Wissen
Bild

Die Fakten zum Feinstaub: Autoabgase sind nicht das Hauptproblem

Nico Dannenberger

Auf watson könnt ihr jetzt Beiträge von "Die Debatte" lesen. Das Projekt will wissenschaftliche Fakten und Perspektiven liefern und so Diskussionen anstoßen. "Die Debatte" startet heute mit dem Thema "Feinstaub": Was genau ist das eigentlich, und warum ist er schädlich für unsere Gesundheit?

Wenn wir einatmen, durchströmt Luft unsere Atemwege und füllt unsere Lungen mit lebenswichtigem Sauerstoff. Doch der Sauerstoff ist nicht das einzige, was wir einatmen. Über die Luft dringen neben weiteren Gasen auch Millionen winziger, unsichtbarer Partikel in unseren Körper: sogenannter Feinstaub. Dieser gilt im Gegensatz zum lebensnotwendigen Sauerstoff als gesundheitsschädlich.

Bild

Die Industrieabgase sind ein wesentlicher Faktor für die Feinstaubbelastung. Bild: imago

44.900 vorzeitige Todesfälle jährlich durch Feinstaub

Schätzungen vom Umweltbundesamt zufolge wurden allein in Deutschland im Zeitraum von 2007 bis 2015 durchschnittlich 44.900 vorzeitige Todesfälle jährlich durch Feinstaub verursacht. "Allein durch die Feinstaubbelastung ist die Lebenserwartung nach unseren Berechnungen in Deutschland für jede Person um 2 bis 3 Jahre geringer", sagt Dr. Andrea Pozzer, der am Max-Planck-Institut für Chemie forscht.

Feinstaub ist dabei allgemein definiert als Partikel, die sich in der Atmosphäre befinden und bis maximal 10 Mikrometer groß sind. In der Wissenschaft wird Feinstaub in unterschiedliche Kategorien – abhängig von der Größe – eingeteilt. Dabei werden Partikel bis maximal 10 Mikrometer und jene bis maximal 2,5 Mikrometer unterschieden. Erstere werden durch Mund und Nasenhöhle inhaliert und gelangen bis in die Luftröhre. Die kleineren Partikel hingegen dringen tiefer in den Körper bis in die Lungenbläschen vor. Eine dritte Kategorie bildet der sogenannte "Ultrafeinstaub", also Partikel, die nicht größer als 0,1 Mikrometer, oder umgerechnet 0,00001 cm sind. Dieser ist in seiner Wirkung noch weitestgehend unerforscht, weil es erst seit Kurzem entsprechende Messtechniken dazu gibt.

Experten-Interview: Ultrafeinstaub - was ist das und wie wirkt er sich auf das Klima aus?

"Je kleiner der Feinstaub, desto tiefer dringt er in die Lungen und in ihre tiefen Verästelungen ein, wo er sich besonders schädlich auswirkt", sagt Marion Wichmann-Fiebig, Leiterin der Abteilung Luft vom Umweltbundesamt. "Doch nicht nur auf die Größe, sondern auch auf die Quelle des Feinstaubs kommt es an."

Feinstaub kann dabei sowohl natürlich, als auch unnatürlich entstehen. Zu den natürlichen Quellen zählen so beispielsweise Meeresgischt oder Sandpartikel. Weitaus mehr ist jedoch anthropogen – also menschengemacht: Verbrennungsprozesse aus Verkehr, Industrie oder Privathaushalten und der Abrieb von Bremsen und Reifen. Neben diesen direkten – also primären – Quellen, bildet sich Feinstaub auch sekundär, wenn Feinstaub als chemische Reaktion aus verschiedenen Vorläufergasen wie Ammoniak, Schwefeldioxid und Stickoxid entsteht.

Animiertes GIF GIF abspielen

Während sich die Diskussion um Feinstaubbelastung oft auf den Verkehr fokussiert, ist dieser tatsächlich immer weniger das ursächliche Problem. "Die Emissionen von Schwefeldioxid und Stickoxid konnten durch die Verbesserungen der Verbrennungsmotoren in den letzten zwanzig Jahren deutlich reduziert werden", sagt Pozzer. Wichmann-Fiebig ergänzt: "Wir haben durch den Verkehr zwar Feinstaubbelastungen durch den Abrieb von Reifen und Bremsen, aber mit der Einführung des Partikelfilters ist das wesentliche Problem längst gelöst."

Exkurs: Dieselfahrverbote

In der Diskussion um Dieselfahrverbote wird häufig die Feinstaubbelastung in Städten angeführt. Tatsächlich wurden die Fahrverbote nur in Hinblick auf die zu hohen Werte des Stickstoffdioxids (NO2) erlassen. Grenzwerte bestehen sowohl für die Feinstaubbelastung, wie auch für die Stickstoffdioxidbelastung, wobei kein direkter Zusammenhang zwischen beiden Werten besteht.

In einer umfangreichen Studie hat die Forschungsgruppe um Andrea Pozzer untersucht, welche Quelle in welcher Region am meisten für Feinstaub verantwortlich ist. "Für Deutschland kam heraus, dass nicht der primäre Feinstaub, sondern der sekundär gebildete Feinstaub die Hauptquelle ist", sagt Pozzer.

Feinstaub und die Rolle der Landwirtschaft

Indirekt kommt dadurch der Landwirtschaft eine große Rolle zu. Denn beim Düngen der Felder und in der Viehhaltung wird vielfach Ammoniak freigesetzt. Alleine betrachtet ist dies für die Feinstaub-Entstehung unproblematisch. Aber in Kombination mit den Gasen Schwefeldioxid und Stickoxid führt es eben genau dazu.

Wer produziert den meisten Feinstaub?

Bild

Bild: Umweltbundesamt

"Wenn wir die Feinstaubbelastung senken wollen, ist die einfachste und effektivste Methode die Reduzierung von Ammoniak in der Landwirtschaft", sagt Pozzer. Tatsächlich gibt es für Ammoniak, anders als für andere Schadstoffe in der Luft, keine Grenzwerte. "Nach unseren Berechnungen ließen sich in Deutschland mit einer Reduzierung der Emissionen von Ammoniak um 100 Prozent etwa die Hälfte aller durch Feinstaub verursachten Todesfälle verhindern", erklärt Pozzer.

Kaminöfen geraten in den Fokus

Auch Wichmann-Fiebig sieht die Reduzierung von Ammoniak als einen wichtigen Ansatzpunkt. Darüber hinaus sieht sie Heiz- und Kaminöfen in den Häusern und Wohnungen kritisch: "Das ist ein Sektor, der uns zunehmend Sorgen macht. Die Emissionen sind inzwischen in der gleichen Größenordnung, wie jene aus dem Straßenverkehr." Da Feinstaub aus Ruß gesundheitsgefährdender als Feinstaub anderen Ursprungs ist, sei dieser besonders problematisch. "Wenn Kaminöfen verboten würden, wäre der Gesundheit der Menschen sehr geholfen", sagt Wichmann-Fiebig.

Obwohl inzwischen die Feinstaubbelastung erkannt und die Einführung von Grenzwerten erste Wirkungen zeigt, bestehen gesundheitliche Bedenken weiter fort. Immerhin erfährt das Thema weitere Aufmerksamkeit: "Wir stellen fest, dass die Sensibilisierung in der Gesellschaft für das Thema zunimmt, auch wenn die gemessenen Werte in den vergangenen Jahren gesunken sind", sagt Wichmann-Fiebig.

Für sie ist das aber noch kein Grund zur Entspannung: "Dass wir die Grenzwerte oft einhalten, sollte uns nicht sonderlich beruhigen, denn Feinstaub belastet immer noch das Herz-Kreislauf-System vieler Bürgerinnen und Bürger in Deutschland. Deswegen empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation auch deutlich schärfere Grenzwerte."

Fake-News, alternative Fakten, Verschwörungstheorien: Bei vielen Themen, die in der Öffentlichkeit diskutiert werden, werden wissenschaftliche Fakten in Frage gestellt oder ausgeklammert. "Die Debatte" ist eine Plattform für die Diskussion aktueller kontroverser Themen aus der Wissenschaft und gleichzeitig ein Versuch, die wissenschaftliche Perspektive in öffentlich viel diskutierte Themen stärker einzubringen. Das geschieht in Form von Live-Debatten, mit Fact-Videos, multimedialen Info-Tools und Interviews. Auf die-debatte.org und natürlich auf watson.de.

Was denkst du über Feinstaub?

Hier kannst du an einer anonymen Umfrage teilnehmen. Die Antworten werden von der Abteilung für Kommunikations- und Medienwissenschaften der TU Braunschweig in einem begleitenden Forschungsprojekt ausgewertet.

Das könnte dich auch interessieren:

"Promi BB": Kollege von Bewohnerin stirbt – so wird Janine vom Tod erfahren

Link zum Artikel

Almklausi kollabiert bei "Promi Big Brother" – Sat.1 wird scharf kritisiert

Link zum Artikel

Jede Menge Regelverstöße bei "Promi Big Brother" – doch der Sender ahndet das nicht

Link zum Artikel

Wie Salihamidzic die Transfers des FC Bayern vergeigte – und die Spieler dies ausnutzten

Link zum Artikel

BVB-Doku auf Amazon zeigt Trauma des Anschlags – so nah waren wir noch nie dran

Link zum Artikel

Luke Mockridge im ZDF-"Fernsehgarten": Sender widerspricht bisheriger Darstellung

Link zum Artikel

Perisic richtet Worte an Sané – und erklärt, was er nach dem Bayern-Anruf tat

Link zum Artikel

Greta Thunberg liest auf dem Segelboot "Still" – was das über sie aussagt

Link zum Artikel

"Promi Big Brother": Beliebter Kandidat sollte keine Sendezeit bekommen

Link zum Artikel

Böse Götze-Meldung lässt Fans wüten: "Mein Herz blutet"

Link zum Artikel

Warum der FC Bayern derzeit an sich selbst scheitert – und was das mit Sané zu tun hat

Link zum Artikel

Kuss bei "Promi Big Brother" war peinlich? Von wegen: Hier kommt Stalker Joey Heindle

Link zum Artikel

Warum Whatsapp für das iPhone massiv überarbeitet werden muss

Link zum Artikel

Coutinho verrät seine Lieblingsposition – und bringt die Bayern damit in ein Dilemma

Link zum Artikel

Heidi Klum postet Grotten-Foto – und muss nach Shitstorm den Beitrag ändern

Link zum Artikel

Nach Tod von Ingo Kantorek: RTL 2 schneidet einige Szenen aus "Köln 50667"

Link zum Artikel

"Steh da wie ein Spacko" – Lena Meyer-Landrut kotzt sich bei ihren Fans aus

Link zum Artikel

FC Bayern stellt Perisic auf Instagram vor – viele Fans sind wütend

Link zum Artikel

Erzieherin: "Was viele Kollegen in Kitas tun, ist eigentlich Kindesmisshandlung"

Link zum Artikel

"Promi Big Brother": Zlatko ist raus – warum er scheiterte und was er über Jürgen sagt

Link zum Artikel

Segler-Paar über Gretas Segelreise: "Als würde man sich in eine Rakete setzen"

Link zum Artikel

Zuschauer stellt Höcke NPD-Frage – bei seiner Antwort schmunzelt er

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
1
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen

Hartz-IV-Sanktionen in der Schulzeit: "Ich lebte von 30 Euro im Monat"

Es ist etwa 7 Uhr morgens und bitterkalt. Ich stehe inmitten einer kleinen Menschentraube vor einem Düsseldorfer Jobcenter und warte darauf, die Vorhalle betreten zu können. Punkt 7.30 Uhr öffnet sich die Glastür mit einem leisen elektronischen Summen – für uns der Startschuss: Schon rennen wir um die Wette zum Wartemarken-Automaten. Schließlich will niemand mehr Zeit im Jobcenter verbringen als notwendig.

Kurze Zeit später mein Gespräch mit einem Mitarbeiter:

"Also, es ist leider immer noch kein …

Artikel lesen
Link zum Artikel