Ikke Hüftgold macht Sat.1 und der Produktionsfirma Imago TV Vorwürfe.
Ikke Hüftgold macht Sat.1 und der Produktionsfirma Imago TV Vorwürfe.
Bild: screenshot instagram.com/ikkehueftgold

"Skandalöse Zustände": Ikke Hüftgold erhebt schwere Vorwürfe gegen Sat.1 und Produktionsfirma

25.05.2021, 08:4425.05.2021, 14:15

Sat.1 kommt aus den Negativschlagzeilen nicht heraus. Nach dem kürzlich auflodernden Shitstorm wegen "Promis unter Palmen" hat der Sender nun das nächste Image-Problem – und dieses dürfte große Kreise ziehen. Immerhin geht es um missbrauchte Kinder. Die Vorwürfe, die dem Sender und vor allem der Produktionsfirma Imago TV gemacht werden, wiegen schwer. Aber von vorne.

Der Mallorca-Sänger und ehemalige "Promi Big Brother"-Kandidat Ikke Hüftgold hat auf Instagram ein Video veröffentlicht, in dem er den Sender und die Produktionsfirma des Formats "Plötzlich arm, plötzlich reich" beschuldigt, "Quotenjagd auf dem Rücken missbrauchter Kinder" zu betreiben.

Matthias Distel, wie Ikke Hüftgold bürgerlich heißt, sollte an dem TV-Tauschexperiment, das vom Prinzip ein wenig an "Frauentausch" erinnert, für eine Woche lang sein Leben tauschen. Doch das, was sich während der Dreharbeiten recht schnell offenbarte, machte den Entertainer fassungslos.

Bei Dreh bricht Ikke Hüftgold in Tränen aus

Er bezeichnet die Zustände bei Sat.1 und Imago TV als "skandalös". Es würde das "Kindeswohl von zwei schwer traumatisierten Kindern mit Füßen" getreten und das Kindeswohl missachtet werden.

In seinem Video schildert Matthias Distel die Geschehnisse sehr detailliert. Zuvor hatte er sich seine Worte sehr genau überlegt, da er sich mit diesen Vorwürfen auch angreifbar macht. Deshalb hatte er sich dafür entschieden, alle Sätze per Teleprompter abzulesen.

Distel berichtet, vor dem Dreh nichts über die Tauschfamilie gewusst zu haben, außer, dass sie arm sei und mehrere Kinder habe. Doch vor Ort seien er und seine Begleitung bereits nach zehn Minuten in Tränen ausgebrochen angesichts der Zustände, in der normalerweise vier Kinder leben würden.

Vorwürfe an Sat.1 und Produktionsfirma Imago TV

Nachdem er die Räumlichkeiten genau betrachtet hatte, sei es nach etwa einer Stunde zu Diskussionen gekommen – bei abgeschalteter Kamera, wie er erzählt. "Ich stellte Fragen, aber ich bekam am Anfang für mich nur unbefriedigende Antworten der Redakteurin, die zunehmend nervöser wurde", erklärte er. Als das Kamerateam gegen 19 Uhr die Wohnung verlassen hatte, habe er durch einen Kalender in der Wohnung herausgefunden, dass die zwei jüngsten Kinder sowie die Mutter in psychologischer Behandlung seien.

"Ich greife jetzt schon vorweg, dass später herauskam, dass die Produktion über die Behandlung der Kinder Bescheid wusste", sagt Distel. Bei ihm sei da bereits die Frage aufgekommen, ob man Kinder, die sich in psychologischer Behandlung befinden, rechtlich und moralisch überhaupt in ein TV-Format ziehen kann, "bei dem acht Tage am Stück bis zu 10 Stunden gearbeitet werden sollte". Er nannte es bewusst Arbeit, weil laut Redaktionsplan viele Punkte hätten strukturiert abgearbeitet werden müssen. Die Kinder hätten demnach funktionieren müssen und seien redaktionell geleitet worden.

Noch am selben Abend, so berichtet er weiter, habe er begonnen in der Nachbarschaft zu recherchieren.

Am nächsten Drehtag hakte Distel genauer beim Produktionsteam nach. Fragte konkret, ob man von der psychologischen Behandlung gewusst habe und ob selbst ein Kinderpsychologe zurate gezogen wurde. "Die Antworten waren ernüchternd", so der Musiker. Man berief sich laut der Redakteurin nur auf die Aussagen der ebenfalls in psychologischer Behandlung befindlichen Mutter. Außerdem habe man angeblich mit der Familienhilfe gesprochen. Nach Distels Informationen habe das jedoch nicht stattgefunden.

Matthias Distel ringt in Video mit den Tränen

Distel habe sich während der ersten zwei Drehtage mehrfach negativ über die Situation geäußert, wie er sagt. Daraufhin habe man ihn "mit Nachdruck darum gebeten" seine Stimmung ins Positive zu drehen, "damit die Geschichte in ein 'Happyend' gedreht werden könne". Außerdem berichtete man ihm, wie wohl sich die Kinder derweil in Distels Zuhause in Limburg fühlen würden. Man bat ihn zudem, ein Gespräch mit der besten Freundin der Mutter am Nachmittag abzuwarten. Doch während dieses Gesprächs kamen weitere Details ans Licht, die ihn den Dreh abbrechen ließen:

"Dass ich dann vor laufender Kamera durch jene Person erfuhr, dass die Kinder in der Vergangenheit durch ihren eigentlichen Vater schwerste Kindesmisshandlungen erlitten haben sollen, führte von meiner Seite aus zum sofortigen Abbrechen der Dreharbeiten. Ich zitierte die anwesende Redakteurin umgehend ins Nachbarzimmer und fragte sie, ob der Sender Sat.1, Imago TV und das komplette Team noch alle Tassen im Schrank haben."

Ausnahmslos alle Redakteure wie auch der Aufnahmeleiter hätten da bereits gewusst, dass mit schwer traumatisierten Kindern gearbeitet wird. Die Redakteurin sei laut Distel noch vor Ort weinend zusammengebrochen und habe ihm eine Nachricht vom Vortag gezeigt, in der sie die Umstände angemahnt und deutlich gemacht habe, dass mit schwer traumatisierten Kindern gearbeitet würde.

Ikke Hüftgold wollte Geschehnisse zunächst nicht öffentlich machen

Kurz darauf habe er vom Aufnahmeleiter erfahren, was sich zeitgleich in der Tauschfamilie in seiner eigenen Wohnung in Limburg abgespielt haben soll. Bei der Wiedergabe der Geschehnisse ist Matthais Distel den Tränen nah. Berichtet von selbstverletzendem Verhalten eines der Kinder, ein anderes soll wiederum gedroht haben, sich umzubringen.

Matthias Distel kritisiert angesichts der Dreharbeiten:

"Ethik, Moral, Anstand und das Kindeswohl wurden dabei vollkommen und in meinen Augen vorsätzlich ignoriert."

Gegenüber "dwdl.de" hat sich mittlerweile auch die Greschäftsführerin von Imago TV, Andrea Schönhuber, zu den Vorwürfen zu Wort gemeldet. Sie bestreitet vor allem das, was sich derweil in Limburg abgespielt haben soll. "Herr Distel bezieht sich hier auf Aussagen unseres Aufnahmeleiters vor Ort, der diese Aussagen bestreitet", erklärt Schönhuber.

Schönhuber sagt weiter, sie stehe hinter ihrem Team, macht aber auch deutlich: "Ich kann die Empörung von Herrn Distel ob der Zustände in der Familie und dem damit verbundenen Dreh nachvollziehen. Deshalb haben wir auch sofort den Drehabbruch mitgetragen. Ich habe Herrn Distel nach Drehabbruch eine lückenlose Aufklärung schriftlich zugesichert und unser Team hat bereits die entsprechenden Stellen informiert." Die Imago-TV-Chefin will jedoch selbst von den Umständen vor Ort nichts gewusst haben.

Auch Sat.1 hat sich mittlerweile zu Wort gemeldet. Gegenüber watson erklärt ein Sat.1-Sprecher:

"Wir bedanken uns bei Matthias Distel, dass er uns über die Umstände beim Dreh informiert hat. Unmittelbar nachdem wir seine Mail erhalten haben, haben wir begonnen, mit der Produktionsfirma und der Familienhilfe zu reden, um der Familie zu helfen und um die Zusammenhänge aufzuarbeiten. Diese Arbeit ist noch nicht abgeschlossen."

Außerdem erklärte der Sender weiter, dass bereits feststehe, dass keine Sekunde der besagten Folge gezeigt werden wird.

Imago-TV-Chefin bestreitet Vorwürfe

In seinem Video erklärt Matthias Distel auch, warum er sich dafür entschieden hat, den Fall öffentlich zu machen. Denn eigentlich habe er das zunächst nicht vorgehabt. Er habe abgebrochen und eine Mail mit allen gesammelten Informationen an "zwei leitende Mitarbeiter von Sat.1, an eine Redaktionsleiterin sowie an die Geschäftsführerin der Imago TV GmbH, Andrea Schönhuber" geschrieben. Darin habe er um "eine interne, lückenlose Aufklärung" gebeten, jedoch auch geschrieben, dass er "im Sinne aller Beteiligten kein Interesse an einer öffentlichen Diskussion habe".

Trotz einer Antwort und vielen Eingeständnisse vonseiten Schönhubers habe er sich dann aber doch dazu entschlossen, es öffentlich zu machen. Denn bei seinen weiteren Recherchen sei er auch auf einen Fall aus dem Jahr 2011 gestoßen. Er müsse deshalb davon ausgehen, "dass keine Lehren daraus gezogen wurden und dass dieser Fall aufgrund dessen, unter den Teppich gekehrt werden könnte".

Er fordert in seinem Video-Statement abschließend Sat.1 und Imago TV zur lückenlosen Aufklärung der Geschehnisse auf. Gleichzeitig appelliert er an alle, "ob im beruflichen oder privaten Umfeld im Sinne unserer Schwächsten, und das sind nun mal unsere Kinder, wachsamer zu sein". Mit der Familie wolle er nun in engeren Kontakt treten und ihnen Hilfestellungen bieten.

Distel erklärte außerdem, er sei bereit, Strafanzeige gegen Sat.1 und die Produktionsfirma zu stellen. Ihn selbst würde wegen des Videos nun ein Strafverfahren wegen Vertragsbruchs erwarten. Er nehme diese persönlichen Konsequenzen und Nachteile in kauf.

Unter dem Video haben bereits zahlreiche Prominente dem Entertainer ihren Respekt für den Mut ausgesprochen. Auch Oliver Pocher teilte das Video in seiner Story und versah den Beitrag mit applaudierenden Händen. Er kündigte bereits an, in seiner nächsten Bildschirmkontrolle noch einmal genauer auf die Sache einzugehen.

(jei)

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