Lena glaubt, dass auch das "betretene" Schweigen der Gesellschaft ein Grund ist, warum Kindesmissbrauch weiter stattfinden kann.
Lena glaubt, dass auch das "betretene" Schweigen der Gesellschaft ein Grund ist, warum Kindesmissbrauch weiter stattfinden kann. Bild: privat / Aufgenommene Momente
watson-Story

28-Jährige über ihren Missbrauch in der Kindheit: "Niemand glaubte mir, weil die Täter 'so nett' waren"

16.10.2021, 10:3216.10.2021, 13:12
Lena Jensen

Aktuelle Zahlen des Bundeskriminalamts zeigen: Im vergangenen Jahr wurden 14.500 Fälle von Kindesmissbrauch bekannt, also durchschnittlich 41 pro Tag. Eine erschreckende Zahl, die in Wirklichkeit noch viel höher liegt, wie die Ermittler sagen. Denn viele Fälle werden nie, oder erst Jahre später aufgedeckt. Und stets tauchen in diesem Zusammenhang die gleichen Fragen auf: Warum schwieg das Umfeld so lange? Warum schwieg das Opfer so lange? Wie kann so etwas immer wieder geschehen?

Lena Jensen ist 28 Jahre alt und wurde selbst als Kind missbraucht. Vier Jahre lang fraß sie den Schmerz in sich hinein, bis sie sich ihrer Mutter anvertraute. Doch das war noch lange nicht das Ende ihres Leids. Für watson erzählt die Hamburgerin, warum es – besonders für Kinder – so unheimlich schwierig ist, ihren Missbrauch zu offenbaren und warum sie selbst zeitweise sogar bereut hat, überhaupt etwas gesagt zu haben...

Lena Jensen ist 28 Jahre alt und lebt in Hamburg.
Lena Jensen ist 28 Jahre alt und lebt in Hamburg.Bild: privat / Alexander Bach

Triggerwarnung: Im folgenden Text werden sexualisierte Gewalthandlungen und deren Folgen für Betroffene geschildert, die belastend und retraumatisierend sein können.

Lena sagt:

"Niemand schenkte meiner Geschichte Glauben, weil die Täter so nett waren. 'Das kann ich mir einfach nicht vorstellen!', fiel häufig."

Es hat viele Jahre gedauert, bis ich über meine Erlebnisse sprechen konnte und jetzt, wo es mir möglich ist, möchte ich den Menschen, die es nicht können, eine Stimme geben. Ich bin als Kind missbraucht worden. Und wie so viele andere Kinder habe ich lange darüber geschwiegen.

Warum? Um diese Frage zu beantworten, muss man erst einmal verstehen, wie es Tätern gelingt, ihre Opfer zu manipulieren. In meinem Fall – und das ist typisch – standen mir die Täter sehr nahe. Ich habe diesen Menschen vertraut, weil sie sich die ersten zwei Jahre meines Lebens liebevoll um mich gekümmert haben und Freunde der Familie waren.

Ich war überhaupt nicht argwöhnisch, als der Missbrauch losging. Im Detail spreche ich nicht über diese Dinge, das triggert nur und spielt auch keine Rolle. Aber es ist wichtig zu verstehen, wie perfide Täter vorgehen können und dass sie genauso gebildet und gepflegt daherkommen, wie jeder andere auch. Die Täter, die sich an mir vergingen, waren sehr intelligent und sie waren auch sehr beliebt.

Als ich zwei Jahre alt war, begannen die Übergriffe im Schlaf

Bei mir sind die Übergriffe nur nachts passiert, oder in sehr abgedunkelten Räumen, in Schlafsituationen, die mir im Nachhinein oft wie ein schlechter Traum vorkamen. Ich war erst zwei Jahre alt, als es begann und habe meinen eigenen Sinnen in diesem Dämmerzustand nicht getraut. War das wirklich passiert? Oder habe ich es geträumt? Ich denke, die Täter haben ganz bewusst eine Atmosphäre geschaffen, die mir abgespalten von der Realität des Tages erschien.

"Du musst uns lieben", sagten sie mir, "was wir mit dir machen, ist normal." Wenn sie mich meinen Eltern zurückbrachten, erzählten sie in meiner Gegenwart Lügengeschichten, was wir so erlebt hätten. Wir seien am Strand gewesen, es habe "großen Spaß gemacht – oder Lena?!" Ich habe immer genickt und nie widersprochen, stattdessen an meiner eigenen Wahrnehmung gezweifelt. Am Strand waren wir jedoch gar nicht gewesen.

"Du musst uns lieben", sagten sie mir, "was wir mit dir machen, ist normal."

Das war ein so brutaler Eingriff in die Psyche, dass ich begann zu stottern. Es war, als wäre mein Hirn völlig überlastet gewesen. Mein ganzer Körper reagierte. Meine Finger verkrampften sich ständig, alles an mir fühlte sich fest und hart an. Ich habe mir die Haut aufgekratzt, mit den Zähnen geknirscht und litt unter Ausschlägen – als ob meine Emotionen irgendwo ausbrechen wollten. Meine Mutter ging mit mir von einem Arzt zum nächsten, aber kam immer ohne Diagnose zurück.

Nach vier Jahren dieses Leidens fragte meine Mama mich in einem ruhigen Moment an meinem Bett ganz direkt, ob mir etwas zugestoßen sei, was mich so traurig mache. Ich war damals sechs Jahre alt. Und endlich, als ich so direkt danach gefragt wurde, konnte ich laut aussprechen, was mir angetan wurde.

Meine Mutter hat perfekt reagiert und noch heute bin ich dafür dankbar: Sie ist ganz ruhig geblieben und sagte, es sei nicht okay, was diese Menschen mir angetan hätten und dass sie sehr stolz auf mich sei. Erst vor kurzem erzählte sie mir, sie wäre direkt danach ins Schlafzimmer gegangen, weil sie fast keine Luft mehr bekommen hätte vor Schock und Tränen.

Ich musste der Polizei den Missbrauch erst beweisen – mit sechs Jahren

Wir fuhren noch an diesem Tag zur Polizei, so wie es ja geraten wird. Ich musste eine Aussage machen und wurde von einem Arzt untersucht. Das ging alles so schnell, dass ich völlig überfordert war. Noch schlimmer wurde es dadurch, dass die Polizisten mir bei der Aussage ein grelles Licht und eine Kamera vors Gesicht hielten – genauso wie die Täter es während des Missbrauchs gemacht hatten, wenn sie Filme davon aufnahmen.

Die Erleichterung, die ich noch im Gespräch mit meiner Mutter verspürt hatte, wich ziemlich schnell Panik. Plötzlich merkte ich, was ich da losgetreten hatte und es machte mir so viel Angst, dass ich schon bereute, es erwähnt zu haben. Kinder sind treue Wesen. Sie wollen keinen Streit und Ärger verursachen.

"Endlich, als ich so direkt danach gefragt wurde, konnte ich laut aussprechen, was mir angetan wurde."

Im Nachhinein bin ich dennoch froh über die Anzeige, auch wenn ich nur hoffen kann, dass Beamte heute etwas sensibler mit Opfern wie mir umgehen. Wir waren rechtzeitig bei der Polizei, das medizinische Gutachten bestätigte den Missbrauch und deckte sich zudem mit meiner Aussage. Ich konnte mich an viele Details erinnern und meine Geschichte war glaubwürdig. Viel "besser" geht es gar nicht. Schließlich liegt die Beweislast immer beim Opfer. Verurteilt wurden die Täter dennoch nicht.

Die Hausdurchsuchung bei ihnen wurde durch die Polizei im Vorfeld angekündigt und als die Beamten sie dann termingerecht durchführten, war natürlich kein kinderpornografisches Material zu finden. Im Nachklang wurden die Täter freigesprochen, da ein Gutachter angab, ihre Schuld sei nicht zu 100 Prozent feststellbar, es fehle der letzte, stichfeste Beweis. Viele Opfer haben dieses Problem, schließlich geschieht Missbrauch immer hinter verschlossener Tür und der einzige Zeuge ist das Kind selbst.

Nach der fehlgeschlagenen Anzeige wurde es für meine Familie in unserem kleinen Heimatort unerträglich. Nachbarn und Freunde wandten sich ab. Niemand schenkte meiner Geschichte Glauben, weil die Täter so nett waren. "Das kann ich mir einfach nicht vorstellen!", fiel häufig. Heute glaube ich: Viele Menschen wollen es sich nicht vorstellen, besonders wenn es im eigenen Umfeld passiert. Um sich weiter unbeschwert fühlen zu dürfen, gehen sie auch so weit, ein Opfer der Lüge zu bezichtigen. Als ob ich – außer Kummer – irgendwas davon gehabt hätte...

Die Täter leugneten alles. Ich hingegen fühlte mich schuldig, so viel Stress verursacht zu haben

Die Täter leugneten alles und tun das bis heute. Ich vermute, dass sie ihre Taten massiv verdrängen, denn sonst müsste das schlechte Gewissen sie auffressen. Sie reden sich ein, sie hätten Liebe geschenkt oder zumindest niemandem "wirklich geschadet". Auch prominente Missbrauchs-Täter verhalten sich so, wie man ja leider oft an ihren Gerichtsaussagen sieht, sie fühlen sich ungerecht behandelt, missverstanden und als Opfer ihrer Opfer. Die Geschichte wird umgedreht, weil das leichter ist, als sich den eigenen Problemen zu stellen.

"Ich war noch Grundschülerin, als ich mich aufs Schuldach stellte, um mich herunterzuwerfen und meinem Leben damit ein Ende zu setzen."

Während die Täter bis heute in unserem Heimatort leben, einfach weitermachen konnten, mussten wir umziehen. Meine Eltern hatten finanzielle Einbußen und verloren viele Freunde. Ich fühlte mich schuldig, dass ich meinen Eltern damit so viel Kummer verursacht hatte. Meine Schlussfolgerung war: Wäre ich nicht mehr da, dann müssten meine Eltern nicht mehr so traurig sein.

Ich war noch Grundschülerin, als ich mich aufs Schuldach stellte, um mich herunterzuwerfen und meinem Leben damit ein Ende zu setzen. In meiner Kinderwahrnehmung dachte ich wirklich, dann ginge es allen besser. Ich wurde aufgehalten und in die Psychiatrie eingewiesen. Meine Mutter sagte recht schlicht zu mir nach dem Suizidversuch: "Lena, ich bin richtig sauer, wenn du dich umbringst." Ich wollte nicht, dass sie sauer wird. Also ließ ich von dem Gedanken ab. Später erfuhr ich, dass auch sie therapeutische Berater hatte, um mit diesem Thema umzugehen. Vielleicht hat sie auch deshalb immer genau den richtigen Ton getroffen.

Erst in der Psychiatrie begegnete ich einer Traumatherapeutin, die mir wirklich half. Sie arbeitete mit dem – damals noch recht neuen – EMDR-Verfahren (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), bei dem Flashbacks und Erinnerungen durch neue Verknüpfungen aufgelöst und neu sortiert werden können. Es hat etwa vier bis fünf Jahre gebraucht und war ein extrem schmerzhafter Prozess, der mich erneut durch alle Stufen meines Traumas führte, aber danach konnte ich das Erlebte endlich loslassen.

Inzwischen führe ich ein glückliches Leben. Ich arbeite als selbstständige Finanzberaterin und bin verlobt. Mein Freund ist von Anfang an toll mit dem Thema umgegangen, hat mir zugehört und nachgefragt, wenn er sich unsicher war, wie er mit mir umgehen soll. Es hat tatsächlich eine Weile gedauert, bis ich rausfand, was mir in Sachen Liebe guttut, besonders in Hinblick auf Sexualität. Jahrelang habe ich meinen Körper einfach so benutzt, wie es einem medial vermittelt wird. Erst spät habe ich gelernt, in mich hineinzuhorchen und auch die Dinge sein zu lassen, die ich eigentlich gar nicht mochte.

Heute melden sich manchmal andere Missbrauchsopfer über soziale Netzwerke bei mir und sagen, es würde sie trösten zu sehen, dass ich trotz meiner Kindheit ein ganz normales Leben führe: Mich verliebe, arbeite, Spaß habe. Jeder Betroffene denkt für sich, er sei alleine mit dem Thema, dabei sind wir so viele und den meisten sieht man es überhaupt nicht an. Wir müssen endlich mehr darüber sprechen.

Sagt etwas! Sprecht drüber! Lasst die Kinder nicht in der Stille alleine

Ich muss meiner Mutter danken dafür, dass sie von Anfang an und bis heute so gut mit meinen Erlebnissen umgegangen ist. Sie hat mir immer geglaubt und für mich gekämpft, auch als ich ein kleines Mädchen war. Der Missbrauch war nie ein Tabu, auch heute reden wir als Familie ganz normal darüber und nehmen ihm damit den Schrecken. Mehr geht nicht.

Kindesmissbrauch: Bist du selbst betroffen oder hast einen Verdacht?

Das Hilfetelefon sexueller Missbrauch berät unter 0800/2255530 Betroffene, aber auch Menschen, die sich um ein Kind sorgen oder ein "komisches Gefühl" haben und Rat brauchen. www.hilfe-telefon-missbrauch.online

Die Medizinische Kinderschutzhotline ist ein telefonisches Beratungsangebot, das auch medizinischem Fachpersonal zur Verfügung steht, das mit einem Verdachtsfall konfrontiert ist. Die Hotline ist unter 0800/1921000 erreichbar. www.kinderschutzhotline.de

Berta, die Beratung und telefonische Anlaufstelle für Betroffene organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt erreicht man unter: 0800/3050750

Tauwetter e.V. ist eine Anlaufstelle für Männer, die als Kind oder Jugendlicher sexueller Gewalt ausgeliefert waren, erreichbar unter: 030/6938007 www.tauwetter.de

Gerade weil ich weiß, wie wichtig und heilsam diese offene Gesprächskultur ist, ist mir Aufklärung so wichtig. Als Kind findet man keine Worte für das Geschehene und selbst Erwachsene wissen oft nicht, wie und mit wem sie reden können. Es herrscht so viel Scham, Verdrängung und Abwehr, wenn es um das Thema Missbrauch geht. Doch genau das ist der Grund, warum er weiter geschieht und oft jahrelang nicht erkannt wird.

Die Täter von damals habe ich weiter mit Nachbarskindern draußen herumtollen sehen. Ich gehe davon aus, dass auch diese Kinder Missbrauch erleben. Ich kann es mir gar nicht anders vorstellen und es macht mich verrückt, daran zu denken. Ich habe mich Anfangs oft ohnmächtig gefühlt, dass ich ihnen nicht helfen konnte und es hat viele Therapie-Sitzungen gebraucht, bis ich mich von dieser Schuld befreit habe. Aber vielleicht kann Aufklärung und offene Kommunikation wenigstens anderen Kindern in der Zukunft nützen.

"Die Täter von damals habe ich weiter mit Nachbarskindern draußen herumtollen sehen."

Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass auch die Täter, die mich damals missbrauchten, doch noch vor Gericht landen. Von Zeit zu Zeit bekommt meine Mutter noch Materialien von der Polizei zugeschickt, Screenshots von Kinderdecken und Spielzeug aus kinderpornografischen Videos, um zu schauen, ob es mit mir in Verbindung steht. Würde sich ein solcher Beweis finden – ich würde jederzeit aussagen. Geschwiegen wurde schließlich lange genug.

Protokoll: Julia Dombrowsky

"Ich habe verlernt, zu lernen": Wie Hybrid-Unterricht und Dauerlockdown uns Schüler an die Grenze gebracht haben

Das Schuljahr 2020/21 war von Anfang bis Ende von der Corona-Pandemie geprägt. Laut einer aktuellen Bildungsstudie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) waren die Schulen in Deutschland zwischen dem 1. Januar 2020 und dem 20. Mai 2021 im Bereich der gymnasialen Oberstufe durchschnittlich an 83 Tagen geschlossen. Das waren zwar weniger als im Durchschnitt der von der OECD betrachteten Länder (101 Tage), aber dennoch: Die Auswirkungen der Pandemie und der Schulschließungen auf die Bildungsgerechtigkeit bezeichnet die OECD als "Grund zur Sorge". Wie hat sich die Situation für Schülerinnen und Schüler angefühlt? Unsere beiden Autoren haben für uns aufgeschrieben, wie ihr Schuljahr in der 10. Klasse eines Gymnasiums in Aachen für sie war:

Zur Story