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In "Jedi: Fallen Order" bekommen wir es mit der dunklen Seite der Macht zu tun – und die teilt mächtig aus. Bild: Electronic Arts/ Respawn Entertainment

Meinung

"Star Wars Jedi: Fallen Order" ist großartig, aber ...

Jubel, Trubel, Heiterkeit! Endlich mal wieder ein "Star Wars"-Game, das kein Multiplayertitel ist – und trotzdem gut. Sehr gut sogar. Ein paar Kleinigkeiten haben mich aber doch gestört.

philipp luther

Um es ganz klar zu sagen: "Star Wars Jedi: Fallen Order" ist ein Spitzen-Game. Das Studio Respawn Entertainment und Publisher Electronic Arts haben mit dem Titel ein Spiel abgeliefert, das endlich mal wieder anständigen Singleplayer in der weit, weit entfernten Galaxie bietet.

Die Fachpresse ist voll des Lobes, auf Metacritic heimst das Game (PC Version) eine traumhafte Wertung von durchschnittlich 83 von 100 Punkten ein. Auch die Gamerinnen und Gamer sind hochzufrieden. Auf Steam hat das Spiel etwa zu mehr als 90 Prozent die Wertung "sehr positiv" bekommen.

Kein Wunder: "Jedi: Fallen Order" sieht nicht nur umwerfend aus, sondern bietet auch wirklich echtes "Star Wars"-Feeling. Ob wir mit unserem Jedi-Lehrling Cal Kestis durch einen abgestürzten Venator-Sternenzerstörer krackseln, uns mit dem Lichtschwert durch Sturmtruppen schnetzeln, uns spannende Duelle mit dunklen Jedi liefern oder an Bord unseres Raumschiffs mit unseren Begleitern über das finstere Imperium quatschen – an jeder Stelle atmet das Game die "Star Wars"-Identität.

Dazu erzählt es uns auch noch eine durchaus spannende und abwechslungsreiche Geschichte, die sich in Form einer Schnitzeljagd nach einem geheimen Jedi-Dokument präsentiert. Das enthält nicht weniger als – ihr ahnt es vielleicht – die Rettung des in "Star Wars: Episode III – Die Rache der Sith" gefallenen Jedi-Ordens.

Ist die Macht also wirklich mit dem Spiel und könnt ihr komplett bedenkenlos zugreifen?

Meine Antwort ist ein entschiedenes "Jein!". Denn so sehr das Spiel sich auch nach "Star Wars" anfühlt – in den knappen 25 Stunden, die ich mit Cal Kestis unterwegs war, stolperte ich immer wieder über Ärgernisse, die mir den Spaß ein wenig trübten.

"Fallen Order" ist sau-schwer

Da wäre zum einen der Schwierigkeitsgrad. Der hat es wirklich in sich, gerade in den ersten zehn Stunden. Schon ab der zweiten von vier Stufen sorgten Sturmtruppen, finstere Inquisitoren oder auch hochaggressive "Ratten" für einen schnellen Tod. Und das mit einer Regelmäßigkeit, die mich schon im Tutorial vor Frust ins Gamepad beißen ließen.

Die Logik dahinter ist durchaus nachvollziehbar. Als Jedi-Lehrling haben wir nach der berüchtigten Order 66 unsere Verbindung zur Macht verloren. Unsere Ausbildung konnten wir ebenfalls nicht abschließen. Als sprichwörtlicher Jedi-Noob tun wir uns also schwer, wenn wir auf die gut ausgebildeten Schergen des Imperiums treffen.

Versteht mich nicht falsch: Spiele dürfen schwer sein, ja, sie sollen schwer sein – zumal, wenn es die Story wie in diesem Fall gebietet. Hier aber ist Respawn Entertainment übers Ziel hinausgeschossen. Es macht schlicht keinen Spaß, gefühlte 30 Mal an derselben Stelle ins Gras zu beißen, nur weil man keine jedihaften Reflexe hat. Denn es ist kaum möglich, gleichzeitig Raketen wegzustoßen, Blasterblitze zu reflektieren und gigantischen Höhlentrollen zu trotzen. Letztere befördern einen dann auch noch mit nur einem gezielten Faustschlag ins Jenseits.

Erst mit der Zeit (und viel Frusttoleranz) wird Cal geschulter im Umgang mit der Macht und kann auch schwierigere Gegner schneller umhauen. Dann stellt sich auch echtes "Jedi-Feeling" ein und das Spiel wird spaßiger. Es ist schlicht großartig, Sturmtruppen mit einem Machtstoß über Klippen zu schicken, während ich besagtem Höhlentroll die Haut über die Ohren ziehe. Bis dahin muss man aber erstmal kommen.

Das ist insofern Schade, als dass "Star Wars" sich ja nicht nur an Profi-Zocker richtet, die einen anspruchsvollen Game-Abend verbringen wollen. Was ist mit den Casual-Gamern, die nach einem anstrengenden Arbeitstag einfach nur ein bisschen "Star Wars" erleben wollen?

So ist "Jedi: Fallen Order" nicht nur schwer, sondern zieht sich auch in die Länge. Und nicht jeder hat mehr als 30 Stunden in der Woche Zeit, um sich einem Videospiel zu widmen.

Und bevor ihr mir mit dem "Story-Modus", dem einfachsten aller Schwierigkeitsgrade, kommt: Der ist derart anspruchslos, dass der Spaß auf der Strecke bleibt. Mit dem lässt sich zwar die Geschichte "schneller" erleben, doch dann kann man sich auch die Cutscenes auf Youtube anschauen.

Hier könnt ihr euch den Trailer ansehen:

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Video: YouTube/EA Star Wars

Gameplay, das nicht zu "Star Wars" passt

Vielmehr als der wirklich happige Schwierigkeitsgrad hat mich aber das Gameplay gestört – beziehungsweise ein Teil davon. In der Spielwelt sind verschiedene Meditations-Orte verteilt. An diesen können wir innehalten, Skillpunkte verteilen und speichern. So weit, so atmosphärisch.

Allerdings werden nach jeder Meditation alle Gegner eines Levels wiederbelebt. Von einem gewissen Gameplay-Standpunkt aus betrachtet, ergibt das auch Sinn. Wir sollen uns überlegen, ob wir speichern oder stattdessen lange Laufwege in Kauf nehmen wollen. Außerdem gibt jeder besiegte Gegner neue Erfahrungspunkte, mit denen wir unseren Jedi-Schülers stärker machen können. Hauen wir also zehnmal denselben Sturmtruppler um, profitieren wir davon.

Für mich geht dabei allerdings die eigentlich grandiose "Star Wars"-Atmosphäre verloren. Wenn ich einen ganzen Trupp weiß gerüsteter Sturmsoldaten erledigt habe und mich mit letzter Kraft zum Mediations-Punkt schleppe, will ich den Trupp nicht nochmal vorgesetzt bekommen.

Wie sind die dahin gekommen? Haben die Cal Kestis nicht gesehen, wie er circa 50 Meter weiter friedlich meditiert? Und was ist mit den Leichen, die müssten doch eigentlich Aufsehen erregen? Immerhin sucht die halbe Imperiale Armee nach einem lichtschwertschwingenden Teenager – schrillen da nicht die Alarmglocken auf allen Sternenzerstörern, wenn ein Sturmtruppler mit einem Lichtschwert zerlegt worden ist?

Nennt mich kleinlich, schimpft mich Fanboy, gebt mir Tiernamen – mir will das nicht ganz einleuchten. Zumal der Gegner-Respawn auch nicht ganz zu dem Jedi-Gefühl passen will, das der Schwierigkeitsgrad vermitteln soll. Um nochmal zum Höhlentroll zu kommen: Habe ich die Bestie endlich umgehauen, triumphiere ich jubelnd über den hart erfochtenen Sieg. Doch fünf Minuten später treffe ich denselben Troll an derselben Stelle wieder.

Das ist in etwa so, als ob Luke Skywalker nach seinem Sieg über Darth Vader kurz schlafen geht – und Yoda ihm am nächsten Morgen sagt: Nochmal gegen Vader antreten, du musst. Und nochmal. Und nochmal.

Also lieber nicht kaufen?

Ich hatte natürlich trotzdem eine Menge Spaß, als ich "Jedi: Fallen Order" zockte. Dafür macht das Spiel zu viel richtig, gerade bei den Lichtschwert-Kämpfen. Außerdem bin ich ein "Star Wars"-Nerd, der sich die Finger nach fast jeder neuen Geschichte aus diesem sagenhaften Universum leckt. Deshalb möchte ich euch vom Kauf des um die 60 Euro teuren Titels nicht abraten.

Ihr sollt lediglich wissen, dass ihr euch auf ein sauschweres Abenteuer einlasst, das euch größte Gamepad-Akrobatik abverlangt und sich mit merkwürdigen Gamedesign-Entscheidungen ein bisschen selbst im Weg steht.

Dennoch: Es gibt derzeit kein vergleichbares "Star Wars"-Erlebnis – nicht am Bildschirm und nicht im Kino.

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