Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.

"Diese Nutte" und was Materazzi Zidane noch alles vor dem Kopfstoß sagte

09.07.18, 10:35

philipp Reich / watson.ch

In der Serie "Unvergessen" blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein großes Ereignis der Sportgeschichte zurück. Diesmal: Der 9. Juli 2006, als Zinédine Zidane im WM-Finale von Berlin den berühmtesten Kopfstoß der Geschichte auspackt. 

Die Fußball-Welt ist geschockt. Was ist bloß in Zinédine Zidane gefahren, dass er so ausrastet? Zu diesem Zeitpunkt. Beim Stand von 1:1, in der 110. Minute des WM-Finals. In seinem allerletzten Spiel! Unverständnis allenthalben. Doch die Wiederholung lügt nicht. Er hat es tatsächlich getan.

Die Szene wirkt harmlos. Nach einem Freistoß in den Strafraum der Italiener hält Marco Materazzi Zidane leicht am Trikot fest. Es kommt zu einem Wortgefecht, von dem Frankreichs Nummer 10 bald einmal genug hat. Er trabt in Richtung Mittellinie. Doch plötzlich macht "Zizou" kehrt und streckt Materazzi abseits des Spielgeschehens mit einem Kopfstoß gegen die Brust nieder.

Erste Anwendung des Videobeweises?

Auf dem Platz brechen sofort Diskussionen aus, nur wenige haben die Tätlichkeit gesehen. Einer davon ist Italiens Torhüter Gianluigi Buffon. Er sprintet zu Schiedsrichter Horacio Elizondo und fordert einen Platzverweis. Doch der Argentinier zögert, er hat die Szene offenbar nicht gesehen. Erst nach einigen Minuten und nach Rücksprache mit dem vierten Offiziellen zeigt er Zidane die Rote Karte. Es ist bereits die 15. seiner Karriere.

In Frankreich ist man noch heute der Ansicht, dass erst die Videobetrachtung durch den vierten Referee dazu geführt habe, dass Zidane überführt wurde. Sein Kopfstoß gilt deshalb inoffiziell als erste Anwendung des Videobeweises. Die FIFA bestreitet diese Theorie jedoch und gibt an, der vierte Offizielle habe die Szene mit eigenen Augen gesehen.

Ob mit oder ohne Videobeweis: Zidane muss unter die Dusche und so endet seine grosse Karriere unrühmlich. Statt den WM-Pokal ein zweites Mal in die Höhe zu stemmen, läuft er mit gesenktem Kopf daran vorbei. Dabei hat doch alles so gut angefangen.

bild: imago/ulmer

Schon vor dem Finale zum MVP gewählt

Im Spätherbst seiner Karriere blüht der 1,85 Meter große Mittelfeldspieler noch einmal auf. 34 Jahre alt ist der Sohn algerischer Einwanderer mittlerweile und am Ball noch immer ein Genie. Er verkündet bereits im Vorfeld, dass er nach der WM zurücktreten werde. In der Vorrunde bleibt "Zizou" allerdings blass und Frankreich qualifiziert sich nach dem 0:0 gegen die Schweiz nur als Gruppenzweiter für die K.o.-Runde.

Dort zeigt Zidane aber sein wahres Gesicht. Im Achtelfinale erzielt er den letzten Treffer beim 3:1 gegen Spanien, im Viertelfinale gegen Brasilien bereitet er den 1:0-Siegtreffer magistral vor und im Halbfinal gegen Portugal trifft er selbst zum entscheidenden 1:0. Schon vor dem Finale wird Zidane zum MVP, dem wertvollsten Spieler des Turniers, gewählt.

Bild: imago (Montage watson)

Frankreich hat den zweiten WM-Finaleinzug nach 1998 dem unglaublichen "Zizou" zu verdanken. Und wie damals, als es bei der Heim-WM zum ersten Weltmeistertitel reicht, eröffnet die Nummer 10 das Skore. Nach sieben Minuten trifft Zidane mittels Panenka-Penalty via Lattenunterkante, doch Materazzi gelingt zwölf Minuten später der Ausgleich.

Es sollen die einzigen Tore aus dem Spiel bleiben. Zehn Minuten nach der für Zidane fatalen 110. Minute kommt es zum Elfmeterschießen. Frankreich verliert 3:5, weil Trezeguet nur die Torumrandung trifft. Der Schuldige ist jedoch ein anderer. "Der Platzverweis für Zidane hat das Spiel gedreht. Es war eine total sinnlose Aktion, es war der Schlüsselmoment des Spiels", ärgert sich der Trainer der "Bleus", Raymond Domenech, nach der Partie.

Materazzis Schrein bei sich zu Hause

Provokation mit der Mutter? Nein, es war die Schwester

Zidane schweigt. Und so bleibt auch das Rätsel, was Materazzi zum Franzosen gesagt hat, vorerst ungelöst. Einer Lippenleserin zufolge soll er Zidane als "Sohn einer Terroristen-Hure" beschimpft haben. Materazzi dementiert. "Ich bin ein Ignorant, ich weiß nicht Mal, was ein islamischer Terrorist ist" und "Für mich ist die Mutter heilig". Die Mama des damaligen Inter-Spielers starb, als der kleine Marco 14 Jahre alt war.

Erst zweieinhalb Wochen nach dem Vorfall wird das Geheimnis gelüftet. Die französische Illustrierte "Paris Match" beauftragt Mariella Balsamo, Dozentin am Nationalen Institut für Gehörlose in Messina (Sizilien), das Gespräch zu rekonstruieren.

Der 11-sekündige Dialog im Wortlaut

Materazzi zerrt Zidane im Strafraum am Trikot.
Zidane: "Wenn du es haben willst, schenke ich's dir nachher."
Materazzi: "Lass mich, du Schwuchtel. Du, mit deiner Nutten-Schwester. Scheisse."
Zidane dreht sich um.
Materazzi: "Deine Schwester, diese Nutte."
Zidane geht auf Materazzi zu.
Materazzi: "Ich spalte dir den Arsch."
Zwei Sekunden später rammt Zidane seinen Kopf gegen Materazzis Brust.

Ein Jahr später bestätigt Materazzi in einem Interview mit der "Gazzetta dello Sport" den Ablauf des Dialogs. "Ich habe an seinem Trikot gezogen. Da hat er gesagt, wenn ich sein Trikot unbedingt haben wolle, könne ich es ja nach dem Abpfiff haben. Ich habe darauf geantwortet, dass mir seine Schwester lieber wäre."

Zu einer öffentlichen Aussöhnung zwischen Zidane und Materazzi kommt es übrigens nie. "Ich bitte den Fußball, seine Fans und die Mannschaft um Verzeihung, aber niemals Materazzi. Das würde mich entehren. Lieber würde ich sterben", sagt "Zizou" im März 2010 der spanischen Zeitung "El Pais".

Kopfstoß wird Pop-Kultur

Zidanes Kopfstoss wird nach der WM auf mannigfaltigste Weise, vor allem aber humoristisch verarbeitet: Der Song "Coup de Boule" erreicht in den französischen und belgischen Charts die Spitze, in der Schweiz immerhin Platz 2.

"Zizou" wird außerdem zur Spielfigur von Flash-Games mit dem Ziel, möglichst viele Gegner per Kopfstoß niederzustrecken. Keine Verulkung, die durch Video-Editing und Photoshop nicht realisiert wird.

Der Zidane-Song "Coup de boule" stürmt die Hitparaden. Video: YouTube/nikwakwa

Statue zweimal weggeräumt

Im September 2012 wird in Paris auf dem Platz vor dem Museum Centre Pompidou eine fünf Meter hohe Statue des berühmtesten Kopfstoßes der Sport-Geschichte aufgestellt. Nur wenige Wochen nach der Enthüllung wird sie aber schon wieder entfernt. Sie sei "wider die Sportethik", so die Begründung.

Auch in Doha steht das Denkmal nicht lange. Die Beseitigung der Skulptur erfolgt im Herbst 2013 aufgrund der islamischen Rechtsprechung, nach der "Heldenkult" durch öffentliche Darstellungen verhindert werden soll.

Die Statue in Paris.  bild: imago

Trotz seines Kopfstoßes – Zidanes nationale und internationale Beliebtheit erleidet keinen bleibenden Schaden. Der 108-fache französische Nationalspieler wurde Trainer bei Real Madrid und hat mit den Königlichen drei Mal in Folge die Champions League gewonnen.

Was gleich nach der WM 2006 aber niemand weiß: Mit seiner Aktion läutet er nach einer sehr erfolgreichen Ära mit einem Weltmeister- und einem Europameistertitel ein dunkles Kapitel französischer Fußballgeschichte ein – das bis heute trotz der Finalteilnahme bei der Heim-EM 2016 noch keinen Abschluss gefunden hat.

Jetzt will die neue Generation eine Ära prägen:

So grandios sieht die WM in Pixel-Optik aus

Die WM in Russland bei watson:

Diese 8 Simpsons-Charaktere repräsentieren die Viertelfinalisten perfekt

Mit Sané, Dahoud und Max: Wen haben wir in der DFB-Elf der Zukunft vergessen?

Vorbild für die Bundesliga: Darum gibt es so viel Nachspielzeit bei der WM

Wegen dieser 3 Dinge liebt ganz England Gareth Southgate

Abonniere unseren Newsletter

0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Das Einzige, das nach dem WM-Aus leid tun muss: Marco Reus

Toni Kroos sagte nach seinem Kunstfreistoß gegen Schweden in die Kamera: "Man hat das Gefühl, dass es viele Leute in Deutschland gefreut hätte, wenn wir heute rausgegangen wären.“ Das ist schon komisch, dass der amtierende Weltmeister im eigenen Land so viele Hater hat.

Nur, der Weltmeistertitel scheint wie eine Ewigkeit her zu sein. Deutschland war im Juli 2014 ein anderes Land. Der erste Flüchtlingsstrom war noch ein Jahr entfernt, die AfD lag in Umfragewerten bei 5 Prozent und RB Leipzig …

Artikel lesen