Wirtschaft
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Amazon funktioniert wie eine Sekte: Wenn du ein guter Amazon-Mitarbeiter sein willst, musst du ein Amabot (Amazon-Roboter) werden. watson-montage

Jeff Bezos, reichster Mann auf dem Planeten und "schlechtester Chef der Welt"

Oliver Wietlisbach / watson.ch

Er begann als kleiner E-Book-Händler. Jetzt ist er der reichste Mensch der Welt, der Imperator der Tech-Welt, ein Elon Musk auf Steroiden. Jeff Bezos wird mit Amazon wohl bald Apple als wertvollstes Unternehmen ablösen. Doch wie ist das möglich?

Der Gründer und Chef von Amazon ist vieles: Visionär, Multi-Milliardär, Ausbeuter. Investoren-Legende Warren Buffett preist Jeff Bezos als den "größten Unternehmer unserer Zeit". Die Gewerkschaften sehen in ihm den "Weltmeister im Steuervermeiden".

Reichster Mensch der Welt ist Bezos bereits. Aber das ist ihm nicht genug. Sein Tech-Imperium entwickelt wiederverwendbare Raumfahrt-Raketen, verkauft Gesichtserkennungssoftware an Polizisten oder produziert Oskar-gekrönte Filme. Die IT der wichtigsten Konzerne der Welt wird größtenteils in den gigantischen Rechenzentren von Amazon betrieben.

Bezos rase mit seinem Unternehmen Richtung "Weltherrschaft", schrieb der New Yorker Betriebswirtschaftsprofessor Scott Galloway. Für ihn steht schon lange fest, dass künftig nicht Apple, Microsoft oder Google, sondern Amazon die mächtigste Firma sein werde. Galloways Prophezeiung ist nun noch etwas wahrscheinlicher geworden.

Vergangene Woche vermeldete Amazon den grössten Quartalsgewinn seiner Geschichte. Der Umsatz knackte zum ersten Mal die 200-Milliarden-Schallmauer. Das Unternehmen, das früher zwar viel verkaufte, aber kaum profitabel war, hat nun mehrere Quartale in Folge einen Gewinn in Milliardenhöhe ausgewiesen. Die Aktie befindet sich seit Anfang Jahr auf einem beispiellosen Höhenflug, der selbst Börsenliebling Apple alt aussehen lässt. 

Alle wichtigen Konzernbereiche trugen zum Rekordergebnis bei:

Die Aktie steht auf einem Allzeithoch und Amazon ist auf dem besten Weg zum Eine-Billion-Dollar-Konzern. 

Doch wie ist das möglich?

Die ausführliche Antwort: Jeff Bezos startete bereits 1995 als kleiner Online-Buchhändler – zu einer Zeit, also viele von uns WWW kaum buchstabieren konnten. Seine für die 90er-Jahre utopisch klingende Idee: Ein Warenhaus nach dem Vorbild von Walmart im Internet eröffnen. Inzwischen verkauft Amazon so gut wie alles, was über das Internet angeboten werden kann: Elektronik, Haushaltsgeräte, Mode, Schuhe etc. Bald kannst du sogar ein neues Auto mit zwei Klicks in Bezos Online-Warenhaus bestellen.

Über 230 Millionen Produkte soll das Sortiment umfassen. Und nun drängt Amazon auch noch ins Food-Geschäft – was selbst Walmart zittern lässt.

Weil aber nicht mal Amazon alles anbieten kann, vermietet Bezos seine Plattform an mehr als 300.000 kleinere Händler, die Millionen weitere Produkte auf Amazons Marketplace anbieten und dafür eine Provision abliefern.

Und weil Menschen noch immer gerne in physischen Läden einkaufen, kauft Bezos Giganten wie Whole Foods Market, die weltgrösste Bio-Supermarktkette, kurzerhand auf. 

Wie dominant der Online-Händler in den USA geworden ist, zeigt diese Vergleichsgrafik:

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Fast jeder zweite Dollar, der in den USA im Online-Handel verdient wird, fließt in die Taschen von Amazon.

Seine Rivalen wissen: Das Genie Bezos macht keine Gefangenen.

Bei Amazon denken wir an Online-Handel und E-Book-Reader, allenfalls noch an Abo-Dienste für Serien und Musik. Bezos hingegen denkt in ganz anderen Kategorien. Amazon dringt seit Jahren in immer neue Branchen vor, die Wachstum versprechen. Sobald der Internet-Gigant ein Auge auf eine Branche wirft, schwächeln die Aktienkurse der entsprechenden Firmen. Seine Rivalen und die Börsianer wissen: Das Genie Bezos macht keine Gefangenen. Für sie ist er der "Fürst der Finsternis".

Mit dem E-Reader Kindle hat Amazon den Büchermarkt ähnlich revolutioniert wie Apple den Musikmarkt mit dem iPod. Amazons smarter Lautsprecher Echo steht in den USA bereits in Millionen Haushalten – zum Leidwesen von Google, Microsoft und Apple, die das gleiche planten, aber langsamer waren.

Ein Auszug aus dem Firmen-Imperium des Jeff Bezos:

Amazon ist immer breiter aufgestellt und erzielt Jahr für Jahr mehr Einnahmen jenseits des Online-Handels.

Bezos Imperium im Video erklärt

Der 149-Milliarden-Dollar-Mann.

Mit dem Aufstieg Amazons wurde Jeff Bezos der wohlhabendste Mensch der Welt – seit Kurzem ist er reicher als Microsoft-Gründer Bill Gates. Sein Vermögen, das sich vor allem aus Aktien des Unternehmens zusammensetzt, beträgt nach einer Aufstellung der Nachrichtenagentur Bloomberg aktuell rund 149 Milliarden Dollar.

Er ist an Airbnb, Uber und anderen Firmen beteiligt, kaufte 1999 Google-Aktien, gründete 2000 das private Raumfahrtunternehmen Blue Origin und erwarb 2013 die renommierte "Washington Post".

Er ist reicher als Bill Gates, Warren Buffett oder Mark Zuckerberg.

Während Bill Gates versucht die Erde zu retten, will Bezos den Mond kolonialisieren.

Der Amazon-Gründer ist überzeugt, dass die Menschheit nur überleben kann, wenn sie das All erobert: "Wir müssen auf den Mond zurück – und diesmal für immer", sagte er im Mai dieses Jahres. Seine Begründung: "Ohne Kolonien im All werden wir wegen den ökologischen Beschränkungen kein Wachstum mehr haben." Eine Welt ohne Wachstum kann sich Bezos schlicht nicht vorstellen.

Die Überzeugung, dass die Menschheit das Weltall erobern muss, teilt er mit Tesla-Chef Elon Musk, der den Mars besiedeln will. Bezos und Musk meinen es beide todernst mit ihren Weltall-Plänen: Bezos besitzt bereits seit 2000 sein privates Raumfahrtunternehmen Blue Origin, das künftig Passagiere ins All befördern will. Die Firma arbeitet aber auch an einem Landesystem für Mondflüge. Damit soll eine Mondstation versorgt werden können.

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Bezos sorgt nicht nur bei Buchhändlern und Supermarkt-Ketten für Angst und Schrecken, sondern auch unter seinen Angestellten.

Wie Musk ist Bezos ein Visionär, der seinen persönlichen Zielen und dem wirtschaftlichen Erfolg fast alles unterordnet. Im Mai 2014 wurde Bezos beim Weltkongress des Internationalen Gewerkschaftsbundes zum "schlechtesten Chef der Welt" gewählt. Denn der Tausendsassa sorgt nicht nur bei Buchhändlern und Supermarkt-Ketten für Angst und Schrecken, sondern auch unter seinen Angestellten. Lange Arbeitszeiten, hohe Fluktuation und tiefe Löhne in Amazons Logistikzentren bringen die Gewerkschafter seit Jahren auf die Palme. Bezos könnte es kaum egaler sein.

In der Teppichetage ist es nicht besser: Unmenschliche lange Arbeitszeiten, Intrigen und Diskriminierung gehören zum Alltag. Mitarbeiter werden angehalten, sich gegenseitig hart zu kritisieren, bis hin zur Demontage. Jedes Jahr werden diejenigen gefeuert, die am meisten Verzeigungen von anderen erhalten haben. "Zielgerichteter Darwinismus" lautet die Philosophie dahinter, sagt ein ehemaliger Personalchef bei Amazon. Die "New York Times" hat die brutalen Arbeitsbedingungen in der Reportage "Inside Amazon: Wrestling Big Ideas in a Bruising Workplace" enthüllt.

Bezos war ein hochintelligentes Kind, Empathie war indes nie seine Stärke. Als er zehn war, sagte sein Großvater zu ihm: "Jeff, eines Tages wirst du verstehen, dass es schwieriger ist, gütig zu sein als klug." Sein Großvater hat sich wohl geirrt.

Bernie Sanders hat da eine gute Frage an Jeff Bezos:

Jeff Bezos ist mindestens so genial wie Steve Jobs, und mindestens so gnadenlos.

Laut Firmenlegende las Bezos 1994 einen Bericht, der ein jährliches Wachstum des Internethandels von 2'300 Prozent prognostizierte. Er erstellte daraufhin eine Liste von 20 Produkten, die online gut verkauft werden können. Zum Beispiel CD's, Video-Filme oder Computerhardware. 

Schließlich entschied er sich für Bücher. Vielleicht lag es daran, dass seine Frau Literaturwissenschaften studierte. Vielleicht hatte er auch einfach geahnt, dass der Buchhandel das Internet verschlafen würde. Bei Video-Filmen wäre ihm Netflix in die Quere gekommen, bei Computerhardware Dell, die ihre Computer bereits in der Frühzeit des Internets direkt über ihre Webseite an die Endkunden verkauften. 

Der Online-Buchladen hob sofort ab und je mächtiger Amazon wurde, desto besser konnte Bezos die Verlage, die ihre Bücher nicht zu Tiefstpreisen offerieren wollten, unter Druck setzen. Seinen Mitarbeitern sagte er damals: Macht es so mit ihnen "wie ein Gepard mit einer kranken Gazelle". Bezos ist mindestens so genial wie früher Steve Jobs – und mindestens so gnadenlos.

"Tu alles für den Kunden!", pflegt Bezos zu sagen, wenn er auf sein Erfolgsgeheimnis angesprochen wird. Tatsächlich macht es keine Firma dem Kunden leichter, bequem einzukaufen. Über 100 Millionen Menschen sind sogenannte Prime-Kunden, die gegen eine jährliche Abogebühr alles portofrei bestellen können und ihre Produkte in der Regel innerhalb eines Tages geliefert bekommen. Amazon ist daher – trotz aller Kritik an Bezos und den Arbeitsbedingungen – bei den amerikanischen Konsumenten das beliebteste Unternehmen.

Amazon ist ein gigantisches Forschungs-Labor.

Hinter Amazons Erfolg steckt aber mehr als eine gute Idee und skrupellose Geschäftspraktiken: So altbacken amazon.com daherkommt, so ausgeklügelt ist die Technik dahinter. Denn Bezos ist nicht nur ein Verkaufsgenie, sondern auch ein Elektroingenieur und Informatiker mit Bestnoten an der US-Eliteuniversität Princeton. Während andere CEOs Digitalisierung und technischen Fortschritt predigen, lebt Bezos beides vor.

So sieht es aus, wenn Bezos Gassi geht.

"Vorsprung durch Technik", lautet der Werbeslogan eines deutschen Autobauers. Amazon hat ihn verinnerlicht und gab letztes Jahr 22.6 Milliarden US-Dollar für Forschung aus, mehr als alle anderen Tech-Giganten.

Rund 45.000 Informatiker, Ingenieure und weitere Spezialisten arbeiten bei Amazon in Bereichen wie Robotik, Big-Data-Analyse, künstliche Intelligenz etc. Im Zentrum steht dabei immer die Frage, wie man dem Kunden das Einkaufen erleichtern kann bzw. ihn dazu verleitet, noch mehr Geld bei Amazon liegen zu lassen.

Drei Beispiele sollen dies verdeutlichen:

A general view of Logistics operator Luft warehouse to be used by Amazon.com Inc in Cajamar II, Brazil February 2, 2018. Picture taken February 2, 2018.  REUTERS/Gabriela Mello

Der reichste Mann der Welt weiß, wie man Kunden glücklich macht und Kosten reduziert: Automatisierte Verteilzentren sind effizienter und sparen Mitarbeiter. Bild: Gabriela Mello/reuters

Bezos ist unerbittlich und sich vollkommen bewusst, dass sein Konzern zehntausende oder hunderttausende Jobs im US-Einzelhandel vernichtet: Der technologische Fortschritt, den Amazon mit vorantreibt, wird künftig in vielen anderen Branchen noch weit mehr Jobs ausradieren. Bezos hat sich denn auch schon mehrfach für ein bedingungsloses Grundeinkommen ausgesprochen.

Amazons Online-Warenhaus ist aber nur das für den Kunden sichtbare Amazon. Dahinter steht eine gigantische IT-Infrastruktur – die Amazon-Cloud – die Bezos in den nächsten Jahren noch viel reicher machen wird.

Amazon hat die Mega-Cloud, die Microsoft und Google gerne hätten.

Mitte der 90er-Jahre war Amazon der Vorreiter im Online-Handel, rund zehn Jahre später war Bezos wieder Pionier. Vor Microsoft und Google ging 2006 Amazons Cloud-Plattform AWS (Amazon Web Services) an den Start. AWS stellt Unternehmen, die ihre IT (Server und Software) ins Internet verlagern wollen, Rechenkapazitäten und Speicherplatz in eigenen Rechenzentren bereit. Amazon arbeitete bereits seit 2002 an einem eigenen Cloud-Dienst. Dank der frühen Lancierung ist Amazon im Cloud-Geschäft klarer Marktführer, vor bekannten Namen wie Microsoft, Google oder IBM.

Amazons Cloud-Sparte geht durch die Decke

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amazon

AWS entstand quasi aus der Not, weil Amazon selbst weltweit verteilte Rechenzentren brauchte, um seinen schnell wachsenden Online-Shop möglichst störungsfrei betreiben zu können. Mit jeder Sekunde, die der Shop offline ist, verliert der Konzern Geld. Mit AWS stellt Amazon seine Rechenzentren und über 90 verschiedene Dienste (Datenbanken, Entwickler-Werkzeuge, künstliche Intelligenz etc.) auch anderen Firmen wie Netflix, Samsung oder Novartis zur Verfügung. 

Gegenüber dem Vorjahresquartal hat Amazon den Gewinn verzwölffacht. Für den Gewinnsprung sorgt primär die Cloud-Sparte. Sie wächst rasant und trägt mehr als 55 Prozent zum Betriebsgewinn bei. Die Cloud mausert sich zum neuen Rückgrat des Konzerns und wird in den nächsten Jahren Milliardengewinne in die Kasse spülen. Die Zeiten, als Amazon viel verkaufte, aber wegen der hohen Investitionen in den roten Zahlen steckte, sind definitiv vorbei.

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