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David Janzen arbeitet seit Jahren als Journalist und Aktivist gegen Rechts. ndr screenshot/ watson montage

Neonazis verfolgen ihn: Eine Woche im Leben von David Janzen

In den Morgenstunden klingelt es an seiner Haustür und David Janzen erschreckt sich zum ersten Mal in dieser Woche. Es ist Montag, Ende Oktober, ungefähr vier Uhr in der Früh. Der Braunschweiger Journalist und "Bündnis gegen Rechts"-Sprecher entscheidet, die Klingel zu ignorieren. Im Juni erst haben ihm Rechtsradikale mit dem Tod gedroht. Lieber nichts riskieren.

Einige Stunden später findet Janzen einen Flyer der Partei "Die Rechte" im Briefkasten. "Darauf prangte ein schwarzer Smiley", erinnert sich Janzen im Gespräch mit watson. Gerade, als er die Polizei rufen will, ploppt genau deren Nummer auf seinem Smartphone auf.

Das mit der Klingel seien Beamte gewesen, sagt ihm ein Polizist. Nachts seien sie vor seinem Haus Streife gelaufen. Man habe Janzen nicht erschrecken wollen, entschuldigt er sich, aber vor der Haustür hätten die Einsatzbeamten mehrere Aufkleber entdeckt. Neben Sprüchen wie "Antifa zerschlagen" und "Schütze Europa" zeigen sie die Symbole von "Adrenalin Braunschweig".

Dahinter verbirgt sich jener rechtsradikale Zusammenschluss von Kampfsportlern und Neonazis, die Janzen im Sommer mit dem Tod drohten. Damals hatte gerade ein Rechtsradikaler den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke erschossen. Im Bugwasser des bundesweiten Schockzustands drohte ein "Adrenalin"-Mitglied dann auf Instagram: "Heute Walter, morgen Janzen". Kurze Zeit später fand der Journalist seine Haustüre mit folgenden Worten beschmiert:

"Wir töten dich, Janzen"

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DJ/zvg

Damals folgen Hausdurchsuchungen durch den Staatsschutz, es folgen Polizeiwachen vor Janzens Haus. Es folgen auch weitere Drohungen und rechtsradikaler Spott auf Instagram, Facebook und Twitter. Vieles davon zeigte der 47-jährige Janzen an. Verurteilungen gab es kaum, weil die Urheber der Posts nicht ausgemacht werden konnten. Auch das Verfahren gegen den "Adrenalin"-Hetzer wird kurze Zeit später wieder eingestellt. Begründung: Die Drohung des Mannes falle wegen anderer bereits verurteilter Strafen nicht ins Gewicht.

Die Neonazi-Kampfsportszene

Immer mehr Rechtsextreme trainieren laut Verfassungsschutz gezielt für den Straßenkampf. Innerhalb der Mixed Martial Art (MMA)-Szene hat sich längst eine Präsenz von Rechtsextremisten herausgebildet. Dazu gehören Events, Newsletter und eben Gruppen wie Adrenalin Braunschweig, in denen bekannte Szenegrößen den Kontakt zu Gleichgesinnten aufbauen. Feindbilder sind vor allem Antifa-AktivistInnen, aber auch Ausländerhass und Antisemitismus verleihen der Szene innerhalb der Gesellschaft Auftrieb. Der Rechtsextremismus-Experte im sächsischen Landesamt, Henry Krentz, sagte Anfang des Jahres den Zeitungen der Funke Mediengruppe, einzelne Gruppen bereiteten sich sogar auf einen Tag X vor, an dem sie den Zusammenbruch der staatlichen Ordnung erwarteten und die Macht ergreifen wollten.

Janzen und sein "Bündnis gegen Rechts" verstehen das Urteil nicht. Bis heute haben sie den Eindruck, dass die rechtsradikale Aufladung der Drohung vom Gericht nicht ernstgenommen wurde. Aber immerhin, für einige Monate herrscht anschließend Ruhe für den Aktivisten und seine Familie.

Jetzt, nach dem Terrorakt von Halle, geht es wieder los

Nach dem ersten "NPD-Smiley" am Montag dauert es nur bis in die nächste Nacht, als weitere Aufkleber und Flyer Janzens Haustür schmücken. Am Donnerstag dann, als der Journalist gerade mit seiner Familie von einem Ausflug nach Hause kommt, haben Unbekannte die Tür seines Mietshauses mit dicker roter Flüssigkeit beschmiert, vermutlich Ketchup. Aus dem Briefkasten stinkt es außerdem heftig nach Säure.

So sah das aus:

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zvg/dj

Die Polizei geht kurze Zeit später von konzentrierter Essigsäure aus. "Wo sie auf den Boden tropfte, hat sich alles verfärbt", erinnert sich Janzen. Nachbarn erklären ihm, dass nur Minuten zuvor noch nichts da gewesen sei. "Das Rot war noch ganz frisch", erzählt auch Janzen und setzt besorgt hinzu: "Was wäre bloß passiert, wenn ich mit meiner Familie genau in die Täter reingelaufen wäre?"

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Eigentlich hat der Aktivist gerade Urlaub. Dennoch wird er den ganzen Tag damit verbringen, sauber zu machen. Erst beruhigt er seine Familie, dann seine Nachbarn. Er wird mit der Polizei sprechen und einige Interviews geben. "Nur Öffentlichkeit und der damit einhergehende Druck führt dazu, dass ich tatsächlich mit richtigem Schutz rechnen kann", sagt er. Seine Beschreibung des Tages klingt fast routiniert. Es sind die Worte eines Mannes, der seit Monaten in Angst leben muss, und der sich in Deutschland nicht mehr sicher und vom Staat im Stich gelassen fühlt.

Aber die Woche ist noch immer nicht vorbei.

Als Janzen am Samstag das Haus verlassen will, ist da wieder alles rot an seiner Türe. Ein verpasster Anruf der Polizei auf seinem Smartphone verrät: Man habe den neuen Überfall schon in der Nacht festgestellt. Diesmal klingelte kein Beamter an seiner Tür. "Das war ein Moment, in dem ich richtig wütend auf alle wurde", sagt Janzen. "Zu oft versucht mir jemand zu erklären, dass ich mich beruhigen soll, zu oft sagen sie mir, das sei doch nur 'Sachbeschädigung' und zu oft passiert einfach gar nichts."

Die Wahrheit sehe für ihn so aus: Enormer Stress und Belastung, Angst um die eigene Familie, der Gedanke daran wegzuziehen. "Ich kann mich nicht mehr frei bewegen, rufe lieber jemanden an, bevor ich alleine irgendwo hingehe", sagt Janzen. Klar werde er weiter gegen Rechtsradikalismus arbeiten. "Aber wenn dann was passiert, könnte ich mir das wohl nicht verzeihen", sagt er auch mit Blick auf seine Familie.

Viele Aktivstinnen und Aktivisten fürchten rechte Gewalt

Am Montag hat der Polizeipräsident bei ihm angerufen, auch der Chef der Kripo und die Landtagsfraktion der SPD und zahlreiche Braunschweiger wollen helfen. "Diese Gesten sind toll und die positive Seite dieser ganzen Geschichte", sagt Janzen. "Sie stehen einer offensichtlichen Unfähigkeit oder einem Unwollen mich zu schützen entgegen", sagt er auch.

Trotzdem hofft er, dass die Polizei jetzt besser vor seinem Haus aufpasst. Dass sich ein Präventionsteam um die Nachbarn kümmert, die vor Sorge schon anfangen, Abstand von ihm zu nehmen. "Ich will einfach weitermachen und weiterleben", sagt Janzen an einem Montag, im Oktober 2019, in Deutschland.

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