Interview
Woman hugging her depressed friend at home, closeup. Young girl supporting her crying girlfriend. Friendship consoling and care, copy space

Der Verzicht auf liebe Kontakte fällt vielen Menschen dieses Jahr sowieso schon schwer. Bild: iStockphoto / Prostock-Studio

Interview

"Vermittelt falsche Werte": Psychiater über die Gefahr der Ein-Freund-Regel

Im Rahmen der verschärften Corona-Maßnahmen ging ein Appell der Bundesregierung den Menschen im Land besonders nahe: Die Forderung, die sozialen Kontakte auf nur noch einen anderen Haushalt zu beschränken. So sollen sich Erwachsene als auch Kinder privat nur noch mit einer festen Person verabreden, um Kontakte herunterzufahren.

Die sogenannte "Ein-Freund-Regel" erntet nicht nur durch den Kinderschutzbund scharfe Kritik, sondern ist auch den Länderchefs ein Dorn im Auge. Sie wollen den entsprechenden Absatz beim kommenden Bund-Länder-Gipfel nächste Woche noch einmal diskutieren. Einige Bundesländer wie Sachsen-Anhalt weigerten sich schon jetzt, ihre Bürger dazu anzuhalten. Auch CSU-Chef Markus Söder ist gegen die "Ein-Freund-Regel". In Bayern etwa dürften sich maximal zwei Hausstände treffen, die aber wechseln können. "Alles andere ist lebensfremd", sagte Bayerns Ministerpräsident zur "Bild am Sonntag".

Auch Michael Huppertz ist kein Fan dieses Vorstoßes. Er arbeitet als Psychiater und Psychotherapeut in Darmstadt und hält es für unpassend, seine Freunde in wichtige und weniger wichtige Menschen zu unterteilen, besonders unter Kindern. Watson sprach mit ihm über den Wert der Freundschaft und warum eine Ein-Freund-Regel gerade den Schwächsten der Gesellschaft schaden würde.

watson: Einen einzigen Freund auszusuchen, der mir am wichtigsten ist – ist das überhaupt möglich?

Michael Huppertz: Nein. So eine Verordnung missversteht, worum es beim Geist der Freundschaft geht. Freundschaften sind nicht zählbar und sie sind nicht ausschließlich. Wenn ich mit einem Freund eine Sache teile und mit einem weiteren eine andere, kann ich das nicht verrechnen oder in eine Reihenfolge bringen. Menschen so etwas abzuverlangen, ist unpassend. Die Anziehungskraft zwischen Freunden ändert sich zudem stetig und trotzdem muss das keinen Abbruch bedeuten.

Im Gegenteil: Die meisten Leute wissen Freundschaften gerade deshalb zu schätzen, weil sie eben so stabil sind. Sie sind oft sogar stabiler als Liebesbeziehungen, weil in diesen ein viel höherer Druck besteht, alle Bedürfnisse des Gegenübers erfüllen zu müssen. Freundschaften müssen hingegen nicht alles umfassen und das macht sie belastbarer. Sich die Frage zu stellen "Wer ist mir der einzig Wichtige, den ich momentan noch sehen will?" wird dem Wert von Freundschaften daher nicht gerecht.

"Damit werden Gefühle geweckt, die es eigentlich in Freundschaften gar nicht geben muss, auch wenn sie natürlich immer wieder vorkommen: Verlustängste und Eifersucht zum Beispiel."

So eine Entscheidung würde ja dem "zweitbesten" Freund auch suggerieren: "Du bist mir nicht wichtig genug".

Genau. Und es kann durchaus passieren, dass so eine Entscheidung Freundschaften nachhaltig schädigt. Das wäre gerade deshalb so schade, weil Freundschaften eigentlich nicht diese Ausschließlichkeit abverlangen. Jetzt wird aber durch die Politik künstlich ein Eifersuchtsthema geschaffen, weil man sich offiziell entscheiden soll. Damit werden Gefühle geweckt, die es eigentlich in Freundschaften gar nicht geben muss, auch wenn sie natürlich immer wieder vorkommen: Verlustängste und Eifersucht zum Beispiel.

Mit so einem Vorschlag gegen die Pandemie vorzugehen finde ich irgendwie auch mutlos, weil wir eigentlich gefordert sind, Werte klarzustellen. Die Pandemie zwingt uns dazu, zu entscheiden, was uns wirklich wichtig ist. Wollen wir in dieser Situationen Freundschaften zurückstellen oder gar beschädigen? Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass wir uns mal die Frage stellen: Wie wichtig ist uns als Gesellschaft Freundschaft? Und welchen Wert besitzen Kinderfreundschaften? Aber es sind gute Fragen.

"Mit einem solchen Vorschlag trifft man ja nicht die sozial starken, die schon drei 'Freundschafts-Angebote' haben, sondern gerade die schwächeren."

Menschen, die sowieso nicht viele soziale Kontakte pflegen oder „unbeliebter“ sind, könnten dabei auf der Strecke bleiben. Halten Sie das für ein Problem?

Das ist eine berechtigte Befürchtung. Denn mit einem solchen Vorschlag trifft man ja nicht die sozial starken, die schon drei "Freundschafts-Angebote" haben, sondern gerade die schwächeren. Eher einsame Menschen erleben dann, dass sich nun gar keiner mehr mit ihnen treffen will. Dabei brauchen doch gerade sie die Zuwendung. So eine Idee schadet also vor allem den weniger sozial kompetenten, weniger attraktiven Menschen und setzt ein falsches Signal. Gerade diese Menschen und vor allem Kinder brauchen Hilfe, um Freundschaften zu schließen, keine zusätzlichen Hindernisse.

Sind wir denn in diesem Jahr insgesamt einsamer?

Das kann ich nicht beantworten, weil ich widersprüchliches beobachte: Manche Menschen kompensieren den fehlenden Kontakt sehr gut über technische Medien und manch eine Beziehung bessert sich vielleicht sogar, weil man mehr Zeit miteinander verbringt und sich auch inhaltlich intensiver miteinander beschäftigt. Das ist aber auch vom Alter und der Gesellschaftsschicht abhängig und daher nicht pauschal zu sagen. Was natürlich leidet, sind die Gemeinschaftlichkeit, Erlebnisse in Gruppen und Cliquen. Das ist gerade für Teenager wichtig.

Besonders Kinder verstehen oft nicht, warum sie sich plötzlich für einen Freund entscheiden müssen. Ist es unzumutbar, sie dazu anzuhalten?

Ich würde Eltern raten, die Freundschaften ihrer Kinder zu schützen und sich im Zweifelsfall über solche Empfehlungen hinwegzusetzen. Denn Kinder dazu anzuhalten, ihre Freunde nach Wichtigkeit zu sortieren, vermittelt falsche Werte über das Zusammenleben von Menschen. Freunde sind sehr wichtig und es spielt bei den Kleinen eine große Rolle, mit wem man gerade am dollsten befreundet ist. Ein Kind empfindet vier Wochen auch als einen sehr viel längeren Zeitraum als wir Erwachsene. Es ist keine gute Botschaft, unseren Kindern zu sagen: Die Werte, an die du in deinem Innersten glaubst, spielen jetzt keine Rolle.

"Gerade jetzt brauchen wir unsere Freunde, sie sind in Zeiten von Unsicherheiten kostbar und wichtig."

Die Eine-Person-Regel degradiert Freundschaften. Und wir sollten Kindern nicht vermitteln, dass man Bindung und Verlässlichkeit jederzeit beenden kann oder dass das quasi von oben entschieden werden kann. Das Verbot großer Spielgruppen oder Geburtstagsparties kann ich ja noch verstehen, aber dieser Eingriff in Freundschaften ist zu oberflächlich gedacht. Wenn Politiker damit trösten wollen, dass Kinder sich doch in der Schule sehen, haben sie eines offenbar nicht verstanden: Eine intime Begegnung ist völlig anders als der Aufenthalt in einer Klassengemeinschaft.

Sind Freunde gerade in diesem Jahr noch wertvoller geworden?

Ich halte das für einen schönen Gedanken, ja. Gerade jetzt brauchen wir unsere Freunde, sie sind in Zeiten von Unsicherheiten kostbar und wichtig. Vielleicht werden einige Kontakte durch die Krise sogar an Bedeutung gewinnen, weil man das Jahr gemeinsam durchlebt und sich gegenseitig unterstützt. Das ist ein Solidaritätserlebnis, das intensive Momente schaffen kann: Wenn jemand eine weite Fahrt in Kauf nimmt, nur um mit einem anderen Menschen draußen bei Wind und Wetter spazieren zu gehen, ist das ein Zeichen der Zuneigung und Verlässlichkeit. Genau das ist Freundschaft. Freundschaft sagt: Wenn du mich brauchst, bin ich da.

Hochfunktionale Depression: Wenn niemand merkt, wie krank du wirklich bist

Liliana Kröger (Name von der Redaktion geändert), 34, leidet an einer sogenannten atypischen Depression: Obwohl sie erfolgreich im Beruf ist und ihren Alltag gut bewältigt, ist sie depressiv. Ihre Form der Depression wird manchmal auch "hochfunktionale Depression" genannt. Lilianas Leiden wurde jahrelang nicht diagnostiziert – unter anderem auch, weil sie sich nicht zum Arzt traute, da sie sich nicht "krank genug" fühlte. So empfindet ein Mensch, der nach außen hin seinen Alltag meistert – und tr

Heute morgen wache ich auf und es ist schon hell, aber die Sonne scheint nicht. Zumindest fühlt es sich so an.

Ich drücke den Snooze-Button auf meinem Wecker, nur noch zehn Minuten. Ich fühlte mich wie gerädert, frage mich, wie ich aus dem Bett kommen soll. Die letzte Nacht habe ich wieder schlecht geschlafen, im Traum ist die Welt untergegangen. Das träume ich häufig, wenn es mir nicht gut geht.

Ich quäle mich aus dem Bett, ziehe mich an, lese die Nachricht einer Freundin, die mich heute Abend …

Artikel lesen
Link zum Artikel