Bald könnten die ersten Kinder in Deutschland gegen Corona geimpft werden. (Symbolbild)
Bald könnten die ersten Kinder in Deutschland gegen Corona geimpft werden. (Symbolbild)Bild: iStockphoto / Drazen Zigic
Interview

Epidemiologe zu Debatte um Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche: "Aus epidemiologischer Sicht wäre eine Impfung sinnvoll"

28.05.2021, 16:0328.05.2021, 19:45

Am Donnerstag haben Bund und Länder beim Impfgipfel bereits festgelegt, dass Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren bereits gegen das Coronavirus geimpft werden können. Und das, obwohl die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) erst Freitag die Freigabe für das Vakzin von Biotech für diese Altersgruppe erteilt hat.

Zweifel über die Impfung von Kindern und Jugendlichen herrschen trotzdem: So weist die Ständige Impfkommission (Stiko) darauf hin, dass noch nicht genügend Daten vorhanden seien über die Wirkung und Verträglichkeit der Impfung bei jüngeren Altersgruppen. Eine Empfehlung wird die Stiko vermutlich nur eingeschränkt für Kinder und Jugendliche mit Vorerkrankungen aussprechen.

Wie sinnvoll oder auch notwendig es ist, die 12- bis 15-Jährigen zum aktuellen Zeitpunkt gegen Corona impfen zu lassen – darüber hat watson mit dem Epidemiologen Timo Ulrichs gesprochen. Er ist Professor an der Akkon-Hochschule in Berlin.

"Generell geht es um die Frage, ob das Risiko-Nutzen-Verhältnis bei Kindern zugunsten einer Impfung ausfällt, auch wenn das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, viel geringer ist als bei Erwachsenen."

watson: Halten Sie es prinzipiell für empfehlenswert, Kinder ab 12 Jahren zum gegenwärtigen Zeitpunkt gegen Corona zu impfen?

Timo Ulrichs: Grundsätzlich ja, auch wenn bisher wenig Daten zu Kindern und Jugendlichen vorliegen. Kanada und die USA sind schon seit einigen Wochen dabei, sodass bald neue Daten zu Sicherheit und Schutz vorliegen werden. Generell geht es um die Frage, ob das Risiko-Nutzen-Verhältnis bei Kindern zugunsten einer Impfung ausfällt, auch wenn das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, viel geringer ist als bei Erwachsenen.

Obwohl die EMA am Freitag den Impfstoff für Kinder ab 12 Jahren zugelassen hat, zeigt sich die Stiko deutlich zurückhaltender, was die Corona-Impfung von so jungen Menschen betrifft. Wonach werden sich Ärzte letztlich richten – nach der EMA oder Stiko? Könnte die Stiko nun an Gewicht verlieren?

Die generelle Zulassung des Impfstoffes von Biontech und Pfizer für Kinder und Jugendliche (12 bis 16 Jahre) muss von den nationalen Impfkommissionen geprüft werden – grundsätzlich gehen die Empfehlungen in dieselbe Richtung. Die Zurückhaltung im vorliegenden Fall ist begründet in der offenen Frage nach dem Risiko-Nutzen-Verhältnis. Die Empfehlungen der Stiko sollten auch weiterhin die Richtschnur für Impfungen in Deutschland bleiben.

Und was ist, wenn die Stiko sich gegen eine Empfehlung für Kinder und Jugendliche ausspricht?

Wenn die Impfung für 12- bis 16-Jährige von der Stiko zunächst nicht generell empfohlen wird, kann nach der Zulassung individuell entschieden werden. Aus epidemiologischer Sicht wäre eine Impfung sinnvoll, zumal dort gerade hohe Neuinfiziertenzahlen gemessen werden. Wir werden unsere Kinder impfen lassen.

"Daneben wäre eine priorisierte Behandlung von impfwilligen 12- bis 29-Jährigen sinnvoll, um hier die Infektionszahlen zu drücken und den Schulbetrieb generell abzusichern."

Aktuell sind die Prio-Gruppen 2 und 3 noch nicht vollständig durchgeimpft. Ist es dennoch sinnvoll, 12- bis 15-Jährige ab dem 7. Juni zu impfen? Haben wir dafür überhaupt genügend Impfstoff?

Leider haben wir immer noch einen relativen Impfstoffmangel. Auf jeden Fall sollten die Priorisierungsgruppen 2 und 3 noch vollständig durchgeimpft werden – und das auch nach kompletter Freigabe ab dem 7. Juni. Daneben wäre eine priorisierte Behandlung von impfwilligen 12- bis 29-Jährigen sinnvoll, um hier die Infektionszahlen zu drücken und den Schulbetrieb generell abzusichern – auch wenn das bedeutet, dass dann zunächst weniger Impfstoff für die Altersgruppen dazwischen, also für 30- bis 60-Jährige, zur Verfügung steht.

Könnte die Impfkampagne gar verlangsamt werden, wenn Kinder und Jugendliche nun zur Impfung zugelassen werden?

Ich wüsste nicht, warum.

"Die mögliche vierte Welle im Herbst dürfte eher klein ausfallen und nur wenige Krankenhauseinweisungen, intensivpflichtige Patienten und Todesfälle nach sich ziehen."

Werden Kinder und Jugendliche nicht automatisch geschützt, wenn sich alle Erwachsenen impfen lassen?

Die Herdenimmunität wird dafür wohl nicht ausreichen, zumal sich unter den Erwachsenen ja nicht alle impfen lassen wollen und damit ein frühzeitiges Zustandekommen der Herdenimmunität verhindern.

Da die Impfaktion bei Erwachsenen nun voranschreitet: Halten Sie es für möglich, dass eine vierte Corona-Welle im Herbst vorrangig Kinder und Jugendliche trifft?

Ja, das könnte passieren, möglicherweise vorangetrieben von den nicht geimpften Erwachsenen. Aber die mögliche vierte Welle im Herbst dürfte eher klein ausfallen und nur wenige Krankenhauseinweisungen, intensivpflichtige Patienten und Todesfälle nach sich ziehen.

"Klubs haben es verstanden und ernst genommen": Ligachef Holz erklärt, wie Basketball-Bundesliga 99-prozentige Impfquote erreichte

Während sich die Ministerpräsidenten der Länder seit einigen Wochen für eine Impfpflicht für Profi-Sportler und insbesondere Fußballer aussprechen und Christian Seifert, Chef der Deutschen Fußball-Liga, erklären muss, warum 86 Profis noch nicht geimpft sind, muss sich Stefan Holz um solche Themen keine Gedanken machen.

Zur Story