Nachhaltigkeit

Ein Kilo Haar kann acht Kilo Öl aus dem Meer filtern. Bild: iStockphoto / JamesBrey

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Haarfilter sollen Meer reinigen: Französische Friseure wollen Umweltverschmutzung stoppen

In den Friseursalons rund um den Globus werden täglich wohl Milliarden Haarbüschel abgeschnitten. Lange und kurze, gelockte und glatte, helle und dunkle. Einige von ihnen, die besonders langen, werden aufbewahrt, zu Perücken verarbeitet und schaffen es mit etwas Glück auf den Kopf eines anderen Menschen. Doch der Großteil fällt auf den Boden, wird achtlos zusammengekehrt und landet im Müll. Manch einer ekelt sich sogar vor abgeschnittenen oder ausgefallenen Haaren.

Dabei können Haare so viel mehr: Werden sie recycelt, können sie als Isolationsmaterial beim Häuserbau verwendet werden oder Flüssigkeiten absorbieren.

Einer, der das weiß, ist Thierry Gras aus dem südfranzösischen Brignoles. Gras ist seit über 30 Jahren Friseur und kennt sich aus mit den vielfältigen Eigenschaften der Haare, die er Tag für Tag von den Köpfen seiner Kunden schneidet. Umso verwunderter ist er, als er herausfindet, dass Haare noch nirgendwo wiederverwendet werden – weder in Frankreich, noch im Rest von Europa.

Also beginnt er, selbst zu recherchieren, zu tüfteln und entwickelt schließlich spezielle Filter aus den abgeschnittenen Haaren seiner Kunden, die Meerwasser reinigen sollen. Denn ein Kilo Haare kann ganze acht Kilo Öl aus dem Meer absorbieren. Sonnencreme, die dort auf der Oberfläche wabert, oder Benzin, das Schiffe oder Fabriken verloren haben.

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Im Hafen von Cavalaire-sur-Mer werden die ersten Haarfilter erprobt. bild: Coiffeurs Justes/Territoires Branding

Wie das funktioniert? In Werkstätten für Menschen mit Behinderung werden die Haare zusammen mit alten Nylonstrümpfen zu einer Art Haarrolle verarbeitet, die dann zu Wasser gelassen wird. Diese dümpelt dann beispielsweise im Hafenbecken des Mittelmeer-Badeorts Cavalaire-sur-Mer, wo es besonders viel Sonnencreme zu absorbieren gibt.

3200 Friseure beteiligen sich

Sonnencreme scheint dabei auf den ersten Blick nur der Tropfen auf den heißen Stein zu sein im von Plastik und Öl verschmutzten Ozean. Doch ganz unerheblich ist ihr Einfluss nicht: Laut "FAZ" sorgt sie allein dafür, dass jedes Jahr zwischen 6000 und 14.000 Tonnen schädliche Inhaltsstoffe im Meerwasser landen. "Die Haarrollen werden deshalb in Häfen, Teiche oder andere verschmutze Gewässer gelegt, um die Solaröle und Kohlenwasserstoffe wieder herausfiltern", sagt Thierry Gras gegenüber watson. "Das Wasser wird dank der Fähigkeit der Haare, Fett aufzusaugen, gereinigt."

Weil das so gut funktioniert, gründet Gras die Organisation Coiffeurs Justes, um auch die Haare von anderen Friseursalons zu sammeln und zu Haarfiltern zu verarbeiten. Mittlerweile beteiligen sich rund 3200 Friseure, die meisten in Frankreich, aber auch in Belgien, der Schweiz, Luxemburg und anderen europäischen Ländern. Mehr als 40 Tonnen Haare wurden so inzwischen recycelt.

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Thierry Gras ist seit über 30 Jahren Friseur – und war es irgendwann leid, die abgeschnittenen Haare wegzuwerfen. bild: Coiffeurs Justes/Territoires Branding

Die Partnersalons von Coiffeurs Justes bekommen Papiertüten, in denen die abgeschnittenen Haare gesammelt werden. In eine Tüte, für die die Friseursalons einen Euro bezahlen, passen die Haare von bis zu 220 Kunden. Egal ob glatt oder lockig, kurz oder lang, gefärbt oder natur – alle Haare können recycelt werden. Nur sauber müssen sie sein, aber das ist nach einer Haarwäsche beim Friseur ja ohnehin der Fall.

Filter werden später zu Isoliermaterial

"Unsere Mitglieder werden häufiger in den Medien erwähnt und erfahren dadurch mehr Aufmerksamkeit", sagt Thierry Gras. Neben der Werbung ist es Gras jedoch auch wichtig, dass die teilnehmenden Friseure gemeinsame Werte teilen, dass sie für eine bessere Umwelt kämpfen, dass die Leidenschaft für Haare da ist. Künftig will Gras auch mit verschiedenen Gemeinden zusammenarbeiten, um die Haarfilter in noch mehr Häfen zu etablieren.

Wenn die Haarnetze ihre Pflicht getan haben, können sie übrigens gewaschen und bis zu achtmal wiederverwendet werden. Und auch danach, sagen die Coiffeurs Justes, können sie noch nützlich sein: als Gebäudeisolierung zum Beispiel oder als Dünger auf dem Kompost. Auch wenn wir sie auf unserem Kopf nicht mehr brauchen, können unsere Haare also noch eine Menge leisten.

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