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Meinung

Was soll ein Dreier? Wie geht Betrug? Charlotte Roches Ehe-Podcast weiß Rat

Die "Feuchtgebiete"-Autorin und ihr Mann reden auf Spotify über 15 Jahre Ehe, Sex und die Nebenschauplätze ihrer Beziehung. Ein schonungsloses Experiment.

Simone Meier / watson.ch

Es geht jetzt also darum, wie Charlotte fremdging und alles aufflog und Martin trotzdem das Gefühl hatte, sie beschützen zu müssen.

Doch der Reihe nach: Charlotte Roche, Moderatorin und Bestsellerautorin, und Martin Kess, Mitbegründer der TV-Produktionsfirma Brainpool und Kölner Kaffeeröster, sind seit 15 Jahren verheiratet. Er ist zudem 15 Jahre älter als sie. Woraus 15 Folgen eines Spotify-Podcasts über ihre Ehe wurden. Titel "Paardiologie".

Immer freitags legen sich die beiden auf die Couch einer Analytikerin namens Öffentlichkeit. Ziemlich genau bemessene 55 Minuten lang.

Seit ihrem Tanzkurs in irgendeiner Vorzeit haben sie nichts Gemeinsames mehr unternommen, das eine derart fixe Zäsur in ihrem Wochenrhythmus bedeutet wie diese Podcast-Sitzungen.

Zu einer ganz normalen Analytikerin gehen sie auch noch, allerdings meist getrennt, im Podcast nennen sie sie Doktor Amalfi, weil Martin zuerst meint, die Analytikerin aus den "Sopranos" heiße so, dabei heißt die Melfi. Und so wie eine klassische Amalfi-Melfi Analytikerin beim Reden zuhört, schweigt und später ihre Schlüsse zieht, ist es auch mit der Öffentlichkeit: Sie hören den beiden bei dem zu, was man früher "Seelenstriptease" nannte, und melden sich danach via Social Media.

Paare schreiben ihnen, dass sie während oder nach dem Podcast Sex gehabt hätten. Aber wieso? Weil die Gespräche derart anturnen?

Natürlich hatte man prickelnde Schweinereien erwartet. Dinge im Stil der Roche-Romane "Feuchtgebiete" und "Schossgebete", Voyeuristen-Futter, Porno. Und worüber reden sie jetzt wirklich? Zum Beispiel über die Biederkeit eines Dreiers: "Ein Dreier bedeutet, ich erlaube dir fremdzugehen, aber ich will dabei sein", sagt Charlotte und hat völlig recht. Charlotte hat übrigens seit "mindestens fünf" Jahren nichts mehr nach Martin geschmissen, weder kochende Milch noch einen Tisch. Weil sie nichts mehr trinkt.

Martin "möchte Lobby-Arbeit machen" und zwar für eine positivere Darstellung von Langzeitbeziehungs-Sex in Filmen und Serien. "Sie verdreht total die Augen und ist ganz woanders. Oder er ist total besoffen und gewalttätig. Oder sie holt ihm total lustlos eins runter, so als Abpumpung", fasst Charlotte die Misere zusammen. Ihren eigenen Beziehungssex findet sie derart beglückend, dass sie oft die Fantasie hat, Martin an ihre Freundinnen auszuleihen, damit die sich auch mal so richtig freuen könnten.

Überhaupt führen die beiden eine äußerst offene Ehe. Betrügen einander oft. Lieben sich gerade deshalb sehr.

Weil das Verzeihen und die Großzügigkeit so schön sind. Gut, muss man aushalten können. In 15 Jahren ging es bei Charlotte nur einmal schief. Das Ehepaar steckte gerade tief in einer Stalker-Krise, ein Mann, der dachte, er sei der einzig Wahre für Charlotte, verfolgte sie, stieg in ihr Haus ein, und ausgerechnet da fuhr Martin in die Ferien. Und übergab seine Frau der Obhut eines knapp Zwanzigjährigen.

Charlotte und der junge Mann verliebten sich. Er verlangte die Trennung von Martin, drohte, die Geschichte zu einem Buch zu machen. Sie gestand. Begann mit dem Satz: "Ich muss dir mal was sagen." Und er wusste: Jetzt sind wir runter vom Sockel der größten Liebe aller Zeiten, des idealen Paars, jetzt sind wir auf dem banalen Boden der Anderen angekommen. Aber die Drohung mit der Veröffentlichung machte, dass er seine Frau sofort wieder retten wollte.

Und da sind wir nun. Harren der Dinge, die zehn weitere Folgen lang besprochen werden wollen und hören den beiden gerne dabei zu. Da ist Charlottes weiche helle Stimme, die immer schon angenehm war, und die ruhige, in keiner Weise auffallende ihres Mannes. Zusammen ergibt das eine dieser Gehirnschmeichler-Entspannungsmassagen. Dazu der ganze Geräuschpegel der Emotionalität.

Sonst nichts. Keine Musik, keine Effekte, Worte, nichts als Worte. Wie viel daran ist inszeniert? Wie viel purer, medienversierter Exhibitionismus? Wahrscheinlich einiges.

Und? Werden sich Charlottes Tochter und Martins Sohn dereinst über den Podcast ihrer Eltern unter Geständniszwang schämen müssen? Sagen wir so: Nein, darüber ganz sicher nicht.

Es ist ein intimer, schonungslos ehrlicher und trotzdem rücksichtsvoller Austausch über Alltag und Ausbruch. In aller Öffentlichkeit. Die davon was lernen kann.

Es dürften die Art ihrer vermeintlichen Freiheiten, ihrer Fantasien, aber auch die gemeinsame Fähigkeit, darüber reden zu können, sein, die andere so faszinieren. Dieses Sich-Fallen lassen in Worte über das Glück und den Schmerz der Liebe. Loslassen über den Abgründen des Andern. Stürzen und einander Auffangen. Dasein im Diesseits von Begehren, Angst und allzu menschlicher Fehlbarkeit. Quasi ein Gefühlsporno. Und für einige unter den Zuhörenden offenbar mit immanenter Wirkung. Oder um es mit Charlotte zu sagen: "Das ist Romance. Sex-Romance!"

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