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Der Arzt Andrew Wakefield vor einem Gerichtstermin im Jahr 2010. Bild: getty images/montage: watson

Autismus durch Impfung – wie eine einzige Studie bis heute Ängste befeuert

Daniel Huber / watson.ch

1998 erschien im renommierten britischen Medizin-Fachjournal "The Lancet" ein Artikel, der heute noch Folgen hat: Der Arzt Dr. Andrew Wakefield und seine Kollegen veröffentlichten eine Studie, die einen vermeintlichen Zusammenhang zwischen dem Kombinationsimpfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) und Autismus beschrieb.

Nachdem es zuerst einige Zeit ruhig geblieben war, kam es später – zumindest in Großbritannien – zu einem beträchtlichen Medienrummel, der viele Leute nachhaltig verunsicherte und in dessen Folge der MMR-Durchimpfungsgrad in der Bevölkerung von 92% (1996) auf 84% (2002) zurückging. Auch heute noch zitieren Impfgegner die Studie regelmäßig – obwohl sie wissenschaftlichen Kriterien nicht genügt und "The Lancet" sie 2010 zurückzog.

Die umstrittene Studie

Die von einem Team von 13 Wissenschaftlern unter der Leitung von Wakefield unter dem Titel "Ileal-lymphoid-nodular hyperplasia, non-specific colitis, and pervasive developmental disorder in children" publizierte Studie analysierte zwölf Fälle von Kindern, die von 1996 bis 1997 im Londoner Royal Free Hospital behandelt worden waren. Sie litten alle an Darmerkrankungen und wiesen Entwicklungsstörungen (Autismus-Spektrum-Störungen) auf.

Wakefield wertete die Darmkrankheiten als neues Syndrom – später bezeichnete er es als "autistische Enterocolitis" – und empfahl weitere Forschungen zu deren möglichen Ursachen, insbesondere der Impfung mit dem MMR-Kombinations-Impfstoff. Die Studie suggerierte einen solchen Zusammenhang, da die Verhaltensauffälligkeiten in acht der zwölf Fälle kurz nach der MMR-Impfung beobachtet wurden.

Eine kausale Verknüpfung zwischen Impfung und autistischen Entwicklungsstörungen konnte daraus jedoch nicht abgeleitet werden; es fehlten statistische Angaben darüber, wie oft ein solcher zeitlicher Zusammenhang besteht. Dafür war die Studie ohnehin nicht umfangreich genug. Dennoch nutzte Wakefield die Pressekonferenz vor der Veröffentlichung der Studie dazu, von der Verwendung des MMR-Kombinations-Impfstoffs abzuraten und stattdessen Einzelimpfstoffe zu empfehlen.

Kritik und Vorwürfe

Die Befunde von Wakefields Studie konnten von unabhängigen Wissenschaftlern nicht reproduziert werden – mit anderen Worten, sie gelangten nicht zu denselben Ergebnissen und konnten keinerlei Zusammenhang zwischen MMR-Impfung und Autismus feststellen.

Nicht genug damit: Der britische Journalist Brian Deer konnte Wakefield mehrere Unstimmigkeiten nachweisen. So wurde 2004 bekannt, dass der Mediziner vor der Veröffentlichung der Studie 55.000 Pfund (umgerechnet rund 63.300 Euro) erhalten hatte – ohne Wissen seiner Co-Autoren oder des Fachjournals. Auch einer der Gutachter, der damals die Studie für "The Lancet" geprüft hatte, soll zuvor 46.000 Euro erhalten haben.

Das Geld stammte von einer Anwaltskanzlei, die im Auftrag der Eltern von fünf in der Studie erwähnten autistischen Kindern handelte. Diese waren daran interessiert, einen Zusammenhang zwischen der Impfung und Autismus zu finden, um den Impfstoff-Hersteller verklagen zu können. Die Tatsache brachte zehn der zwölf Co-Autoren Wakefields dazu, sich von der Studie zu distanzieren.

2006 wurde eine weitere Zahlung der Anwaltskanzlei an Wakefield bekannt, diesmal in der Höhe von 501.890 Euro. Insgesamt sollen 4 Millionen Euro für Gutachten, Beratertätigkeiten und Forschungsaufträge an Ärzte und Wissenschaftler geflossen sein, die dem Kombi-Impfstoff kritisch gegenüberstanden.

Ein mögliches Motiv dafür, warum Wakefield den MMR-Impfstoff in ein schlechtes Licht zu rücken suchte, liegt darin, dass er selber ein Patent für einen Einzelimpfstoff gegen Masern eingereicht hatte – und zwar bereits neun Monate vor der Veröffentlichung seiner Studie. Auch dies hatte der Journalist Brian Deer enthüllt. Im Britischen Ärzteblatt BMJ warf er Wakefield im Januar 2011 vor, er versuche aus der Vermarktung eines Tests für die angeblich impfbedingte Autismuserkrankung Profit zu schlagen.

Artikel-Rückzug und Berufsverbot

Aufgrund der anhaltenden Vorwürfe gegen Wakefield wurde 2007 die britische Ärztekammer, der General Medical Council, aktiv. Das Gremium untersuchte Wakefields Machenschaften und seine Studie zweieinhalb Jahre lang und teilte im Januar 2010 mit, der Arzt habe "unethische Forschungsmethoden" angewandt. So habe er elf Kinder übergriffigen Behandlungsmethoden wie Lumbalpunktionen oder Darmspiegelungen unterzogen, die klinisch nicht angezeigt waren. Zudem habe er seine Ergebnisse in "unehrlicher" und "unverantwortlicher" Weise präsentiert; das Fachjournal sei getäuscht worden.

Im Februar 2010 zog "The Lancet" deshalb Wakefields Artikel vollständig zurück. Bereits 2004 hatte das Journal Wakefield einen "fatalen Interessenskonflikt" attestiert und seine Studie als "fehlerhaft" bezeichnet, sie jedoch noch nicht zurückgezogen. Im Mai 2010 erteilte die Ärztekammer Wakefield ein Berufsverbot in Großbritannien. Unter anderem warf die Kammer dem Arzt vor, beim Kindergeburtstag seines Sohnes dessen Freunden Blutproben gegen Geld entnommen zu haben.

Wakefield hatte allerdings bereits 2001 seine Anstellung im Royal Free Hospital gekündigt. Er hat das Vereinigte Königreich verlassen und ist derzeit für eine umstrittene Privatklinik in den USA tätig. 2016 drehte er den impfskeptischen Dokumentarfilm "Vaxxed: From Cover-Up to Catastrophe", in dem der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC vorgeworfen wird, sie habe den angeblichen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus vertuscht. Unter vielen Impfgegnern gilt Wakefield mittlerweile als eine Art Märtyrer.

Ein unausrottbares Gerücht

Trotz des Berufsverbots für Wakefield, trotz des Rückzugs seiner Studie hält sich das Gerücht hartnäckig, die MMR-Impfung könne Autismus auslösen. Auch der heutige US-Präsident Donald Trump, der sich 2016 mit Wakefield ablichten ließ, verbreitete es mehrmals per Twitter, beispielsweise 2014:

2008 war laut einer Umfrage einer von vier Amerikanern davon überzeugt, dass Impfungen Kinder vergiften können. Dafür verantwortlich sind nicht zuletzt die Anstrengungen von Organisationen wie Autism One, die die Angst vor Impfungen schüren. Dass es häufig Eltern von autistischen Kindern sind, die das Übel in der Impfung sehen, ist durchaus verständlich. Denn tatsächlich haben viele von ihnen erlebt, dass die Entwicklungsstörung kurz nach einer Impfung auftrat. Und die zeitliche Nähe suggeriert nun mal Kausalität – es muss also die Impfung gewesen sein, die den Autismus verursacht hat. Doch Autismus tritt eben sehr oft gerade im Alter zwischen 18 und 24 Monaten zu Tage, in dem Kinder viele Impfungen erhalten.

Ein weiterer Grund dafür, dass der angebliche Zusammenhang zwischen Impfung und Autismus plausibel erscheinen mag, liegt in der Tatsache, dass die Zahl der Autismusfälle in den letzten Jahrzehnten – in denen auch die MMR-Impfung eingesetzt worden ist – stetig zugenommen hat. Die Ursache der Zunahme ist unklar, doch mindestens zum Teil dürfte sie auf eine verbesserte Diagnosemethodik zurückzuführen sein.

Vermutlich wird nichts das Gerücht wieder aus der Welt schaffen können, dass Impfungen Autismus verursachen können. Selbst das Ergebnis der bisher umfassendsten Studie dazu, die 2015 im "Journal of the American Medical Association" (JAMA) erschien, dürfte daran nichts ändern. Im Auftrag der US-Gesundheitsbehörden durchforsteten Anjali Jain und ihr Team von der Lewin Group einen riesigen Datensatz zur gesundheitlichen Entwicklung von über 95.000 Kindern. Fazit der Autoren: "In Übereinstimmung mit früheren Studien haben wir keinerlei Korrelation zwischen der MMR-Impfung und einem erhöhten Autismusrisiko entdeckt."

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