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Diese Karte zeigt, in welchen Ländern Inzest erlaubt ist

Daniel Huber / watson.ch

Mein Chef weiß, dass ich Karten liebe. Darum schickt er mir manchmal eine zu. Neulich war es diese hier:

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Rechtslage von einvernehmlichem Sex zwischen Geschwistern. Dunkelblau: legal, Rot: legal für Geschwister des gleichen Geschlechts und Minderjährige, Blau: legal für Geschwister des gleichen Geschlechts, Gelb: legal für Minderjährige, Pink: legal, sofern kein öffentliches Ärgernis provoziert wird, Grün: illegal, Hellblau: keine Daten verfügbar. reddit

Der dargestellte Sachverhalt erstaunte mich. So sehr, dass ich zuerst annahm, die Karte sei schlicht nicht korrekt. Inzest zwischen Geschwistern legal in Frankreich, im katholischen Spanien, selbst im orthodoxen Russland? Aber illegal in den liberalen skandinavischen Staaten?

Aber die Karte zeigt den Sachverhalt richtig, soweit ich es beurteilen kann. Sie deckt sich weitgehend mit der folgenden Karte auf Wikipedia, auf der die rechtliche Situation für einvernehmlichen Inzest zwischen Erwachsenen weltweit abgebildet ist:

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Grün: nicht strafrechtlich verfolgt, Gelb: legal, sofern kein öffentliches Ärgernis provoziert wird, Orange: illegal (Gefängnisstrafe), Rot: illegal (Gefängnis bis zu lebenslänglich), Dunkelrot: illegal (Todesstrafe). wikimedia/borysk5

Diese Karte enthüllt eine enorme Bandbreite der strafrechtlichen Verfolgung von Inzest. In einigen muslimisch dominierten Staaten und Regionen steht sogar die Todesstrafe auf einvernehmlichen Geschlechtsverkehr zwischen nahen Verwandten. Merkwürdigerweise scheint dies ausgerechnet dort der Fall zu sein, wo die Verwandtenheirat stark verbreitet ist, also die Ehe zwischen Cousins und Cousinen ersten bis zweiten Grades:

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Anteil von Verwandtenheiraten in Prozent einschliesslich Cousins zweiten Grades. wikimedia

Blutsverwandtschaft

Bei Blutsverwandten ersten Grades (Eltern zu Kindern) sind die Hälfte der Gene durch direkte Abstammung identisch. Bei genetisch Verwandten zweiten Grades (Großeltern zu Enkeln, Geschwister untereinander) stammt im Durchschnitt ein Viertel der Gene von einem gemeinsamen Vorfahren. Onkel/Nichte oder Tante/Neffe sind Blutsverwandte dritten Grades, Cousins ersten Grades (sie haben ein gemeinsames Großelternpaar) sind Verwandte vierten Grades.

Quelle: Wikipedia

Inzestverbote dürfte es in der Menschheitsgeschichte seit sehr langer Zeit gegeben haben. Schon der babylonische Codex Hammurapi aus dem 18. Jahrhundert v. Chr. stellt Inzest unter Strafe. Zugleich gab es jedoch auch Ausnahmen; bekannt ist die Geschwisterehe bei den ägyptischen Pharaonen. Sie wurde selbst noch in hellenistischer Zeit praktiziert – Kleopatra beispielsweise war mit ihren Brüdern Ptolemaios XIII. und Ptolemaios XIV. verheiratet. Auch im Inkareich kam die Geschwisterehe vor.

Maßgeblich für die Verhältnisse in Europa waren lange Zeit die Bestimmungen der katholischen Kirche. Sie verbieten die Ehe – und damit die einzige Form legitimer sexueller Beziehungen – zwischen Blutsverwandten ersten Grades ohne Ausnahme. Anders verhielt es sich mit der Eheschließung unter Cousins, die an sich nicht erlaubt war, für die aber ein kirchlicher Dispens erteilt werden konnte.

Davon machte der Hochadel ausgiebig Gebrauch – die Ehe unter Cousins zweiten und sogar ersten Grades war in diesen Kreisen aus dynastischen Gründen eher die Regel als die Ausnahme. Das Privileg der Ehe unter Verwandten diente dazu, den Besitz und die Macht möglichst in der Familie zu halten – auch zum Preis von häufiger auftretenden Erbkrankheiten wie Hämophilie (Bluterkrankheit).

Risiko von Erbkrankheiten

Bei inzestuösen Verbindungen besteht für den Nachwuchs ein höheres Risiko, an Erbkrankheiten zu leiden. Die meisten dieser Krankheiten werden nämlich rezessiv vererbt, das heißt, sie treten bei den Nachkommen nicht in Erscheinung, solange diese vom anderen Elternteil eine gesunde Erbanlage erhalten, die dominiert.
Wenn beide Elternteile enger miteinander verwandt sind, das heißt, ähnlichere Erbanlagen aufweisen, nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass ein Nachkomme von beiden die rezessive Erbanlage erhält und dadurch erkrankt.

Im Durchschnitt liegt das Risiko für das Auftreten einer vorhandenen Erbkrankheit bei nicht blutsverwandten Partnern bei 2 bis 4 Prozent, bei einer Verbindung von Bruder-Schwester oder Elter-Kind jedoch bei 25 Prozent.

Quelle: Wikipedia

Mit dem Gedankengut der Aufklärung gerieten solche Privilegien zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Zugleich entzog die Aufklärung moralisch indizierten Delikten wie Blasphemie, Ehebruch, Sodomie (im Sinne einer sexuellen Handlung, die nicht der Fortpflanzung dient) oder eben Inzest die rechtstheoretische Basis. Eine Strafnorm setzt eine Rechtfertigung voraus, die in diesen Fällen nur schwierig zu finden ist – so gibt es bei einvernehmlichem Inzest unter selbstbestimmten, erwachsenen Partnern kein Opfer.

Bereits 1810 schaffte Frankreich daher die Strafbarkeit von bloßem Inzest im Code pénal français ab. Mehrere europäische Länder folgten dem französischen Vorbild, so Belgien, die Niederlande, Luxemburg, Spanien und Portugal. Weltweit gibt es noch eine ganze Reihe von weiteren Staaten, die keine Strafparagrafen für Inzest (mehr) kennen. Andere Staaten hingegen behielten entsprechende Paragrafen in ihren Strafgesetzbüchern bei – darunter vornehmlich angelsächsische und skandinavische Länder sowie Deutschland und die Schweiz.

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