Politik
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Gastronom Tim Mälzer fordert, dass die Sperrstunde später beginnt. ZDF/Screeshot

Tim Mälzer bei "Markus Lanz": "Das ist eine absolute Unverschämtheit"

Einige Bundesländer haben eine Sperrstunde für Bars und die Gastronomie eingeführt – in Berlin wurde das Gesetz schon wieder gekippt und in Hamburg wird daran gearbeitet. Auch Star-Koch Tim Mälzer überlegt, gegen die Auflage zu klagen und ist damit nicht allein. Ein Swinger-Club aus Hamburg hat geklagt, wie am Dienstagabend bei "Markus Lanz" bekannt wurde. Zudem erklärte eine Virologin, weshalb eine andere Medikamentenform sinnvoller im Kampf gegen das Corona-Virus sein könnte.

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Zu Gast bei Markus Lanz (l.) (v.l.n.r.): Stephan Weil, Tim Mälzer, Prof. Helga Rübsamen-Schaeff und Falko Droßmann. ZDF/Screenshot

Um 23 Uhr müssen alle Läden schließen – selbst auf St. Pauli in Hamburg. Nun kam es dort am vergangenen Wochenende zu einer kleineren Ausschreitung in einem Club, wie der Chef des Bezirksamts Hamburg-Mitte, Falko Droßmann, berichtet.

Der Amtsleiter und sein Team seien durch den Kiez gelaufen, um die Auflagen zur Sperrstunde zu kontrollieren. Als sie ihren Rundgang quasi schon beendet hatten, begegneten ihnen ein paar Menschen, die aus einem Club kamen. Sie betraten den Laden, wurden dann vom Besitzer zunächst belogen, dass kein Mensch vor Ort sei und stießen dann schließlich auf eine Stahltür im Keller, die sich zunächst nicht öffnen ließ.

Als bereits die Feuerwehr mit einer Flex anrückte, öffnete sie sich doch und Droßmann fand rund 100 Menschen auf einer illegalen Party vor. 50 waren noch im Raum, weitere 50 versuchten über Rettungswege zu fliehen – die jedoch verbarrikadiert waren.

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Falko Droßmann ist Amtsleiter von Hamburg Mitte. ZDF/Screenshot

Dafür soll es einen "bunten Strauß an Strafen" geben – denn die Gäste handelten nicht einmal vernünftig, als sie ertappt wurden, sondern wurden sogar aggressiv und handgreiflich. Jeder Gast erhält mindestens 150 Euro Strafe und die beiden Wirte jeweils 5.000 Euro. Doch der Gastronom Tim Mälzer findet selbst das zu wenig. Er fragt: "Warum müssen die nur 5.000 Euro zahlen, warum wird nicht sofort die Konzession eingezogen?"

"Das ist eine absolute Frechheit und Unverschämtheit, unter der alle Gastronomen dann leiden."

Tim Mälzer

Das sei der "springende Punkt", sagt Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD): "Wenn sich alle an die Regeln halten, können wir relativ normal leben. Können wir aber nicht, weil es Minderheiten gibt, die dagegen verstoßen und uns das Leben höllisch schwer machen."

Warum die Sperrstunde genau bei 23 Uhr liege, möchte Moderator Markus Lanz von Weil wissen. Doch dafür könne er keine "naturwissenschaftlichen Begründungen" liefern. "Viel Alkohol und vielen Menschen" spielten somit eine Rolle. Es tue ihm "ehrlich leid", aber gemessen an dem, was kommen könnte – ein zweiter Lockdown – sei dies noch mild.

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Stephan Weil (r.) warnt vor einem zweiten Lockdown, wenn die Regeln nicht eingehalten werden. ZDF/Screenshot

Da muss Tim Mälzer dagegenhalten. Ein Fünftel seines Umsatzes würde wegbrechen, weil die Sperrstunde ab 23 Uhr beginne. Die Menschen würden bereits ab 20.30 Uhr weniger bestellen, eher kommen und schneller die Rechnung fordern. Somit gehe es nicht nur um die genaue Uhrzeit, sondern den Verlust, der bereits vorher eintrete.

Er sagt, ihm würde es "enorm was bringen", wenn sein Laden zumindest bis Mitternacht öffnen dürfte. Er würde auch darauf verzichten, ab einer bestimmten Uhrzeit Alkohol auszuschenken. Ihm würde er glauben, entgegnet Weil, doch gäbe es "schwarze Schafe, die jedes Schlupfloch finden" würden.

In Berlin wurde die Auflage zur Sperrstunde bereits erfolgreich gekippt. Ob Mälzer auch juristisch dagegen vorgehen wolle, will Lanz von ihm wissen. "Wir sitzen zusammen und überlegen gerichtlich vorzugehen", gibt er schließlich zu. In seinem Laden würde auf alles geachtet werden, sie würden sogar mit entsprechenden Geräten für saubere Luft sorgen und er finde, man sollte sie gesondert betrachten. Ein Swinger-Club habe bereits geklagt, erwähnt Droßmann. "Vielleicht rettet dich am Ende ein Swinger-Club", sagt Lanz dazu.

Virologin sagt: "Wir stehen ganz am Anfang"

Prof. Helga Rübsamen-Schaeff ist Expertin für Medikamentenforschung und hält es für sehr schwierig, dass so getan würde, als sei alles vorbei, sobald es einen Impfstoff gibt. Sie glaubt aber eher, dass wir lernen sollten, mit dem Virus zu leben und es so weit in den Griff zu bekommen – mit entsprechenden Medikamenten – damit die Todesrate gering gehalten werden könne.

Sie beschreibt, dass von den fünf am weitesten erforschten Impfstoffen zwei nun abgetreten seien, weil komplizierte Nebenwirkungen aufgetreten seien. Zudem sei festgestellt worden, dass gerade ältere Menschen die Antikörper zu schnell wieder abbauten und somit nach kurzer Zeit schon keinen Impfschutz mehr besäßen hätten.

Sie glaubt nicht daran, dass es bis Ende des Jahres neue Erkenntnisse geben würde. "Definitiv nicht! Wenn wir in einem Jahr so weit sind, dann wäre das schon sehr gut." "Würden Sie sich impfen lassen?", fragt Lanz nach. "Dazu müsste ich erst einmal die Daten sehen", antwortet die Virologin darauf.

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Prof. Helga Rübsamen-Schaeff glaubt nicht daran, dass es sehr bald einen Impfstoff gegen Corona geben wird. ZDF/Screenshot

Erst 51 Millionen Menschen weltweit seien infiziert, sagt die Virologin. "Wir stehen ganz am Anfang", sagt sie deshalb dazu. Ihr bereiten vor allem auch die Langzeitschäden, die Corona verursachen kann, große Sorge. 10 Prozent der Menschen mit einem schwereren Verlauf seien davon betroffen.

Dann schlägt die Expertin etwas vor, was bisher wenig diskutiert wurde. Ihrer Meinung nach sollte man sich nicht zu sehr auf den Impfstoff allein konzentrieren, sondern vor allem auch auf die medikamentöse Behandlung bei Betroffenen. Sie vergleicht Corona mit HIV und Hepatitis und sagt, dass für beide Krankheiten enorm viel Geld ausgegeben worden sei, ohne jemals einen Impfstoff entwickelt zu haben. Stattdessen wurden jedoch Medikamente entwickelt, die ein in weiten Teilen normales Leben ermöglichen.

Beide Krankheiten würden mit "chemischen Molekülen" statt Antikörpern behandelt werden und seien enorm effektiv. Dieselbe Herangehensweise schlägt die Virologin auch für den Umgang mit Covid-19 vor.

"Diese Forschung würde ich stark beschleunigen. Das passiert zu wenig, weil alle nur auf die Impfstoffe schauen."

Prof. Helga Rübsamen-Schaeff

Auch diese Stoffe "hätten wir nicht gleich morgen", erklärt Prof. Rübsamen-Schaeff, jedoch könnten mit solchen Medikamenten die Infektionszahlen niedriggehalten werden, weil die Menschen nicht mehr infektiös wären. Sie sehe "sehr gute Chancen, Corona damit loszuwerden". Zudem spricht sie sich dafür aus, eine große Menge an Schnelltests zur Verfügung zu stellen – auch damit ließe sich in vielen Teilen wieder mehr Freiheit gewinnen.

Am Ende will Lanz noch von Weil wissen, ob er sich in Niedersachsen um die Arbeitsplätze sorge. Tatsächlich würde dem Ministerpräsidenten VW weniger Sorgen machen als die kleineren und mittleren Zulieferer. Ebenso fürchtet er um die Luftfahrt- und Schifffahrtbranche, deren Zahlen stark einbrechen. Ebenso schaut er auf die Gastronomie- und Eventbranche und muss feststellen: "Es wird an dieser Stelle nicht ohne Schäden gehen". Und auch Mälzer droht, dass er Mitarbeiter entlassen müsse, wenn der Umsatz dauerhaft um ein Fünftel aufgrund der Sperrstunde einbrechen würde.

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