Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.
epa03832683 A police handout made available on 21 August 2013 shows bank employees held hostage together with Clark Olofsson in the vault of Kreditbanken at Norrmalmstorg in Stockholm, Sweden, 23 August 1973. This event following a robbery is the basis for the psychological 'Stockholm syndrome' that describes hostages feeling sympathy with their captivators. In 2013, it is the 40 anniversary of the Stockholm syndrome. EPA/POLICE HANDOUT HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES |

Das weltberühmte Bild aus dem Tresorraum der Kreditbanken – dem Entstehungsort des Stockholm-Syndroms. Bild: SCANPIX SWEDEN

"Sie schützen uns vor der Polizei" – Wie vor 45 Jahren das "Stockholm-Syndrom" entstand

Dominik Sliskovic
Dominik Sliskovic

Der Gefangene Jan-Erik Olsson will seinen Freigang nutzen. Nicht etwa, um in den Park zu gehen oder ein Museum zu besuchen – sondern, um wieder straffällig zu werden. 

Der Schwede trägt eine Maschinenpistole mit sich, als er sich in einem Supermarkt maskiert und in die "Kreditbanken" am Stockholmer Norrmalmstorg marschiert. Er lüftet seine Jacke und ballert ins historische Gewölbe. Das "Normalmstorgdramat", das Drama vom Normalmsplatz, hat begonnen – und mit ihm die Entstehungsgeschichte des "Stockholm-Syndroms".

Aug. 08, 1973 - Gunman Holds hostages In Stockholm Bank. A policewoman, gun in hand (foreground), crouches behind a police van, outside the bank in Stockholm where a gunman is holding four hostages. The gunman is holding the hostages captive in a vault in the bank. PUBLICATIONxINxGERxONLY - ZUMAk09

Aug 08 1973  holds Hostages in Stockholm Bank a police woman Gun in Hand foreground touches behind a Police van outside The Bank in Stockholm Where a  IS Holding Four Hostages The  IS Holding The Hostages Captive in a Vault in The Bank PUBLICATIONxINxGERxONLY ZUMAk09

Bewaffnete Beamte belagern die Kreditbanken am Normalmstorg. Bild: imago stock&people

Seit Olssons verhängnisvollem Entschluss am 23. August 1973 steht der Begriff Stockholm-Syndrom synonym für ein auf den ersten Blick unverständliches psychopathologisches Phänomen (denn eigentlich müsste es Stockholm-Phänomen heißen!): Geiseln sympathisieren und kooperieren mit ihren Geiselnehmern, in extremen Fällen schlägt das Gefühlschaos sogar in Liebe um. 

Dass Opfer mit extremer Zuneigung auf ihre Peiniger reagieren, ist dabei gut erklärbar: In den Köpfen der Geiseln kommt es zu einer Wahrnehmungsverzerrung. Einfache Gesten der Kriminellen, wie das Erlauben von Essen, werden überproportional positiv belegt. Der Geiselnehmer wird zur Bezugsperson, die das eigene Weiterleben ermöglicht. 

"Um den Täter zu beschwichtigen, in dessen Macht es liegt, das Leben des Opfers zu beenden, wird jedes Opfer aus reinen Selbsterhaltungsgründen zunächst einmal alles tun, was der Täter verlangt", erklärte Psychologe Arnold Wieczorek 2003 in einem Gastbeitrag für die Fachzeitschrift "Kriminalistik". ("Spiegel")

So geht auch die damals 23-jährige Bankangestellte Kristin Enmark empathisch und behutsam mit dem Geiselnehmer Olsson und seinem freigepressten Zimmergenossen Clark Olofsson, der die Kreditbanken am 24. August betritt, um. 

Sie ruft Schwedens Premierminister Olof Palme an, beschimpft ihn, wirft ihm vor, mit ihrem Leben zu spielen und sagt einen Satz, der sie ihr ganzes Leben lang begleiten soll: "Sie (die Geiselnehmer, Anm.) schützen uns vor der Polizei." ("NZZ")

Premierminister Olof Palme (Schweden) in Stockholm  PUBLICATIONxNOTxINxDEN

Prime Minister Olof Palme Sweden in Stockholm PUBLICATIONxNOTxINxDEN

Schwedens Premier Olof Palmer ließ Geiselnehmer und Geiseln bis zuletzt zappeln. Bild: imago stock&people

Selbst als Olsson am dritten Tag des Dramas den Geiseln Schlingen um den Hals legt und sie am Banktresor fixiert, lassen Enmark und ihre drei Leidensgenossen Birgitta Lundblad, Elisabeth Oldgren und Sven Säfstrom mit sich machen, wie befohlen. Sie sehen die Schlingen nicht als Lebensgefahr, sondern als Lebensversicherung – für die Geiselnehmer, gegen die skrupellose Polizei Stockholm.

Die hatte nämlich ihren Plan ans Radio durchsickern lassen: Durch ein Loch. das die Polizei bohren wolle, solle Gas in den Rückzugsort der Geiselnehmer und Geiseln hineingelassen werden. Die insgesamt sechs Personen sollten so betäubt und dann ohne weitere Gewalt- und Waffenanwendung aus der Bank geführt werden.

Olssons Reaktion auf den Polizeiplan – die erwähnten Schlingen – war simpel und grausam: Wenn ihr, die Polizei, Gas einströmen lasst, werden die die Geiseln bewusstlos, sacken ein, brechen sich das Genick und sterben. 

Die Geiselnahme am Normalmstorg sollte noch drei Tage andauern. Die Verhandlungsführer verweigerten Olsson und Olofsson die geforderten 3 Millionen Kronen, die schusssicheren Westen und Helme, sowie das Fluchtauto. Am 28. August 1973, nach sechs Tagen, hält es Olsson nicht mehr im engen, übelriechenden Tresorraum der Kreditbanken aus: Er schießt in die Decke, hinter der sich Beamte positioniert hatten. Einer wird durch ein Projektil verletzt. Die Polizei entscheidet sich zum Eingriff – und lässt das Gas in den Raum strömen.

Panik bricht aus, Jan-Erik Olsson kann nicht mehr: Er ergibt sich der Polizei, das "Normalmstorgdramat" ist beendet.

Aug. 08, 1973 - Bank gunman in Stockholm surrenders: Jan Erik Olsson, the 32 year old gunman who held four people three women and a man hostage for six days in a Stockholm bank, surrendered last night after police had drilled holes in the vault where he had taken refuge with his hostages. The police had aged the holes to inject teargas into the vault. Photo shows the bank vault in which the two gunmen and their four hostages were keeped during the six days. PUBLICATIONxINxGERxONLY - ZUMAk09

Aug 08 1973 Bank  in Stockholm surrenders Jan Erik Olsson The 32 Year Old  Who Hero Four Celebrities Three Women and a Man Hostage for Six Days in a Stockholm Bank surrendered Load Night After Police had drilled holes in The Vault Where he had Taken Refuge With His Hostages The Police had Aged The holes to inject  into The Vault Photo Shows The Bank Vault in Which The Two  and their Four Hostages Were  during The Six Days PUBLICATIONxINxGERxONLY ZUMAk09

Der Tresorraum der Kreditbanken nach Ende des Normalmstorgdramat. Bild: imago stock&people

Doch mit dem Verlassen des Tresorraums endet nicht der psychische Ausnahmezustand der Opfer. Enmark setzt sich noch während der Verhaftung für Olsson und Olofsson ein, fordert eine faire Behandlung der Schwerverbrecher. Vor Gericht wird sie insbesondere für Olofsson, der bereits vor dem Geiseldrama ein dickes Vorstrafenregister hatte, einstehen. Schließlich wird Olofsson sogar freigesprochen, da er sich nicht selbst zum Geiselnehmer machte, sondern erst durch Olsson, der ihn freipresste. 

Olofsson verschwindet dennoch hinter Gittern, um seine Reststrafe wegen Bankraubs abzusitzen. Kristin Enmark besucht ihn regelmäßig, hält über Jahrzehnte Briefkontakt zu ihm – auch als  er wieder straffällig wird und zweimal aus einem Gefängnis türmt.

Bild

1984 wird Olofsson nach spektakulärer Flucht in Belgien dem Richter vorgeführt. Bild: imago/belga

Jan-Erik Olsson, der mit seinem Freigang im August 1973 das Stockholm-Syndrom gebar, wurde übrigens zu zehn Jahren Haft verurteilt, von denen er acht absaß. Noch im Gefängnis suchte er die Aussprache mit den Opfern, den Einsatzkräften und der Öffentlichkeit. Bis heute zeigt er, angesprochen aufs Normalmstorgdramat, tiefe Reue.

Jan-Erik Olsson, heute 77 Jahre alt, ist bis nicht mehr straffällig geworden und lebt nach vielen Jahren in Thailand seit einiger Zeit wieder mit seiner Familie in Schweden.

Aug. 08, 1973 - Bank gunman in Stockholm surrenders: Jan Erik Olsson, the 32 year old gunman who held four people three women and a man hostage for six days in a Stockholm bank, surrendered last night after police had drilled holes in the vault where he had taken refuge with his hostages. The police had aged the holes to inject teargas into the vault. Photo shows Jan Erik Olsson is escorted from the bank after his surrender. PUBLICATIONxINxGERxONLY - ZUMAk09

Aug 08 1973 Bank  in Stockholm surrenders Jan Erik Olsson The 32 Year Old  Who Hero Four Celebrities Three Women and a Man Hostage for Six Days in a Stockholm Bank surrendered Load Night After Police had drilled holes in The Vault Where he had Taken Refuge With His Hostages The Police had Aged The holes to inject  into The Vault Photo Shows Jan Erik Olsson IS Escorted from The Bank After His Surrender PUBLICATIONxINxGERxONLY ZUMAk09

1973: Jan-Erik Olsson wird aus der Kreditbanken geführt. Bild: imago stock&people

Enmark erklärt, dass der Kontakt zu Olofsson vereinfacht, das Geschehene zu verarbeiten. Die ehemalige Bankangestellte nimmt nach dem Geiseldrama ein Studium auf, wird Psychotherapeutin und kämpft bis heute gegen die Stigmatisierung des Stockholm-Syndrom. Denn die Forschung der vergangenen Dekaden hat gezeigt, dass Personen, die solchen Ausnahmesituationen ausgesetzt sind, in frühkindliche Verhaltensmuster verfallen, die auf Überleben durch Zuneigung ausgerichtet sind. ("NZZ") Oder um es simpler auszudrücken: Geiseln wählen das Stockholm-Syndrom nicht aus. Es liegt in der Natur.

Augenblicke – Bilder aus aller Welt:

Das könnte dich auch interessieren:

McDonald's- und Burger-King-Mitarbeiter packen über dreisteste Kunden aus

Link zum Artikel

9 Hochzeitsplaner erzählen, welche "tollen Ideen" sie nicht mehr sehen können

Link zum Artikel

Ein Helene-Fischer-Song war für Florian Silbereisen gedacht – doch es kam ganz anders

Link zum Artikel

Whatsapp: Mit diesem Trick kannst du noch Tage später unpassende Nachrichten löschen

Link zum Artikel

"The Masked Singer": Mit seinem Helene-Fischer-Auftritt hat sich der Engel verraten

Link zum Artikel

"Wo ist es nur geblieben?": Fans rätseln über angekündigtes Interview mit Helene Fischer

Link zum Artikel

Aldi wird sein Angebot radikal überarbeiten – das wird sich für dich jetzt ändern

Link zum Artikel

Aldi startet neues Konzept in London – warum das in Deutschland nicht funktionieren würde

Link zum Artikel

Ein Fehler veranschaulicht, worum es Plasberg beim EU-Streit wirklich ging

Link zum Artikel

Weil sie ihr Auto wuschen: Wut-Brief an Sanitäter – Antwort wird gefeiert

Link zum Artikel

"The Masked Singer": Dieser Promi steckt im Kudu-Kostüm!

Link zum Artikel

Umstrittenes Cover von Helene Fischer: "Vogue"-Chefin spricht über Bedenken

Link zum Artikel

Whatsapp-Panne: Tochter schickt Eltern Urlaubs-Selfie – Wiedersehen dürfte peinlich werden

Link zum Artikel

Das denken Singles, wenn sie diese 5 Sprüche hören

Link zum Artikel

Autofahrer weichen aus: Gelbe Teststreifen plötzlich auf der A4 aufgetaucht

Link zum Artikel

Gleiches Produkt, dreifacher Preis? Jetzt reagiert Edeka auf die Vorwürfe

Link zum Artikel

Neymar könnte mit Domino-Effekt für neuen Toptransfer beim FC Bayern sorgen

Link zum Artikel

iPhone-Userin ruiniert besonderen Moment der Braut – so regt sich eine Fotografin auf

Link zum Artikel

"Masked Singer": Faisal Kawusi empört mit üblem Merkel-Witz – ProSieben reagiert patzig

Link zum Artikel

Foodwatch kritisiert Edeka: Zwei Produkte, zwei Preise – trotz gleichen Inhalts

Link zum Artikel

Ein Bobby-Car im Parkverbot – so reagiert die Polizei

Link zum Artikel

"Stranger Things": Wenn diese Theorie stimmt, ist klar, was aus Hopper wurde

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Das geschieht in den ersten 10 Minuten in deinem Körper, nachdem du bei McDonald's warst

Fast Food ist ungesund, das wissen wir alle. Es ist fettig und voll mit Zucker. Aber auch schnell verfügbar und so lecker, dass wir kaum unsere Finger davon lassen können.

Wie schlimm die schnelle und kalorienreiche Fertig-Nahrung nun tatsächlich ist, daran scheiden sich nicht nur die Geister, sondern auch die Experten-Meinungen: Während die einen sagen, hin und wieder kann man sich etwas von McDonald's, Burger King oder KFC gönnen, verteufeln die anderen diese Art von Nahrung gänzlich.

So betonen …

Artikel lesen
Link zum Artikel