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Bild: imago/argum/screenshot twitter/watson montage

So wurde #dichterdran zum internationalen Twitter-Phänomen

Manchmal geschehen Dinge, die hält man im Traum nicht für möglich. Zum Beispiel, dass aus einem Spaß, der mal als Psychohygiene begann, plötzlich ein internationaler Erfolg auf Twitter wird.

Simone Meier / watson.ch

Ob Feminismus oder Fußball: Manchmal passt etwas einfach für beides. Ich muss da nämlich mal was klarstellen. Der Name des Hashtags #dichterdran ist geklaut. Ich gebe das hier lieber gleich zu, nicht, dass eines Tages jemand kommt, den Hashtag durch eine Plagiats-Software jagt und uns einen Skandal anhängt. Geklaut ist er von einem Freund, dem Berliner Schriftsteller Moritz Rinke, der einst eine Fußballkolumne für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" mit dem Titel "Dichter dran" geschrieben hatte.

Als ich am Morgen des 3. Augusts, einem Samstag, nach einem Hashtag für unsere feministisch-parodistische Psychohygiene-Aktion suchte, schoss mir dies durch den Kopf: Was mögen Männer am liebsten? Ja, okay, vielleicht Frauen, aber ganz gewiss genau so gerne, wenn nicht gelegentlich lieber, Fußball. Klauen wir ihnen also etwas, was mit Fußball zu tun hat, und machen wir es uns gefügig. So kam's zu #dichterdran.

So klingt #dichterdan:

Und siehe da: Kaum stand #dichterdran auf Twitter, raste es kometenhaft durch das Nervensystem des sozialen Mediums. Und als das verlängerte Wochenende vorbei war, griff es über auf Radiostationen in der Schweiz, Deutschland und Österreich, auf Zeitungen und Online-Portale und schließlich gelangte es über den Atlantik, zuerst nach Großbritannien und dann nach Amerika. Und wir saßen an unseren diversen Endgeräten und waren komplett baff. Was hatten wir getan?

Hermann Hesse bei #dichterdran:

Aber von vorn: Es war Freitag, der 2. August, und drei Frauen prokrastinierten zufälligerweise gleichzeitig vor dem Computer. Und hatten zufälligerweise alle drei die Rezension eines Literaturkritikers gelesen, der die junge irische Autorin Sally Rooney als "aufgeschrecktes Reh mit sinnlichen Lippen" bezeichnete. Vielleicht meinte er auch gar nicht sie, sondern ihre Inszenierung auf dem Autorinnenfoto im "New Yorker", egal, es stand da, und c'est le ton qui fait la musique, denn was ist ein Reh schon außer zart und schwach und Beschützerinstinkte weckend. Also nicht ganz ernst zu nehmen. Dazu nervös veranlagt, aufgeschreckt. Und dann hat es auch noch sinnliche Lippen. Ein verhühnertes Sex-Reh quasi.

Martin Walser

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Bild: imago/argum/Thomas Einberger

Martin Walser bei #dichterdran

Die eine von uns, die Literaturwissenschaftlerin und Journalistin Nadia Brügger, nervte das. Mich auch. Weil ich sowas schon allzu oft gelesen hatte. Und ich schlug vor, dass wir doch zum Spaß und eben zur Psychohygiene mal genau so über Männer schreiben könnten. Mal frei erfunden und komplett übertrieben, mal der Wirklichkeit nachempfunden. Um in der Umkehrung die ganze Absurdität der Geschlechterperspektive klar zu machen.

Karl Ove Knausgard

Norwegian Karl Ove Knausgard poses during the presentation of the Spanish edition of his book Some rain must fall: My Struggle Book 5 in Barcelona, Spain, on 27 June 2017. Karl Ove Knausgard !ACHTUNG: NUR REDAKTIONELLE NUTZUNG! PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xAndreuxDalmaux 20170627-636341707161912701

Norwegian Karl Ove  Poses during The PRESENTATION of The Spanish Edition of His Book Some Rain must Case My Struggle Book 5 in Barcelona Spain ON 27 June 2017 Karl Ove  Regard only Editorial Use PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright xAndreuxDalmaux 20170627 636341707161912701

bild: imago images

Karl Ove Knausgard bei #dichterdran

Kaum hatte ich das geschrieben, hängte sich auch schon die Regisseurin und Autorin Güzin Kar mit rein. Nun ist Güzin Kar bekanntermaßen eine der lustigsten Frauen der Schweiz, und deshalb lief in unserem kleinen Grüppchen sehr schnell alles sehr rund, das Vergnügen schwappte über, unsere Follower hatten viel mehr Spaß als an allem, was wir sonst so machten, und am nächsten Morgen erwachte ich und dachte: Shit, wir brauchen einen Hashtag!

Das Nächste, was ich weiß, ist, dass Güzin ein erstes Radiointerview gab. Und Anna Rothenfluh in einer kurzen Notiz zusammenfasste, was bisher geschehen war. Über 80.000 von euch lasen Annas Notiz, sie wurde über 2000-mal geteilt. Unsere Tweets wurden hundertfach gelikt. Am 7. August fuhr ich nach Locarno zum Filmfestival und wollte arbeiten, aber eine deutsche Radiostation nach der anderen rief an.

Alex Capus

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Bild: imago/VIADATA

Alex Capus bei #dichterdran

Einmal saß ich in einem Restaurant, hatte Hunger, bereitete ein Interview mit Hilary Swank vor, das Telefon klingelte und ein netter Herr fragte: "Haben Sie das auch schon erlebt, diese Form von Diskriminierung?" Ich dachte, halt, stopp, es geht mir doch hier gar nicht darum, die Diskussion in einen Opferkult einzuschleusen, gerade das ist es doch nicht, es geht darum, über das satirische Vorhalten eines Spiegels Dinge kenntlich zu machen. Ein wenig so, wie amerikanische Late Night Shows den Leuten via Satire oft fruchtbarer die Furchtbarkeit von Trump vermitteln können als ein Leitartikel in der "New York Times". Wir waren Twitter. Dreist, kurz, knackig. Hashtag-Feminismus mit einem ironischen Twist.

Arno Camenisch

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bild: imago stock & people

Arno Camenisch im #dichterdran-Check

"Camenisch, oft mit zerzaustem Haar und roter Mütze unterwegs, stellt seinen Körper gern in knappen Strickpullovern zur Schau. Zudem kultiviert der Bergler mit den sinnlichen Lippen den breitesten Bündner Dialekt. Der einlullenden Stimme zuhören und dabei ins Träumen geraten – das könnten wir ewig."

Silvia Tschui im "Blick"

Aber ich dachte nach und erinnerte mich an eine alte Kritik meines vorletzten Romans, irgendwas wurde da getadelt, das Schreiben über alternde Frauenkörper, Wilhelm Genazino, glaubte ich mich zu erinnern, hätte das besser gekonnt, hieß es, ausgerechnet Genazino, der Frauen so beschreibt, dass man danach keine mehr anschauen mag.

Das sagte ich dem Herrn beim Radio. Nur um wenig später in der deutschen Wochenzeitung "Der Freitag" zu lesen, meine Erinnerung sei nicht korrekt gewesen: "Hat Simone Meier ein schlechtes Gedächtnis? Man will nicht hoffen, dass sich hier mangelnde Kritikfähigkeit des Sexismusvorwurfs bedient hat." Es war mir eine Lehre. In deutschen Medien schaut man eben besonders genau hin. Außer es handelt sich um Relotius und Konsorten. Da vertraut man erst mal ein paar Jahre lang darauf, dass der coole Ton der coolen Jungs schon taugt.

Aber egal! Das ist nur ein Detail. Abgesehen davon: Unglaublich, großartig! Sibylle Berg und Dutzende von anderen twitterte mit uns. Die türkische Bestsellerautorin Elif Shafak unterstützte uns von London aus. Alle lobten uns. Alle gaben uns recht. Wir hatten ein Unbehagen über die Objektivierung der Frau als Kulturschaffende gehoben, das viele teilten, sei es als Erfahrung oder Wahrnehmung. Schließlich ist es noch nicht so lange her, dass J.K. Rowling von ihrem Verlag dazu gedrängt wurde, sich J.K. und nicht Joanne Kathleen zu nennen, weil "Harry Potter" sonst nur Mädchen ansprechen würde.

Die Reaktionen reichten von der "FAZ" bis zur "Taz", von der "Zeit"-Partnerin "Zett" über den "Tagesspiegel", "Jetzt", bis zum "Falter" in Wien. Der Twitter-Account der Frankfurter Buchmesse feierte uns, Kolleginnen vom "Blick" und der "Berner Zeitung" schrieben in unserem Stil – Pedro Lenz kam besonders oft dran. Wir hatten quasi ins Wespennest des Sommerlochs gestochen. Die Leute hatten Fun mit #dichterdran.

Peter Stamm

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Bild: imago/STAR-MEDIA

Peter Stamm im #dichterdran-Check

"Stahlblaue Augen, Lachfältchen, Drei­tagebart – und eine Zornesfalte: Stamm kultiviert ­genau die Mischung aus Katalogmodel-Look und fotogener ­Verzweiflung an der Gesellschaft, die ­Leserinnen schwach werden lässt. Oder wer würde diese ­Zornesfalte nicht glätten wollen?"

Silvia Tschui im "Blick"

Und plötzlich meldete Nadia: Wir sind jetzt in der "Times"! Und gleich darauf waren wir auch riesig im "Guardian"! Und wenige Tage später im amerikanischen "Atlantic"! Bitte??? Huch? Echt jetzt? Ja. Waren wir. Also nicht wir. Die "Times" hatte es immerhin noch geschafft, Nadia als Urheberin der ganzen Aufregung zu orten.

"Guardian" und "Atlantic" stellten lieber den Rehlein-Kritiker, der ja nur einer von Hunderten ist, ins Zentrum. Er gleiche "einem dünnen Walross mit unglücklichem Haaransatz" schrieb Sian Cain im "Guardian", ganz der #dichterdran-Guideline getreu. #dichterdran wurde erwähnt, persifliert ("Martin Amis' fanastischer Hintern") und gelobt – doch im Gegensatz zum Kritiker kamen wir weder mit Vor- noch mit Nachnamen vor. Im "Atlantic" erzählte Elif Shafak der Journalistin Helen Lewis höchst anschaulich, wie oft sie schon von männlichen Kritikern erniedrigt worden sei, #dichterdran war auch hier der Aufhänger ohne Namen dahinter.

Wir twitterten an Sian Cain und Helen Lewis, SRF-Anchorwoman Susanne Wille untertützte uns, Cain und Lewis antworteten beide innerhalb von Minuten, gratulierten uns zu unserem Superjob – "Great work!", "So many funny tweets!" – unsere Namen werden trotzdem nie in ihren (Online-)Artikeln erscheinen. Es war eine irritierende Erfahrung. Ohne uns hätte es die Debatte nicht gegeben. Dank uns, das sagte Twitter ganz klar, hatte Sian Cain ihren bisher beliebtesten Artikel geschrieben. Aber wir existierten nicht. Man hatte uns stumm geschrieben. Tja. Es ist tatsächlich sehr still und etwas seltsam im Auge eines Sturms.

Aber egal! Was für eine sensationelle Ausbeute! Die Gratulationen rissen nicht ab. Und auch in Großbritannien verfassten jetzt ein paar Leute Tweets unter unserem Hashtag. Und ein Kritiker aus Berlin fragte besorgt, ob in diesem Sommer in den deutschen Medien überhaupt noch Bücher besprochen würden oder nur noch #dichterdran. Keine Bange, kommt schon wieder. Der Sturm hat sich gelegt, die Welle rollt aus. Oder rollt sie bald auch in der Realität der Feuilletons über die Kollegen? Mit welchem Tier unser Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss dann wohl verglichen wird? Einem Wolf? Einem Dachs?

Pedro Lenz im #dichterdran-Check

"Als Erstes stechen seine langen Beine ins Auge. Pedro Lenz ist noch größer, als er auf Fotos aussieht. Der Berner Spoken-Word-Poet mit spanischen Wurzeln lächelt und begrüßt das Publikum charmant, allerdings eine Spur zu routiniert."

Aus der "BernerZeitung"

Zum Schluss noch ein kleiner Exkurs zum Thema des Autorinnenfotos. Es gibt da zwei Möglichkeiten:

1. Das offizielle Pressefoto. Ich habe damit schon drei Runden hinter mir – jung und überinszeniert; sogenannt natürlich, was heißt, dass der Fotograf den Baum neben oder das Gras hinter mir wichtiger fand als mich; gut geschminkt, schön ausgeleuchtet im Studio und etwas bearbeitet. Letzteres ist mir am liebsten. Der leichte Firnis der Künstlichkeit gewährt Schutz. Macht souverän. Ein wenig wie früher, als es noch keine Paparazzi gab und von Schauspielerinnen ausschließlich teuer gemachte Studiofotos in Umlauf waren.

2. Das individuell angefertigte Pressefoto. Je wichtiger ein Medium ist, desto häufiger schickt es einen Fotografen oder eine Fotografin vorbei. Selbstverständlich mit einer Vision, die in Rekordzeit umgesetzt werden muss. Leider gibt es nichts Schlimmeres. Sie drücken ab, legen einem zehn entsetzliche Fotos vor und man wählt, so man das überhaupt darf, das kleinste Übel. Das Bild, auf dem man sich am ehesten aushält. Und garantiert findet irgendwer das Einfallstor und jagt das Reh durch den Blätterwald. Exakt so geschehen beim jenem Bild im "New Yorker", das den Anlass zur Kritik an der Kritik gab.

Bild

bild: screenshot «the new yorker»

Oder um es mit der deutschen Publizistin Samira El Ouassil in ihrem Beitrag zu #dichterdran im Deutschlandfunk zu sagen: "Ganz unter uns: Wenn in den Porträts Schriftstellerinnen nicht betrachtet werden wie ein Mensch, der ein Buch geschrieben hat, sondern wie ein aufgescheuchtes Säugetier mit Kussmund, dann hatte der männliche Betrachter offenbar nicht nur zu viel Dichterdrang, sondern wollte vielleicht auch ein bisschen dichter ran."

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