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Bild: dpa

Wie Hannah Arendt die Welt vor der Banalität des Bösen retten wollte

Die Frau, die nur knapp den Nazis entfloh und zur bedeutendsten Philosophin des 20. Jahrhunderts wurde.

Anna Rothenfluh

"Sozialer Nonkonformismus ist das sine qua non großer intellektueller Leistungen."

Hannah Arendt

Hannah Arendt war eine kontroverse Denkerin. Immer stieß sie an mit ihren mutigen Ansichten, die sich einfach nicht in eine Schublade einordnen lassen. Ein Leben lang bewahrte sie sich ihre Unabhängigkeit, obwohl oder vielleicht auch gerade, weil sie Jüdin war. Von der Gesellschaft, in die sie hineingeboren wurde, erst verachtet, dann verstoßen und am Ende verfolgt, floh sie nach Paris und später nach New York, wo sie in den 1950er Jahren weltweit als herausragende politische Theoretikerin gefeiert wird – "vergleichbar mit Marx", wie es aus den Lobspalten der Kritiker ertönt. 

Wir wollen uns hier allerdings nicht zu sehr an Hannah Arendts Biographie entlanghangeln, wir wollen uns vor allem ihren Gedanken zuwenden. Denn, wie sie selbst sagte:

"Die Form der Biographie ist ziemlich ungeeignet für diejenigen, bei denen das Hauptinteresse nicht in der Lebensgeschichte liegt, wie beim Leben von Künstlern und Schriftstellern und ganz allgemein Männern und Frauen, die durch ihr Genie gezwungen waren, sich die Welt auf Distanz zu halten, und deren Bedeutung hauptsächlich in ihren Werken liegt, den Artefakten, die sie der Welt schenkten, nicht der Rolle, die sie in ihr spielten."

Hannah Arendt

Obwohl ihr Schicksal so sehr verwoben war mit dem Gegenstand ihres Denkens gelang es ihr stets, eine souveräne Distanz zu wahren. Hannah Arendt versuchte redlich zu verstehen, warum so etwas wie der Holocaust geschehen konnte. Manchen mag ihr Vorgehen schonungslos vorgekommen sein, andere hielten sie für unsensibel und arrogant.

Hannah Arendt stellte unangenehme Fragen – in ihrem aufrechten Versuch, die Menschen zu verstehen, war sie tatsächlich rücksichtslos.

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Hanna Arendt, stets mit Zigarette hannah arendt private archive via zeitgeistfilms

Und mochte die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg noch so verdüstert gewesen sein, mochte bei dieser modernen Barbarei nichts mehr einen Sinn ergeben, Hannah Arendt verlor nie das, was sie amor mundi nannte, die Liebe zur Welt. Und diese nun in Scherben liegende Welt wollte sie wieder ganz machen.

Die zerbrochene Welt

Bereits der Erste Weltkrieg hinterließ ein Heer von zerrissenen Seelen, das umherirrte und nach den alten Werten suchte, die der Krieg zerfetzt hatte. Der Philosoph Gabriel Marcel schrieb 1933 ein Theaterstück über diese "zerbrochene Welt". Hannah Arendt nannte das Gefühl, das die Menschen damals bestimmte, "Verlassenheit". Und sie waren tatsächlich verlassen. Von Gott und von allem anderen, woran sie geglaubt hatten. Nichts schien mehr von Bedeutung zu sein. Der französische Existentialist Sartre lässt seine Hauptfigur in "Der Ekel" sagen:  

"Ich war mir dessen immer bewusst gewesen, ich hatte kein Recht zu existieren. Ich war zufällig erschienen, ich existierte wie ein Stein, eine Pflanze, eine Mikrobe."

Jean-Paul Sartre, «Der Ekel», 1938

Das Dasein war leer geworden, jeglicher Sinn war im Granatenhagel der Schlachtfelder untergegangen. Für Hannah Arendt antworteten totalitäre Systeme wie der Nationalsozialismus und der Stalinismus genau auf solche Gefühle der Verlassenheit. Sie versprechen den Menschen Sicherheit und Geborgenheit – zum Preis der Unterwerfung. Sie bieten einfache Antworten auf eine komplexe Welt – und verkaufen sie als absolute Wahrheit. Sie beschwören eine "Volksgemeinschaft" oder eine "Arbeiterklasse" und konstruieren damit ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das auf Gleichschaltung der Dazugehörigen und dem Ausschluss einer "Rasse" oder einer "Klasse" beruht.

"Was moderne Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt und sie so gut vorbereitet für die totalitäre Herrschaft, ist die allenthalben zunehmende Verlassenheit."

Hannah Arendt in «Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft», 1951

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Geboren wurde Hannah Arendt am 14. Oktober 1906, 22 Stunden dauerte es, bis sie auf der Welt war, notierte ihre Mutter Martha Cohn Arendt in ihr Büchlein mit dem Titel "Unser Kind". hannah arendt private archive via zeitgeistfilms

Wie der Antisemitismus Hannah Arendt zur Jüdin macht

Hannah Arendt war zwölf Jahre alt, als der Erste Weltkrieg endete. Sie wuchs in einer assimilierten jüdischen Familie auf, im ostpreußischen Königsberg. Ihr Vater starb bereits 1913 an Syphilis, fünf Jahre lang zog sich sein Tod hin – dann war die kleine Hannah mit ihrer Mutter allein. 

Sie verlangte von ihrer Tochter, ihr sofort zu erzählen, wenn ein Lehrer sich antisemitisch äußern sollte. Geschah dies, so setzte Martha Arendt einen ihrer zahllosen Beschwerden an die Schulbehörde auf. Doch wurde Hannah von anderen Kindern als Jüdin gehänselt, so musste sie sich selbst dagegen wehren – dann duldete die Mutter kein Jammern und kein Klagen.

Mit 15 Jahren wird sie von einem jungen Lehrer dermaßen erniedrigt, dass sie ihre Mitschüler davon überzeugte, den Unterricht zu boykottieren. Hannah wird vom Gymnasium geworfen. Über den Inhalt der Beleidigung verlor sie nie ein Wort.

Ihr Abitur darf sie als Externe dennoch abschließen. Hannah ist jetzt 18 Jahre alt und zieht nach Berlin in eine Studentenbude, besucht Vorlesungen in Griechisch, Latein und christlicher Theologie. Es ist das Jahr 1924 und die Säulen der jungen Weimarer Republik wackeln gefährlich, die harten Vertragsbedingungen des Versailler Vertrags beuteln das Land und seine Leute, den Parlamentarismus wollen die wenigsten, und in den tristen Hinterhöfen dieser "Demokratie ohne Demokraten" erzählt man sich, das deutsche Heer sei im Felde tatsächlich unbesiegt geblieben.

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Durch Verräter und Reichsfeinde aus der sozialdemokratischen Ecke hätte es einen Dolchstoß von hinten erhalten. Eine Propagandalüge, die die zerschmetterte Selbstachtung der Deutschen wieder zusammenfügen sollte, in dem sie ihnen den Sündenbock für die Niederlage und für ihr elendes Leben lieferte.

Viele der Soldaten waren durch den Krieg verroht, entweder kannten sie nichts außer das Handwerk der Gewalt oder sie hatten durch das Stahlgewitter ihre friedlichen Fähigkeiten verloren. Ein fruchtbarer Boden für den grassierenden Antisemitismus, für all die bösen Mythen über die verräterischen und weltweit organisierten Finanzjuden. 

Ohne die Judenfeindlichkeit hätte sich Hannah Arendt gar nicht so sehr mit dem Jüdischsein auseinandergesetzt. Sie war aufgeklärt, hatte kein religiöses Verhältnis zum jüdischen Glauben, sie besuchte theologische Vorlesungen und beschäftigte sich intensiv mit dem Kirchenvater Augustinus. Da war keine Andersartigkeit zu ihren christlichen Freunden. Erst der fortschreitende Antisemitismus wird ihr immer deutlicher machen, dass man Rassenunterschiede herbeiideologisieren kann – mit den ungeheuerlichsten Konsequenzen. 

An der Universität Marburg studiert Hannah bei dem jungen und bereits für seine Genialität gefeierten Martin Heidegger und begeistert sich nicht nur für seine Aristoteles-Vorlesungen; sie ist 19 Jahre alt, er 35, und die beiden verlieben sich ineinander. Er liebt den Glanz ihrer Augen, ihre Schönheit, ihre Intelligenz und Melancholie. Er liebt auch ihre Leidenschaft für die Philosophie.

Heidegger nennt Hannah das "schöne und wunderbare Mädchen aus der Fremde". Doch er hat auch eine Frau und zwei Söhne. Um den bürgerlichen Schein zu wahren, will er das erotische Abenteuer geheim halten. Er bestimmt Zeit und Ort der Treffen mit Hannah, manchmal ist es sein Haus, dann wieder der Wald.

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Die Freundschaft zwischen Hannah Arendt und Martin Heidegger bleibt mit Unterbrechungen bis zu ihrem Tod bestehen. Bild: dpa

Lange funktioniert dieses versteckte Liebesspiel nicht und so verlässt Hannah 1926 auf seinen Wunsch Marburg in Richtung Freiburg, um anschließend Philosophie bei Karl Jaspers in Heidelberg zu studieren. 

Heidegger und seine Frau Elfride wurden später beide Gefolgsleute der Nazis. Was Hannah mit ihrem ehemaligen Geliebten getan hatte, lief im Dritten Reich unter dem Verbrechen der "Rassenschande". Und doch schreibt sie Heidegger 1948 wieder, erstmals nach 22 Jahren. Der ehemalige Nazi mochte das Wiederfinden seines inzwischen glücklich verheirateten "Mädchens aus der Ferne" bedichten, doch nie verlor der große Philosoph ein Wort über das inzwischen berühmte Werk seiner ebenso groß gewordenen Schülerin. 

Der Brief, den Hannah 1950 an Heideggers Frau schreibt, offenbart sehr schön ihr unaufhörliches Streben, die Menschen verstehen zu wollen. Sie schreibt:

"Sie haben doch aus ihren Gesinnungen nie einen Hehl gemacht, tun es auch heute nicht, auch mir gegenüber nicht. Diese Gesinnung nun bringt es mit sich, dass ein Gespräch fast unmöglich ist, weil ja das, was der andere sagen könnte, bereits im vornherein charakterisiert und (entschuldigen Sie) katalogisiert ist – jüdisch, deutsch, chinesisch. Ich bin jederzeit bereit, habe das auch Martin angedeutet, über diese Dinge sachlich politisch zu reden: bilde mir ein, ich weiss einiges darüber, aber unter der Bedingung, dass das Persönlich-Menschliche draussen bleibt. Das ist der Ruin jeder Verständigung, weil es etwas einbezieht, was ausserhalb der Freiheit des Menschen steht."

Hannah Arendt in einem Brief an Elfride Heidegger, 1950.

Hannah wollte alles und jeden verstehen, in ihren persönlichen Beziehungen ebenso wie in ihrem intellektuellen Schaffen als politische Theoretikerin. Das war ihre Hauptintention.

In einem Fernsehinterview wird die 58-jährige Hannah Arendt von Günter Gaus gefragt, ob sie mit ihren Arbeiten eine breite Wirkung erzielen wolle. Sie lächelt ein leicht überlegenes, aber eher mütterliches als arrogantes Lächeln, und antwortet ihm:

"Wenn ich ironisch reden darf, das ist eine männliche Frage. Männer wollen immer furchtbar gerne wirken. Ich sehe das von außen. Ich will nicht wirken, ich will verstehen. Und wenn andere Menschen verstehen, im selben Sinne wie ich verstanden habe, dann gibt mir das eine Befriedigung – wie ein Heimatgefühl."

Ein auf deutschem Boden gründendes Heimatgefühl blieb ihr als Jüdin auch verwehrt. Bald musste sie feststellen, dass weder die Säkularisierung noch die Aufklärung oder die Emanzipation der Juden in der Weimarer Republik dem Antisemitismus die Grundlage entzogen hatte. 

Und so beginnt sie in Heidelberg bei Karl Japsers der Frage nachzugehen, wo der Hass auf die Juden ursprünglich herkommt.

Seine Entstehung verortet Hannah Arendt im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, da, wo die Europäer ihre gierigen Imperialisten-Finger nach Afrika ausstreckten und die Unterdrückung seiner Kolonialreiche rassistisch durch einen fehlinterpretierten Darwinismus legitimierten. Da, wo man von den "Primitiven" auf dem schwarzen Kontinent sprach, die es zu zivilisieren galt. Zu diesem kulturellen Überlegenheitsgefühl gegenüber den "Naturvölkern" gesellten sich biologische Argumente, gebastelt aus scheinwissenschaftlichem Material. Und so hieß es bald: Jüdisch-Sein, das ist ein unauslöschlicher Makel. Da ist keine Entwicklung mehr möglich. 

Hannah Arendt unterscheidet den früheren Judenhass vom modernen Antisemitismus: Christen und Juden bekämpften sich einst gegenseitig, und es bestand die Möglichkeit auf Bekehrung oder Konversion, im weitesten Sinne also auf Versöhnung. Der rassistische Antisemitismus aber schließt das aus, die Differenz wird unüberbrückbar, weil sie pseudobiologisch an der "Rasse", am Blut festgemacht wird – und letztlich in einen blutigen Überlebenskampf ausartet.

Hier verlieren dann auch die alten antijüdischen Schuldvorwürfe des Gottesmordes, der Ritualmorde oder der Hostienschändung ihre Bedeutung. Was die Juden angeblich tun oder nicht tun, interessiert niemanden mehr, einzig was sie angeblich sind und vor allem was sie eben nicht sind, ist noch von Belang.

Was tun mit dem Jüdischsein?

Als Hitler an die Macht kommt, schreibt Hannah Arendt in einem Manuskript über die Lebensgeschichte von Rahel Vernhagen, einer deutschen Jüdin der Romantik – sie wird zu Hannahs Identifikationsfigur.

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Die jüdische Schriftstellerin und Salonnière Rahel Varnhagen (1771–1833), geborene Levin. Die letzten Kapitel über Rahel wird Hannah erst 1938 in Paris zu Ende schreiben, erscheinen wird das Buch 1958 in den USA Bild: dpa

Rahel Varnhagen betreibt um 1800 einen erfolgreichen Salon in Berlin, wo sich die berühmtesten Literaten ihrer Zeit genauso einfinden wie die Mitglieder des preussischen Königshauses. Es gelingt ihr also, mit der bürgerlichen Gesellschaft in Berührung zu kommen, doch wirklich dazugehören wird sie nie. Denn Rahel ist Jüdin, eine ohne jede Grazie, wie sie selbst sagt. Deshalb haftet ihr nach Hannah Arendt ein doppelter Makel an.

Mit 43 Jahren heiratet sie Karl August Varnhagen, wovon sie sich einen gesellschaftlichen Aufstieg verspricht. Sie konvertiert zum Christentum und legt ihren jüdischen Namen ab. Für einen Mann, den sie nicht liebt, verleugnet sie ihre jüdischen Wurzeln. 

Und Hannah kommt zum Schluss: Aus dem Judentum kommt man nicht heraus. Rahel versuchte ein Parvenü zu sein, ein Begriff, den Hannah für einen angepassten Juden verwendet. Für den Ausnahmejuden, der sich gezwungen sieht, sich selbst und sein ganzes Volk zu verleugnen, um in der Gesellschaft aufsteigen zu können. Ja, der am Ende selbst den ganzen Judenhass mitübernehmen muss.

"Das Bedauern der Parias, es nicht zum Pavenü gebracht, und das schlechte Gewissen des Parvenüs, das Volk verraten, seine Herkunft verleugnet und die Gerechtigkeit für alle gegen individuelle Vorrechte eingetauscht zu haben, bildeten seit Mitte des vorherigen Jahrhunderts den Grundstock der sogenannten komplizierten seelischen Verfassung durchschnittlicher Juden."

Hannah Arendt

Letztlich, so Hannah Arendt, gelang Rahel Varnhagen das Parvenü-Leben nicht – sie blieb Paria, eine Außenseiterin, eine Verstoßene, die ihrem Jüdischsein nicht entkommen kann. Für Hannah Arendt bedeutet Jüdischsein im Jahr 1933 noch mehr: Es ist ein Schicksal, das von Geburt an feststeht. Da ist keine Wahl mehr zwischen Anpassung oder Außenseitertum, sie und mit ihr alle anderen Juden sollten verfolgt und ermordet werden – so will es die Endlösung der Nationalsozialisten.

Hannah Arendt flüchtet nach Paris

Hannah Ahrendts erster Ehemann Günther Anders hatte sich bereits Anfang 1933 nach Paris abgesetzt, als sie weiterhin in Berlin lebte und in ihrer Wohnung von den Nazis verfolgte Menschen versteckte. Sie wollte Widerstand leisten, aber als sie im Juli ihre Mutter besuchte, wurde sie verhaftet und eine Woche lang verhört. Irgendwie schaffte sie es, sich ohne Anwalt freizukriegen. Aber die Situation war unhaltbar geworden. Sie musste zusehen, wie manche ihrer Freunde verfolgt wurden und sich die anderen an das neue Klima anpassten. 

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Nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 wurde die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat erlassen. Damit wurden die Grundrechte der Weimarer Verfassung de facto außer Kraft gesetzt und der Weg freigeräumt für die legalisierte Verfolgung der politischen Gegner der NSDAP. Bild: B0100_Ullstein

Im Juli flüchtet sie von Berlin nach Prag, über Genua und Genf nach Paris, wo sie als staatenlose Jüdin lebt. Die Nationalsozialisten haben sie ausgebürgert – so wie sie es bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges mit 39.005 anderen Personen machen werden. Angesichts der Hilflosigkeit tritt sie für einige Zeit der zionistischen Bewegung bei, um die Emigranten auf das Leben in Palästina vorzubereiten.

Für sie selbst ist dies keine Option, sie lebt gern in Paris, umgibt sich da mit anderen Flüchtlingen, mit ihren Freunden Walter Benjamin und Heinrich Blücher, der 1940 ihr zweiter Mann wird. Mit ihm wird Hannah Arendt debattieren und streiten, hier werden sich zwei willensstarke und viel denkende Menschen ein Leben lang geistig befruchten. 

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Hannah Arendt mit ihrem zweiten Ehemann Heinrich Blücher, mit dem sie bis zu ihrem Tod verheiratet war. bild: hannah arendt private archive via zeitgeistfilms

Am 10. Mai 1940 überfallen Hitlers Truppen die neutralen Benelux-Staaten und marschieren in Frankreich ein. Für die Emigranten mit ehemals deutschem Pass bedeutet das Internierung. Damit wollten die französischen Behörden der Spionage und Sabotage vorbeugen.

Hannah Arendt muss sich gemeinsam mit anderen Frauen mit maximal 30 Kilo Gepäck im Sportpalast melden. Und während sich die Nazis Paris nähern, bleibt sie eine Woche lang ohne Nachricht.

Als Jüdin aus Deutschland vertrieben. In Frankreich als Deutsche interniert. Und schliesslich, als ihre neue Heimat Hitlers Männern unterliegt, findet Hannah sich als gefangene Jüdin wieder – in Gurs, nahe der Pyrenäen, dem größten französischen Internierungslager. Doch sie schafft es auch von hier zu flüchten. Der Mehrheit gelingt das nicht – sie landen in den Gaskammern der deutschen Vernichtungslager. 

Im Mai 1941 kommt sie mit nur 25 Dollar in der Tasche in New York an, wo sie gemeinsam mit Heinrich und ihrer Mutter in einer winzigen Wohnung lebt. Erst arbeitet sie als Haushaltshilfe, beginnt dann Zeitungsartikel zu schreiben. Ein Jahr später bekommt Hannah Arendt bereits ihren ersten Lehrauftrag am Brooklyn College.

"Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft"

1951 erscheint ihr 1000 Seiten schweres Hauptwerk in Englisch. In linken Kreisen wird es nicht gerne gelesen, dort jubeln noch immer einige der stalinistischen Version des Kommunismus' entgegen. Hannah Arendt besaß in ihren Augen die Frechheit, den Nationalsozialismus mit dem Stalinismus zu parallelisieren, und beide als gleichermaßen totalitäre Systeme zu definieren, deren wesentliches Element der Terror ist. 

Sie beschreibt in ihrem Buch, wie die totale Herrschaft jegliche Form von Koexistenz, von Vielfalt und Pluralität erstickt. Denn absolute Kontrolle übt man nur dann aus, wenn alle dasselbe denken und alle gleichgeschaltet handeln, wenn den Menschen jegliche Spontanität ausgetrieben wird. Wenn sie nicht mehr nachdenken, erhält man die vollständig disziplinierte Gesellschaft.

Und wie bringt man die Leute dazu, nicht mehr selbst zu denken? 

Man liefert dem nach Hannah Arendt "verlassenen" modernen Menschen einen neuen Glauben. Eine Ideologie, die ihm alles erklärt und mit dem sich alles rechtfertigen lässt. Diese wird mittels scheinwissenschaftlicher Theorien gefestigt, die als absolute Wahrheiten verkündet werden. Jegliche Zweifel daran werden verbannt. Es gibt in einer solchen Ideologie ein überlegenes Volk und einen inneren Feind, der eliminiert werden muss. Das ist der Kern, der das Handeln bestimmt: Die Juden werden im Nationalsozialismus als Feind ausgemacht, weil sie gemäß der Rassenkunde minderwertig sind, folglich gehören sie ausgerottet – so die "eiserne Logik" dieses Systems.

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"Der Stürmer" war eine antisemitische Wochenzeitung. Bild: dpa

Diese sicheren Wahrheiten legitimieren dann auch den Terror, der gegen den "Feind" und gegen die "Falschgläubigen" gerichtet wird. Dieser wird im Nationalsozialismus in den Konzentrationslagern, im Stalinismus in den Gulags institutionalisiert. Diese Vernichtungsmaschinerie führt gemäß der Ideologie nur beschleunigend aus, was die Natur sowieso vorgesehen hat. Es herrscht die totale Gewalt, die die Grenzen zwischen Zivilem und Militärischem auflöst und am Ende sogar fähig ist, die intimsten zwischenmenschlichen Bande zu zerstören durch die gesetzliche Regulierung von Eheschliessungen, das Ausspionieren und Denunzieren von Nachbarn, Freunden und Familienmitgliedern.

Eine Zeichnung des armenischen Malers und Grafikers Beniamin Mkrttschjan von 1954 "Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929 - 1956" der Stiftung Schloss Neuhardenberg. Bild: dpa-Zentralbild

Im Stalinismus ging dieser Terror so weit, dass selbst unschuldige Genossen in den Schauprozessen Dinge gestanden, die sie niemals verbrochen hatten. Sie bewiesen ihre unverbrüchliche Treue damit, dass sie lügten, sich in Selbstkritik ergingen, und das, obwohl sie ganz genau wussten, dass dies ihren Tod bedeutet. Und so starben sie als Märtyrer für ihre Partei, die doch niemals falsch lag. 

Um diesen flächendeckenden Terror ausüben zu können, braucht ein totalitäres System eine Bürokratie. Eine, die reibungslos funktioniert, weil jeder darin folgsam seine Aufgaben ausführt und nichts davon hinterfragt. Hannah Arendt nennt dies "die Herrschaft des Niemand" – die verehrende Folgen für die Urteilskraft und das Verantwortungsgefühl des Einzelnen hat.

Eichmann und die Banalität des Bösen

Einer dieser gefolgsamen Untertanen wird 1960 in Argentinien aufgespürt und nach Israel entführt. Endlich, dachte man sich dort, haben wir einen der Haupttäter gefasst, den Mann, der die Vertreibung und Deportation der Juden leitete. Adolf Eichmann. Und im lauten Geschrei nach Gerechtigkeit verhallte auch die Forderung nach einem internationalen Gerichtshof. Eichmann wurde in Jerusalem der Prozess gemacht und Hannah Arendt saß als Reporterin für den "New Yorker" mit im Saal.

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Der SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann Bild: dpa

Eichmanns Anwalt verteidigte die Handlungen seines Klienten als Hoheitsakte, die dieser nur vollstreckt habe, für die er aber keine Verantwortung trage. Er forderte Eichmanns Freispruch. Bekommen hat er den Tod durch den Strang. 

Hannah Arendt kritisierte zahlreiche Aspekte des Prozesses in ihren Artikeln, vor allem war es ihr ein Gräuel, dass das Ganze als Medienspektakel aufgezogen wurde. Ein Staatsanwalt, der Pressekonferenzen gab, in denen er sich Reflexionen darüber hingab, wie der Holocaust überhaupt geschehen konnte, und dessen Ausführungen im Fernsehen durch Werbung unterbrochen wurden. 

"Gerechtigkeit verlangt äußerste Zurückhaltung und den Abbruch aller Beziehungen zur Öffentlichkeit, sie erlaubt gerade noch die Trauer, aber nicht einmal den Zorn, und sie diktiert schließlich strengste Enthaltsamkeit gegenüber allen Verlockungen, sich durch Scheinwerfer, Kameras und Mikrophone ins Rampenlicht zu spielen."

Hannah Arendt, "Eichmann in Jerusalem", 1966.

Doch Hannah Arendt selbst löste einen Skandal aus, als zwei Jahre später ihr Buch "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen" erschien. Denn Israel wollte einen Hauptkriegsverbrecher, ein Monster, und bekam einen Hanswurst. Einen ganz banalen Schreibtischtäter, irgendeiner dieser folgsamen Empfänger von Weisungen. So beschrieb sie Eichmann – und für viele, vor allem jüdische Menschen, war Arendts Charakterisierung dieses Mannes eine unerhörte Verharmlosung. 

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Adolf Eichmann während seines Prozesses im Glaskäfig, flankiert von Polizisten. Er wurde zum Tode verurteilt und in der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni 1962 durch den Strang hingerichtet. Bild: dpa

"Arendt verweigerte sich der Einsicht in die kranke, sadistische Natur dieses Täters und schritt mit dem ganzen Stolz ihrer Intelligenz über die historische Erfahrung und die aktuellen Empfindungen ihrer Zeitgenossen hinweg."

Der amerikanische Philosoph Gary Smith im Jahr 2000 .

Sie mochte arrogant wirken, doch war ihre Distanziertheit, ihre Rücksichtslosigkeit im Urteil Eichmanns vielmehr ihrer intellektuellen Redlichkeit geschuldet. Hannah Arendt wollte wahrhaft verstehen, warum der Holocaust geschehen konnte, und für sie ließ sich das nicht mit der Vorführung eines kranken, sadistischen Täters machen. 

Denn das Kranke war im Dritten Reich zum Gesunden geworden, ein Mord war da kein Mord mehr, sondern eine "Sonderbehandlung" und niemand schien sich zu wundern, niemand schrie auf, niemand tat etwas, wenn der Nachbar deportiert wurde. Nach Hannah Arendt hatte der sogenannte gesunde Menschenverstand komplett versagt.

Auf ethische Werte war kein Verlass mehr, sie wurden ihrer Gültigkeit beraubt, ja geradezu in ihr Gegenteil verkehrt. Wörter wie wahr oder falsch, gut und böse, sie alle waren ihres eigentlichen Sinnes enthoben worden. Formale Regeln und die eiserne Logik einer antisemtitischen Ideologie hatten die Gehirne vernebelt und offenbar die Urteilsfähigkeit der Menschen ausgeschaltet. 

Adolf Eichmann war für Hannah Arendt nur einer dieser Unfähigen, der verlernt hatte, über die Wirkungen der eigenen Handlungen nachzudenken. Er gehörte zum Typus Untertan, der überall dort zu finden ist, wo er als Rädchen ein autoritäres System am Laufen hält. Denn in so einer Gesellschaft tragen nur die leitenden Politiker Verantwortung. Der ganze Rest besteht nur aus treuen Untertanen, gehorsamen Bürokraten und ordentlichen Soldaten, die ihre Gefolgsamkeit für eine Tugend halten. 

Anlässlich des Reichsparteitages der NSDAP in Nürnberg 1938 marschieren Mitglieder der SA in Reih und Glied auf dem Adolf-Hitler Platz. Bild: dpa

Ein schlechtes Gewissen hätte Eichmann nur bereitet, wäre er den Befehlen nicht nachgekommen. Der Nazi-Ideologe Hans Frank, der sich als Hitlers Rechtsanwalt und "Judenschlächter von Krakau" einen Namen machte, wertete für das "reine Gewissen" seiner Gefolgsleute eigens Kants kategorischen Imperativ um:

"Handle so, dass der Führer, wenn er von deinem Handeln Kenntnis hätte, dieses Handeln billigen würde!"

Hans Frank, 1942.

Die Nazis verstanden es, die Verantwortungslosigkeit ihrer Untergebenen in großen Apparaten zu perfektionieren. Eichmann ließ sich kein einziger Mord nachweisen, den er eigenhändig begangen hätte.

"Im Dritten Reich hatte das Böse die Eigenschaft verloren, an der die meisten Menschen es erkennen – es trat nicht mehr als Versuchung an den Menschen heran."

Hannah Arendt, "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen", 1966.

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Das Milgram-Experiment bestätigte Arendts These von der Banalität des Bösen. Durchschnittliche Personen sind dazu bereit, autoritären Anweisungen auch dann Folge zu leisten, wenn sie in direktem Widerspruch zu ihrem Gewissen stehen. Der Versuch bestand darin, dass ein "Lehrer" – die eigentliche Versuchsperson – einem "Schüler" (ein Schauspieler) bei Fehlern vermeintlich einen elektrischen Schlag versetzte. Video: YouTube/QuantaBR

Heute gibt es Zweifel daran, ob Adolf Eichmann sich seiner Taten tatsächlich so unbewusst war. Die deutsche Historikerin Bettina Stangeth beschrieb seine Person in ihrem 2011 erschienen Buch "Eichmann vor Jerusalem – Das unbehelligte Leben eines Massenmörders" ganz anders als Hannah Arendt. Sie benutzte dafür bis dahin unbekannte Original-Handschriften und Dokumente, die sie in deutschen Archiven wiederentdeckt hatte und kommt zum Schluss, dass Eichmann in Jerusalem eine perfide Show abgezogen habe. Hannah Arendt sei wie nahezu alle anderen darauf hereingefallen.

Doch die Historikerin betont, dass Hannah Arendts Theorie der Banalität des Bösen nicht falsch werde, nur weil Eichmann "das falsche Beispiel" dafür gewesen sei. 

Hannah Arendt schonte indes in ihrem Buch auch gewisse Juden nicht. Sie konfrontierte die teilweise mit den Nationalsozialisten kooperierenden Judenräte mit dem Vorwurf, den Holocaust noch verschlimmert zu haben. Sie öffnete das für Juden "dunkelste Kapitel der dunklen Geschichte".

"Wenn die einen sich in der Weltgeschichte ihr Alibi für konkrete Mordtaten holen, so wünschen die anderen, weil sie angegriffen und in der Defensive sind, unter gar keinen Umständen konkret ihren Anteil an Verantwortung zu diskutieren."

Hannah Arendt, "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", 1951.

Man darf die Denkerin hier nicht missverstehen. Sie maß diesen Juden keine ursächliche Schuld am Holocaust zu, sie spricht aber die Opfer im Rahmen ihrer Handlungsoptionen – Kooperationsverweigerung, Verzögerung, Ausweichtaktiken – nicht von jeglicher Verantwortung frei. 

(FILE) An undated handout showing the gate tower, ramp and railway line at Auschwitz-Birkenau Nazi death camp. Ceremonies on 26 January 2010 will mark the 65th anniversary of the liberation of the former death camp and International Holocaust Remembrance Day that Israel commemorates on 27 January. EPA/WIENER LIBRARY FILE UK AND IRELAND OUT - MANDATORY CREDIT: Picture supplied by the Wiener Library. This picture may only be used in connection with Holocaust Memorial Day. No commercial use. EDITORIAL USE ONLY  +++(c) dpa - Bildfunk+++ |

Das Eingangstor zum Konzentrationslager Auschwitz. Bild: epa WIENER LIBRARY

Und was bleibt am Ende? Eine menschliche Tragödie. Ein Scherbenhaufen korrumpierter Werte. Eine abermals zerbrochene Welt, in der jegliche Kultur, jegliche Religion und jegliche Moral fragwürdig geworden war. 

Und doch hört Hannah Arendt nicht auf, die Welt wieder zusammenfügen zu wollen. Sie fragt: Wie kann ein totalitäres System wie der Nationalsozialismus in Zukunft verhindert werden?

Hannah Arendts Vorstellung von der Demokratie

Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs hatten sie gelehrt, dass eine gemeinsame Welt nicht durch ein gleiches Weltverständnis, eine Leitkultur, eine gemeinsame Religion oder Ideologie entsteht. Der Nationalstaat des 19. Jahrhunderts hatte versucht, eine nicht vorhandene Homogenität herzustellen, alle Menschen an eine Leitgruppe anzugleichen. Er war gescheitert.

Für Hannah Arendt ist der Pluralismus einer Gesellschaft der Garant für eine friedliche Welt. Denn für sie folgt Gemeinsamkeit aus den Differenzen zwischen den Menschen, nicht aus der Einheit, wenn alle derselben Meinung sind. Erst wenn zwei verschiedene Meinungen öffentlich aufeinanderprallen, öffnet sich ein Zwischenraum, der nicht existiert, wenn beide derselben Meinung sind. 

"Nicht der Mensch bewohnt diesen Planeten, sondern Menschen. Die Mehrzahl ist das Gesetz der Erde."

Hannah Arendt

Dieser Zwischenraum ist für Hannah Arendt das eigentlich Politische. Hier wird kommuniziert und diskutiert, hier nimmt der Bürger aktiv an Entscheidungen teil, hier wird gemeinsam eine Welt erschaffen. 

Ihr Vorbild findet die Theoretikerin im 5. vorchristlichen Jahrhundert in Griechenland, was ihr den Vorwurf der nostalgischen Verklärung einbringt. Sie orientiert sich an den Bürgern Athens, die auf dem Marktplatz und in den Volksversammlungen rege die Belange ihrer Polis diskutieren. 

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bild: hannah arendt private archive via zeitgeistfilms

Wer sich aus den politischen Angelegenheiten der Polis heraushielt, wer keine Ämter wahrnahm, obwohl es ihm möglich war, den schimpfte man einen Idioten (griech. idiotes). Jeder hatte die Pflicht, sich ein politisches Bewusstsein zu schaffen und aktiv an den öffentlichen Diskussionen teilzunehmen.

Im Gegensatz zu den alten Griechen verstand Hannah Arendt das demokratische System als eines, an dem alle teilnehmen können, aber nicht alle teilnehmen müssen. Sie lebte in den USA, wo eine nur 50-prozentige Wahlbeteiligung ganz normal war. Ihrer Ansicht nach sollten sich von der Politik verdrossene oder uninformierte Bürger auch nicht an der Schaffung der Zukunft beteiligen. Darum halten einige Kritiker Hannah Arendt für elitär, doch eigentlich schließt sie nur diejenigen aus, die sich selbst durch ihr Desinteresse ausschließen. 

Der Sinn alles Politischen liegt für Hannah Arendt in der Freiheit. Und diese Freiheit darf sich nicht darauf beschränken, Wohlstand zu gewährleisten – so wie es der Liberalismus verspricht. Freiheit bedeutet bei ihr mehr als nur Schutz von Privatinteressen und ökonomische Vorteile. Denn ein solches Nutzenkalkül vereinzelt die Menschen nur und lässt sie in Passivität versinken, wo sie doch gemeinsam und aktiv an der Gestaltung der Zukunft teilhaben sollten.

Freiheit für Hannah Arendt ist das politische Recht auf öffentliche Kommunikation und gemeinsames Handeln – auch wenn ihr sehr bewusst ist, dass dieses Recht nicht alle haben. Dass es so etwas wie ein Recht gibt, Rechte zu haben. Und dies auch immer so sein wird. 

Hat man aber dieses Recht auf Freiheit, so erwächst diesem auch eine Verantwortung für den Einzelnen. Um der Freiheit gerecht zu werden, soll der Einzelne nach Hannah Arendt nachdenken. Denn je komplexer die Welt, desto mehr Reflexion benötigt man, um die eigene Rolle in der Welt zu kennen und die Auswirkungen seiner Handlungen zu sehen. Damit ein Satz wie "Ich habe doch nur die Züge nach Auschwitz gefahren" nie wieder geäußert werden kann.

Wirkliches Nachdenken bedeutet bei Hannah Arendt die Bemühung um die richtige Einsicht in Tatsachen. Die Bemühung um Wahrheit. Selbst wenn diese im Nationalsozialismus die düsterste Umformung durchmachte und ihrem Namen alle Schande brachte. Tatsachen können nicht einfach aufgrund ihrer schwierigen Beweislage als illusionär verworfen werden. Eine sichere Wahrheit gibt es nicht, doch die wahrhaftige Suche nach ihr, diese verlangt Hannah Arendt von jedem freien Bürger. Und sie soll, wie Sokrates es verlangte, immer wieder überprüft und in Frage gestellt werden. 

Das eigene Denken soll zusätzlich erweitert werden durch den Versuch, die Meinungen und Urteile anderer zu verstehen. Dafür müsse man sich in den anderen hineinversetzen. 

"Ohne diese Art von Einbildungskraft, die tatsächlich Verstehen ist, wären wir niemals in der Lage, uns in der Welt zu orientieren. Sie ist der einzige Kompass, den wir haben. Wir sind Zeitgenossen nur so weit, wie unser Verstehen reicht."

Hannah Arendt

Diese politischen Kompetenzen sind es, die nach Hannah Arendt moralische Werte ersetzen. Denn auf solche, das hat der Holocaust gezeigt, ist kein Verlass mehr. Wenn das Böse plötzlich zum Guten wird, woran soll sich der Mensch noch halten können? 

Er hält sich fortan daran, redlich nachzudenken, sich seiner Rolle und Verantwortung in der Welt bewusst zu sein. Durch öffentliche Kommunikation soll er aktiv teilnehmen an der Schaffung der Zukunft. Damit er dies rechtschaffen tun kann, muss er Tatsachen und seine darauf gegründete Meinung ständig wieder überprüfen und anpassen und stetig versuchen, die Urteile der anderen zu verstehen. Nur so, sagt Hannah Arendt, entzieht sich der Bürger totalitären Einflüsterungen. 

Was würde sie uns wohl heute sagen?

Am 4. Dezember 1975 verkrampft sich Hannah Arendts 69 Jahre altes Herz zum zweiten Mal. Und dieses Mal erholt sie sich davon nicht mehr. Ihre Asche wird neben der ihres Mannes Heinrich Blücher auf dem Friedhof des Bard College begraben.

Dass das Internet die Menschen inzwischen weltweit miteinander verbindet, hätte ihr wahrscheinlich gefallen, doch hätte Hannah Arendt uns aus ihrem Grabe heraus sicherlich vor der Gefahr von falschen Nachrichten gewarnt. Das Nachdenken ist in der Zeit der allgegenwärtigen Informationsflut noch herausfordernder geworden.

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Hannah Arendt – denkt nur mit Zigarette. bild: hannah arendt private archive via zeitgeistfilms

Sie würde uns zudem nochmals harsch darauf hinweisen, dass sie die Diskussionsfreudigkeit der Leute in den Kommentarspalten verschiedener Onlineportale zwar grundsätzlich begrüße, die Art und Weise, wie diese teilweise geführt werden, allerdings nicht. Denn, so macht es den Anschein, den wenigsten geht es dabei noch um Wahrheitsfindung, sondern vielmehr darum, bestimmte Ereignisse als Beweis für eine bestimmte Weltsicht heranzuziehen. Und diese Weltsicht wird gern als die einzig Richtige angesehen. Hannah Arendt würde womöglich poltern:

"Versucht euch ineinander hineinzuversetzen, versucht euch zu verstehen, anstatt die Welt herunterbrechen zu wollen auf die einfache Formel Gut versus Böse. Das ist der Anfang der Ideologie und das Ende des Nachdenkens. Hört auf mit diesem emotionalen Getöse, in dem die sachlichen Argumente untergehen. Zeigt mehr Gemeinsinn, denn Gefühle wie blinder Hass oder bedingungslose Liebe sind nicht kommunizierbar und zerstören die Politik. Sie zerstören die gemeinsame Welt, die sich überhaupt erst aus der Verschiedenheit der Menschen ergibt."

Die für den Artikel verwendeten Quellen:

Hans-Martin Schönherr-Mann: Hannah Arendt, Wahrheit, Macht, Moral.
Elisabeth Young-Bruehl: Hannah Arendt, Leben, Werk und Zeit.
"Sternstunde Philosophie
" über Hanna Arendt

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