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Afrika gehen die Esel aus – und China hat seinen Anteil dran

Stell dir vor, du wachst auf und alle Fahrzeuge in deinem Ort sind weg. Es gibt keine Transportmöglichkeiten mehr. Das Leben steht still. In ländlichen Gebieten Afrikas kommt dies vor. Allerdings mit Eseln. Das Grautier droht dem Kontinent auszugehen. Der Grund dafür liegt in China.

Reto Fehr / watson.ch

Ein Esel ist in Afrika viel mehr als nur ein Tier. In ländlicheren Gegenden hängt der Alltag von ihm ab. Mit dem Esel wird Wasser geholt, die Ware zum Markt getragen, er ist ein Arbeitstier, ermöglicht ein Einkommen, wodurch die Kinder zur Schule können. Kurz gesagt: Esel ermöglichen Familien ein Leben. Mama Nema, eine Eselhalterin in Tansania, sagt: "Esel bedeuten Wohlstand für die ganze Familie. Ohne Esel kein Leben."

In China ist ein Esel ebenfalls viel mehr als nur ein Tier. Das Fleisch gilt als Delikatesse. Noch wichtiger ist aber die Haut. Aus ihr kann Ejiao (siehe Infobox) gewonnen werden – ein angebliches Wundermittel, das nicht nur Falten beseitigt und Energie gibt, sondern auch das Liebesleben ankurbelt oder gar Tumore besiegen kann. Das ist natürlich Humbug – was der Nachfrage aber keinen Abriss tut.

Das ist Ejiao

Ejiao besteht aus Gelatine aus Eselhaut. Das Produkt existiert in der chinesischen Medizin seit Jahrhunderten und soll unter anderem mehr Energie verleihen. Erhältlich ist es als Gelee oder Pulver und kann praktisch überall beigemischt werden. Lange war dies kein großes Problem. Doch die Nachfrage stieg seit 1990 an, zwischen 2005 und 2010 explodierte sie förmlich und wächst seither an – auch weil Ejiao offensiv beworben wird. Zudem werden dem Produkt weitere "Wunderkräfte" zugeschrieben. Die chinesische Gesundheitsbehörde tat im Februar 2018 die Wirkungen als "abergläubische Vorstellungen" ab. Musste dies aber kurz darauf widerrufen, weil wissenschaftliche Beweise fehlen. Die Nachfrage boomt, das Produkt gilt als hip. Aus einer Eselhaut kann rund ein Kilogramm Gelatine hergestellt werden, welche in China für ca. 350 Franken verkauft wird.

Bevor wir zum Zusammenhang und dem Problem kommen, noch etwas Eselkunde: Esel sind 12 bis 13 Monate trächtig und gebären normalerweise höchstens einmal pro Jahr ein Fohlen. Dazu kommt, dass Fehlgeburten steigen, wenn sich die Tiere gestresst fühlen. Mit anderen Worten: Sie eignen sich schlecht für extensive Zucht.

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Aktuelle Doku über die Esel-Schlachtungen in Kenia. (Englisch) Video: YouTube/Brooke USA

Womit wir beim Problem wären: China hat zu wenig Esel, um die Nachfrage nach Ejiao zu decken. Benötigt werden jährlich – je nach Schätzung – vier bis zehn Millionen Esel.

Im Land der Mitte selbst werden aber "nur" 1,8 Millionen geschlachtet. Der Eselbestand in China hat sich seit 1990 halbiert. Heute gibt es dort noch sechs Millionen Grautiere, einige Schätzungen gehen gar von deren drei aus. Weltweit steht die Esel-Population bei 44 Millionen, wie Wiebke Plasse, Leiterin Kommunikation von der "Welttierschutzgesellschaft", gegenüber watson berichtet.

Woher sollen also die fehlenden mindestens zwei Millionen Esel kommen?

Vor allem aus Afrika.

Dort prägten Esel jahrelang das Straßenbild. In Ländern wie Kenia ist dies aber nicht mehr der Fall. Esel werden der lokalen Bevölkerung nicht nur abgekauft, sondern auch geklaut. Es gibt unzählige Berichte von Leuten, denen über Nacht Esel geklaut wurden. Einige wurden wenige Meter entfernt – gehäutet – wieder gefunden, andere landeten wohl in einem der vier legalen Schlachthöfe in Kenia oder vielleicht in einem illegalen Lokal.

Dann geht es nach China. Zumindest für die Eselhaut. Plasse sagt: "Vielleicht 300.000 Tiere im Jahr. Denn in Afrika gibt es kaum einen Markt für Eselhäute, noch für deren Fleisch." Gesicherte Zahlen dazu gibt es praktisch keine, oder zumindest keine, welche für die Öffentlichkeit bestimmt sind.

Was sicher ist: Kenia entwickelte sich in den letzten Jahren zum Epizentrum Afrikas für Eselhandel mit China. Drei der vier seit 2016 neu eröffneten legalen Schlachthöfe gehören Chinesen, im vierten sind sie Partner. Die Zustände dort für Esel seien katastrophal. Insgesamt können in Kenia dadurch 900 Tiere täglich geschlachtet werden. Die Auslastungen seien gut – macht maximal rund 300.000 Esel jährlich.

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Eselhäute werden in einem Schlachthaus in Kenia getrocknet. Bild: solomon onyango

Allerdings landen kaum alle Tiere legal dort. Wie die Arbeitsesel-Organisation Brooke berichtet, nahm in den Regionen die Anzahl von gestohlenen Eseln nach der Eröffnung eines Schlachthauses von einem bis zwei pro Monat auf circa 120 zu. Die eingangs erwähnte Mama Nema lebt abgeschieden in Tansania. Eines Morgens waren alle ihre sieben Esel weg. Wie sollte sie jetzt das Wasser von der 20 Kilometer entfernten Wasserstelle holen? Mama Nema sagt: "Alles war am Ende. Unsere Sicherheit, unser Leben. Wir hatten kein Wasser, Brennholz, Essen."

ACHTUNG: Nichts für schwache Nerven

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Achtung: Das Video enthält Bilder von leidenden und toten Tieren. Video: YouTube/PETA Deutschland e.V.

Mit dem Verlust des Esels stehen viele Menschen vor einer unsicheren Zukunft. Einfach einen neuen kaufen geht in den seltensten Fällen. Denn die Preise für die Huftiere sind in den letzten Jahren in vielen Ländern Afrikas explodiert. Kostete ein Esel in Kenia 2014 noch rund 36 Euro, sind es 2019 127 Euro– unbezahlbar für die ländliche Bevölkerung.

Laut der "Welttierschutzgesellschaft" sind die Ausmaße in Asien noch dramatischer: "In China stieg der Preis für Eselhäute gemäß dortigen Medien von zwei Euro im Jahr 2000 innerhalb 17 Jahren auf 390 – knapp 150-mal mehr."

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Tansania hob das Transportverbot 2018 wieder auf. Bild: he donkey sanctuary/watson

2023 keine Esel mehr in Kenia?

Die Jagd auf Esel hat ein so großes Ausmaß angenommen, dass die "Kenya Agricultural and Livestock Research Organisation" (KALRO) kürzlich mitteilte: Wenn es so weitergehe, gebe es 2023 in Kenia keine Esel mehr. 2009 seien es gemäss der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) noch 1,8 Millionen gewesen, 2017 noch 900.000, schreibt das "Kenya Network for Dissemination of Agricultural Technologies" (Kendat). Aber wie gesagt: Genaue Zahlen sind schwierig zu bekommen und vom Bericht wurden bisher erst einige Fakten veröffentlicht.

Immerhin haben mittlerweile 18 Länder – 14 davon in Afrika – ein Handelsverbot für Eselhäute ausgesprochen, wie "The Donkey Sanctuary" schreibt (siehe Grafik oben). Aber eben: Der Schwarzhandel scheint zu florieren. So steht ein Schlachthaus in Kenia nicht zufällig gleich an der Grenze zu Äthiopien. Wiebke Plasse sagt zu watson: "Tansania hat das 2017 verhängte Verbot für Eselprodukte wieder aufgehoben und liefert heute wieder nach China." Grund für die Aufhebung war, dass Esel während des Verbots einfach in andere Länder gebracht und von dort exportiert wurden ...

Kenias Regierung in der Zwickmühle

Der Regierung in Kenia ist das Problem durchaus bewusst. Nur sieht sie es nicht als solches an. Denn die Schlachthöfe bringen Arbeitsplätze, die Exporte lassen dank Steuern die Kassen klingeln und schließlich entwickelte sich China in den letzten Jahren zu einem starken Partner bei der Bereitstellung von Infrastruktur. Mit dem will man es sich nicht verscherzen.

Kurzfristig lockt gutes Geld. Darum werden Esel auch weiterhin geklaut. Problematisch ist dies auch, weil sich die ländliche Bevölkerung der Gefahr gar nicht bewusst war. Zum einen sind die Informationswege lang und umständlich, zum anderen ist es für die lokale Bevölkerung schwierig vorstellbar, dass Esel wegen der Haut geklaut werden.

So laufen noch viele Esel auch nachts frei herum. Organisationen wie die "Welttierschutzgesellschaft" versuchen, die Besitzer mit Radiospots zu informieren, dass man die Esel in die Dörfer holen sollte. Menschen werden angeleitet, Gehege zu bauen oder die Tiere mit Glocken auszustatten. Einige Besitzer schlafen gar in den Gehegen mit den Eseln.

Doku über Ejiao und Eselschlachtungen in Kenia

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ACHTUNG: Beinhaltet Bilder, die nichts für schwache Nerven sind. Video: YouTube/FRANCE 24 English

Wie es weitergeht, ist ungewiss. In Afrika und auch anderen Teilen der Welt, wie beispielsweise Brasilien, formiert sich Widerstand. Die "Welttierschutzgesellschaft" erarbeitet gerade einen Bericht für Tansania, erhebt großflächig Daten in Kenia und sammelt Unterschriften für eine Petition, damit in den Eselschlachthöfen die geltenden Tierschutzgesetze eingehalten werden.

Die "Donkey Sanctuary" will in den nächsten Monaten ein Update ihres "Under the Skin Report" von 2017 veröffentlichen. "Wir brauchen belegbare Zahlen und müssen zeigen, dass der Handel auch den Menschen schadet. ‹Nur› wegen des Tierschutzes handelt leider kaum eine Regierung auf der Welt", sagt Plasse von der "Welttierschutzorganisation".

Und was, wenn sich die Eselpopulationen weiterhin massiv verringern? Gar von der Landkarte verschwinden? "Dann trifft vielleicht ein, was im 'Under the Skin Report 2017' steht: Alle 'Fahrzeuge' sind weg, das Land funktioniert nicht mehr."

Arme Tiere mit Plastik

Sag mir nicht, dass ich nicht nachhaltig genug lebe

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