In Österreich wird wieder heftig durchgetestet.
In Österreich wird wieder heftig durchgetestet.Bild: AA / Askin Kiyagan
watson live dabei

Österreich: Wie das Corona-Virus eine ganze Nation spaltet

16.11.2021, 13:0916.11.2021, 16:02
melanie köppel aus wien

Seit Montag ist der österreichische Nationalsport wieder einmal "Alles gurgelt"– mit den kostenlosen PCR-Gurgeltests. Denn mit dem 15. November gelten erneut verschärfte Maßnahmen in Österreich. Die wievielte Aktualisierung der Corona-Maßnahmen das mittlerweile ist? Das weiß hier niemand mehr so genau. Eine Neuerung der ganzen Lage gibt es jedoch: Vorerst betreffen die meisten Maßnahmen nur die Ungeimpften. Der richtige Weg aus der Pandemie? Ein Lokalaugenschein aus dem Land, das bekannter für wilde Ibiza-Nächte als für saubere Politik ist und das mittlerweile in Deutschland sogar wieder zum Hochrisiko-Gebiet erklärt wurde.

Gespaltene Meinung in der Regierung

Der österreichische Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) steht schon seit mehreren Tagen unter schwerem Beschuss: Grund sind seine Äußerungen, sich mehr auf die Gesundheit der Bevölkerung fokussieren zu wollen und auch schärfe Maßnahmen für Geimpfte und Genesene einzuführen. "Ich halte überhaupt nichts von den Wortmeldungen des Gesundheitsministers", entgegnet Tourismusministerin Elisabeth Köstinger, der ÖVP.

ÖVP? Ja genau, die Österreichische Volkspartei, die dank Sebastian Kurz über die Grenzen hinaus bekannt wurde. Nur dass der nicht mehr als Bundeskanzler an der Spitze der Regierung sitzt, sondern etwas notgedrungen sein Parteikollege Neukanzler Alexander Schallenberg. Nichts mehr Neues im Lande.

Bundeskanzler Schallenberg bleibt ebenfalls der Parteimeinung treu und äußert sich zu den Vorschlägen des Gesundheitsministers, einen Lockdown für alle durchzusetzen, in der ORF-Sendung Ö1-Morgenjournal so: "Mein Ziel ist es, die Ungeimpften zur Impfung zu bringen. Und nicht, die Geimpften einzusperren."

Gespaltene Meinungen gibt es also schon in der amtierenden Regierung zwischen den Koalitionspartnern ÖVP und den Grünen. Wenn schon selbst die Spitze eines Staates keine gemeinsame Lösung gegen den unsichtbaren Feind finden will, wie sieht es dann in der Bevölkerung aus? Kleiner Spoiler: Schlimmer.

Die Kluft wird größer

"Die Stimmung ist wirklich unangenehm: Ich bin die Böse, wenn ich die Nachweise kontrolliere und selbst habe ich Angst. Der nächste Cluster (eine ungewöhnlich große Anhäufung von Infektionsfällen, an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeitm, Anm. d. Red.) muss nicht in meinem Lokal sein, es fallen sowieso schon alle Weihnachtsfeiern aus“, klagt mir eine gute Bekannte und Wirtin am Wochenende ihr Leid. Sie erlebe eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: "Die, die nicht ins Gasthaus kommen können, treffen sich halt in den Garagen. Wer soll das denn kontrollieren?"

Vor allem für ländliche Betriebe – von denen es in Österreich trotz vieler Schließungen durch die Corona-Krise noch genug gibt – wäre der nächste große Lockdown eine wirtschaftliche Katastrophe.

In den Städten dagegen, vor allem in der Hauptstadt Wien, sah die Lage jedenfalls am Wochenende noch ganz anders aus: Es wurde gefeiert, getrunken und geschmust – anscheinend existiert der Virus im Nachtleben nicht. Auch am Montag herrschte noch reges Treiben auf den Straßen, obwohl der "Lockdown für Ungeimpfte" ausgerufen wurde. Ob das nun so ist, weil der Weg zur und von der Arbeit nach Hause trotzdem für alle erlaubt ist, lässt sich schwer einschätzen. Obwohl die grundsätzlichen, rechtlichen Regeln bekanntgegeben wurden, kennt sich niemand mehr aus.

Die Zahlen sprechen für sich

Rund 11.000 Neuinfektionen sind es mittlerweile pro Tag im kleinen Österreich – auf circa 9 Millionen Einwohner gesehen ein sehr hoher Wert. Der Wille zum Impfen wird sich gerne erkauft: In Oberösterreich, das Bundesland mit der niedrigsten Durchimpfungsrate, werden die Menschen mittels Impflotterie zur Impfung gelockt. Von E-Autos, Reisegutscheinen und Skipässen ist alles dabei, was sich Herr und Frau Österreicher wünscht – und ganz nebenbei schützt man sie auch noch vor einer gefährlichen Krankheit. Praktisch, hat doch schließlich auch schon im Burgendland funktioniert – hier kam man dank Impflotterie auf 13.000 neue Erstimpfungen.

"Wo die einen erst gelockt werden müssen, stehen die anderen bereits Schlange, wie eine Arzthelferin klagt."

Wo die einen erst gelockt werden müssen, stehen die anderen bereits Schlange, wie eine Arzthelferin klagt: "Das Land Steiermark hat eine Covid-Information per SMS ausgeschickt, in der stand, dass viele Personen bald zur dritten Impfung einen Termin bekommen werden. Seitdem laufen die Telefone heiß, da alle wissen wollen, wann sie nun endlich wieder drankommen." Patientinnen und Patienten mit anderen Symptomen müssen oft weggeschickt werden. "Wir haben schlicht und einfach keinen Platz – nicht einmal Notfälle können wir mehr aufnehmen. Die verweisen wir in wirklich dringenden Fällen ans nah gelegene Krankenhaus", heißt es.

2G, 2G+ und 3G

Getestet, Genesen oder Geimpft – seit 15. November gelten bundesweit nur mehr die 2G-Regeln, also Genesen oder Geimpft. Obwohl, "bundesweit" ist immer so eine Sache: Was der Bund nicht regelt, lösen die Bundesländer für sich allein. Wien beschloss, die 2G+-Regel einzuführen: Das heißt, nur der Status Geimpft oder Genesen, inklusive PCR-Testung öffnet Tür und Tor in die Nachtgastronomie, ins Kino, ins Theater oder zu kleinen Veranstaltungen. Die Teststationen und Labore sind maßlos überfordert – nicht selten geht ein Test verloren oder es dauert bis zu einer Woche, bis man sein Ergebnis erhält.

"Bis ich den kriege, bin ich schon wieder negativ", hört man nicht selten. Ein Quarantänebescheid ist bis dato auch hinfällig – nur auf Verdacht, wie im Frühjahr 2020, wird niemand mehr zu Hause gelassen. Wien hilft sich selbst zumindest so, in dem die PCR-Tests in ausgewählten Supermärkten oder der Drogerie abzuholen und dann als Selbstests mit einer App zu Hause zu absolvieren sind. Abgegeben werden die Tests dann wieder im Supermarkt – in einer Box, die aussieht, als würde man Tierfutter spenden wollen.

Abgabestation für Corona-Tests in Wien.
Abgabestation für Corona-Tests in Wien. bild: privat

Ungeimpfte müssen bei nicht vorhandenem Testergebnis sogar wieder von der Arbeit nach Hause geschickt werden. Keine Seltenheit, da nicht nur die Laborkapazitäten, sondern auch die Testkits langsam knapp werden. Eine Lösung auf Dauer ist das also nicht.

Gesundheit, Wirtschaft – Jugend?

"Ich bin aus Rücksichtnahme auf ältere und kranke Leute fast ein Jahr zu Hause geblieben und jetzt verpasse ich so viel, weil sich genau diese Leute nicht impfen lassen wollen?", sagt Dominic. Er will sein Leben genießen, eine dritte Impfung käme für ihn sofort in Frage. "Ich hab viel zu viel Angst vor einer Ansteckung, um mein normales Leben wie vor der Pandemie fortzuführen", meint Sabrina. Neben der Angst, Familie und Freunde anzustecken, folgt auch die Angst vor beruflichen Nachteilen: "Niemand will die Person sein, die das Virus ins Unternehmen geschleppt hat."

"Ein Land, in welchem gemeinsame Entscheidungen keine gemeinsamen sind, kann sich nur spalten."

Was beide Parteien der jüngeren Generationen in Österreich verbindet: Aufgrund der letzten, politisch ziemlich instabilen, Jahre hat niemand mehr Vertrauen in die eigene Regierung. Ein "Wir schaffen das" wird es so schnell nicht geben, da uns die letzten Jahre gezeigt haben, dass "wir" ganz schnell ausgetauscht werden kann. Das Miteinander lässt sich noch leichter dort finden, wenn man nicht auf die Regierungsmaßnahmen hört: heimliche Kellerpartys und abgesagte Weihnachtsfeiern in Lokalen aus Rücksicht, den eigenen Freundeskreis nicht noch mehr zu spalten, als das schon mit Diskussionen um die Impfung passiert.

Und wenn es hart auf hart kommt und man keinen Test hat? Dann ist das kein Problem – jeder Nachweis lässt sich irgendwie fälschen. Die Aufklärung, welche Folgen dies haben kann, fehlt gänzlich. Ein Land, in welchem gemeinsame Entscheidungen keine gemeinsamen sind, kann sich nur spalten. Immerhin verbindet hier der Humor im Internet: Diverse Meme-Seiten des Landes sorgen für genügend Unterhaltung, wie zum Beispiel die Aussage des Ex-Innenministers Herbert Kickl, der vor ein paar Wochen noch für Pferdeentwurmer als Heilmittel gegen Corona plädierte und Montag selber positiv getestet wurde…

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