Ein Krankenwagen in den USA.
Ein Krankenwagen in den USA.
Bild: ap / Ted S. Warren

USA schockiert über junge Corona-Tote – das vermuten Experten

09.04.2020, 19:33

"Ben hat immer gesagt, dass die Nächte am schlimmsten für ihn wären", erzählt Brandy dem Nachrichtensender CNN. Das Atmen falle ihm im Liegen besonders schwer, habe sich ihr Mann beschwert. Per Textnachricht, denn die beiden hatten ihre letzten gemeinsamen Tage isoliert voneinander verbringen müssen. Der 30-Jährige war an Covid-19 erkrankt, auch Brandy hatte Symptome der Lungenkrankheit gezeigt.

"Er war wirklich besorgt", sagt Brandy, "kam in unser Schlafzimmer und wollte, dass ich ihn in die Notaufnahme bringe." Dort sei er beatmet worden, habe Paracetamol zur Fiebersenkung bekommen und sei wieder nach Hause geschickt worden. Am Tag darauf ging es ihm wieder besser.

"Der Sonntag war großartig", berichtet seine Frau. "Er bewegte sich, sprach mit uns." Es sah so aus, als sei Ben auf dem Weg der Besserung. In der Nacht kamen dann die Symptome wieder, schlimmer als zuvor.

Sie habe alles probiert, um ihm das Atmen zu erleichtern, seine Temperatur zu senken. Schließlich sei ihr Mann eingeschlafen. "Ich hörte ihn durch die Tür atmen, dann schlief ich ein." Am nächsten Morgen fand sie Ben leblos im Bett.

Was Brandy von ihrem Mann geblieben ist, ist quälende Ungewissheit. Wie kann ein gesunder 30 Jahre alter Mann ohne bekannte Vorerkrankungen an Covid-19 sterben?

"Da steckt mehr dahinter"

Geschichten wie die von Brandy und Ben rühren derzeit weltweit Menschen zu Tränen. Frankreich trauerte vor wenigen Tagen um eine 16-Jährige, die an der vom Coronavirus ausgelösten Krankheit verstarb. Belgien weinte jüngst um eine 12-Jährige.

Diese Geschichten sind nicht nur deshalb so traurig, weil junge Menschen zu Tode kommen. Sie bewegen, weil es lange als ausgemacht galt, dass junge Menschen nicht an Corona sterben. Krank werden ja, milde Symptome entwickeln, ja. Aber Notaufnahme, Beatmungsgerät, Leichenhalle – dieser tragische Dreiklang schien alten Menschen vorbehalten.

Immunologe Anthony Fauci, der in den USA eine ähnliche Rolle einnimmt, wie hierzulande Virologen wie Drosten oder Kekulé, sprach in einem CNN-Podcast davon, dass er nicht daran glaube, nur Alter oder Vorerkrankungen seien ausschlaggebende Risikofaktoren: "Da steckt mehr dahinter, und hoffentlich finden wir am Ende heraus, was es ist."

Was auch immer "es" am Ende sein mag: Forscher betonen unablässig, dass das Coronavirus und Covid-19 noch sehr neue Phänomene seien, aussagekräftige Daten zu ihrer Erforschung noch fehlten.

Insofern sind alle Erklärungsansätze für junge Todesopfer bislang höchstens Theorien, die einer wissenschaftlichen Überprüfung standhalten müssen.

  • Einer dieser Ansätze steckt in den Genen, spezieller im Gen ACE2 (Angiotensin-konvertierendes Enzym 2). Es ist unter anderem verantwortlich für die Oberfläche der Lungeninnenseiten. Eine Variation in diesem Gen könnte dafür sorgen, dass das Virus leichter in die Lungenzellen vordringen könnte, so eine Theorie. Virologe Alexander Kekulé stellte diese in seinem Podcast vor, betonte allerdings ausdrücklich ihren spekulativen Charakter.
  • Eine andere Theorie geht davon aus, dass die Antwort unseres Immunsystems auf den Erreger eine Rolle dabei spielen könnte, wie schwer Covid-19 verläuft. Gerade bei jungen und gesunden Menschen könnte ein sehr reaktives Immunsystem zu stark auf Sars-CoV-2 reagieren, bis Lunge und andere Organe zusammenbrechen.
  • Auch die Viruslast steht im Verdacht, für den Verlauf von Covid-19 mitverantwortlich zu sein. Dabei spielt das Alter eines Patienten insofern eine Rolle, als die Annahme zu Grunde liegt, junge Menschen achteten weniger streng auf soziale Distanzierung. Sie könnten daher höheren Virendosen ausgesetzt sein als Menschen, die die Beschränkungen richtig ernst nehmen. Grundlage für diese Annahme bilden auch Erfahrungen mit dem Ebola-Virus, bei dem höhere Dosen zu schwereren Verläufen führen können.
  • Charité-Chefvirologe Christian Drosten äußerte vor kurzem die (altersunabhängige) Theorie, dass manche Menschen das Virus direkt einatmen könnten, ohne Zwischenstopp im Rachen. Normalerweise "wandert", wenn überhaupt, der Erreger erst von dort in die Lunge. Bis es soweit ist, kann das Immunsystem Antikörper aufbauen und sich so auf Schlimmeres vorbereiten. Trifft das Virus aber direkt auf die Lunge, könnte dies einen schwereren Verlauf von Covid-19 begünstigen.

Bis Wissenschaft und Forschung eine Antwort darauf haben, warum auch junge Menschen einen tödlichen Verlauf von Covid-19 befürchten müssen, gilt: Bleibt zu Hause. Auch wenn es uns das Wetter gerade besonders schwer machen mag.

(pcl)

Virologe Drosten: Warum eine Erkältung immun gegen Corona machen könnte

Eine tolle Nachricht: Einige Virologen gehen inzwischen davon aus, dass es Menschen gibt, die unbemerkt immun gegen Covid-19 wurden, weil sie in der Vergangenheit eine (vergleichsweise harmlose) Corona-Erkältung durchlaufen haben. Im NDR-Podcast "Coronavirus-Update" erklärt Christian Drosten, was es mit dieser neuen Theorie auf sich hat.

"Es ist durchaus so, dass wir damit rechnen, dass es möglicherweise eine unbemerkte Hintergrunds-Immunität gibt – durch die Erkältungscoronaviren. Denn die …

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