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Gerald Asamoa (l.), Otto Addo (m.) und Patrick Owomoyela (r.) berichten über Rassismuserfahrungen im Fußball. ZDF/Screenshot

Bananen-Würfe und Affengeräusche – Fußballer berichten über ihre Rassismus-Erfahrungen in Deutschland

"Schwarze Adler" – so heißt eine aktuelle Dokumentation des ZDF und von Amazon Prime Video über Rassismus im Fußball. Obwohl einige der Protagonisten des Films von ihren Rassismuserfahrungen vor 40 Jahren sprechen, saßen am Donnerstagabend drei Menschen bei "Markus Lanz" in der Diskussionsrunde, denen der Hass von Rassisten auch Jahrzehnte später begegnet ist und bis heute begegnet. Die früheren Fußballprofis Gerald Asamoah, Otto Addo und Patrick Owomoyela sind sich einig: "Es hat sich bis heute nichts geändert."

Beim EM-Spiel der Belgier gegen Russland setzten die Spieler der belgischen Mannschaft zuletzt ein Zeichen, indem sie vor dem Spiel niederknieten – eine Geste gegen Rassismus. Die Spieler der russischen Mannschaft blieben stehen, die russischen Fans zeigten mit Pfiffen, was sie davon hielten. Für Ex-Fußballprofi Patrick Owomoyela hingegen ist ein solcher Kniefall eine "klare Geste, die nicht aus der Mode kommt". Er ist der Meinung, dass das Thema viel zu lange verdrängt wurde und Menschen sich gar nicht erst damit befassen wollten. Erst der Tod des US-Amerikaners George Floyd, der im vergangenen Jahr sein Leben verlor, als ein Polizist minutenlang auf seinem Hals kniete, habe dafür gesorgt, dass man nicht mehr wegschauen könne. Owomoyela glaubt, dass sich dadurch weltweit etwas verändert habe.

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Patrick Owomoyela befürwortet die Geste des Kniens der Belgier während der EM. ZDF/Screenshot

Auch der Ex-Nationalspieler Gerald Asamoah ist sich sicher, dass solche Zeichen wie das Knien etwas bewirken. Er sagt, dass man vor allem versuchen müsse, junge Leute zu erreichen. Deshalb würde es befürworten, wenn beispielsweise Spieler wie Manuel Neuer, der ein "großes Vorbild für viele" ist, eine solche Geste machen würde. "Wenn das die deutsche Mannschaft machen würde, das würde viel bewegen", sagt Asamoah.

"Hier geht es nicht um Politik, sondern es geht um Menschenrechte."

Otto Addo

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Otto Addo findet, dass das Knien von Spielern vor Sportereignissen für Menschenrechte steht. ZDF/Screenshot

Ex-Profi Otto Addo sagte, er verstehe bis heute nicht, wie es sein könne, dass manche Menschen mehr Rechte auf der Welt genießen als andere. Für ihn geht es deshalb nicht allein um ein Zeichen gegen Rassismus, sondern um den Einsatz für Menschenrechte.

Anlass für Markus Lanz, die drei Fußballer einzuladen, ist die ZDF-Ausstrahlung der Doku "Schwarze Adler" im ZDF. Lanz fasst die Bilder kurz zusammen und sagt, dass es heute dieselben Probleme gebe wie vor 20 Jahren. Und da sind sich seine Gäste ganz einig und sagen, dass sich bis heute nichts geändert habe. "Ich habe früh gelernt, dass von mir mehr verlangt wird als von anderen Menschen", erklärt Asamoah. "Wenn du beim Fußball der einzige Schwarze bist, merkst du, dass du mehr tun musst." Der Ex-Fußballer kam mit 12 Jahren aus Ghana nach Deutschland. Deutschland kannte er bis dato lediglich aus dem "Otto-Katalog", wie er es selbst beschreibt.

"Das N-Wort habe ich das erste Mal in Deutschland auf dem Schulhof gehört."

Gerald Asamoah

Als Kind wusste er noch Asamoah noch nicht einmal, was das N-Wort zu bedeuten habe, bis ihn seine Mitschüler darüber aufklärten. "Die Leute wollten mich einfach verletzen." Zwar wurde es im Fußball für ihn nicht einfacher, jedoch konnte er sich dort durch Leistung Anerkennung verschaffen.

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Gerald Asamoah wurde als Kind schon mit Rassismus konfrontiert. ZDF/Screenshot

Owomoyela ist in einem finanzschwachen Viertel in Hamburg groß geworden und erzählt, er habe als Kind wenig Rassismus erfahren. Jedoch habe das daran gelegen, dass er in einer Großstadt aufgewachsen sei und zudem in einer Gegend, wo sowieso viele Migranten lebten. Erst als er begann, durch den Fußball auch in andere Gebiete Deutschlands zu kommen, habe es angefangen. "Gerade in den neuen Bundesländern habe ich erlebt, dass Affengeräusche kamen oder Bananen geschmissen wurden. Da kommt man schon mit, dass Menschen versuchen, einen auszugrenzen."

Für Addo gehörte Rassismus zum Alltag, erklärt der heute 46-Jährige: "Für mich war Rassismus normal". Er erzählt, wie er als achtjähriger Junge nach dem Fußballtraining von Nazis verfolgt wurde und mit seinem Fahrrad versuchte, schnell wegzufahren. Da er Angst hatte, seine Mutter würde ihn nicht mehr zum Training gehen lassen, sagte er selbst ihr nichts.

Asamoah: "Was wir da erlebt haben, was schon sehr, sehr hart"

Auch Ewald Lienen, ehemaliger Fußballprofi, ist an diesem Abend zu Gast und äußert sich zur Thematik. Dabei setzt er das Thema in einen größeren Kontext und sagt, dass es den anwesenden Fußballern wenigstens gelungen sei, durch ihre sportliche Leistung Anerkennung zu erhalten, während dies jedoch vielen Menschen mit dunkler Haut in Deutschland nicht ermöglicht würde. "Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas in Deutschland passieren kann", sagt Lienen. Als er die Doku und die darin gezeigten Bilder sah, sagte er, sei ihm das Blut in den Adern gefroren. Er fragt fast ungläubig und nach einer Antwort suchend: "Was bedeutet das für einen jungen Menschen, wenn man aufgrund der Hautfarbe ausgegrenzt wird?"

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Ewald Lienen kann nicht glauben, dass bis heute Rassismus ein Thema ist in Deutschland. ZDF/Screenshot

"War das Spiel Cottbus gegen Hannover im Jahr 1997, wo Sie damals gespielt haben, Ihr Tiefpunkt?", will Lanz von Asamoah wissen. Damals kam es zu Ausschreitungen im Stadion in Cottbus. "Nein, aber es war mein erstes Erlebnis mit Rassismus. Ich habe noch nie so einen Hass erlebt. Das war schon..", bricht er den Satz ab, um sich kurzer Zeit später wieder zu fangen, sehr, sehr hart."

"Ich wurde mit Bananen beschmissen."

Gerald Asamoah

An diesem Tag kam zu einigen Ausschreitungen und im ganzen Stadion wurde "Holt den N*. raus" gegrölt – ein Ereignis, das auch Addo niemals vergessen wird.

"Ich habe mich gefühlt wie in einem falschen Film. Ich habe mich gefragt, sind wir irgendwo in der Nazi-Zeit?"

Otto Addo

Das Schlimmste ist für Addo, dass sich bis heute wenig getan hat. Für ihn tragen auch die Verbände, also auch der DFB, eine Mitschuld an den Strukturen. "Der DFB hat das einfach geduldet", sagt er dazu. Für ihn müsse endlich dagegen vorgegangen werden.

Zehn Jahre später feiert Asamoah als einer der wichtigsten Spieler das Sommer-Märchen 2006 mit. Zu diesem Zeitpunkt glaubte man, sei es im Fußball besser geworden mit dem Rassismus. Doch nur zwei Monate nach der Feier auf der Berliner Fan-Meile kommt es in Rostock erneut zu Ausschreitungen. Fans im Stadion beleidigen ihn – so lange, bis sein Verein, damals Schalke 04, überlegt, ihn auszuwechseln. Das habe ihn enttäuscht, erklärt Asamoah: Anstatt gegen den Rassismus vorzugehen, wäre ihm vorgeschlagen worden, das Spielfeld zu verlassen. Doch das wollte er nicht: "Wenn ich rausgegangen wäre, hätten die anderen gesiegt", sagt er heute im Studio.

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Ausschnitt aus dem Spiel Cottbus gegen Hannover aus dem Jahr 1997. ZDF/Screenshot

Und auch Beispiele aus jüngster Zeit zeigen, dass Rassismus im Fußball immer noch ein Problem ist, das nicht überwunden wurde. Was Asamoah am meisten ärgert, ist, dass die Menschen nicht wissen, wie sehr so etwas verletzen kann: "Das schmerzt, das tut weh, die Leute wollen das einfach nicht verstehen." Auch für Otto muss sich etwas ändern: Die Betroffenen müssen integriert werden in den Prozess der Aufarbeitungen solcher Handlungen. Auch die FIFA müsse viel "extremer" mit dem Thema umgehen und sich klar zu Menschenrechten bekennen. Am besten fange man direkt in den Schulen und auch kleinen Vereinen an, das Problem anzugehen, sagt auch Owomoyela.

Obwohl Asamoah so viel Negatives in Deutschland erfahren musste, hat er sich damals dazu entschieden, für die deutsche Nationalelf anzutreten – und nicht für seine ehemalige Heimat Ghana. "Warum?", will Lanz von ihm wissen. "Ich habe mich einfach wohl gefühlt in diesem Land", sagt er und fügt hinzu, dass Rudi Völler, der damalige Trainer, ihn zudem in einem Gespräch davon überzeugt hätte, es zu tun.

Für Addo kam das damals nicht infrage – obwohl er im Gegensatz zu seinem ehemaligen Team-Kollegen in Deutschland geboren wurde. "Ich habe mich so gesehen, wie andere mich gesehen haben. Und das war nicht deutsch." Nach all den Rassismuserfahrungen, die er gesammelt hatte, wollte er damals als junger Spieler deshalb für Ghana spielen: "Dort war ich willkommen." Heute setzen sich alle drei Ex-Profis dafür ein, das Thema in die Gesellschaft zu tragen und Missstände aufzudecken und sie zu beheben.

Der Film "Schwarze Adler" läuft am Freitag um 23.30 Uhr im ZDF. Gestreamt werden kann er außerdem in der ZDF-Mediathek und bei Amazon Prime Video.

Levis Geschichte

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REWE Bienen

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