Interview
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Luisa Neubauer vor dem Kohlekraftwerk Datteln IV. Watson hat die Klimaaktivistin getroffen. Bild: watson / franziska tuerk

Interview

"Totaler Verrat": Luisa Neubauer macht Minister Altmaier wegen Kohlekraftwerk Datteln 4 schwere Vorwürfe

Deutschland will seine CO2-Emissionen senken und auf erneuerbare Energien umstellen – zumindest theoretisch. Dass nun im nordrhein-westfälischen Datteln trotz anderslautender Empfehlung der Kohlekommission ein neues Kohlekraftwerk ans Netz geht, ist für Klimaaktivisten Verrat. Vor dem Kraftwerk demonstrieren sie gegen die "klimapolitische Inkompetenz" der Bundesregierung.

Unter ihnen: Luisa Neubauer, das prominenteste Gesicht von Fridays for Future Deutschland. Mit watson sprach sie über die Herausforderungen von Studenten während der Corona-Pandemie, warum die Menschen jetzt erst recht auf die Straße gehen und wieso momentan besonders auf die junge Generation gehört werden sollte.

"Dass Herr Altmaier den Kohlekompromiss jetzt bricht, ist totaler Verrat."

watson: Eigentlich ist der Kohleausstieg längst beschlossen. Und trotzdem wird heute hier in Datteln ein neues Kohlekraftwerk ans Netz genommen. Wie kann das sein?

Luisa Neubauer: Es wurde ein Kohleausstieg beschlossen, und es wurde genauso beschlossen, dass dieses Kraftwerk nicht ans Netz geht. Die Bundesregierung widersetzt sich hier ganz bewusst einem Beschluss, den sie selbst als Friedensangebot an die Zivilgesellschaft gehypt hat. Ich weiß nicht, wie oft mir Herr Altmaier persönlich gesagt hat, dass man sich an den Kohlekompromiss halten müsse. Dass er ihn jetzt bricht, ist totaler Verrat. Was sich hier offenbart, ist vor allem ein Regierungsversagen, eine klimapolitische Inkompetenz, die in Stahl und Zement gemeißelt ist. Dass wir uns im Jahr 2020 anschauen müssen, wie ein Kohlekraftwerk angeschlossen wird, ist bitter, das stimmt. Gleichzeit ist für uns klar: Wir werden das Kraftwerk wieder abschalten.

Dabei ist das Kohlekraftwerk nicht das einzig klimapolitisch fragwürdige Unterfangen der vergangenen Wochen. Es wird über eine Kaufprämie für Autos diskutiert und die Rettung der Lufthansa wird wohl nicht an Umweltauflagen gebunden sein. Hat man in den vergangenen Jahren gar nicht dazugelernt?

Man könnte wirklich daran zweifeln, wo die Lerneffekte seitens der Regierung sind. Wir erleben allerdings, dass deren Politik in der Öffentlichkeit auf breiten Widerstand stößt. Zum Beispiel bei der Kaufprämie, die wurde vehement angekündigt, jetzt ist sie schon deutlich leiser im Gespräch. Daran sehen wir deutlich, dass es einen Unterschied macht, wenn Menschen laut werden und sich wehren. Das ist auch der Aufruf an die politische Öffentlichkeit – sich zu wehren angesichts dieser immensen Ungerechtigkeit.

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Die Aktivisten tragen Mundschutzmasken bei ihrem Protest. Bild: watson / Franziska Tuerk

"Wir können Krisen ernst nehmen, so wie Corona. Aber die Klimakrise wird kein bisschen ernst genommen, das offenbart sich jetzt."

Hast du generell das Gefühl, dass die Klimakrise sich durch Corona verschärft hat und in den Hintergrund geraten ist?

Die Klimakrise ist nicht in den Hintergrund geraten, aber unsere Aufmerksamkeit hat sich verschoben. Das ist erstmal nicht verwunderlich, weil die Corona-Krise eine fürchterliche Pandemie ist, der wir Aufmerksamkeit schenken müssen. Das Problem ist, dass wir uns anscheinend nicht darauf verlassen können, dass die Regierung Kompetenz mit Corona beweist und nebenbei nicht alles über den Haufen fährt, was klimapolitisch erreicht wurde.

Dabei können wegen Corona plötzlich Flugzeuge am Boden bleiben und Fabriken geschlossen werden. Als klimapolitische Maßnahmen wäre das derzeit doch undenkbar, oder?

Ich glaube, man muss zwischen den beiden Krisen differenzieren: Bei Corona machen wir das möglich, weil wir wissen, dass es nur eine kurzfristige Veränderung ist. In der Klimakrise sprechen wir von tiefgreifenden Transformationen und stehen vor ganz anderen Herausforderungen. Dass das zäher ist und länger dauert, ist klar. Interessant ist aber zu beobachten, wie ernst wir diese Krisen behandeln. Und das ist das Skurrile: Wir können Krisen ernst nehmen, so wie Corona. Aber die Klimakrise wird kein bisschen ernst genommen, das offenbart sich jetzt.

Nicht besonders ernst genommen wird auch die derzeitige Situation von Studierenden, sie erfahren kaum Aufmerksamkeit.

Es ist interessant, worauf gerade der Fokus gelegt wird – wer marktrelevant ist erfährt eine ganz andere Aufmerksamkeit. In den letzten Jahren haben wir erlebt, dass immer mehr Leute mit Arbeiterhintergrund studieren. Und was für eine große Errungenschaft es ist, dass das Studium nicht mehr nur den Privilegierten offen steht. Aber jetzt haben wir plötzlich wieder das Bild vor Augen, dass nur privilegierte Leute studieren und diese deshalb bitte nicht rumheulen mögen. Wir müssen mit neuer Sensibilität an diese Menschen herangehen, denen es eben nicht allen gut geht.

Wir erleben du und deine Kommilitonen die Einschränkungen?

Ich finde das digitale Studium sehr herausfordernd. Dabei gehöre ich noch zu den Profiteuren, weil ich nebenbei ganz viele andere Arbeit machen kann. Aber es ist eben nicht selbstverständlich, dass ich einen Laptop habe, dass ich zu Hause einen Raum habe, in dem ich gut arbeiten kann, mit einer guten Internetverbindung. Ich sehe, dass die Unis viel probieren, aber politisch wird in meinen Augen nicht genug gemacht. Die meisten Studierenden konnten zwischenzeitlich ihren Studi-Job nicht machen. Aber Hilfsprogramme für diejenigen, die von ihrem Lohn aus einem Café leben, gab es in dem Sinn ja nicht. Es gibt viele Hilfsbedürftigen im Land, und die darf man nicht gegeneinander ausspielen. Aber anzunehmen, dass es allen Studierenden gut geht, ist falsch.

"Klimakämpfe und soziale Kämpfe rücken ein Stück weit näher zusammen."

Hast du Sorge, dass durch die existenziellen Nöte das klimapolitische Engagement in den Hintergrund gerät?

Wir haben auch überlegt: Wer geht noch auf die Straße, wenn sich alle fragen, wie sie ihre Miete bezahlen. Interessanterweise ist der gegenteilige Effekt eingetreten, weil die Menschen gerade erleben, wie handlungsbereit die Regierung ist und wo die Milliarden hingehen. Die gehen nämlich nicht an sie, sondern priorisierend an die starken Lobbys. Es entwickelt sich eine andere Art der Entrüstung.

Wie meinst du das?

Die Menschen wollen, dass sozial mehr getan wird, dass klimapolitisch mehr getan wird, dass Schwerpunkte anders gesetzt werden. Das ergießt sich zum Beispiel in einer Bereitschaft, innerhalb weniger Tage hier aufzutauchen. Klimakämpfe und soziale Kämpfe rücken ein Stück weit näher zusammen, weil es so sehr aneinander hängt – und durch Corona nochmal neu deutlich wird.

"Angemessene Klimapolitik ist kein Lottospiel, daher spreche ich nicht von Chance, sondern von einer klaren Verantwortung."

Könnte es dann aktuell auch eine Chance sein, klimapolitisch nochmal die Richtung zu wechseln und mehr in Nachhaltigkeit und Klimaschutz zu investieren?

Ich finde, Chance ist hier ein merkwürdiger Begriff. Eine Chance hat man oder hat man eben nicht. Das impliziert, wenn man sie nicht hat, hatte man halt Pech, aber es ist nicht so wild. Eine Chance hat man beim Lottospielen. Angemessene Klimapolitik ist kein Lottospiel, daher spreche ich nicht von Chance, sondern von einer klaren Verantwortung. Es ist nicht nice to have, in Klimaschutz zu investieren, während wir Corona bewältigen. Es ist die Voraussetzung für eine klimagerechte Zukunft.

Was muss also getan werden?

Es ist essenziell, dass wir jetzt gerade Entscheidungen treffen für die Zukunft, für zukunftsfähige Industrie, Wirtschaft und Gesellschaft. Dass wir dieses „listen to the science“, das wir bei Corona ganz gut hingekriegt haben, ausweiten auf die großen Zukunftsfragen im ökologischen und sozialen Bereich. Wenn historische Summen in die Hand genommen werden, dann muss das im Interesse derer sein, deren Zukunft davon abhängt, ob das sinnvolle Investitionen sind. Und wir reden hier von Geld, das unser Geld ist. Es werden gerade Schulden gemacht, die unsere Generation ein Leben lang abbezahlen wird. Inwieweit wir da gehört werden? Ich weiß es nicht.

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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Günther Beranek 31.05.2020 13:03
    Highlight Highlight Die Aktivisten voran Greta sollen in der Jetzigen Zeiten den Ball flach halten, Corona belastet uns genug, lieber in den Labors mithelfen ein Mittel zu finden das uns gegen den Virus schütz.
  • stahlbau-grauerwolf 31.05.2020 12:02
    Highlight Highlight man brüstet sich in D. immer mit der, "Wir haben die
    soziale Marktwirtschaft"
    Da kommen mir aber dicke Zweifel, denn die hat man wohl schon seit Jahren abgeschafft.
    Es regiert der Kapitalismus pur, mit Profitgier und Aus-
    beutung.
    Regularien ?????
    So ist das auch mit gewisse Zielstellungen, Klimawandel,
    Artensterben, die mal wieder nur halbherzig angegangen
    werden.
    Corona ist ein schönes dahinter verstecken, um ander
    Dinge und Schwächen auszublenden.
    Dieser Regierung mit diesem Gesellschaftssystem wird
    in der Sache nie ein großer Wurf gelingen.
    Man möge mich anders überzeugen.
    • Zweiundvierzig 01.06.2020 06:14
      Highlight Highlight Ja genau, die armen Arbeiter sind geknechtet unter dem Stiefel des Kapitals 8h an 5Tagen mit voller sozialer Absicherung, Urlaubsanspruch > 20 Tage unter schlimmsten hygienischen und unmenschlichen Bedingungen in ständiger Lebensgefahr - beim Discounter an der Kasse zu sitzen oder gar in einem Callcenter zu arbeiten.
      Ein Rückfall in die dunkelsten Zeiten des Manchesterkapitalismus.

      Komm mal mit Fakten bezüglich Ausbeutung.
      Klimawandel, Artensterben - alles fürs Volk. Billig Essen, Reisen, Konsum - Das Kapital kann sich das leisten, nun auch das Proletariat mit der Folge.

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