Am 20. September 2017 vergab die Uefa das Finale der Euro-League nach Aserbaidschan. Im  Olympiastadion von Baku findet das Endspiel statt.
Am 20. September 2017 vergab die Uefa das Finale der Euro-League nach Aserbaidschan. Im Olympiastadion von Baku findet das Endspiel statt.
Bild: imago images / Domenic Aquilina

5 Gründe, warum das Euro-League-Finale in Baku schon vor dem Spiel ein Skandal ist

29.05.2019, 06:09

London-Derby am Kaspischen Meer. Am Mittwoch findet um 23 Uhr Ortszeit in Baku das Finale der Europa League zwischen dem FC Arsenal und dem FC Chelsea statt (21 Uhr MESZ/RTL, DAZN). Es ist das erste Europapokalfinale in Aserbaidschan.

Das erdölreiche Land am Kaspischen Meer will sich durch Sportereignisse einen guten Ruf erkaufen: 2012 hat es den Eurovision Song Contest ausgerichtet, 2015 die Premiere der Europaspiele. Seit 2016 gastiert zudem die Formel 1 in Baku. Auch bei der EM 2020 ist Baku Spielort. Erfolglos waren dagegen die Bewerbungen für die Expo 2025 sowie für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2016 und 2020.

5 Punkte, warum die Vergabe des Endspiels in die Hauptstadt Aserbaidschans für massive Kritik sorgt:

Baku ist äußerst schwierig zu erreichen

Das Olympiastadion von Baku ist für die Fans aus London alles andere als ein Katzensprung. "Baku ist eine der am schwersten erreichbaren Städte in Europa", schrieben sie in einer gemeinsamen Mitteilung: "Die Flugpreise sind exorbitant, die Hotelpreise explodiert."

Während zwischen den Heimspielstätten der "Blues" und der "Gunners" nur knappe 15 Kilometer liegen, ist die Arena in Baku rund 5.000 Kilometer von der englischen Hauptstadt entfernt.

Die Reiseoptionen sind fast nicht zumutbar: Würde man mit dem Auto fahren, bräuchte man laut Google Maps 57 Stunden, die Reise ginge durch Frankreich, Belgien, die Niederlande, Deutschland, Polen, die Ukraine und Südrussland. Mit dem Bus wären es 86 Stunden.

Baku: Bagdad, Teheran, Kabul und Mumbai sind näher als London...

Eine Flugreise von London nach Baku dauert mit Zwischenstopps über zehn Stunden, kostet um die 1.000 Euro.

Womit wir zum nächsten Punkt kommen...

Das Stadion wird ziemlich leer sein, viele Tickets sind zurückgegangen

Das Olympiastadion in Baku fasst über 69.000 Zuschauer. Doch nur jeweils 6000 Karten haben die Finalisten Chelsea und Arsenal für ihre Fans bekommen. Beide Clubs haben rund die Hälfte zurückgeschickt.

Wat 'ne Schüssel!
Wat 'ne Schüssel!
Bild: imago images / GEPA pictures

Das merken auch die Online-Ticketbörsen. Während diese sonst mit dem Zweitverkauf von Karten teilweise horrende Gewinne einsacken, machen sie mit dem Verkauf von Final-Tickets für die Europa League Verluste. Tickets für die billigste Kategorie sind inzwischen für rund 20 statt 30 Euro zu bekommen. Die für die teuerste liegen sogar rund 40 Prozent unter dem offiziellen Verkaufspreis bei rund 82 Euro.

Auch Arsenals Torwart Bernd Leno ist skeptisch, was den Finalort angeht: "Dass nur 6.000 Fans pro Mannschaft Karten bekommen, ist auch komisch. Ich war 2012 beim Champions-League-Finale in München: Bayern gegen Chelsea. Da war die eine Ecke rot und die andere blau. Bei einem solchen Endspiel wie jetzt in Baku muss eine Hälfte blau und die andere rot sein – das macht doch den Fußball aus."

Henrich Mchitarjan verpasst das Finale, weil man um seine Sicherheit fürchtet

Henrich Mchitarjan bleibt lieber zuhause...
Henrich Mchitarjan bleibt lieber zuhause...
Bild: imago images / Ukrinform

Das Finale im Kaukasus wird vom Verzicht Arsenals auf Henrich Mchitarjan überschattet. Der Ex-Dortmunder spielt wegen der politischen Spannungen zwischen Aserbaidschan und seinem Heimatland Armenien nicht.

Vorwürfe an den 30-Jährigen, der schon zu Dortmunder Zeiten wegen des ungeklärten Konflikts beider Länder um die Region Berg-Karabach auf ein Europacup-Spiel verzichtete, gibt es aus der Mannschaft jedenfalls keine.

Bernd Leno ärgert es, dass sein Mitspieler das Endspiel gegen Chelsea wegen Sicherheitsbedenken verpasst: "Das ist ein Skandal, dass er deswegen nicht spielen kann", sagte der 27-Jährige Keeper in einem Interview des "Kicker" über das Fehlen des Mittelfeldspielers. "Er arbeitet die ganze Saison hart und kann dann aus politischen Gründen nicht mit zu so einem Finale kommen."

Auch Chelsea-Trainer Maurizio Sarri zeigte Bedauern und Verständnis: "Ich hätte ihn gern auf dem Platz gesehen, aber in so einer Situation ist es die Entscheidung eines Mannes, nicht eines Spielers. Das kann man nur respektieren."

Is' klar, Uefa!
Is' klar, Uefa!
Bild: imago images / GEPA pictures

Und als wäre das nicht genug: Die Spieler der "Gunners" wollten beim Warmmachen aus Solidarität zu ihrem Teamkameraden geschlossen Mchitarjan-Trikots tragen. Der europäische Fußballverband, der sich gerne mit Hashtags wie #EqualGame und #Respect schmückt, habe dies nicht erlaubt.

Unterdrückung der Pressefreiheit

In der aktuellen "Rangliste der Pressefreiheit" der Organisation "Reporter ohne Grenzen" belegt Aserbaidschan den 166. Rang – von 180 Ländern. Kein Uefa-Land steht schlechter da.

Aserbaidschan (der schwarze Fleck nordwestlich des Iran) ist eines der wenigen Länder, dem von "Reporter ohne Grenzen" eine "sehr ernste Lage" attestiert wird, was die Pressefreiheit angeht. Es steht damit u. a. in einer Reihe mit China, Saudi-Arabien, Somalia und Kuba.
Aserbaidschan (der schwarze Fleck nordwestlich des Iran) ist eines der wenigen Länder, dem von "Reporter ohne Grenzen" eine "sehr ernste Lage" attestiert wird, was die Pressefreiheit angeht. Es steht damit u. a. in einer Reihe mit China, Saudi-Arabien, Somalia und Kuba.

Den europäischen Fußballverband scheint das nicht zu stören: Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" habe bei der Uefa nachgefragt, wie sie sich auf die Unterdrückung der Pressefreiheit in Aserbaidschan eingestellt habe. Eine Antwort des Fußballverbands darauf habe es nicht gegeben. (faz.net)

Problematische Menschenrechtslage in Aserbaidschan

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtet in ihrem Report für 2019 unter anderem von systematischer Folter in Aserbaidschan. Kate Allen, die britische Direktorin von Amnesty International, hat ein treffendes Wort geprägt: Aserbaidschan dürfe durch Fußball-Folklore nicht seine schreckliche Menschenrechtsbilanz "sportwaschen".

Der Begriff ist analog zum englischen Begriff "Greenwashing" zu verstehen, der das Bestreben von Unternehmen beschreibt, sich einen grünen, ökologischen Anstrich zu geben.

Was Kate Allen meint: Immer wieder richtet die Hauptstadt Baku sportliche und kulturelle Großereignisse von internationalem Rang aus oder bewirbt sich energisch dafür. In den Augen vieler sind diese aber PR-Vehikel für den autokratischen Präsidenten Ilcham Alijew.

Es bleibt die Frage, ob man dieser Regierung die größte Fußballbühne nach Europameisterschaft und Champions League bieten darf.

Was meint ihr?

(as/dpa/sid)

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