Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrem Arbeitszimmer im Kanzleramt in Berlin.
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RTL widmete Angela Merkel einem ganzen Themenabend. Bild: TVNOW/ Andreas Friese

Fast Food für Augen und Hirn: Diese RTL- Sendung war einfach nur zum Abgewöhnen

Wer sich echte Antworten von der RTL-Sendung "Angela Merkel – Ihr Weg, ihre Geheimnisse & ihre Zukunft" erhoffte, wurde drei Stunden lang schwer enttäuscht.

Andrea Zschocher

Es gibt Sendungen, die schaut man und fühlt sich danach informiert. Oder emotional abgeholt. Oder wenigstens irgendwie besser. Und dann gibt es Sendungen, bei denen man sich fragt, wieso zur Hölle man sich die bis zu Ende angeschaut hat. Vermutlich ist es die Hoffnung, dass am Ende noch irgendwas Interessantes, Wissenswertes, Spannendes dabei rumkommt.

Aber alles, was an als "kleine Geheimnisse" angepriesene Informationen in der Merkel-Sondersendung gezeigt wurde, hinterlässt gähnende Leere in einem. Und das Gefühl, drei Stunden Lebenszeit auf denkbar unerquickliche Weise verschenkt zu haben.

Vollkommen uninteressant für Fernseh-Deutschland

Natürlich vertändeln wir alle gern mal Zeit, nicht jedes Streamingangebot lässt uns schlauer zurück, manchmal will man einfach nur abschalten. Und es wäre ja auch in Ordnung gewesen, sich diese Mischung aus Liveshow und Dokumentation, die RTL irritierenderweise die ganze Zeit als investigatives Format verkaufen wollte, mit Interesse anzusehen und den Lebensweg von Angela Merkel nochmal von Anfang bis Ende der Kanzlerschaft nachverfolgen zu können.

Aber nicht mal das war einem vergönnt. Stattdessen deckte RTL-Investigativreporter Felix Hutt so strunzlangweilige Banalitäten auf, wie die, dass Angela Merkel gern "Emmentaler, Butter und Vollkornbrot" kauft. Ach was. Und uh, die Leiterin des Supermarktes, bei dem die Bundeskanzlerin regelmäßig ihren Einkauf tätigt, steuert noch bei, dass Merkel gern mal "Milram-Quark" kauft. Schön für die Firma, schön für den Supermarkt, vollkommen uninteressant für Fernseh-Deutschland.

Langweilige Fakten über Merkels Einkäufe

Wer dachte, noch schlimmer als diese Doku kann es nicht werden, der wurde von Inka Bause und Peter Kloeppel eines Besseren belehrt. Die beiden führten durch die Livesendung "Angela Merkel – Ihr Weg, ihre Geheimnisse & ihre Zukunft" und hatten die Supermarktleiterin tatsächlich zum Gespräch gebeten. Ob sie denn mit Merkel sprechen würde, wenn sie zum Einkaufen vorbeikäme.

Peter Kloeppel und Inka Bause werden live aus Berlin moderieren, wo sie unterschiedlichste Gäste empfangen

Inka Bause und Peter Kloeppel führten durch die Sendung. Bild: TVNOW/ Gordon Mühle

"Ich lasse sie natürlich in Ruhe“, erklärt Anne-Kathrin Gazi und nennt brav den Namen der Supermarktkette, auf das alle die Filiale stürmen mögen, wenn Merkel von ihrer Dienstreise nach Washington zurückkommt. Immerhin wird der Kühlschrank dann ja leer sein, und die „bodenständige“ Kanzlerin muss "allein" einkaufen.

Noch nicht genug vermeintlich investigative Einblicke in das Leben der Bundeskanzlerin? Kein Problem, Felix Hutt hat weitere Knallerfakten auf Lager. So besucht er das Wohnhaus von Familie Kasner (Merkel wurde als Angela Kasner geboren), marschiert das Treppenhaus hoch und verkündet dabei aufgeregt, er würde ja jetzt die Treppen hochlaufen, die Merkel als Kind 100fach hoch- und runtergegangen sei. Und oh, an dem Treppengeländer, da hätte sie sich ganz sicher auch mal festgehalten.

Als er Merkels Datsche in der Uckermark besucht, kann sich Hutt den Hinweis nicht verkneifen, dass das ja jetzt schade sei, dass die Kanzlerin so einen hohen Zaun um ihr Grundstück gebaut hat. Ja, so kann man Sendeminuten füllen, es verärgert aber Zuschauer und Zuschauerinnen auch sehr, wenn sie für blöd verkauft werden.

Merkel ist ein Frau und alle betonen es ständig

Im weiteren Verlauf reist Hutt auf den Spuren der Kanzlerin noch an ihren Lieblingsurlaubsort in Sulden, Südtirol um einmal auf den Balkon zu blicken, auf dem Merkel mal stand und um mit Reinhold Messner zu sprechen, der sie seit vielen Jahren kennt. "Sie nimmt Schrittchen für Schrittchen die Welt wahr", erklärt der und man fragt sich, ob Messner bei einem Mann auch von Schrittchen gesprochen hätte. Überhaupt ist diese ganze Sendung ein einziger Hinweis darauf, dass Angela Merkel nun mal eine Frau ist.

Wenn Jean-Claude Junker erklärt, der Tremor, dieses Zittern, das Merkel 2019 zeigte, sei durch Müdigkeit und Überarbeitung ausgelöst worden, fügt auch er hinzu, dass die 18-Stunden-Sitzungen, die die Kanzlerin absolviert, "auch gestandene Männer" nicht aushalten. Er spricht es nicht aus, aber natürlich erzeugt das im Kopf von Zuschauer und Zuschauerinnen das Bild einer Frau, die Männern eben nicht ebenbürtig ist. Obwohl sie die wohl mächtigste Frau der Welt ist, wird sie mit anderem Maß gemessen, als die Männer vor ihr.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Donnerstag, 08.09. in einem Exklusiv-Interview mit RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel persönlich und politisch bewertet, was der 11.September 2001 ausgelöst hat. Die Kanzlerin über den Jahrestag der Anschläge von New York und Washington, die politischen Reaktionen, die Rolle der Taliban und von Al Quaida und wie sie die Ereignisse erlebt hat.

Angela Merkel ist hier in einem Interview bei RTL zu sehen. Bild: TVNOW

Auch als Junker darauf verweist, er habe Merkel "nie trösten müssen" aber sie in ihrer Auffassung immer bestärkt, wird deutlich, wie weit entfernt wir auch 16 Jahre Merkel-Kanzlerschaft von einem paritätischen Rollenverständnis sind. Heute wird sie nicht mehr "Mädchen" genannt, aber "Mutti". Und Mutti bekommt an diesem Abend jede Menge vergifteter Komplimente, von "bodenständig" über "Streberin", "aufgeschlossen", "keck" und "natürlich" bis hin zu "Blitzbirne", wie Wolfgang Bosbach sie bezeichnet.

Merkel im Blümchenkleid

Nicht nur die in der Sendung befragten Männer weisen immer wieder auf Merkels Weiblichkeit hin, auch die ehemalige "Bunte"- Chefredakteurin Patricia Riekel schlägt in diese Kerbe. Die glaubt, nach ihrer Amtszeit will Merkel vielleicht auch mal ein "Blumenkleid tragen, um sich fraulich" zu fühlen. Außerdem bemängelt die Frau, die oft Interviews mit der Kanzlerin führte, Merkel sei weniger zugänglich als früher. Sie hätte sich "immer mehr entfernt von den Menschen". Diesen Vorwurf würde man einem Mann vermutlich nicht machen.

Bildnummer: 52011072  Datum: 18.05.2005  Copyright: imago/McPHOTO/Luhr
Angela Merkel (GER/CDU/Parteivorsitzende und Fraktionsvorsitzende im Bundestag) und Wolfgang Bosbach (GER/CDU/Stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Bundestag) auf einer Parteiveranstaltung im Landtagswahlkampf Nordrhein-Westfalen in Bergisch-Gladbach , Personen , pessimistisch; 2005, Bergisch Gladbach, Wahlen, Wahl, Wahlkampf, Wahlkämpfe, Politiker, Politikerin, Abgeordneter, Abgeordnete, MdB, Landtagswahl, Doppelporträt, Profil; , quer, Kbdig, Gruppenbild, close, Landespolitik, Politik, Deutschland, Randbild, People o0 Parteien

Diese Aufnahme von Wolfgang Bosbach und Angela Merkel stammt aus dem Jahr 2005. Bild: IMAGO / McPHOTO/Luhr

Die "Queen der SMS" ist Angela Merkel, so Grünen-Politikerin Claudia Roth, die sich darüber aufregt, wie lange Merkel auf ihr Aussehen reduziert wurde. "Ich fand das furchtbar", sagt sie, und gleichzeitig findet sie "cool", dass Merkel 2008 bei der Eröffnung der Oper in Oslo einmal ihre Weiblichkeit jenseits von Jacket und Hose präsentiert. Etwas, dass nach der Riesenwelle, die die Medien dazu veranstaltete, nie wieder vorkam. "Wir sind ein glückliches Land", lacht Wolfgang Bosbach, wenn wir keine anderen Sorgen haben als den Ausschnitt der Kanzlerin.

Immer wieder Flüchtlingskrise

Aber doch, Sorgen können wir uns um viele Dinge machen. Vielleicht auch darüber, wieso Peter Kloeppel auch sechs Jahre nach 2015 noch immer von der "Flüchtlingskrise" spricht, und von "den Flüchtlingen", statt, wie es immer wieder diskutiert wurde, von Geflüchteten. Semantik, natürlich, aber als Anchorman von RTL kann auch er sich doch ein Stück um integrative Sprache bemühen.

Peter Kloeppel in Berlin

Peter Kloeppel ist seit 1992 Chefmoderator bei RTL. Bild: TVNOW / Andreas Friese

Aber vielleicht ist das auch der vollkommen falsche Ansatz für einen TV-Abend, der so gar nicht wusste, wo er eigentlich hinwollte. Die ehemalige Russischlehrerin von Merkel, Erika Benn, wurde relativ schnell aus der Sendung komplimentiert, weil sie sich den Raum genommen hat, doch recht lang aus ihrem Leben zu berichten. Inka Bause versucht mehrfach, die ältere Dame auf den rechten Pfad zu führen, aber spätestens als die ausplaudert, dass die Regie ihr aufgetragen hat, auf einer Tafel ein paar Worte auf Russisch für Angela Merkel zu schreiben, war Feierabend.

Langweiliger, überflüssiger Fernsehmoment

Allein, die Hybris des Senders zu denken, Merkel würde auch nur eine Sekunde dieses langweiligen, überflüssige Fernsehmomentes sehen, ist bewundernswert. "Wenn du Kanzlerin bist, stehts du an der Spitze ziemlich allein", fasst Wolfgang Bosbach die Regierungszeit Angela Merkels zusammen und RTL-Politikreporter Nikolaus Blome ergänzt, "Krise kann sie, Kreativität nicht." Patricia Riekel hofft, dass Merkel "für Millionen Frauen und Mädchen ein Vorbild" ist, und zeigt, dass man nicht nur Influencerin sondern auch Bundeskanzlerin werden kann".

Da bleibt doch zu hoffen, dass alle, die sich diesen Lebenszeitverlust angetan haben, zukünftig weniger aufs Geschlecht eines Menschen schauen, sondern auf die Leistungen. Und vielleicht bei der nächsten RTL- Livesendung zu Angela Merkels Abschied einfach nicht bis zum Ende dran bleiben.

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