In der Kölner Kneipe Gottes Grüne Wiese konnte man zur Frauen-Fußball-WM noch jubeln – die WM der Herren in Katar wird nicht gezeigt.
In der Kölner Kneipe Gottes Grüne Wiese konnte man zur Frauen-Fußball-WM noch jubeln – die WM der Herren in Katar wird nicht gezeigt.bild: privat
WM 2022

WM 2022: Warum manche Kneipen die Fußballspiele zeigen – und andere nicht

09.11.2022, 18:36

Über keine Fußball-Weltmeisterschaft wurde im Vorfeld so viel diskutiert wie über die diesjährige WM in Katar. Die öffentliche Debatte geht auch nicht an den Fußball-Fans vorbei. Viele haben privat bereits angekündigt, die WM nicht anschauen zu wollen. Wie viele sich letztendlich daran halten – das bleibt abzuwarten.

Zum ersten Mal haben sich nun jedoch auch zahlreiche Kneipen in Deutschland dazu entschlossen, die Spiele der Fußball-WM in Katar nicht zeigen zu wollen.

Doch es gibt auch Fußballkneipen, die sich ganz bewusst für die Übertragung der Endrunde entschieden haben. Watson sprach mit den Betreibern und zeigt ihre Gründe für oder gegen einen Verzicht auf.

Fußballkneipen, die die WM boykottieren

"Wir haben lange darüber diskutiert und haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Nach Corona ist es für die Gastwirtschaft schwierig, auf Einnahmen zu verzichten", erzählt Peter Ritter, Mitinhaber der Fußballkneipe Gottes Grüne Wiese in Köln. Die drei Inhaber hätten lang mit der Entscheidung gerungen, doch: "Wir können es nicht ohne schlechtes Gefühl machen. Das hat mit der Menschenrechtslage in Katar zu tun. Wir wollen kein Teil dieses Events sein."

Rob, Peter und Helmut sind die drei Betreiber von Gottes Grüne Wiese.
Rob, Peter und Helmut sind die drei Betreiber von Gottes Grüne Wiese. bild: privat

So sieht es auch Anja Twardokus von der Studentenkneipe Alibi im baden-württembergischen Weingarten. "Man hat kein gutes Gefühl dabei, die WM wie jede andere zu übertragen", sagt die erste Vorsitzende des Kulturvereins gegenüber watson. Und weiter:

"Es sind Korruption, Ausbeutung und sogar Sklaverei im Spiel. Es gibt wahnsinnig viele Tote, die beim Bau der Stadien ums Leben gekommen sind. Es sind menschenunwürdige Umstände."

Abgesehen von den Menschenrechtsverletzungen könne die Austragung einer Fußball-Weltmeisterschaft in einem Wüstenland allein mit Blick auf den Umweltschutz nicht funktionieren, erzählt Twardokus weiter. "Die bauen Klimaanlagen für Stadien, während wir Energie sparen."

Gäste haben WM-Boykott akzeptiert

Die Stammgäste der boykottierenden Kneipen hätten die Entscheidung der Betreiber in beiden Fällen nicht negativ aufgenommen. Peter erzählt: "Es gibt sehr viele Leute, die sagen: 'Super, das ist die richtige Entscheidung. Wir stehen hinter euch.' Es gibt aber auch einige, die unsere Entscheidung nicht richtig finden." Viele wollten die WM trotz allem gern sehen, das müsse jeder für sich selbst entscheiden, findet er.

Von den Stammgästen des Alibis kamen bisher keine Negativreaktionen, berichtet Anja, doch sie glaubt: "Die WM ist vielen einfach noch nicht präsent genug."

Auch die Angst vor finanziellen Einbußen hält sich im Alibi noch in Grenzen. Da es sich um einen Kulturverein mit ehrenamtlichen Mitarbeitern handele, hinge ohnehin nicht die wirtschaftliche Existenz an der Übertragung oder eben der Nicht-Übertragung der Fußball-Weltmeisterschaft.

"Natürlich stand die finanzielle Seite auch kurz zur Diskussion. Doch wir haben uns durch andere Events in diesem Jahr gut erholt, sodass wir uns den Boykott leisten können", sagt Anja. Die meisten Spiele würden ohnehin nicht zur abendlichen Primetime laufen und vermutlich wenig Publikum anziehen.

Peter von Gottes Grüne Wiese finde es "absolut okay", wenn andere Kneipen die Spiele trotzdem zeigten: "Da würde ich nie jemandem reinquatschen. Bei manchen kommt es wahrscheinlich auch auf die wirtschaftliche Situation und das Publikumsinteresse an." In der Kölner Bar sieht man dem finanziellen Verlust gelassen entgegen:

"Wir hoffen, dass es dann eben acht Wochen normalen Kneipenbetrieb bei uns gibt, wo die Leute Bier trinken, Musik hören und quatschen. Klar, verzichten wir auf Geld, aber wir haben keine Angst um unsere Existenz."

Die bisherigen großen Turniere wie die Europa- und Weltmeisterschaften hätten im Sommer stattgefunden und somit das Sommerloch gestopft, in der normalerweise weniger Leute eine Kneipe aufsuchen. Welchen Umsatz eine Winter-WM überhaupt einbringen würde, darüber gibt es noch keine Erfahrung.

Kneipen, die die WM-Spiele zeigen

"Wir blicken mit einem gedämpften Gefühl auf diese Weltmeisterschaft", berichtet Birgit Arndt, Inhaberin von Birgits Pub in Berlin-Charlottenburg. "Ich habe auch bereits von einigen Gästen gehört, dass sie sich die WM gar nicht erst ansehen wollen." Seit mehr als zehn Jahren betreibt die Gastwirtin bereits ihre Kneipe, Fußball ist dabei ein wichtiger Teil ihres Geschäftsmodells.

Sie will die Spiele der Weltmeisterschaft in Katar zeigen: "Ich muss betriebswirtschaftlich denken: Deshalb werde ich die Fußballspiele zeigen und hoffen, dass auch Gäste kommen." Ob die Fußballfans die Spiele zu Hause, in der Kneipe oder eben gar nicht schauen werden, könne die Gastwirtin noch nicht einschätzen. Sie rechnet damit, dass die Gäste ihre Entscheidung spontan fällen werden und noch nicht so weit in die Zukunft geplant hätten.

"Null Bock und null Begeisterung."
Wirt Lothar Hartl

Viele Fußball-Fans seien derzeit ohnehin übersättigt von Bundesliga, Champions League und dann auch noch der WM: "Dadurch, dass jeden Tag Fußball im Fernsehen läuft, werden die Gäste auch irgendwann müde. Die WM ist vielen dann einfach nicht mehr so wichtig."

Lothar Hartl betreibt die Sportsbar Tante Käthe in Berlin Mitte. Auch dort werden die Fußballspiele der Weltmeisterschaft gezeigt. Doch auch er und sein Team gehen mit keinem guten Gefühl in die WM-Zeit. Ganz deutlich sagt er: "Null Bock und null Begeisterung. Das ist auch ungefähr das Stimmungsbild, das wir von unseren Stammgästen bekommen."

Lothar Hartl betreibt das Tante Käthe seit der Europameisterschaft 2004.
Lothar Hartl betreibt das Tante Käthe seit der Europameisterschaft 2004. bild: watson

Statt die WM jedoch komplett zu boykottieren, haben sich Lothar und sein Team dazu entschlossen, begleitend zur Weltmeisterschaft Infoveranstaltungen anzubieten. In den Räumen der Tante Käthe hängt bereits seit einigen Wochen die Fotoausstellung "Forgotten Team" des palästinensischen Fotografen Mohamed Badarne. Auf den Bildern werden die Lebensbedingungen von hauptsächlich nepalesischen Arbeiter:innen dokumentiert, die in Katar die Fußballstadien gebaut haben.

"Wir haben mehrere Gesprächsveranstaltungen unter anderem mit Amnesty International und Human Rights Watch geplant", berichtet Lothar. Zudem wolle man bei Tante Käthe einen Teil der Einnahmen an die Kinder von verstorbenen nepalesischen Arbeitern spenden.

WM 2022: Finanzieller Reinfall für Kneipen von Anfang an klar

Mit finanziellen Einbußen im Vergleich zu einem Turnier im Sommer habe man sich längst abgefunden, erzählt Lothar: "Dass es finanziell ein Reinfall werden würde, war von Anfang an klar. Der Spielplan ist extrem unattraktiv: Die Deutschen spielen oft auch um 14 Uhr oder um 16 Uhr. Zu diesen Zeiten wird eh niemand kommen." Im Tante Käthe rechnet man mit zwei schlechten Monaten: Normalerweise werden für interessante Spiele schon Plätze im Voraus gebucht. Hunderte Reservierungen sind üblich. In diesem Jahr gibt es gerade einmal vier.

Ein Highlight in diesem Jahr sei ohnehin die Fußball-WM der Frauen gewesen: "Beim Finale waren 300 Leute hier bei uns in der Bar, auch viele Männer in Trikots mit Namen der Spielerinnen." Das habe es vorher noch nicht so gegeben.

WM 2022: Nach Rassismus-Vorwürfen – Sandro Wagner äußert sich zu umstrittenen Spruch

Beim 1:1 der deutschen Nationalmannschaft gegen Spanien überzeugten die Spieler von Bundestrainer Hansi Flick. Durch das Unentschieden gegen die mitfavorisierten Spanier und eine gute Leistung hat sich das DFB-Team nun wieder Respekt erarbeitet und kann mit einem guten Gefühl in das letzte Gruppenspiel gegen Costa Rica am Donnerstag (20 Uhr) gehen.

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