Wirtschaft
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"Banken sehen immer stabil aus – bis sie es nicht mehr sind"

Die Finanzkrise hat das Bankensystem in seinen Grundfesten erschüttert. Bis heute hat es sich davon nicht erholt. "Das Ende der Banken" heißt ein provokatives Buch von Jonathan McMillan. Es zeigt auf, weshalb das traditionelle Bankensystem im Koma liegt – und wie es gerettet werden könnte.

Philipp Löpfe / watson.ch

Hinter dem Pseudonym Jonathan McMillan stehen zwei Schweizer Ökonomen: NZZ-Redaktor Jürg Müller und ein in London, New York und Zürich tätiger Banker.

Derzeit kann man überall lesen, dass sich das Bankensystem wieder stabilisiert hat. Ist es nicht schlechtes Timing, wenn Sie jetzt mit einem Buch mit dem Titel "Das Ende der Banken" auf den Markt kommen?
Wenn ich da etwa an die Deutsche Bank denke, bin ich nicht so sicher, ob Ihre These stimmt. Dazu kommt, dass 2017 in Italien Banken gerettet werden mussten und Russland eine Bankenkrise hatte. Zu Recht heißt es auch: Banken sehen immer stabil aus – bis sie es nicht mehr sind.    

Die Phase der außergewöhnlichen Kreditschöpfung mit komplexen Finanzinstrumenten, wie es sie vor der Finanzkrise gab, scheint jedoch vorüber zu sein.
Wirklich? Global steigt die Verschuldung nach wie vor, vor allem in den Schwellenländern. In den Industrieländern haben wir immer noch rekordtiefe Zinsen. So gesehen ist es gewagt zu behaupten, das Finanzsystem sei gesund.    

Ist ein gesundes, stabiles Bankensystem nicht ein Widerspruch in den Begriffen?
In der Nachkriegszeit war das Bankensystem in den westlichen Industriestaaten ziemlich stabil. Mit der Digitalisierung wurde es dynamischer – aber auch riskanter.    

Heute verteilen die Banken vor allem Hypothekarkredite.
Ja, und wahrscheinlich fließt der größte Teil in bestehende Objekte. Das bedeutet auch, dass die Banken kaum mehr investieren, um die Wirtschaft produktiver zu machen, sondern Vermögensblasen fördern.    

"Das heutigpanore Finanzsystem ist erstens ineffizient und zweitens verpolitisiert."

Gibt es in einer zunehmend digitalisierten Wirtschaft nicht zu wenig Möglichkeiten, in produktive Bereiche zu investieren?
Das glaube ich nicht. Wir haben noch sehr viele Möglichkeiten, unsere Welt schöner und besser zu machen. Ich denke da auch an ökologische Investitionen oder an Investitionen in die Infrastruktur unserer Städte.    

Was stört Sie am bestehenden Bankensystem?
Der wahnwitzig hohe Verwaltungsaufwand, der heute betrieben werden muss. In einer Großbank müssen heute Zehntausende von Mitarbeitern in der Compliance-Abteilung dafür sorgen, dass die bestehenden Regeln eingehalten werden. Dazu kommt das ganze Regulierungswerk, das immer weiter auswuchert und nur dazu dient, das Ganze unter Kontrolle zu halten. Das hat dazu geführt, dass heute das Finanzsystem erstens ineffizient und zweitens verpolitisiert worden ist.  

Die schärferen Regeln und die vermehrte Aufsicht sollten doch das System sicherer machen. Ist das eine Illusion?
Ja. Dank der Versicherung für die Einleger und die Rolle der Zentralbanken als Retter in höchster Not haben wir heute eine Art Las-Vegas-Prinzip bei den Banken. Die Garantien erlauben es Bankern, mit fremdem Geld hohe Risiken einzugehen.

Als die Banken noch mit dem eigenen Geld spekulierten, bestand jedoch permanent die Gefahr eines Bankruns, weil bei ersten Anzeichen einer Krise die verunsicherte Sparer schlagartig ihr Geld abheben wollten.
Diese Bankruns hat es gegeben, und sie waren eine große Gefahr für die Wirtschaft. Deshalb hat der Staat auch reagiert und die erwähnten Garantien eingeführt. Das wiederum hat zu neuen schädlichen Nebenwirkungen geführt, eben dazu, dass die Banken mehr oder weniger gefahrlos spekulieren können.    

In dieser Serie geht es um böse Banken:

Seit der Finanzkrise sind diese Möglichkeiten doch stark eingeschränkt worden.
Eben nicht, und zwar wegen der Digitalisierung. Um im Bild zu bleiben: Man hat den Banken gesagt: Ihr dürft nicht mehr nach Las Vegas gehen. Mittlerweile gibt es jedoch eine Vielzahl von Online-Casinos, und es ist unmöglich sicherzustellen, dass die Banken nicht online gambeln. Oder um ein anderes Bild zu gebrauchen: Auf amerikanischen Rummelplätzen gibt es das so genannte "whack-a-mole". Es ist eine Art Hau-den-Lukas bei dem man auf den Kopf eines Maulwurfs haut, der stets an anderer Stelle wieder auftaucht. 

"Die Banken sind ein bisschen wie dieser Maulwurf. Sie suchen stets nach neuen Möglichkeiten, Risiken einzugehen."

Die Banken wollen ganz einfach so viel Geld verkaufen wie möglich, genauso wie ein Bäcker auch so viele Brötchen wie möglich verkaufen will.
Ja, und wenn der Regulator das stoppen will, haut er auf den Kopf des Maulwurfs. Dieser taucht jedoch sofort an anderer Stelle wieder auf. Dann muss man ihm wieder auf den Kopf hauen, usw. In der digitalisierten Bankenwelt sind die Möglichkeiten grenzenlos geworden. Daher kann man die Banken praktisch nicht mehr kontrollieren.    

"Die Kryptowährungs-Szene  gleicht der Investmentbanker-Szene der 80er und 90er Jahre. Alles dreht sich ums schnelle Geld und um den Maserati."

Was halten Sie von Kryptowährungen und Blockchain?
Die Blockchain ist eine Technik. Wird die Blockchain im bestehenden System der doppelten Buchhaltung verwendet, dann ändert sich gar nichts. Man sieht ja bereits, wie die Banken die Fintech immer mehr für sich vereinnahmen. Die Blockchain könnte daher paradoxerweise das bestehende System noch komplexer und undurchsichtiger machen. Das System zu ändern ist nur auf politischem Weg möglich.

Die Väter der Kryptowährungen wollten doch wie Sie die Banken aushebeln.
Satoshi Nakamoto wollte tatsächlich ein anderes Finanzsystem. Betrachtet man die Bitcoins heute, dann sind sie eine Art digitales Gold geworden. Auf diesem Gold wird das gleiche fraktionale Bankensystem aufgebaut, das wir bereits haben.  

Nakamoto wollte doch auch ein dezentrales Finanzsystem und die Mittelmänner ausschalten. Wurde seine Idee verraten?
Sie ist vom bestehenden System aufgesogen worden. Gewisse Teile der Krypto-Community haben nicht mehr viel mit den Ideen der Gründerväter gemein. Sie gleichen vielmehr der Investmentbanker-Szene der 80er und 90er Jahre. Alles dreht sich ums schnelle Geld und um den Maserati.

Jetzt wird es schwierig, jetzt müssen Sie erklären, wie Sie es besser machen wollen.
Ich plädiere für ein dezentrales Finanzsystem, ohne mächtige Zentralbank und Geschäftsbanken in der Mitte. Also eine Art Peer-to-Peer-Lending-System, in dem Unternehmen und Privatpersonen direkt miteinander in Kontakt treten.

"Geldschöpfung aus Kredit ist nicht mehr nötig."

Das war ein bisschen schnell. Können wir eine Slow-Motion-Version haben?
Wir haben einerseits die reale Wirtschaft und andererseits die Finanzwelt. Diese Welt besteht im Wesentlichen aus miteinander verbundenen Bilanzen. Diese Bilanzen müssen wir nicht mehr via Banken verbinden, sondern können das direkt. Stark vereinfacht ausgedrückt heißt dies: Keine Firma soll mit geliehenem Geld spekulieren. Wenn sich alle an diese Regel halten, dann wird nie ein Bankrott einer Firma eine Kettenreaktion auslösen können.

Heißt dies, dass Sie die Kreditschöpfung der Geschäftsbanken unterbinden wollen?
Ja, Geldschöpfung aus Kredit ist nicht mehr nötig. Dank der digitalen Revolution können wir ohne auskommen, und es wird weiterhin genügend Kredite für die reale Wirtschaft geben.

Habe ich dann noch ein Konto bei einer Bank?
Ja, Finanzinstitute wird es immer geben. Sie werden weiterhin Kredite managen, unsere Vermögen verwalten, etc. Wir wollen nicht das Finanzsystem zerschlagen.

Was ändert sich also?
Die Art und Weise wie Finanzinstitute verkabelt sind. Diese Verkabelung muss dezentral erfolgen. Dank der Digitalisierung ist dies heute auch möglich geworden. Die Finanzinstitute werden dann nicht mehr die riesigen Bilanzen mit sich schleppen. Damit gibt es auch das "Too-big-to-fail"-Problem nicht mehr. Fällt ein Finanzinstitut um, dann kann es nicht mehr das ganze System ins Elend stürzen.

Nochmals langsam.
Heute erzeugt das Bankensystem einen riesigen Kabelsalat. Geld und Kredit sind über zahllose Bilanzen verschwurbelt, so dass niemand mehr nachvollziehen kann, wo die Risiken sind. In unserem dezentralen System sind die Teilnehmer direkt miteinander verbunden, alles läuft von Punkt zu Punkt. Das ist effizienter – und sicherer.  

Ich habe Geld gespart. Wie kann ich es in Ihrem System anlegen?
Eigentlich wie heute. Sie gehen zum Finanzinstitut Ihrer Wahl, lassen sich ihr Risikoprofil anfertigen und ihre Wünsche aufnehmen. Ihr Spargeld wird danach mit Algorithmen nach dem Peer-to-Peer-Prinzip verteilt. Sie haben dabei vollkommene Transparenz und wissen jederzeit, wo ihr Geld investiert ist.

Wie genau verhindert dieses System, dass die Banken unkontrolliert Geld schöpfen?
Das System verhindert, dass weder eine Bank noch sonst irgendeine Firma systemische Risiken schaffen kann. Dadurch sind endlich auch Finanzinstiute den Gesetzen des Marktes unterworfen. Es entsteht ein Finanzmarkt in eigentlichen Sinn des Wortes. Das System wird nicht mehr durch staatliche Garantien und Regulierungen verzerrt. Und Geld wird seinem eigentlichen Zweck zugeführt: Es wird zum Schmiermittel der realen Wirtschaft.

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