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Nach vier Minuten Meisterschaft stellt sich bei Schalke-Trainer Huub Stevens und seinen Spielern Ernüchterung ein. Bild: imago/Team 2

Unvergessen

Vier Minuten feiert Schalke 04 den Titel – dann wird es nur "Meister der Herzen"

Philipp Reich / watson.ch

In der Serie "Unvergessen" blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein großes Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei. Heute: 19. Mai 2001. Schalke steht Kopf, die Fans bejubeln nach dem 5:3-Sieg gegen Unterhaching schon den ersten Meistertitel seit 1958. Doch in Hamburg, wo die Bayern spielen, läuft noch die Nachspielzeit. Und es passiert das Unfassbare.

Die Meisterschaft 2001 ist eigentlich schon gelaufen. Bayern München hat vor dem letzten Spieltag drei Punkte Vorsprung auf den ersten Verfolger Schalke. Ein Punkt reicht auf jeden Fall zum Titel. Das wird sich der Rekordmeister nicht mehr nehmen lassen – glauben alle.

Drama schon vorher

Die Vorgeschichte zur dramatischen Meisterentscheidung ereignet sich schon am 33. Spieltag. Schalke und Bayern liegen punktgleich an der Spitze, Schalke mit dem besseren Torverhältnis. Die "Knappen" spielen in Stuttgart, die Bayern empfangen Kaiserslautern. In der 90. Minute – "innerhalb von handgestoppten 2,5 Sekunden", wie der Premiere-Kommentator sagt – fallen zwei Tore: Balakov schießt Stuttgart zum Sieg und der eben erst eingewechselte Zickler die Bayern. Die Vorzeichen ändern sich: Der Vorteil liegt jetzt bei den Bayern.

Bayern-Keeper Oliver Kahn heizt vor dem Gastspiel beim Hamburger SV nochmals die Stimmung an. "Bis auf die Bayern-Fans wird ganz Deutschland gegen uns sein. Was Schöneres gibt es nicht", posaunt der Titan siegessicher. Doch dann in Hamburg tun sich die Bayern schwer, zumindest schwerer als erwartet. Bis zur 90. Minute steht es 0:0, als HSV-Stürmer Sergej Barbarez das Team von Ottmar Hitzfeld mit seinem 1:0 ins Elend stürzt. Doch noch ist die Partie nicht zu Ende.

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Die Entscheidung fällt in Hamburg. Video: YouTube/King TV

Auf Schalke ist die Partie gegen die SpVgg Unterhaching bereits beendet. Um 17.16 Uhr pfeift der Unparteiische Hartmut Strampe das Spiel ab. Es ist die letzte Partie im altehrwürdigen Parkstadion und die "Knappen" erkämpfen sich nach einem 0:2-Rückstand noch den verdienten 5:3-Sieg. Unterhaching steigt ab, und was ist mit Schalke? 65.000 Zuschauer können es kaum fassen: Meister, endlich, nach 43 Jahren!

"So ein Drehbuch kann nur der Teufel schreiben."

Reiner Calmund, Ex-Manager von Bayer "Vizekusen".

Denn kurz nach dem Abpfiff heißt es im Parkstadion, dass das Spiel in Hamburg ebenfalls zu Ende sei, dass die Bayern 0:1 verloren hätten. Nico van Kerckhoven aber stürmt zu Manager Rudi Assauer und ruft: "Es ist noch nicht aus!" Trainer Huub Stevens schickt die Spieler in die Kabine, die alte, nicht mehr funktionierende Rolltreppe hoch. Einige bleiben dennoch auf dem Spielfeld, zusammen mit Assauer und Andreas Müller.

Dann sagt Premiere-Kommentator Rolf Fuhrmann im Interview mit Müller vor laufender Kamera, in Hamburg sei Schluss und Schalke sei Meister. Assauer jubelt – und die Falschmeldung nimmt seinen Lauf.

"Ich habe Andreas Müller vor der Kamera gehabt und im Ü-Wagen Bescheid gesagt. Ich habe noch mal nachgefragt, ob das Spiel in Hamburg zu Ende ist. Da kam nichts Gegenteiliges. Also bin ich davon ausgegangen, dass Schalke Meister ist und habe es auch gesagt."

Premiere-Kommentator Rolf Fuhrmann. welt.de

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Rudi Aussauer, Andreas Müller (auf dessen Rücken) und Huub Stevens sehen die Schale schon vor ihren Augen... Bild: imago/Ulmer

Die Stadionregie löst wie geplant ein Feuerwerk aus. Es wird fatalerweise als Startsignal für die Meisterfeier gedeutet. Tausende Fans strömen jetzt auf den Rasen, nicht ahnend, dass die Partie in Hamburg noch läuft. Die Schalke-Spieler liegen sich in den Armen, überall wird ausgelassen gefeiert.

Doch dann, nach exakt 4 Minuten und 38 Sekunden, das jähe Ende der Feierlichkeiten: Auf der Videoleinwand hinter der Südtribüne flackern plötzlich Bilder auf. Bilder vom Bayern-Spiel in Hamburg. Dort hat Torhüter Oliver Kahn seine Vorderleute nach dem 0:1 angeschrien: "Weitermachen, immer weitermachen!" Und das tun die Bayern auch.

Kahn rüttelt alle auf und Andersson trifft

In der 94. Minute nimmt HSV-Keeper Mathias Schober einen Rückpass von Tomas Ujfalusi mit der Hand auf, Schiedsrichter Dr. Markus Merk gibt indirekten Freistoss.

Wie von der Tarantel gestochen sprintet Kahn nach vorne und rempelt HSV-Spieler an, rüttelt alle auf und will in seinem Übereifer sogar den Freistoß schießen. Stefan Effenberg behält die Nerven und weist ihn ab: "Nein, nein, bleib ruhig und lass den Patrik ran!" Schließlich nimmt Abwehrchef Patrik Andersson Anlauf – und trifft.

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Der letzte Spieltag aus Schalke-Sicht. Video: YouTube/ruebe634

Der Ball flutscht unter der Mauer hindurch, passt haargenau. Wenig später ist Schluss: Die Bayern und nicht Schalke sind Meister. Während Hitzfeld vor der Bank, umringt von seinen Spielern, tänzelt, sprintet Kahn zur Eckfahne, holt sie aus der Verankerung und lässt seinen Emotionen freien Lauf.

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… und brüllt mit der Meisterschale in der Hand: "Da ist das Ding, da ist das Ding!" Video: YouTube/dietmarhatsbezahlt

Auf Schalke sehen die Fans den Treffer von Andersson auf der Großleinwand. Fassungslos starren sie nach oben, Konsternation macht sich breit. Auf dem Rasen brechen viele Fans heulend zusammen, anderen fehlt die Kraft zum Weinen. Dem riesigen Konzert des Jubels wird der Stecker gezogen. Schließlich legt sich eine gespenstische Stille über das Stadion.

VfB Stuttgart 12.05.2001, 1. Fussball-Bundesliga, VfB Stuttgart - FC Schalke 04 (1:0): Schalke Fans.

VfB Stuttgart 12 05 2001 1 Football Bundesliga VfB Stuttgart FC Schalke 04 1 0 Schalke supporters

Bild: imago/Sportfoto Rudel

"Meister der Herzen"

In der Kabine macht sich Frust breit. "Bänke, Türen, Fernseher – nichts ist mehr heil geblieben. Zum Glück hat uns keiner die Rechnung geschickt", sagt Verteidiger Marco van Hoogdalem später.

Trainer Stevens schickt seine Jungs schließlich auf den Balkon. Mit leeren Gesichtern klatschen sie in die Menge. Als "You'll never walk alone" gespielt wird, verliert selbst Stevens, dieser harte Hund, den Kampf gegen die Tränen.

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Schnief! Huub Stevens als frischgebackener Vizemeister. bild: imago sportfotodienst

Manager Rudi Assauer schwört dem Fußballgott ab: "Wenn er gerecht wäre, wäre Schalke Meister geworden." Die Tränen machen die Königsblauen immerhin zum "Meister der Herzen".

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Rudi Assauer: Wütend, enttäuscht, trauernd, genervt. Bild: imago/Sven Simon

Eine Woche später holt Schalke dank einem 2:0-Sieg gegen Union Berlin den DFB-Pokal. Die Welt ist wieder in Ordnung. Zumindest fast. Denn so richtig wird sie das erst sein, wenn Schalke endlich den ersten Meistertitel seit 1958 feiern kann. Für mehr als 4:38 Minuten.

Gelber Fleck auf blauem Grund – mutige BVB-Fans auf Schalke

"Was kostet die Welt, Digger!"

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