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"Wer ist Messi, dass er nicht rennt?" – Argentiniens Kampf um den einsamen Star

26.06.2018, 15:2226.06.2018, 18:58
watson sport

Was ist los mit Lionel Messi? Das fragen sich die Fußballfans auf der Welt und vor allem in Argentinien. Vom "Mysterium Messi" schrieb der Sportpublizist und intime Kenner des iberoamerikanischen Fußballs Javier Cáceres der "Süddeutschen Zeitung".

Denn der Superstar kommt nicht in Schwung. Am Dienstagabend (20 Uhr) gegen Nigeria muss er gar um den Einzug ins Viertelfinale bangen. Vor der entscheidenden Partie gibt es Gerüchte über einen Machtkampf der Führungsspieler mit Trainer Jorge Sampaoli. "Wir brauchen jetzt Sicherheiten und keine Unsicherheiten", sagte Auswahlspieler Javier Mascherano.

Das Drama um Argentinien und seinen einsamen Star Lionel Messi in 3 Akten. 

Der verpatzte Auftakt und ein verschossener Elfmeter

31 Jahre alt, ist Messi am 24. Juni geworden. Aber noch immer fehlt ihm der WM-Titel.

Schon der Turnier-Auftakt gegen Island verlief für Messi nicht schön. 1:1 endete die Partie und Messi vergab einen Elfmeter. 

Seither haben Brasiliens Fans einen neuen Lieblingssong. Zur Melodie des Partisanenlieds "Bella Ciao" schmettern sie. "O Di Maria, o Mascherano, o Messi ciao, Messi ciao, Messi, ciao, ciao, ciao," Niederlagen des Lieblingsfeinds sind eben am schönsten.

Brasiliens neuer Lieblingssong

Messi schweigt. Wie er immer schweigt. Der Mann lebt zurückgezogenen. Er gibt seine Antworten auf dem Platz. Oder höchstens mal mit einem lächelnden Nicken.

Fußball-Autor Christoph Biermann durfte Messi an der Playstation für den "Spiegel" sogar an der Playstation über die Schulter schauen. Wer denn besser sei, der virtuelle Messi oder der reale, wollte der Reporter wissen. Messi schaute auf die Konsole und nickte!

Lionel Messi probiert mitunter auf der Playstation aus, was später auf dem Platz folgt: Zauberhaftes.

Aber im Moment klemmt es beim Magier. Und das führt zu Zerwürfnissen. Im Spiel. Im Team. Und im Verband. Von einem Aufstand gegen Trainer Sampaoli ist die Rede.

Die verschwiegene Revolution

Hinterher wollte niemand etwas wissen. Der Aufstand wurde einfach totgeschwiegen. "Der Trainer muss sich nicht mit uns abstimmen, aber er will eben wissen, wie sich die Spieler auf dem Platz fühlen", erklärte Auswahlkicker Mascherano vielsagend. Sampaoli sagt, er konzentriere sich "nur auf das Spiel" und habe "die Fake News nicht gelesen".

Der Trainer spricht (und niemand hört zu)

Das Team fühlt sich nicht gut. Messi kommt nicht in Schwung. Holt sich die Bälle im Mittelfeld und wurde dort bei der WM-Niederlage gegen Kroatien von den gegnerischen Mittelfeldspielern einfach abgelaufen. 

So war es schon vor vier Jahren im WM-Finale von Rio gegen Deutschland

Am entscheidenden Spiel in Russland gegen Nigeria soll Ever Banega das Spiel machen, Messi weiter nach vorne rücken, im Sturm könnte Sergio Agüero weichen. 

So wird in den heimischen Medien berichtet. Die Aufstellung war schon vor der wichtigen Partie gegen Nigeria durchgesickert. Mal wieder. Verschwörungstheorien machen die Runde. Gegen Messi. Gegen den Trainer. Gegen Argentinien.

Und der Machtkampf? "Es gibt viele Mythen, die hier erzeugt werden, die wir nicht erklären können", sagt Routinier Javier Mascherano, der die Beziehung zum Trainer als "völlig normal" und die Stimmung als "gut" einstuft und nun forderte:  "Wir sind Vizeweltmeister und müssen das endlich beweisen!".

Sampaoli schweigt. Oder flüchtet sich in Selbstironie. "Außer eben, dass Messi die Aufstellung macht und Mascherano die Anweisungen gibt", scherzte der Coach auf der abschließenden Pressekonferenz. 

In der Heimat sieht man den Coach kritischer. Als "Vater der Niederlage" bezeichnet die mächtige Zeitung "La Nacion" Sampaoli. Nach Ansicht des früheren Weltmeisters Osvaldo Ardiles ist der 58-jährige Trainer "arrogant und ignorant". Passend dazu tauchten Zitate aus Sampaolis Biographie auf, in der es heißt: "Ich plane nichts. Alles entsteht in dem Moment in meinem Kopf. Ich hasse Planspiele!"

Genau so, nämlich ohne Idee und Überlegung, tritt dann eben auch seine Mannschaft auf. Messi, so die große Hoffnung, wird es schon richten. Aber Messi, so die Realität, kann (oder will) es eben nicht richten.

"Wer zum Geier ist Messi, dass er nicht rennt?"
Hector Enrique. WM-Sieger mit Argentinien 1986

"Wer zum Geier ist Messi, dass er nicht rennt?", schimpft Hector Enrique, mit Argentinien Weltmeister 1986, nach dem peinlichen 0:3 gegen Kroatien, das in aller Deutlichkeit die fehlende Geschlossenheit zwischen Team und Trainer offenbarte.

"Vieles, was geschrieben wurde, ist gelogen", sagt Verbandsboss Claudio Tapia. Er muss dem Coach das Vertrauen aussprechen. Die Entschädigung für den Trainer beläuft sich nach Schätzungen von Medien auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Geld, das der Verband AFA nach acht Trainern in vierzehn Jahren nicht hat. 

 Daten lügen nicht

Argentinien ist abhängig von Messis Spiel. In den Medien ist von Messidepencia die Rede, in Anlehnung an das spanische Wort für Abhängigkeit dependencia. 

Cesar Luis Menotti, legendärer Fußball-Weiser und Coach der argentinischen Weltmeisterelf von 1978, sagt der "Financial Times": "In Argentinien ist alles Konfusion." Und zu Messi sagt Menotti: 

"In Barcelona spielt er. In Argentinien rennt er."
Cesar Luis Menotti, Trainer und Fußballphilosoph
financial times

Was Menotti damit meint, zeigen die Daten des Castrol Fußball Index. Das Analysetool wertet die Laufwege und Passquote von Top-Fußballern aus. Für Messi belegen sie.

  • In Argentiniens Nationalteam muss sich Messi die Bälle im Mittelfeld holen. Er kann kaum Fahrt aufnehmen.
  • Im Verein in Barcelona spielt Messi im letzten Drittel vor dem Tor. Kriegt er den Ball ist offen, ob er passt, ins Dribbling geht oder aufs Tor schießt. In Barcelona ist Messi der Unberechenbare.

Vamos! Vamos! Also auf nach vorne, Messi! Sonst geht es Mittwoch zurück nach Barcelona.

(per/sid)

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