A woman standing in her kitchen drinks from a mug.

Die Traumwohnung finden oder den Traum vom Eigenheim realisieren ist schon lange nicht mehr so einfach wie es einmal war. Bild: Digital Vision / Dougal Waters

Wohnungsnot und Mietenwahnsinn: Warum in den Großstädten unfaire Verhältnisse beim Thema Wohnen herrschen

5 Milliarden Euro waren aufgewendet, sogar das Grundgesetz geändert worden. Alles, um die sogenannte Bauoffensive der Bundesregierung auf den Weg zu bringen. Innenminister Horst Seehofer (CSU) sprach am vergangenen Dienstag mit einigem Stolz von 1,2 Millionen Wohnungen, die im Rahmen des Programms auf den Weg gekommen seien. Dabei sind die Zahlen durchaus kontrovers. Denn enthalten sind in der Zahl auch 770.000 erteilte Baugenehmigungen und Wohnungen, die noch im Laufe des Jahres gebaut werden sollen.

Auf die Kritik von Journalisten, dass diese Zahlen frisiert seien und die Frage, ob Menschen auch in Baugenehmigungen wohnen könnten, wollte der Minister für Heimat, Inneres und Bau nicht eingehen. Seehofer wird im Herbst als Minister ausscheiden. Zum Abschluss seiner Karriere in der Bundespolitik wollte Seehofer offenbar ein Erfolgserlebnis vermelden, keine kritischen Fragen beantworten. Schließlich hatte die CSU das Ministerium nach der vergangenen Bundestagswahl in Heimatministerium umbenannt. Nun musste der Minister also auch Heimat liefern – in Form von über einer Million neuer Wohnungen.

In Großstädten herrscht Wohnungsnot

Nötig sind neue Wohnungen unbedingt. Eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) errechnete 2019, dass pro Jahr deutschlandweit 342.000 Wohnungen fehlen. Während auf dem Land teilweise sogar zu viel gebaut werde, herrscht laut der Studie in vielen Großstädten regelrechte Wohnungsnot. In München und Stuttgart liegt die Deckung des Bedarfs an Neubauwohnungen etwa bei lediglich 67 bzw. 56 Prozent. In Städten wie Hamburg und selbst Berlin sieht die Bedarfsdeckung mit 86 und 73 Prozent ein gutes Stück besser aus. Ausreichend neue Wohnungen scheint es aber nur in Potsdam zu geben, der einzigen größeren Großstadt mit einer Bedarfsdeckung von über 100 Prozent.

"Wir haben den Wert der eigenen Vier Wände in den vergangenen Tagen deutlich gespürt."

Olaf Scholz (SPD), Finanzminister

Der Bedarf ist durch die Coronakrise nicht geringer geworden, im Gegenteil: "Wir haben den Wert der eigenen vier Wände in den vergangenen Tagen deutlich gespürt", erklärte Finanzminister und Vize-Kanzler Olaf Scholz (SPD) bei der Pressekonferenz am Dienstag. "Soziales Wohnen ist ein Grundrecht, dass es in Deutschland immer geben muss. Dass in Deutschland in den vergangenen Jahren zu wenig gebaut worden ist, ist ein Fakt", erklärte der ehemalige Erste Bürgermeister von Hamburg.

Auch in der Hansestadt habe man den Bedarf an bezahlbarem Wohnraum unterschätzt, als Scholz dort 2011 das Ruder übernahm. Inzwischen wird die Stadt als Musterbeispiel genannt, wenn es um sozialen Wohnungsbau geht. Entsprechend selbstbewusst konnte der Finanzminister auftreten, der bei der Bundestagswahl in diesem Jahr Kanzlerkandidat der SPD ist. "Wir müssen die Wende hinbekommen mit einer Mobilisierung des Wohnungsbaus", erklärte Scholz am Dienstag. Ihm zufolge bräuchte Deutschland sogar 400.000 neue Wohnungen pro Jahr.

Doch das wird auch aufgrund begrenzter Baufläche zum Problem. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller brachte daher weitere Maßnahmen ins Spiel, die bei manchen Anwohnern weniger beliebt sein werden: "Höher und dichter bauen wird eine Rolle spielen in den großen Städten. In den dicht besiedelten Städten brauchen wir neue Konzepte."

"In den dicht besiedelten Städten brauchen wir neue Konzepte.""

Michael Müller (SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin

Gerade in Berlin zeigen sich die negativen Seiten des Bevölkerungszuwachses, den Deutschland seit Jahren erfährt, besonders stark. In kaum einer Stadt sind die Mieten in den vergangenen zwanzig Jahren derart gestiegen wie in der Hauptstadt. Und die Schuldigen hierfür sind auch schnell ausgemacht worden: Internationale Spekulanten und Immobilienkonzerne wie die Deutsche Wohnen wurden für viele zu Feindbildern. Am 26. Februar startet in der Hauptstadt entsprechend bereits der zweite Anlauf eines Volksbegehrens, das darauf abzielt, Unternehmen wie die Deutsche Wohnen zu enteignen.

Beim Thema Wohnung zeigt sich das Ausmaß sozialer Ungerechtigkeit

Die wirkliche Ungerechtigkeit des Wohnungsmarktes in Berlin und vielen anderen Großstädten zeigt sich jedoch erst richtig, wenn man sich den Anteil an Eigentumswohnungen anschaut. In Berlin wohnen lediglich 17,4 Prozent der Bewohner in den eigenen vier Wänden. Damit ist Berlin abgeschlagen auf dem letzten Platz aller Bundesländer und Stadtstaaten. Natürlich hat das auch mit der Stadt an sich zu tun und den Menschen, die sie anzieht. Eine pulsierende Metropole, in der ständig hin- und wieder weggezogen wird, braucht weniger Eigentumswohnungen, als beispielsweise eine schwäbische Kleinstadt, in der die Fluktuation naturgemäß geringer ist.

Doch dieser Umstand auch damit zu tun, dass sich viele Menschen in Berlin eine Eigentumswohnung gar nicht mehr leisten können. Denn nicht nur die Mieten sind beträchtlich gestiegen, auch die Quadratmeterpreise von Eigentumswohnungen haben seit der Wiedervereinigung einen Boom erlebt. Wer 1990 eine leerstehende Wohnung in Kreuzberg oder Neukölln gekauft hat, kann sich heute damit eine goldene Nase verdienen.

Für diejenigen, die nicht schon früh zugeschlagen haben, ergibt sich das gegenteilige Bild: Bei Preisen von 500.000€ aufwärts für eine 80 Quadratmeter-Wohnung in einigen Berliner Bezirken vergeht vielen Interessenten das Lachen. Denn selbst mit einem Kredit von der Bank ist so ein Kaufpreis mit einem Durchschnittsgehalt, das in Berlin bei knapp 41.000€ im Jahr liegt, kaum finanzierbar.

Wer hat, dem wird gegeben

Denn von besagtem Bruttogehalt bleibt nach Steuern, Miete und Unterhalt zum Leben zu wenig übrig, um einen Eigenkapitalanteil von 10-15 Prozent, also von 100.000€ und mehr, aufzubringen, der nötig ist, um einen Kredit bei einer Bank zu erhalten. Selbst besser verdienende Akademiker-Paare scheitern daher ohne Hilfe von außen an einer Finanzierung. Gerade junge Menschen, die eine Familie gründen und sich dann das Eigenheim finanzieren wollen, schauen daher aktuell in die Röhre.

Die einzige Möglichkeit besteht für viele darin zu erben oder Geld von Verwandten – meistens den Eltern – zu erhalten. Ein Umstand, der die Ungerechtigkeit in Deutschland zementiert. Erbschaft ist in Deutschland der wichtigste Grund für soziale Ungerechtigkeit, wie auch DIW-Präsident Marcel Fratzscher erklärt. Wer erbt, kann genug Eigenkapital aufbringen, um einen günstigen Kredit für eine Wohnungsfinanzierung zu erhalten und damit auf lange Frist den eigenen Reichtum zu steigern und sich aus der Aufwärtsspirale der steigenden Mieten und des Wohnungsnotstandes zu befreien. Menschen ohne Erbe oder finanzielle Hilfe von außen bleiben hingegen der Entwicklung des immer ungerechteren Wohnungsmarktes ausgesetzt.

Wenn die Regierenden in Bund, Ländern und Kommunen wirklich glaubhaft machen wollen, dass sie wieder Gerechtigkeit zurück in den Immobilienmarkt in den Großstädten bringen wollen, müssen sie an mehreren Punkten ansetzen. Sie müssen den Wohnungsbau ankurbeln, sondern auch für gerechtere Löhne sorgen. Und darüber nachdenken, ob eine Erbschaftssteuer, die ihren Namen auch verdient, nicht an der Zeit wäre.

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