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Gibt es einen Ausweg aus der Klimakrise? Die Zeit läuft ab – aber darf nicht

Die Warnungen vor der Klimakrise werden immer dramatischer. Aber am Ende steht oft die Botschaft: Noch ist Zeit zu handeln. Das ist nicht nur Wunschdenken, sondern notwendig.

Jonas Schaible / t-online

Selbst unter den Beschreibungen der endzeitlichen Zustände, die auf die Menschheit wegen der Klimakrise zuzukommen drohen, ist "Die unbewohnbare Erde" von David Wallace-Wells außergewöhnlich eindringlich und schockierend. Das Buch beginnt so: "Es ist schlimmer, viel schlimmer, als Sie glauben."

Dann folgen 228 Seiten, in denen die drohende Katastrophe bis ins Detail beschrieben wird. Übersäuerte Ozeane, tödlicher Smog, vernichtende Waldbrände, Hitze, die den Körper gart, Hunger, Durst, Kollaps der Wirtschaft, dauernder Krieg der gemarterten Überlebenden.

Viele Wissenschaftler sind Optimisten

Aber selbst Wallace-Wells schreibt im Schlusskapitel: "Falls wir es abwenden, dann weil wir beschlossen haben, einen anderen Weg einzuschlagen, und zu überleben." Man liest in jedem Satz, dass er Zweifel hat, aber er sieht noch eine Möglichkeit, zu handeln.

In einem Essay im "New York Magazine", der dem Buch vorausging, schrieb er vor zwei Jahren: "Klimawissenschaftler hängen einem merkwürdigen Glauben an: Wir werden einen Weg finden, radikale Erwärmung zu begrenzen, sagen sie, weil wir es müssen." Viele der Wissenschaftler, die er gesprochen habe, seien Optimisten.

So geht das seit Jahren, nein Jahrzehnten. Immerzu stellt jemand fest, dass es fünf vor zwölf sei, dass fast keine Zeit mehr bleibe, zu handeln, aber eben doch etwas Zeit. Metaphorisch gesprochen: circa fünf Minuten. Dann vergeht ein Jahr, oder ein Jahrzehnt, und wieder ist es fünf vor zwölf, manchmal auch drei oder zwei vor zwölf, wieder bleibt fast keine Zeit mehr, aber eben doch noch etwas.

Mehr als kindliches Wunschdenken

Dahinter steckt nicht nur kindliches Wunschdenken oder ein politisches Interesse daran, durch Dramatik Handlungsdruck zu erzeugen. Hinter der ewigen Formel, es sei noch nicht zu spät, steckt etwas, das man methodologischen Optimismus nennen könnte: Alles Denken und Sprechen über die Klimakrise zielt am Ende darauf, dass wir Handlungsmöglichkeiten identifizieren, um die Krise zu verhindern – oder wenigstens abzumildern. Deshalb muss man voraussetzen, dass noch etwas abzumildern ist.

Dafür gibt es einen sehr guten Grund: Es gibt keine Alternative. Aber was bedeutet es auf Dauer, wenn eine Gesellschaft die symbolischen Zeiger der Untergangsuhr immer und immer wieder zurückdrehen muss, weil sie nicht anders kann? Mindestens zwei Gefahren erwachsen daraus.

Wäre die Klimakrise ein kategoriales Phänomen, wäre es so, dass sie entweder da ist oder nicht da ist, wie ein Licht, das angeschaltet ist oder ausgeschaltet ist – dann wäre das ewige Zeigerzurückdrehen unverantwortlich. Dann wäre es geboten, den Zeitpunkt zu identifizieren, an dem Eindämmung nichts mehr nützt und ab dann alle Anstrengung darauf zu konzentrieren, sich an die Folgen anzupassen.

Jedes Zehntel Grad macht einen Unterschied

Aber so ist es nicht, die Erderwärmung ist ein graduelles Phänomen. Sie ist nicht "da" oder "nicht da". Sie verläuft mehr oder weniger stark, sie ähnelt eher einem Licht, das brennt, das man aber heller oder dunkler dimmen kann. Jedes Zehntel Grad mehr oder weniger verändert etwas. Der Bericht des Weltklimarats IPCC, der die wahrscheinlichen Folgen einer Erwärmung um 1,5 oder 2 Grad vergleicht, macht das sehr deutlich.

Zwar gehen Forscher davon aus, dass es sogenannte Kipppunkte gibt, wenn etwa der arktische Permafrost taut und immense Mengen Methan und Lachgas freisetzt, wodurch der Prozess der Erhitzung außer Kontrolle geraten könnte. Man muss also davon ausgehen, dass sich dann ein Schalter umlegt und die Menschheit das Licht nicht mehr löschen kann. Aber sie kann es dann immer noch heller oder dunkler dimmen. Selbst dann macht es einen Unterschied, ob die Welt sich um 3 oder 3.1 oder 2,9 Grad erwärmt.

Absurdes Schauspiel

Deshalb wäre es fatal, würde die Menschheit die freilich kaum erfolgreichen Versuche einstellen, den Treibhausgasausstoß zu vermindern, den Wald zu erhalten, die Erwärmung zu begrenzen. In dem Moment, in dem niemand mehr glaubt, dass etwas getan werden kann, wird nichts mehr getan – und alles wird noch schlimmer.

Um die Chance auf Handlungsfähigkeit zu bewahren, müssen wir sie also beschwören, müssen wir immer behaupten, dass wir sie haben. Nicht mehr lange, aber noch.

Das gibt ein eher absurdes Schauspiel ab. Da verweisen Wissenschaftler, die besten ihres Fachs, auf ihre neue Forschung, bitten, sie ernst zu nehmen als neue Realität – und wechseln dann in den methodologischen Optimismus, der nicht empirisch begründet ist, sondern eine notwendige Beschwörung.

Der Junge, der zu oft "Wolf" rief

Man mag sich erinnert fühlen an den Hirtenjungen aus der Fabel, der immer "Wolf" ruft, obwohl da gar kein Wolf ist. Irgendwann glaubt ihm keiner mehr und als dann wirklich ein Wolf vor ihm steht, kommt keine Hilfe. Man mag sich an Propaganda erinnert fühlen. Man mag geneigt sein, die Wissenschaftler für unglaubwürdig zu erklären. Wie gut kann schon ein Forscher sein, der aus immer neuen Erkenntnissen stets die altbekannten gleichen Schlüsse zieht? Das ist die erste Gefahr des Zweckoptimismus.

Es ist deshalb wichtig, sich dieser unterschiedlichen Logiken bewusst zu machen, die einerseits der Analyse der Klimakrise zugrunde liegen und andererseits dem Appell, zu handeln.

Um beim Hirtenjungen zu bleiben: Es verhält sich eher so, dass die Klimawissenschaftler "Wolf" rufen, und jedes Mal reiht sich wirklich ein weiterer Wolf ein, um die Menschen einzukreisen. Dann rufen die Forscher, noch habe man aber eine Chance, zu fliehen, es gebe noch eine Lücke, man müsse nur jetzt los. Nach jedem neuen Wolf rufen sie es wieder, man könne noch fliehen, auch wenn längst keiner mehr weiß, wie viele Wölfe im Hintergrund warten.

Die Deadline rückt scheinbar nicht näher

Die Wölfe gibt es wirklich, so wie es die Klimakrise gibt, man kann sie beobachten. Ob die Flucht noch möglich ist, ob die Krise noch abzuwenden ist, kann keiner genau wissen; aber was ist die Alternative? 

Die zweite Gefahr ist die, dass Politik so weitermacht wie bisher: dass sie nicht handelt oder sehr langsam. Wenn immer noch Zeit bleibt, herrscht nie echter Zeitdruck. Die Deadline, die in diesem Fall durchaus wörtlich zu verstehen ist, rückt scheinbar nie näher. 

Eine echte Alternative gibt es trotzdem nicht. Es wird auf absehbare Zeit permanent fünf vor zwölf bleiben. Und bleiben müssen.

(Dieser Text ist zuerst auf t-online.de erschienen)

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