Völlig zerstört ist diese Brücke über die Ahr in Ahrweiler nach der Flutkatastrophe.
Völlig zerstört ist diese Brücke über die Ahr in Ahrweiler nach der Flutkatastrophe.
Bild: dpa / Boris Roessler
Analyse

Verheerende Lage in Katastrophengebieten: Welchen Schaden das Hochwasser hinterlässt, ist noch kaum bezifferbar

22.07.2021, 09:3229.07.2021, 06:41
felix graf

Gut eine Woche nach den verheerenden Unwettern in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Bayern sind die Aufräumarbeiten in den betroffenen Gebieten angelaufen.

Noch immer werden über 150 Menschen vermisst, die Zahl der Todesopfer steigt jeden Tag weiter – am Donnerstagmorgen waren es bereits 172 Menschen, die durch die Flut-Katastrophe ums Leben gekommen sind. Das Technische Hilfswerk (THW) rechnet nicht mehr damit, dass man Vermisste lebend auffinden kann. "Wir suchen aktuell noch nach Vermissten, etwa beim Räumen der Wege oder Auspumpen der Keller", sagte THW-Vizepräsidentin Sabine Lackner dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Zu diesem Zeitpunkt ist es aber leider sehr wahrscheinlich, dass man Opfer nur noch bergen kann, nicht mehr retten."

Die Menschen (hier im Kreis Ahrweiler) stehen vor dem Nichts.
Die Menschen (hier im Kreis Ahrweiler) stehen vor dem Nichts.
Bild: ap / Bram Janssen

Der Schaden könne in Anbetracht der laufenden Arbeiten noch nicht vollständig erfasst werden hieß es aus den betroffenen Kreisen. Auch das Land Nordrhein-Westfalen konnte noch keine genauen Angaben zu einer möglichen Schadenssumme machen: "Zahlreiche Menschen sind ums Leben gekommen, vielerorts sind Infrastruktur und Gebäude zerstört. Das Schadensausmaß ist derzeit noch nicht abzusehen. Es ist zu erwarten, dass der Wiederaufbau der durch die Hochwasserkatastrophe getroffenen Gebiete Monate, in Teilen auch Jahre dauern und sehr viel Geld kosten wird. Die Bundesregierung geht davon aus, dass deutschlandweit Milliardensummen benötigt werden, wie sie am Mittwoch mitgeteilt hat.", so ein Sprecher der Landesregierung gegenüber watson.

Versicherungen vermelden Milliardenschaden

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) dagegen rechnet mit einem Versicherungsschaden von vier bis fünf Milliarden Euro. Das gab der Geschäftsführer des Verbandes, Jörg Asmussen am Mittwoch bekannt. "Die Schäden dürften sogar noch über denen des August-Hochwassers im Jahr 2002 von 4,65 Milliarden Euro liegen."

Dabei seien die Überschwemmungen der vergangenen Tage in Sachsen und Bayern noch gar nicht in dieser ersten Hochrechnung enthalten.

Für die Versicherungen zeichne sich durch die Flut-Katastrophe das schadensträchtigste Jahr seit 2002 ab. Damals lag der versicherte Unwetterschaden laut GDV bei 10,9 Milliarden Euro. Bereits im Juni hatten Starkregen und Hagel einen geschätzten versicherten Schaden von 1,7 Milliarden Euro verursacht.

Nach Angaben des "Lagezentrum Hochwasser Rheinland-Pfalz" wird alleine die Instandsetzung der Infrastruktur im Bundesland Monate beanspruchen.

Der Bund rechnet wegen der Hochwasser-Katastrophe mit mindestens rund zwei Milliarden Euro Schäden alleine bei der Deutschen Bahn sowie bei Straßen. Bei der Bahn wurde der Schaden mit mindestens 1,3 Milliarden Euro beziffert.

Nach Angaben der Deutschen Bahn haben die Wassermassen allein sieben Regionalstrecken in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz so stark beschädigt, dass man sie neu bauen oder umfangreich sanieren müsse. Gleisen auf rund 600 Kilometern seien betroffen. "Das wird eine Mammut-Aufgabe", sagte eine Bahn-Sprecherin am Mittwoch im Deutschlandfunk.

Blick auf die Gemeinde Schuld am Tag nach der Hochwasserkatastrophe. Starkregen führte zu extremen Überschwemmungen
Blick auf die Gemeinde Schuld am Tag nach der Hochwasserkatastrophe. Starkregen führte zu extremen Überschwemmungen
Bild: dpa / Thomas Frey

Zerstörte Brücken, Gleise, Straßen und Mobilfunkmasten in den Hochwasser-Katastrophengebieten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen sollen schnellstmöglich wieder instandgesetzt werden, hieß es aus dem Bundesverkehrsministerium.

Dazu tagte am Montag eine Taskforce, wie ein Sprecher von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) gesagt hatte. Daran hätten auch Vertreter der Deutschen Bahn und der Autobahngesellschaft des Bundes teilgenommen.

40.000 Menschen im Kreis Ahrweiler betroffen

40.000 Menschen gelten allein im Landkreis Ahrweiler als betroffen von den Folgen des verheerenden Hochwassers. Es sei eine "ungeheure große Zahl von Menschen" auf einer "ungeheuren Fläche", sagte der Leiter des Krisenstabes des Landes Rheinland-Pfalz, Thomas Linnertz.

Die Bundesregierung und die Länder reagieren auf die Notlage der Menschen.

Bund mit Soforthilfe von 200 Millionen

Die Bundesregierung hat eine Woche nach dem Beginn der Hochwasserkatastrophe eine Soforthilfe von 200 Millionen Euro beschlossen. Mittel in derselben Höhe sollen die betroffenen Länder beisteuern, sodass insgesamt bis zu 400 Millionen Euro bereitstehen. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) machte am Mittwoch deutlich, dass der Bund bei Bedarf auch mehr Geld zur Verfügung stellen werde.

"Wir werden das tun, was erforderlich ist. An Geld wird es nicht scheitern", betonte auch Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU).

"Dafür zahlen die Leute ja Steuern, dass ihnen in solchen Situationen geholfen wird." Außerdem ist ein milliardenschwerer Aufbaufonds geplant. Der Aufbau werde Jahre in Anspruch nehmen, sagte Scholz. Über die genaue Höhe des Fonds soll erst entschieden werden, wenn das Ausmaß der Schäden besser absehbar ist. Scholz wies aber darauf hin, dass beim letzten Hochwasser bis heute für den Wiederaufbau rund sechs Milliarden Euro ausgegeben worden seien.

Unbürokratischer Wiederaufbau

Der Bund werde auch in diesem Fall die Hälfte davon zur Verfügung stellen. Mit dem Wiederaufbau solle jetzt sofort begonnen werden. "Es gibt also nichts, womit man zögern muss. Die Zusage, die wir jetzt geben wollen, ist, dass diese Aufbauhilfe gleich beginnen kann." Scholz betonte, dass der Wiederaufbau unbürokratisch geschehen soll.

"Wir wollen das ohne neue planrechtliche Regelungen machen. Wenn eine Brücke wieder hergestellt werden muss, wenn ein Haus wieder neu gebaut werden muss, wenn eine Schule wieder neu gebaut werden muss, muss man nicht ein neues Planfeststellungsverfahren auf den Weg bringen."

Landesregierungen ebenfalls mit Soforthilfen

Die Mainzer Landesregierung hatte für Betroffene der Katastrophe in Rheinland-Pfalz bereits am Dienstag Soforthilfen bis zu 3500 Euro pro Haushalt beschlossen. Das Geld soll ohne Bedürftigkeitsprüfung schnellstmöglich über die Kreisverwaltungen ausgezahlt werden, teilte die Staatskanzlei mit. Darüber hinaus seien auf dem Spendenkonto der Landesregierung mehr als 7 ,4 Millionen Euro an Privatspenden eingegangen. Das Geld soll über Kreisverwaltungen verteilt werden.

Der Freistaat Bayern hatte bereits 50 Millionen Euro Soforthilfe für die Menschen in den betroffenen Gebieten bewilligt.

(fgr/dpa)

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