Am 24. September wird wieder deutschlandweit für das Klima gestreikt. Zwei Tage später ist die Bundestagswahl.
Am 24. September wird wieder deutschlandweit für das Klima gestreikt. Zwei Tage später ist die Bundestagswahl.Bild: Getty Images Europe / Omer Messinger
Gastbeitrag

"Wir wissen jetzt, dass wir alles in der Hand haben um die Zerstörung selbst zu stoppen"

24.09.2021, 08:4924.09.2021, 09:02
Pauline Brünger, Maia Stimming, ole horn und Carla Reemtsma, gastautor und gastautorinnen

Wir alle kennen die Bilder – vertrocknete Flussbetten, brennende Wälder, Häuser, die von Wassermassen weggerissen werden. Menschen, die an Hunger und unter Wasserknappheit leiden. Das ist Realität in einer 1,2 Grad heißeren Welt – und "schon jetzt die Hölle", wie es die ugandische Klimaaktivistin Vanessa Nakate im Modemagazin "Vogue" beschreibt. 1,2 Grad globale Erwärmung sind dabei nicht das Ende, die aktuellen Klimakatastrophen erst der Anfang. Wir steuern auf eine Welt zu, die mehr als 2,7 Grad heißer ist. Mit existenziellen Auswirkungen insbesondere für Menschen, die wie Vanessa in den am stärksten von der Klimakrise betroffenen Regionen leben.

"Die Klimakrise ist das Ergebnis von Jahrzehnten, in denen große Kohle-, Öl-, Gas-, Auto- und Agrarkonzerne ungehindert ihren zerstörerischen Geschäften nachgehen und Menschen und Ressourcen schamlos ausbeuten konnten."

Die Klimakrise ist eine Gerechtigkeitskrise, denn sie trifft diejenigen am härtesten, die ohnehin schon gesellschaftlich diskriminiert werden, Frauen mehr als Männer, Arme mehr als Reiche, BIPoCs (Black, Indigenous and People of Color) mehr als Weiße. Die Klimakrise ist allerdings keine schicksalhafte Naturkatastrophe, auch wenn genau dies oft die Folge ist. Die Klimakrise ist auch nicht das Ergebnis davon, dass Menschen mit ihrem Privatauto zur Frühschicht fahren oder nach eben dieser Schicht ein Schnitzel essen.

Die Klimakrise ist das Ergebnis von Jahrzehnten, in denen große Kohle-, Öl-, Gas-, Auto- und Agrarkonzerne ungehindert ihren zerstörerischen Geschäften nachgehen und Menschen und Ressourcen schamlos ausbeuten konnten. Die Klimakrise ist genauso Ergebnis davon, dass Politiker und Politikerinnen seit über 50 Jahren ihre Augen vor den eindeutigen Erkenntnissen der Klimawissenschaft verschließen, die Handlungsnotwendigkeit ignorieren und darüber hinaus die Klimazerstörung selbst gegen große gesellschaftliche Widerstände noch weiter vorantreiben.

Junge Menschen haben Angst um ihre Zukunft, die sie vom Klimawandel als bedroht sehen.
Junge Menschen haben Angst um ihre Zukunft, die sie vom Klimawandel als bedroht sehen.Bild: Getty Images Europe / Omer Messinger

Es könnte kaum klarer sein, wer institutionell und materiell für die immer weitere Eskalation der Klimakrise verantwortlich ist. Folgerichtig müsste auch die Verantwortung zur Eindämmung der Klimakrise bei denjenigen liegen, die ihre Eskalation zu verantworten haben. Denn die Politiker und Politikerinnen, die fossilen Konzernen Milliardengeschenke machen und die Konzerne, die die größten CO2-Quellen Europas betreiben, sitzen logischerweise an den richtigen Hebeln, um diese Farce zu beenden. Nicht erst seit Beginn des Wahlkampfes betonen genau diese Entscheidungsträger und -trägerinnen wieder und wieder, was für ein großes Anliegen ihnen das Klima sei.

Dabei hat kein Dax-Konzern und keine politische Partei einen Plan, der auch nur ansatzweise ausreicht, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Vor der Bundestagswahl zur letzten Legislaturperiode, in der die notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung der Klimakrise beschlossen werden können, ist das einfach nur ein Skandal.

Meilenweit entfernt von ausreichenden Maßnahmen

Die politisch Verantwortlichen geben weiterhin die Verantwortung für das Lösen der Krise an uns junge Menschen ab. Es ist offensichtlich: Diejenigen, die es wirklich ernst meinen mit Klimagerechtigkeit, sehen wir nicht bei den Regierungserklärungen und Hauptversammlungen, sondern freitags beim Klimastreik.

Dass Greta Thunberg das erste Mal freitags statt in die Schule auf die Straße gegangen ist, ist mittlerweile mehr als drei Jahre her. In dieser Zeit haben sich Millionen Menschen dem Protest angeschlossen und heute wird der insgesamt achte internationale Klimastreik organisiert. Betrachten wir die harten Fakten der Klimaphysik, dann ist es offensichtlich, dass wir auch nach all dieser Zeit politisch noch meilenweit von annähernd ausreichenden Maßnahmen zur Eindämmung der Klimakrise entfernt sind. Gleichzeitig beobachten wir ein gestiegenes öffentliches Bewusstsein, immer größer werdende Proteste und ja, auch eine Veränderung in der Politik.

Erst der gesellschaftliche Wandel, dann die Politik

Da die Klimakrise primär durch Treibhausgasemissionen verursacht wird, deren Menge sich physikalisch ermitteln lässt, müssen wir die Entscheidungsträger und -trägerinnen in Politik und Wirtschaft immer zuerst daran messen, welchen Beitrag zur Verringerung der Emissionen sie leisten. Obwohl die Klimakrise eine physikalische ist, existiert sie inmitten unserer Gesellschaft und somit sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen immer Grundlage für alle Veränderung.

Ohne den Wandel innerhalb der Gesellschaft wird es in einer Demokratie keine ernsthaften Schritte für konsequente 1,5-Grad-Politik geben. Deswegen sind die massenhaften Proteste, das gestiegene öffentliche Bewusstsein, die journalistische Auseinandersetzung auch ein Erfolg der Klimagerechtigkeitsbewegung – auch wenn die politischen Antworten zu klein bleiben. Unsere Proteste haben die Politiker und Politikerinnen dazu gebracht, unbequeme Entscheidungen zu fällen.

Ohne den massenhaften Druck von der Straße hätten heute nicht alle demokratischen Parteien überhaupt ernsthafte Klimaschutzziele in ihren Wahlprogrammen. Zahlreiche Städte hätten keine eigenen Pläne zur Klimaneutralität entworfen und wir hätten keine verschärften Klimaziele. Die Große Koalition wurde dazu gezwungen, weitaus stärkeren Klimaschutz umzusetzen, als sie es sich zu Beginn ihrer Regierungszeit vorgenommen hatte.

Ohne Druck von der Straße wird es keinen gerechten Klimaschutz geben

Wenn in diesem Herbst eine neue Regierung gebildet wird, dann wird diese aller Wahrscheinlichkeit nach erneut keine ausreichenden Pläne und Ziele vorlegen. Das Gute ist aber: Wir wissen jetzt, dass wir alles in der Hand haben um die Zerstörung selbst zu stoppen. Ohne Druck von der Straße wird es auch mit einer neuen Regierung keinen gerechten Klimaschutz geben – aber mit uns ist alles möglich.

"Wir haben (fast) alles Wichtige auf unserer Seite: die Menschen und ihre Zustimmung, die Wissenschaft und ihre Erkenntnisse, die Justiz und ihre Urteile."

Deswegen werden wir nach diesem Klimastreik weitermachen. Weitermachen müssen: Wenn wir die 1,5-Grad-Grenze im bedrohten Dorf Lützerath verteidigen, welches für den Kohleabbau abgebaggert werden soll. Wenn wir bei der Weltklimakonferenz Seite an Seite mit Aktivistinnen und Aktivisten aus den am meisten von der Klimakrise betroffenen Regionen für Klimagerechtigkeit einstehen. Wenn wir während der Koalitionsverhandlungen die klimazerstörerischen Deals anprangern oder wenn wir den nächsten Klimastreik organisieren.

Wir haben (fast) alles Wichtige auf unserer Seite: die Menschen und ihre Zustimmung, die Wissenschaft und ihre Erkenntnisse, die Justiz und ihre Urteile. Die politische Macht erkämpfen wir uns auf der Straße. Denn unsere Demokratie ist so viel mehr, als alle vier Jahre ein Kreuz auf dem Wahlzettel zu machen: Demokratie bedeutet auch zu protestieren, einzufordern, anzuklagen oder selber zu machen. Deswegen braucht es uns #AlleFürsKlima – und das nicht nur beim nächsten Klimastreik. Lasst uns die Krise an der Wurzel packen!

Fridays for Future: "Die Klimakrise ist vielseitig und vor allem sehr real, hier und jetzt"

Als Kind habe ich auf die Frage, was so die großen Probleme dieser Welt wären, unter anderem auch die Klimakrise aufgezählt. Aber hinzugefügt, dass das nicht so greifbar sei und irgendwie weit weg. Die klassische Erzählung der Eisbären, deren Lebensraum knapp wird – ein beliebtes Narrativ, das als Sinnbild für jahrzehntelange Untätigkeit in der Klimapolitik steht. Denn Eisbären sind weit weg und ob sie jetzt wirklich existieren oder nur in Kinderbüchern, ist uns letztendlich egal gewesen. Was die Eisbären eigentlich aussagen, ist ein "die Klimakrise betrifft uns nicht, sie ist weit weg, räumlich wie zeitlich".

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