Zwei Orang-Utans sitzen bei einer Besucherin von Safari World auf dem Schoß. Die Tiere werden für Foto-Zwecke gehalten.
Zwei Orang-Utans sitzen bei einer Besucherin von Safari World auf dem Schoß. Die Tiere werden für Foto-Zwecke gehalten.
Bild: NDR/Felix Meschede
Nachhaltig

Michel Abdollahi: "Viele wissen gar nicht, dass illegaler Tierhandel das viertgrößte illegale Geschäft ist – nach Waffen, Prostitution und Drogen"

07.06.2021, 12:2607.06.2021, 15:40

Die meisten Menschen lieben Affenbabys. Kleine Schimpansen und Orang-Utans sind besonders beliebt, Promis und Influencer zeigen sich mit ihnen auf Instagram. Und auch die weltweiten Zoos sind brauchen immer neuen Nachschub.

Doch woher kommen die Tiere? Meistens, nein, tatsächlich immer stecken grausame Geschichten hinter den Bildern von niedlichen Tierbabys. Reporter Michel Abdollahi machte sich für den Film "Planet ohne Affen" (7. Juni ARD 20,15, seit 6. Juni in der Mediathek) auf die Suche nach weltweiten Netzwerken des kriminellen Affenhandels.

Im Interview mit watson spricht der Hamburger über das, was er bei den Dreharbeiten erfahren hat, warum er gegen die Haltung von bestimmten Tieren ist und was wir alle gegen illegalen Tierhandel tun können.

watson: So gut wie jeder von uns hat schon mal süße Affenbabys bei Instagram geliket – wie viel Leid steckt hinter solchen Bildern?

Michel Abdollahi: Es steckt ausschließlich Leid dahinter. Dazu kommt, dass Affen sich ihres Daseins bewusst sind, das macht es noch dramatischer. Denn natürlich ist jedes Leben schützenswert, aber es ist dennoch ein signifikanter Unterschied, ob eine Kuh auf einer Weide steht, ein Nutztier, oder ob ich einen Affen habe. Die sind einfach vom Gehirn her anders aufgebaut, und dann ist es für umso dramatischer, weil der Affe weiß, dass er seiner Mutter weggenommen wurde, damit er gestreichelt werden kann.

"Natürlich ist jedes Leben schützenswert, aber es ist dennoch ein signifikanter Unterschied, ob eine Kuh auf einer Weide steht, ein Nutztier, oder ob ich einen Affen habe."
Reporter Michel Abdollahi in London auf der Illegal Wild Life Trade-Conference.
Reporter Michel Abdollahi in London auf der Illegal Wild Life Trade-Conference.
Bild: NDR/Felix Meschede

Das kann auch gar nicht anders sein?

Nee, weil das Tier muss ja seinen Eltern weggenommen werden, wenn man ein Neugeborenes oder ein Babyäffchen hat. Man kann es ja auch gar nicht so viel später machen. Man kann keinen ausgewachsenen Schimpansen da hinsetzen und sagen, der ist aber süß.

Warum nicht?

Weil der Schimpanse irgendwann so stark wird, dass man ihm besser nicht in freier Wildbahn begegnen sollte. Der greift Sie an. Deswegen braucht man sehr, sehr junge Tiere. Und die kriegt man nur, wenn man sie ihren Eltern wegnimmt. Und kleine Affenbabys ihren Eltern wegzunehmen – das ist kein großer Unterschied zu uns Menschen. Das kann man sich exakt so vorstellen. Das ist immer mit sehr großem Leid verbunden.

Sollte man also konsequent allen Profilen entfolgen, die solche Inhalte posten?

Besser als entfolgen ist es, zu handeln und aufzuklären. Entfolgen heißt ja, ich mache die Augen zu und sehe es nicht mehr. Ich glaube auch nicht, dass das etwas bringt, weil es ja genug andere Menschen gibt, die den Profilen folgen. In dem Geschäft funktioniert das nicht. Shitstorms werden bei diesen Profilen nicht funktionieren, weil die wie Pilze aus dem Boden schießen. Es gibt auch immer noch sehr viele Prominente, die sich mit diesen Tieren abbilden lassen.

Ein junger Schimpanse, dessen Eltern von Wilderern getötet wurden.
Ein junger Schimpanse, dessen Eltern von Wilderern getötet wurden.
Bild: NDR/Felix Meschede

Wie kommt das?

In den meisten Fällen ist das absolute Unwissenheit darüber, was man da macht. Das ist das ganz große Problem. Wenn ich mir irgendwelche Fitness-Models auf Instagram angucke, weiß glaube ich auch der Letzte mittlerweile, dass vieles davon gefaket ist. Bei den Tieren weiß man das nicht so genau, was dahintersteckt.

Und warum nicht?

Es gibt nicht so viel Aufklärungsarbeit dazu. Die braucht es demnächst auch tatsächlich nicht mehr. Denn dann sind die Tiere gar nicht mehr da. Das Problem wird sich von selbst lösen, weil wir einige Menschenaffen-Arten einfach vernichten, ausrotten. Und dann werden wir sie nur noch in Zoos sehen können.

Bei Menschenaffen ist es so weit, dass sich bestimmte Populationen nicht mehr erholen werden, wenn wir so weitermachen.

Sagen Sie das, um aufzurütteln? Oder ist es wirklich nicht mehr aufzuhalten?

Es ist nicht egal, ob wir handeln oder nicht. Aber je länger wir warten mit dem Handeln, umso dramatischer wird es werden. Als wir im Regenwald im Kongo nach einem Bonobo gesucht haben, haben wir einfach keinen mehr gefunden. Bei Menschenaffen ist es so weit, dass sich bestimmte Populationen nicht mehr erholen werden, wenn wir so weitermachen.

Was kann man tun?

Man hat eigentlich gute Erfahrungen gemacht, wie man Tiere vor dem Aussterben retten kann. Es gibt sehr gute Schutzprogramme für Menschenaffen. Führende Wissenschaftler in der Welt beschäftigen sich mit der Thematik. Tatsächlich auch Zoos. Aber die guten Zoos.

Was unterscheidet einen guten von einem schlechten Zoo?

Du kannst auch ein guter Zoo sein, wenn du einfach die Richtlinien einhältst. Dann leben da eben zwei Schimpansen – Schimpansen sollen ja immer als Paare gehalten werden. Die sollen dann 100 Quadratmeter haben, ein paar Bäume und eine Wasserstelle. Das ist dann artgerecht.

Reicht das wirklich schon?

Naja, mir hat ein Primatologe gesagt: Was ist denn, wenn die Affen sich nicht mögen? Was ist, wenn du den Rest deines Lebens mit jemand eingesperrt bist, den du nicht magst?

Sind Zoos nicht einfach grundsätzlich unzeitgemäß?

Bei Zoos scheiden sich ein wenig die Geister. Einige sagen, Tiere in Gefangenschaft gehen nie klar. Andere, unter anderem die führende Primatologin Jane Goodall, sagen, hätte es keinen Zoo gegeben, wäre ich nie Primatologin geworden. Der Zoo war der Ort der ersten Begegnung. Man muss Menschen für Tiere sensibilisieren, indem man sie ihnen zeigt. Es gibt hervorragende Zoos, wo Tiere erforscht werden, gepflegt werden. Wir müssen uns auch vergegenwärtigen, dass einige dieser Tiere hochintelligent sind. Und die wissen, was dort passiert.

Ein Schimpanse sitzt hinter Gittern in der Samutprakarn Crocodile Farm in Bangkok.
Ein Schimpanse sitzt hinter Gittern in der Samutprakarn Crocodile Farm in Bangkok.
Bild: NDR/Felix Meschede
"Ganz bestimmte Tiere, die eine bestimmte Intelligenz mitbringen, haben in Gefangenschaft nichts verloren."

Warum ist das ein Unterschied?

Weil diese Tiere wissen, dass sie in Gefangenschaft leben. Das ist was anderes als mit einer Ziege. Und bei diesen hochintelligenten Tieren muss man sich die Frage stellen, ob wir das wollen. Ob wir Tiere, die sich ihres Daseins bewusst sind, in Gefangenschaft halten möchten. Wir reden hier nicht von einer Spinne. Menschenaffen sind unsere nächsten Verwandten, die haben fast dasselbe Genmaterial wie wir. Kann man überhaupt ein Tier, das so intelligent ist, artgerecht in Gefangenschaft halten?

Was ist Ihre Antwort darauf?

Ich bin nach der Reise zu dem Entschluss gekommen: Ganz bestimmte Tiere, die eine bestimmte Intelligenz mitbringen, haben in Gefangenschaft nichts verloren. Da stelle ich mich auch gegen alle diejenigen, die sagen, aber sonst kann man sie nicht erforschen, sonst kann man sie nicht schützen. Wenn man sich das Leid der Tiere anschaut, und wie selbst die sogenannten guten Zoos sie halten, dann muss ich sagen: Menschenaffen haben in Gefangenschaft nichts zu suchen.

Für andere Wildtiere gilt das nicht?

Es ist immer so schwierig, weil man natürlich alle schützen muss, und selbst eine Pflanze ist schützenswert. Die Briten haben gerade Wirbeltieren Gefühle zugesprochen und das gesetzlich verankert. Es gibt zudem eine Gruppe von Tieren, die sich laut der Wissenschaft ihrer Existenz bewusst sind. Dazu gehören Elefanten, Kraken, Papageien und eben auch Menschenaffen.

Wie wirkt sich das konkret aus?

Das Pferd auf der Weide sehnt sich nicht danach, in die Steppe zurückzukehren. Das freut sich, wenn es gestriegelt und gefüttert wird. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Die Kuh möchte natürlich nicht den ganzen Tag eingesperrt sein und ununterbrochen gemolken werden. Aber eine Kuh auf einer Weide ist glücklich – und die Weide muss auch nicht so groß wie die Schweiz sein. Das gilt aber nicht für Affen, nicht für Delphine, nicht für Papageien. Wenn ein Affe auf eine Kuh trifft, würde er sagen: Du hast aber ein schönes Leben. Den ganzen Tag hier stehen und nichts hinterfragen. Aber ich möchte gerne wissen, was dahinter ist. Der eine ist komisch, und den mag ich. Und die Kuh guckt dich an und sagt gar nix.

"Viele wissen gar nicht, dass illegaler Tierhandel das viertgrößte illegale Geschäft ist – nach Waffen, Prostitution und Drogen."
Ein Schimpanse sitzt in einem Käfig im Pata-Zoo in Bangkok.
Ein Schimpanse sitzt in einem Käfig im Pata-Zoo in Bangkok.
Bild: NDR/Felix Meschede

War Ihr Film von Anfang an als Beitrag zur Aufklärung gedacht?

Nein, ursprünglich nicht, das ist im Lauf der Story passiert. Mir war vorher auch nicht bewusst, was da passiert. Ich bin da das erste Mal auf die Arten getroffen, die gequält worden sind, die misshandelt worden sind, denen man die Eltern weggenommen und vor ihren Augen getötet hat.

Sie sind dann aber auch während des Film-Drehs selbst aktiv geworden.

Ja, wir haben das alles gesehen und uns gedacht, jetzt müssen wir was machen. Dann haben wir das versucht und sind bis zu den höchsten Stufen der Vereinten Nationen hochgelaufen. Wir mussten aber sehen: Selbst da wird uns nicht geholfen. Es wird dir nirgendwo geholfen. Die einzigen, die helfen, sind einzelne Aktivisten, die ihr Leben der Aufgabe verschrieben haben, auf das Problem aufmerksam zu machen.

Woran liegt das denn?

Da steckt einfach unglaublich viel Geld drin. Viele wissen gar nicht, dass illegaler Tierhandel das viertgrößte illegale Geschäft ist – nach Waffen, Prostitution und Drogen. Wir reden nicht von ein paar Kleinigkeiten, wir reden nicht von Bandenkriminalität in Castrop-Rauxel, die man eindämmen muss. Wir reden vom viertgrößten illegalen Geschäft der Welt. Da sind Unsummen an Geldern mit drin.

Was kann jeder Einzelne denn machen?

Zum Beispiel den Zoo, in den er geht, checken. Da musst du nicht Primatologe oder Biologe sein, einfach mal gucken, ist das okay so, wie es ist. Vom Gefühl her. Ein Tiger, der normalerweise eine Fläche so groß wie Schleswig-Holstein als Jagdgebiet hat und jetzt auf fünf Quadratmetern gehalten wird – ist das okay? Ein Orca, der normalerweise im Ozean lebt und jetzt in einer Art Schwimmbad – ist das okay? Wie sehen die Tiere aus? Und dann haben wir heute die große Möglichkeit der sozialen Netzwerke und Bewertungsportale, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Es ist eine Mammutaufgabe. Aber wir können es vorantreiben. Ich komme überhaupt nicht aus der Ecke, ich bin kein Tierschützer. Aber wenn du dieses Unrecht siehst, wie wir dabei sind, unsere nächsten Verwandten auszurotten, dann weiß ich auch nicht mehr.

Ein junger Orang-Utan in Gefangenschaft hält sich mit seiner Hand am Gitter des Käfigs fest.
Ein junger Orang-Utan in Gefangenschaft hält sich mit seiner Hand am Gitter des Käfigs fest.
Bild: NDR/Felix Meschede

Exklusiv

Neubauer über Fridays for Future: "Ich wünschte, wir würden weiter und reflektierter sein, was Rassismus betrifft"

An diesem Freitag hat der Bundestag den von Union und SPD in die Wege geleiteten Kohleausstieg bis 2038 beschlossen – inklusive saftiger Entschädigungszahlungen für die Kraftwerksbetreiber. Bundeskanzlerin Angela Merkel nennt das einen "ganz, ganz wichtigen Schritt" und freut sich, dass man "etwas Großes geschafft" hat. Die Klimaaktivisten von Fridays for Future sehen das etwas anders: Ihrer Ansicht nach kommt der Ausstieg viel zu spät und ist zudem viel zu teuer. Aktivistin Luisa Neubauer …

Artikel lesen
Link zum Artikel