Gemeinsames Essen mit Freundinnen macht Spaß – wenn niemand anfängt, von der einzigen Veganerin am Tisch Erklärungen zu fordern.
Gemeinsames Essen mit Freundinnen macht Spaß – wenn niemand anfängt, von der einzigen Veganerin am Tisch Erklärungen zu fordern.
Bild: iStockphoto / gpointstudio
watson-Kolumne

Veganerin hat Sonderrolle satt: "Tierleid zu unterstützen, ist nicht normal. Ich bin die Normale"

"As vegan as possible" – die watson-Kolumne zu vegetarischem und veganem Leben
10.02.2021, 16:36
theresa schwab

Sushi ohne Lachs zu essen, eine Milchalternative für den Kaffee zu finden und auf geschmolzenen Käse zu verzichten ist hart – aber längst nicht so schwer, wie sich vegan zu ernähren und ein Sozialleben zu haben. Von Anfang an wollte ich keine Umstände bereiten, keine Sonderrolle einnehmen und am liebsten gar nicht auffallen. Denn viel schlimmer, als bei einer Essens-Einladung ein extra Gericht serviert zu bekommen, ist das, was alle Nicht-Veganer daraus machen: ein Thema.

Kennen Sie den Witz? "Woran erkennt man einen Veganer? Er spricht darüber." Veganern wird oft vorgeworfen, sie würden ständig alle missionieren. Ich erlebe das Gegenteil. In dem Moment, in dem mein Gegenüber realisiert, dass ich essenstechnisch aus der gewohnten Reihe falle, wird es thematisiert. Oft fangen meine Mitesser direkt an, sich zu rechtfertigen.

Kennen Sie den Witz? "Woran erkennt man einen Veganer? Er spricht darüber."

Nicht ich beginne die Vegan-Diskussion, sondern die anderen. Als würde ich ihnen mit meinem Gericht ein schlechtes Gewissen machen. Das gibt mir wiederum das Gefühl, dass meine Gesellschaft anstrengend ist. Weil man durch mich an unangenehme Themen erinnert wird und mit mir nicht unkompliziert genießen kann. Wie ungemütlich, wenn die vegane Freundin in der Pizzeria am Pizzabrot knabbert und dazu einen Salat isst, während man sich selbst die Quattro Formaggi einverleibt.

Das größte Problem: Besuch empfangen

Eines steht fest: Ich möchte niemandem etwas aufdrängen. Die größte Konfliktsituation entsteht für mich bei Besuch. Ich kenne Veganer, die ihren Gästen ausschließlich vegane Lebensmittel anbieten. Zwar ist es eine gute Möglichkeit, mit einem veganen Frühstücksbrunch davon zu überzeugen, wie lecker gewisse Bowls, Porridges oder Overnight Oats sein können. Trotzdem würde ich es nicht fertigbringen, keine Kuhmilch im Haus zu haben, wenn ich weiß, dass meine Freunde schwarzen Kaffee und Haferdrinks widerlich finden. Nun haben wir sowieso Milch auf Lager, weil Mann und Kind danach verlangen.

Wurst und Fleisch kaufe ich jedoch wirklich nie. Und das ziehe ich tatsächlich durch, auch wenn ich weiß, dass einige aus meiner Familie eine Aufschnitt-Variation zum Abendbrot sehr begrüßen würden.

bild: emmy lupin studio
Über die Autorin
As vegan as possible – das beschreibt Theresa Schwab am besten. In ihrer Kolumne berichtet die freie Journalistin über positive Erkenntnisse, über Anstrengungen und darüber, warum es okay ist, manchmal im Alltag an einem nicht-tierischen Lebensstil zu scheitern.

Wirklich gute Freunde wissen irgendwann, was Sache ist. Und haben sich daran gewöhnt. Eines Tages zaubern sie eine Hafermilch aus dem Kühlschrank, extra für mich besorgt. Sie akzeptieren, wie es ist und haben selbst kein schlechtes Gewissen, neben mir ein Steak zu verspeisen, weil sie wissen, dass ich damit kein Problem habe. Wir müssen gar nicht erst darüber reden.

Die Familie macht es einem nicht leicht

Familienmitglieder sind noch mal eine andere Sache. Bei meinen Eltern und Geschwistern fällt es mir zwar leichter, Dinge klarer zu formulieren, aber kommt es zu einem Verwandten-Treffen, ist alles verloren. Oft ist kein Verständnis vorhanden und ich werde direkt mit sämtlichen Klischee-Aussagen überhäuft: "Aber die Menschen waren doch schon immer Fleischfresser." Jaja, es wurden auch schon immer Frauen unterdrückt, also sollten wir das ebenso nicht infrage stellen? Das floskelhafte "Es-war-schon-immer-so" macht mich leicht aggressiv und trotzdem schweige ich meistens. Weil ich zu weit ausholen müsste.

Dabei bin ich guten Diskussionen keinesfalls abgeneigt. Letztens hatte ich ein Gespräch, in dem wirklich überlegt wurde, wie Zustände verbessert werden könnten, ohne auf Milchprodukte zu verzichten – zum Beispiel durch Genossenschaften von Bauern. Es stand die interessante Frage im Raum, ob ich durch meinen totalen Milch-Verzicht den kleinen Bio-Bauern sogar schade, weil ich die "guten Produkte" nicht mehr unterstütze? Und wir diskutierten darüber, welche Auswirkung ein veganes Deutschland hätte, wenn von 8,6 Millionen Tonnen Fleisch im Jahr 2019 über 4 Millionen Tonnen für den Export hergestellt wurden – zum Beispiel Schweinefleisch für China.

Tierleid zu unterstützen, ist eben nicht normal. Sich gegen tierische Produkte zu entscheiden, ist das Normale. Das versuche ich mir immer wieder bewusst zu machen

Glutenunverträglichkeit, Laktoseintoleranz, zuckerfrei – wie habe ich früher mit den Augen gerollt, wenn Leute eine hoch komplizierte Bestellung aufgegeben haben. Inzwischen bin ich diejenige, die nachfragt, ob man den Ziegenkäse vielleicht weglassen und das Fleisch durch Tofu ersetzen könne? Noch immer ist es mir unangenehm und ich würde am liebsten hinter diese Fragen ein "sorry" setzen, für die Umstände. Rational betrachtet ein absoluter Quatsch!

Tierleid zu unterstützen, ist eben nicht normal. Sich gegen tierische Produkte zu entscheiden, ist das Normale. Das versuche ich mir immer wieder bewusst zu machen. Mit etwa 1,13 Millionen Veganern in Deutschland stehe ich theoretisch nicht völlig alleine da, aber der Großteil unserer Gesellschaft ist eben anders gepolt. Dementsprechend haben sich Supermärkte, Restaurants und das Mindset noch lange nicht umgestellt.

In Großstädten gibt es zwar einige Angebote wie vegane Restaurants oder mehrere Milchalternativen in Cafés. In ländlichen Gebieten sieht es jedoch noch immer schlecht aus. Ich hoffe, dass sich das in Zukunft ändern wird, sodass ein veganer Lebensstil der neue Mainstream wird.

Im Freundes- und Familienkreis wäge ich inzwischen ab und entscheide mich je nach Situation. Ich erinnere mich an ein Gänseessen, für das wir vorbestellen mussten. Eine Gans gabs nur paarweise und à la Carte war an diesem Tag im Restaurant nicht möglich. Also aß ich die Beilagen und mein Mann nahm die restliche Gans mit nach Hause. Manchmal nervt es mich trotzdem. Dann esse ich einfach mit – ganz unnormal – wie alle anderen auch.

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