Hurricane setzten auf einen einen hohen Sex-Faktor – und damit waren sie beim ESC nicht allein.
Hurricane setzten auf einen einen hohen Sex-Faktor – und damit waren sie beim ESC nicht allein.
Bild: imago images / ANP

ESC-Zuschauer wettern gegen sexy "Dresscode": "War im Ausverkauf, oder?"

25.05.2021, 16:3525.05.2021, 16:34

Nachdem der ESC 2020 wegen der Corona-Pandemie eine Zwangspause einlegte, kehrte das Großevent dieses Jahr zurück. Dabei war sogar wieder ein Live-Publikum zugelassen – das Finale ging vor 3.500 Zuschauern in Rotterdam über die Bühne. Aus Sicht der Buchmacher gingen Måneskin für Italien als große Favoriten ins Rennen, auch dem französischen und maltesischen Beitrag wurden gute Chancen eingeräumt.

Als Wundertüte galt vorab hingegen Jendrik Sigwart, der Deutschland vertrat. Sein Song "I Don't Feel Hate" könnte entweder durch die Decke gehen oder total durchfallen, meinten diverse ESC-Kenner. Nun war der Moment der Wahrheit gekommen. Zur Erinnerung: Beim letzten ESC in Tel Aviv belegte Deutschland einen frustrierenden 25. Platz. Demnach konnte das Barometer jetzt eigentlich nur nach oben zeigen.

Nicht mit von der Partie sein konnte indes Duncan Laurence, der den Wettbewerb 2019 für sich entschieden hatte. Der Sänger wurde positiv auf das Coronavirus getestet und musste daher absagen. Eigentlich wollte er seine neue Single vorstellen sowie noch einmal seinen ESC-Siegersong "Arcade" performen.

Der ESC setzt ein Zeichen der Hoffnung

Die Veranstalter haben es tatsächlich durchgezogen: Mehrere tausend Zuschauer verfolgten das ESC-Finale vor Ort ohne Abstand und ohne Masken im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie. Ein negativer Corona-Test war beim Einlass allerdings verpflichtend. Damit macht die Show Mut für die kommenden Monate, was die langsame Rückkehr von Live-Events betrifft. Auch bei Twitter herrschte daher Aufregung:

Doch bei aller Freude: Musikalisch musste sich der ESC erst einmal warmlaufen. Als erstes richtiges Highlight tat sich in mehrfacher Hinsicht die russische Vertreterin Manizha hervor: Sie performte den Rap-Track "Russian Woman" zunächst in einem riesigen bunten Trick-Kleid, das sie nach einigen Sekunden durch eine Tür verließ. Mit Unterstützung eines weiblichen Online-Chors setzte sie ein Zeichen gegen die Unterdrückung von Frauen und hob sich auch künstlerisch von vielen ihrer Konkurrenten ab. Experimentierfreude wurde an diesem Abend nämlich oft vermisst.

ESC: Glitzer-Kleider weit und breit

Vielmehr schienen aggressive, sexy Pop-Nummern und Glitzer-Kleider angesagt zu sein, gerne auch in Kombination – ein Trend, der sich bereits mit den ersten Nummern abzeichnete und den Kommentator Peter Urban auch für die eine oder andere ironische Bemerkung nutzte. Erst später kam etwas mehr Vielfalt in den Wettbewerb, Glitzer blieb allerdings über die gesamte Laufzeit hinweg ein Dauerbrenner... oft in Silber (beginnend mit Elena Tsagrinou für Zypern), schließlich auch in Schwarz (Hurricane für Serbien).

Hierzu setzte die bulgarische Kandidatin Victoria einen amüsanten Kontrapunkt, als sie in einem Outfit auftrat, das einem Schlafanzug verdächtig ähnlich sah – und dabei Lyrics zum Besten gab, die nicht ganz so austauschbar wirkten.

Als Sieger der Herzen empfahl sich gegen 22.00 Uhr die isländische Band Daði og Gagnamagnið – und das, obwohl sie wegen eines positiven Corona-Befundes nicht live auftreten durfte. Ersatzweise wurde ein Videoclip gezeigt, was für viele ESC-Fans aber offenbar keinen Unterschied machte. Nicht nur die abgefahrenen einheitlichen Pullover der Formation fuhren Sympathiepunkte für den Inselstaat ein.

Jendrik fällt aus dem Rahmen, Rocker gewinnen Fan-Herzen

Kurz darauf schlug dann auch bereits die große Stunde von Jendrik und seiner Ukulele. Mit seinem pinken Sakko sorgte er für einen echten Farbtupfer und als menschliche Hand verkleidete Tänzer sieht man selbst beim ESC eben nicht alle Tage. Der 26-Jährige legte einen Gute-Laune-Auftritt hin, wurde entsprechend mit Applaus bedacht. Doch wie weit würde ihn das in der Gesamtwertung tragen? Gewöhnungsbedürftig war seine Performance sicherlich, rein stimmlich hatte Jendrik den meisten seiner Mitstreiter leider nicht viel entgegenzusetzen.

Schnell war beim ESC klar, dass Jendrik nicht jedermanns Geschmack treffen würde.
Schnell war beim ESC klar, dass Jendrik nicht jedermanns Geschmack treffen würde.
Bild: imago images / ANP

Wie kontrastreich der Wettbewerb in seinen besten Momenten durchaus sein kann, bewiesen unmittelbar nach Jendrik Blind Channel mit der harten, aber doch irgendwie sehr eingängigen Rock-Nummer "Dark Side". Der Finnland-Vertreter brachte die Halle gefühlt noch einen Gang stärker zum Beben und holte all jene ab, denen der Contest bis hierhin zu langweilig war. Ebenfalls bedient wurden die Rock-Fans erwartungsgemäß mit dem rebellischen Track "Zitti e buoni" von Måneskin, die ihren Favoritenstatus scheinbar mühelos festigten.

Am Rande sorgte übrigens ein kurioses Feature für Erheiterung: Über die offizielle Eurovision-App konnten die Zuschauer den Applaus in der Halle verstärken. Ein Klick auf den Jubel-Knopf machte es möglich. So wurde positives Feedback vor den Bildschirmen direkt akustisch nach Rotterdam transportiert.

Italien siegreich, Blamage für Deutschland

Bei der Abstimmung über den Gewinner hatte neben den Länder-Jurys auch das Publikum ein Wörtchen mitzureden. Zunächst zeichneten die Jury-Wertungen ein vernichtendes Bild für den deutschen Beitrag: Jendrik heimste nur drei Punkte ein. Lediglich Großbritannien schnitt noch schlechter ab. An die Spitze setzte sich hingegen Gjon's Tears für die Schweiz mit "Tout l'univers".

Auch bei den Zuschauern konnte Jendrik nicht punkten und so blieb es bei Platz 25 – ein frustrierendes Ergebnis, der Spott in sozialen Netzwerken ließ nicht lange auf sich warten. Die Schweiz konnte ihre Position nicht halten und wurde von Italien überholt. Somit konnten Måneskin das Blatt noch wenden und erfüllten ihre Favoriten-Rolle.

Måneskin rissen den ESC-Sieg an sich.
Måneskin rissen den ESC-Sieg an sich.
Bild: ap / Peter Dejong

(ju)

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