten.

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Baggio (r.) läuft Carlos Dunga davon. Bild: imago images/Laci Perenyi

"Es ist eine Wunde, die sich niemals schließt", sagt Baggio später. "Ich hatte immer davon geträumt, ein WM-Finale gegen Brasilien zu spielen. Aber als es dann Realität wurde, da verschoss ich einen Elfmeter." An den schwierigsten Moment seiner Karriere erinnert er sich später gut: "Ich habe das Ganze sehr bewusst erlebt, und ich war voll konzentriert. Auf der anderen Seite war ich derart erschöpft, dass ich es mit der Brechstange versucht habe."

Mit fünf Toren in der K.-o.-Runde hatte Baggio Italien nach einer katastrophalen Vorrunde praktisch im Alleingang ins Finale geschossen. Zum Schluss ist der Mann mit dem Zöpfchen aber der tragische Held. Doch anstatt den Stürmer zum Deppen der Nation abzustempeln, lieben ihn die Tifosi nach dem verlorenen WM-Final noch mehr als zuvor.

Roberto Baggios Stern geht bei der WM 1990 zuhause in Italien auf. Der damals 23-jährige Jungspund trifft zwar nur in der Vorrunde beim 2:0 gegen die Tschechoslowakei und im kleinen Finale beim 2:1 gegen England, und bleibt damit klar im Schatten von Stürmerkollege Toto Schillaci, doch allen ist klar, dass hier ein künftiger Superstar heranreift.

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Baggio (r.) muss den WM-Pokal stehen lassen. Hier plaudert er kurz vor der Medaillenvergabe mit Sepp Blatter. bild: imago sportfotodienst

Der nur 1,74 Meter große Baggio bringt alles mit, was ein Stürmer braucht. Er ist schnell, technisch versiert, schussstark und hat einen ausgeprägten Torriecher. Weil er auch als Vorbereiter glänzt, gilt er als erste "Neuneinhalb" der Fußball-Geschichte. "Baggio ist keine klassische Nummer neun. Und auch keine zehn, sondern vielmehr eine 'halbe' Nummer zehn", stellt der spätere Uefa-Präsident Michel Platini damals fest.

Knie als Schwachpunkt des göttlichen Zöpfchens

Unmittelbar nach der WM im eigenen Land wechselt Baggio für 15 Milliarden Lire (16 Millionen Euro) vom AC Florenz zu Juventus Turin. Die Viola-Fans zerlegen daraufhin die Altstadt, Baggio wird zum teuersten Fußballer der Geschichte. Bei der "Alten Dame" hat er seine stärkste Zeit. In 141 Spielen erzielt er 78 Tore, 1993 wird er zum Weltfußballer gewählt. "Il Divino" wird er genannt, der Göttliche, weil er so über den Rasen schwebt wie Jesus einst über das Wasser.

"Er kann Fußball spielen wie noch nicht mal die Heiligen im Paradies."

Luigi Maifredi, von 1990 bis 1991 Trainer bei Juventus Turin.

Als die Haare länger werden und er sich den für ihn typischen Zopf flechten lässt, wird daraus "Il divin Codino", der göttliche Zopf. Die ganz großen Titel bleiben ihm allerdings auch im Clubfußball verwehrt. Zweimal wird er mit Juve italienischer Meister, einmal Uefa-Pokal-Sieger. "Er kann Fußball spielen wie noch nicht mal die Heiligen im Paradies", sagt Luigi Maifredi, sein erster Trainer in Turin.

Doch immer wieder wird er von Verletzungen zurückgeworfen. Eine Operation folgt auf die andere. Wieder Pause, wieder Reha, wieder Neuanfang. "Ich habe eigentlich höchstens mit anderthalb Beinen gespielt", schreibt Baggio später in seiner Biographie "Ein Tor im Himmel". Das rechte Knie wird für den Rest seiner Karriere bei Milan, Bologna, Inter und Brescia der große Schwachpunkt des gläubigen Buddhisten und Querdenkers bleiben.

Weltmeisterschaft Finale, Brasilien - Italien in Pasadena: Roberto Baggio (Italien) vor Aldair (Brasilien)

World Cup Final Brazil Italy in Pasadena Roberto Baggio Italy before Aldair Brazil

Baggio und Aldair. Bild: imago/Magic

Schon nach dem verschossenen Elfmeter von 1994 ist seine Karriere in der Squadra Azzurra faktisch vorbei. Arrigo Sacchi und später Cesare Maldini setzen nicht mehr auf ihn. 1999 folgt der Rücktritt, doch Giovanni Trappatoni gewährt dem in die Jahre geratenen Superstar 2004 doch noch einen würdigen Abgang. Baggio läuft im Freundschaftsspiel gegen Spanien zum 56. und letzten Mal im Trikot der Azzurri auf.

Mit 27 Toren liegt er zusammen mit Alessandro del Piero noch immer auf Rang vier der ewigen Torjägerliste. Nur Gigi Riva (35), Giuseppe Meazza (33) und Silvio Piola (30) trafen noch öfter. Drei Wochen nach dem späten Comeback in der Nationalmannschaft bestreitet Baggio mit Brescia endgültig das letzte Spiel seiner Karriere.

Brasilien ist Weltmeister, u.a. mit: Torwart Zetti (hi.2.v.l.), Cafu (hi.2.v.re.), Viola (vo.li.) und Romario mit dem WM Pokal

Brazil is World Champion u A with Goalkeeper Zetti Hi 2 v l Cafu Hi 2 v right Viola vo left and Romario with the World Cup Cup

Brasilien feiert die Weltmeisterschaft. Bild: imago sportfotodienst

Baggio mit seinen Ideen abgeblitzt

Dem Fußball kehrt er komplett den Rücken, allerdings nur vorerst. Als die Squadra Azzurra bei der WM 2010 in Südafrika in der Vorrunde scheitert, ist es der leicht ergraute Baggio, von dem sich der italienische Verband Heilung verspricht. Nach drei Jahren als Technischer Direktor tritt Baggio aber bereits wieder zurück. Seine Reformpläne, die er in einem 900-seitigen Bericht verfasst hat, werden zurückgewiesen.

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Fußball für Dummies, erklärt von einem Dummie

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