Leben
Benni Over, Hochrisikopatient aus Rheinland-Pfalz mit seinen Eltern und Hund Murphy

Benni Over (30) mit seinen Eltern Connie und Klaus sowie Hund Murphy. Bild: privat / privat

watson-Story

Beatmungspatient kämpft um Impfung: "Halte kein weiteres Jahr Quarantäne aus"

Während viele Deutsche grübeln, wie und ob sie dieses Jahr Weihnachten feiern, hat Benni Over aus Niederbreitbach in Rheinland-Pfalz ganz andere Probleme: Er lebt seit Februar in Quarantäne, weil er ein Hochrisikopatient ist. Seine Freunde hat er seit Monaten nicht gesehen, mit seinen Therapeuten kann er nur facetimen, seine Arbeit fällt flach – Hoffnung hatte ihm die Aussicht auf einen Impfstoff im Frühjahr 2021 gegeben.

Doch die Freude wurde ihm genommen: Laut aktuellem Plan der Ständigen Impfkommission gehört Benni weder in Gruppe Eins noch Zwei derjenigen, die zuerst eine Impfung bekommen sollen – obwohl er künstlich beatmet wird. Der Grund: Er wird zu Hause gepflegt, anstatt in einem Heim. "Ich werde überhaupt nicht erwähnt", sagt er. Er kann damit nicht mit einer Impfung vor Sommer rechnen. "Wir fühlen uns ohnmächtig. Alle unsere Ärzte gingen davon aus, dass Benni als erster geimpft wird", so sein Vater Klaus im Gespräch mit watson. "Bis vor zwei Wochen waren wir noch optimistisch, haben gekämpft. Aber die Nachricht von diesem Impfplan lässt uns verzweifeln. Denn vielleicht ist es dann zu spät."

Die Quarantäne zehrt an Bennis Körper und Psyche

Benni leidet an Muskelschwund, sitzt seit seiner Kindheit im Rollstuhl, seine Lebenserwartung lag bei 20 Jahren. Heute ist er 30 Jahre alt. Seine Arbeit und die Therapeuten hielten ihn lebendig. Früher organisierte er Spendenprojekte für die Aufforstung des Regenwalds, sprach an Schulen über das Leiden von Orang-Utans und die verheerende Produktion von Palmöl, war sogar selbst einmal in Indonesien. Seitdem das wegfällt, baut er ab. "Es geht körperlich, aber auch psychisch bergab", so Vater Klaus. "Corona ist ganz schlimm. Ich fühle mich eingesperrt wie in einem Gefängnis", sagt Benni selbst.

Im letzten Jahr wurde Benni Over von Ministerpräsidentin Malu Dreyer für sein Engagement für den Regenwald- und Klimaschutz mit dem Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnet.

2019 wurde Benni von Ministerpräsidentin Malu Dreyer für sein Engagement im Regenwald- und Klimaschutz mit dem Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnet. Bild: privat / privat

Es geht nicht um ein wenig Langeweile, sondern wahre Verzweiflung. Sein Sohn habe stundenlang geweint, als er vom Impfplan gehört hat, erzählt sein Vater. "Ich bin traurig, ich bin wütend", sagt Benni selbst. Ein weiteres Jahr Quarantäne könne er nicht aushalten. "Dieser Tage werde ich, Corona-Hoch-Risikopatient in häuslicher Pflege, gleich zweimal durch politische Entscheidungen mit meinem Schicksal konfrontiert."

Keine Schnelltests für Bennis Therapeuten, keine Impfung vor den anderen

Das Eine ist die Priorisierung auf der Impfliste. Das Andere fehlende Schnelltests für seine Therapeuten. Wäre Benni in einem Pflegeheim, stünden dem Personal regelmäßige Schnelltests zu. Für die häusliche Pflege gilt das absurderweise nicht. Und so übernehmen seine Eltern derzeit die Aufgaben der Beatmungsärzte und Physiotherapeuten lieber selbst, lassen sich von ihnen dabei über Facetime instruieren.

Das Ehepaar lebt zum Schutz ihres Sohnes ebenfalls isoliert und versorgt sich größtenteils durch Lebensmittel aus dem Garten selbst, lässt sogar Postsendungen zwei Tage liegen, um sicherzugehen, dass keine Viren mehr auf der Oberfläche sind. "Wenn ich sehe, wie sich Menschen im Fernsehen darüber aufregen, eine Maske zu tragen, werde ich wütend", sagt Klaus. "Wie gerne würde ich mal wieder raus. Aber es ist zu gefährlich. Wenn Benni Corona bekäme, wäre das sein Tod."

Was Benni derzeit umtreibt:

abspielen

Video: YouTube/Benni and the orangutans

Umso unverständlicher ist es für die Familie, dass Patienten wie Benni durch alle Raster der Corona-Maßnahmen fallen. Nicht einmal eine FFP-2-Maske steht ihm zu. Die Logik dahinter erschließt sich nicht. "Wir sind wie ein Pflegeheim mit nur einem Patienten. Er ist schwerkrank, Schutzmaßnahmen sind für ihn existentiell", so Klaus. "Menschen wie er brauchen ebenfalls Schnelltests für ihre Therapeuten und sie müssen in Impfgruppe Eins sein. Es geht nicht anders."

Benni fordert eine Impfpriorisierung von der Politik

Zahlreiche Briefe an Politiker, sowohl auf Bundes- als auch Länderebene, blieben bislang ergebnislos. "Die Antworten waren immer voll des Lobes für unseren Einsatz, 'Halten Sie durch'-Floskeln und einem Verweis auf geltende Bestimmungen. Das hilft uns alles nicht weiter", so Klaus. Nach einem Bericht über Benni hat sich bei ihnen sogar die Krankenschwester einer Covid-Station gemeldet, die anbot, Benni ihre Impfdosis zu überlassen. Alle würden die Dringlichkeit begreifen, sagt Klaus. Nur die Entscheidungsträger nicht. "Ich würde gerne einen Politiker erleben, der uns sagt: 'Ich habe es verstanden. Und ich kümmere mich darum, dass auch Schwerkranke in häuslicher Pflege bei den nötigen Maßnahmen priorisiert werden.'"

Der vergangene Brief an Jens Spahn:

"Sehr geehrter Herr Minister Spahn,

wir bitten um Genehmigung einer priorisierten Impfung für unseren Sohn Benni und für uns, seine Eltern und pflegenden Angehörigen – und zwar zeitgleich mit der Impfung jener Menschen in Prio-Impfgruppe Eins.

Bitte unterstützen Sie meine Eltern und mich darin, dass wir Schnelltests für meine Therapeuten bekommen und durchführen können und dass ambulant versorgte Beatmungspatienten auch in erster Priorität geimpft werden, wenn sie dies wünschen. Mein Leben könnte davon abhängen, mein körperliches und psychisches Wohlbefinden tut es schon längst."

"Mit unserem Anliegen werden wir zermürbend von einer zur anderen Stelle verwiesen", sagt Benni. "Von der Krankenkasse zum zuständigen Gesundheitsamt, von dort zur Kassenärztlichen Vereinigung. Das macht wütend, auch, wenn wir hören, dass selbst für Reiserückkehrer immer noch kostenlose Schnelltests durchgeführt werden."

Noch steht die verbindliche Rechtsverordnung zum Impfplan aus. In den bisherigen Empfehlungen sind Schwerkranke wie Benni, die zu Hause leben, jedoch nicht berücksichtigt. Auch, wenn Covid-19 für sie Lebensgefahr bedeutet. Auch, wenn sie und ihre Angehörigen in der Isolation fast eingehen. "Warum ist das so? Warum wurde ich vergessen?", fragt Benni. Er wartet noch auf Antwort.

watson-Story

Junge Pflegerin: "Merkel scheint alle jungen Leute in eine Schublade zu stecken"

Mit den steigenden Infektionszahlen werden auch kritische Stimmen vor allem gegen junge Menschen lauter: Politiker und Politikerinnen, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, richteten sich in vergangener Zeit regelmäßig an junge Erwachsene und mahnten sie zum Einhalten der Corona-Regeln an.

Mit dem immer wieder anklingenden Vorwurf, junge Leute würden die Pandemie nicht ernst genug nehmen und stattdessen zu viel feiern, kann sich Nina Böhmer nicht anfreunden. Die 28-jährige Pflegerin …

Artikel lesen
Link zum Artikel